Amyloide: Alzheimer oder nicht – das ist die Frage

6. November 2015
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Im Kampf gegen die Alzheimer-Demenz setzen Forscher ganz auf Wirkstoffe gegen Beta-Amyloide. Ihre Strategie geht momentan nicht auf. Der Grund: Pathophysiologische Prozesse sind komplexer als bislang vermutet, zeigen kürzlich veröffentlichte Daten.

Morbus Alzheimer geht mit kognitiven, emotionalen und sozialen Defiziten einher. Wie viele Menschen tatsächlich an der Krankheit leiden, ist eine Frage, die Neurologen entzweit. Neben der Diagnose anhand symptomatischer Kriterien bleiben pathologische Befunde post mortem oder heute auch per PET-Untersuchungen. Zwischen beiden Herangehensweisen liegen Welten.

Rätsel um Demenz

Dr. Sarah Monsell, Seattle, hat jetzt 200 Gehirne von Demenzpatienten nach deren Tod untersucht. Sie waren im Schnitt mit 85 Jahren verstorben. Ärzte hatten bei allen Personen zu Lebzeiten eine leichte bis moderate Alzheimerdemenz festgestellt. Als Maß aller Dinge diente hier der Mini Mental State Test (MMST) mit Kriterien rund um Orientierung, Merkfähigkeit, Rechnen und Buchstabieren, visuell-konstruktorischen Inhalten oder Handlungen. Eine Punktezahl von 16 bis 24 gilt dabei als leichte bis mittlere Demenz. Die letzte Erhebung lag acht Monate zurück. In allen Fällen hatten Neurologen Alzheimer diagnostiziert – sowohl anhand kognitiver Symptome als auch anhand von Biomarkern.

Autopsie mit Überraschung

Bei der Autopsie konnte Monsell die Resultate ihrer Kollegen nicht immer bestätigen. In 70 Fällen (35 Prozent) fand sie keine Hinweise auf Morbus Alzheimer. Sieben Verstorbene hatten ein altersgemäß entwickeltes Gehirn ohne Anomalien. Bei 52 weiteren Fällen fanden Wissenschaftler anderweitige Erkrankungen, beispielsweise vaskuläre Demenzen. Auffällige Zahlen an Amyloidplaques, gemessen anhand von CERAD-Kriterien (Consortium to Establish a Registry for Alzheimer’s Disease), fehlten bei 25 Prozent aller Proben. Noch ein Blick auf genetische Faktoren. Das E4-Allel des Gens für Apolipoprotein E (ApoE) steigert Alzheimer-Risiken um den Faktor drei, beim Vorliegen von zwei Allelen sogar um den Faktor 15. Bei 37 Prozent aller Präparate ohne Apo-E4-Allel und bei 13 Prozent mit dieser Mutation fehlten hinreichend viele Amyloidplaques, um von Morbus Alzheimer zu sprechen. Viel Amyloid korreliert mit viel verklumpten Tauproteinen. Gesunde Gehirne zeigen jedoch altersgemäße Tau-Verklumpungen, ohne dass von Morbus Alzheimer gesprochen werden kann.

Klinisch oder pathologisch

Die Studie zeigt ein großes Dilemma moderner Pharmaforschung: Klinische und pathologische Alzheimer-Diagnosen klaffen weit auseinander. Derzeit arbeiten viele Labors an Strategien gegen Amyloidplaques. Fehlen entsprechende Strukturen, helfen Medikamente gegen Beta-Amyloide nichts. Das könnte auch erklären, warum Wissenschaftler auf der Stelle treten.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Morbus Alzheimer keine reine Apolipoprotein- und Amyloidpathologie!
Wenn in der JAMA-Publikation: “Characterizing Apolipoprotein E e4 Carriers and Noncarriers With the Clinical Diagnosis of Mild to Moderate Alzheimer Dementia and Minimal ß-Amyloid Peptide Plaques” von S. E. Monsell et al. die klinisch oder ambulant tätigen Ärzte v o r dem Tod ihrer Patientinnen und Patienten eine leichte bis moderate Alzheimerdemenz festgestellt hatten, ist diese Alzheimer-Demenz schon als reine Vermutung vielleicht eine glatte Fehldiagnose?

Denn die Patienten im Alter von durchschnittlich 85 Jahren mit einem Mini-Mental-Status-Test (MMST) von 16 bis 24 Punkten hatten:

• in 35 Prozent aller untersuchten Patienten post mortem gar k e i n e primäre Alzheimerdemenz
• in 26 Prozent aller Untersuchten primär a n d e r e neurodegenerative Erkrankungen wie vaskuläre Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz, Hippocampus-Sklerose, frontotemporale Demenz oder eine sogenannte primäre Tauopathie.

Somit lagen in 61 Prozent aller Fälle k e i n e Alzheimer-Demenzen vor. Eine Spezifität von 39 Prozent bei u. U. noch schlechterer Sensitivität des Mini-Mental-Status-Test ist m. E. indiskutabel. Kognitiver Abbau und mentale Einschränkungen bei einer Studienpopulation von durchschnittlich 85 Jahre alten Patienten sind auch ein klassischer, physiologischer Alterungseffekt. Dies wird durch 7 Patienten mit normalen Hirnbefunden und 11 mit geringen neuropathologischen Veränderungen unterstrichen.

Die Alzheimerdiagnose lässt sich nicht monokausal auf die Apolipoprotein- und Amyloidpathologie herunterbrechen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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