Cannabis: Zucht und Ordnung

3. November 2015
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Überraschung aus dem Bundesministerium für Gesundheit: Eine neu zu gründende „Cannabisagentur“ am BfArM soll den Anbau und die Verteilung von Medizinalhanf regeln. Bis zur Umsetzung kommt auf Politiker und Apotheker noch viel Arbeit zu.

Showdown vor dem Kölner Verwaltungsgericht: Mitte 2014 hatten Richter schwerkranken Patienten den Weg geebnet, um in begründeten Einzelfällen Cannabis für eigene Zwecke anzubauen. Mit dem Urteil wurde das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verpflichtet, entsprechende Anträge erneut zu prüfen (Az. 7 K 4447/11 u.a.). Arzneimittelexperten legten umgehend Berufung ein. Unter der prekären Situation leiden in erster Linie Patienten. Heimische Anzuchten erreichen kaum das Niveau standardisierter Präparate. Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, arbeitet seit Februar an einer Lösung.

Der Staat als Dealer

Zur Problematik selbst: Bislang bleibt Patienten mit Multipler Sklerose, mit chronischen Schmerzen oder spastischen Lähmungen nur, Cannabis über ihre Apotheke zu beziehen. Sie erhalten zwar Präparate in standardisierter Qualität, müssen aber in vielen Fällen selbst tief in ihre Tasche greifen. Lieferengpässe kommen erschwerend mit hinzu. Jetzt überraschen Gesundheitspolitiker mit gesetzlichen Neuregelungen. Sie planen, eine „Cannabis-Agentur“ am BfArM zu gründen. Aufgabe der neuen Institution ist erst einmal die Bedarfsplanung. Anschließend folgen Verträge mit Firmen, um bundesweit professionell Medizinalhanf anzubauen. Experten denken hier an landwirtschaftliche Betriebe mit besonderen Schutzvorkehrungen. Ihre Produkte verkauft die Agentur weiter an pharmazeutische Hersteller, Großhändler oder Apotheken. Gleichzeitig gilt es, Abgabepreise festzulegen. Krankenkassen müssten entsprechende Kosten in „medizinischen begründeten Fällen“ übernehmen, heißt es im Entwurf.

Fragen an die Forschung

Offene Fragen bleiben trotzdem. Bei welchen Indikationen haben Ärzte die Möglichkeit, Medizinalhanf zu verordnen? Derzeit fehlen methodisch hochwertige Studien – Hinweise auf mögliche Anwendungsgebiete finden sich in der Literatur zu Genüge. Auch über Qualitätsanforderungen wäre an passender Stelle nachzudenken, etwa in Form einer Monographie. Die Bundesapothekerkammer setzt sich dafür ein, Cannabis wie andere Arzneimittel zu behandeln.

Kontroversen im Parlament

Damit haben Politiker und Apotheker einen groben Rahmen abgesteckt, welche Herausforderungen noch auf sie zukommen werden. Im nächsten Schritt sind Bundestagsabgeordnete gefragt, um das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) zu ändern. Insider erwarten einen Schlagabtausch – nicht alle Christsozialen und Christdemokraten befürworten Hermann Gröhes Vorstoß. Ab wann Patienten von Medizinalhanf profitieren, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

37 Wertungen (4.03 ø)

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4 Kommentare:

Warum kann denn nicht in Einzelfällen mit (teurem) Tetrahydrocannabinol (THC) als Dronabinol (ATC A04AD10) und seinen antiemetischen, appetitstimulierenden, schmerzlindernden, entzündungshemmenden, muskelentspannenden, dämpfenden und psychotropen Eigenschaften als Heil- und Linderungsversuch gearbeitet werden, wenn mögliche Alternativen unwirksam waren?
Cave: Dronabinol wirkt zentral sympathomimetisch. Die Wirkung setzt in ca. 60 Minuten ein. Psychotrope Effekte halten 4-6 Stunden, die Appetitstimulation bis zu 24 Stunden an. Das Betäubungsmittelrezept (BTM) kann mit dem Rezepturarzneimittel folgendermaßen ausgestellt werden:

BTM-Rezeptur für Dronabinoltropfen in Neutralöl 2,5 %:
Dronabinol 0,25 g
Neutralöl ad 10,00 g NRF 11,4 (Oleum neutrale Miglyol 812)

Dosierung einschleichend beginnend mit 2 x 3 Tropfen (2 x 2,5 mg) tgl.

Zur Beachtung: In der GKV n i c h t erstattungsfähig (Regress!). Ausschließlich privat verordnungsfähig. Dosierung gemäß schriftlicher Gebrauchsanweisung.
Die höchstmögliche Verschreibungsmenge beträgt 500 mg Dronabinol pro Monat.
Hersteller von Dronabinol: Bionorica Ethics und THC Pharm.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Gast
Gast

z.Bsp.
Mary E. Lynch, Fiona Campbell: Cannabinoids for treatment of chronic non-cancer pain; a systematic review of randomized trials.
British Journal of Clinical Pharmacology 72:5 S.735-744 und darin zitierten Studien
und
Grotenhermen F, Müller-Vahl K: The therapeutic potential of cannabis and cannabinoids.
Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29-30): 495-501.
DOI 10.3238/aztebl.2012.0495
und zitierte Studien.
ist das methodisch nicht korrekt?

Als Ausblick: Trends in Pharmacological Sciences
TIPS-730
doi:10.1016/j.tips.2009.07.006
Angelo A. Izzo, Francesca Borrelli, Raffaele Capasso, Vincenzo Di Marzo and Raphael Mechoulam:
Non-psychotropic plant cannabinoids: new therapeutic opportunities from an ancient herb.

#3 |
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“Staat als Dealer” halte ich für sehr abgedroschen. Oder “dealt” der Arzt mit Opiaten und Benzodiazepinen, die im Vergleich zu Cannabis zusätzlich ein körperliches Abhängigkeitspotential haben?
Bei Erkrankungen wie der ALS haben wir recht gute Erfahrungen mit THC gemacht zur Linderung von Krämpfen, Spastik, Schlafstörungen, Appetitmangel…

#2 |
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Heilpraktikerin

Da hast eine echte Aufgabe.

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