Kampf den Medizin-BlaBlaren

22. August 2011
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Als ein paar Medizinstudenten Anfang 2011 beschlossen, Befunde und Arztbriefe für Patienten in eine verständliche Sprache zu übertragen, war das ein Versuchsballon. Mittlerweile segelt das Portal an seinen Kapazitätsgrenzen und hält über 200 Mediziner auf Trab.

Ohne Warten geht gar nichts im Gesundheitswesen. Wer die Webseite des im Januar 2011 gestarteten Serviceportals Washabich.de besucht, der findet dort nicht ständig, aber immer mal wieder, einen rot umrandeten Kasten: „Zur Zeit ausgelastet – Wartezimmer aktiv“ steht dort. Johannes Bittner, der das Portal zusammen mit einer weiteren Medizinstudentin, Anja Kersten, und dem Informatiker Ansgar Jonietz gegründet hat, nimmt es im Gespräch mit DocCheck mit Humor: „Wir machen das wie im echten Leben. Nur unterscheiden wir nicht zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten.“

Nur Übersetzung, keine Beratung

Washabich.de ist ein Patientenportal, dem eine genial einfache Idee zugrunde liegt: Ärzte schreiben Arztbriefe und Befunde (oft) in einer Sprache, die für Menschen, die den medizinischen Technolekt nicht drauf haben, mitunter schwer bis gar nicht verständlich ist. Das steht, nebenbei bemerkt, in seltsamem Kontrast zu den oft erstaunlich simplen Sachverhalten. Wie dem auch sei: Patienten, die Arztbriefe und Befunde in der Hand halten und diese gerne etwas besser verstehen würden, können sich an Washabich.de wenden und die entsprechenden Passagen dort eingeben, alternativ einscannen oder abfotografieren und hochladen. Das eingegebene oder hochgeladene Dokument wird dann von den im Washabich.de-Netzwerk zusammengeschlossenen Medizinstudenten in verständliche deutsche Sprache übertragen und zurück gesandt. Einen direkten Kontakt zwischen dem Patienten und dem „Übersetzer“ gibt es dabei nicht: „Wir wollen vermeiden, dass wir in irgendeine Art von Beratungssituation kommen“, so Bittner. Zwar wird der Name des übersetzenden Studenten am Ende angegeben. Dies bietet die Möglichkeit, dem jeweiligen Übersetzer Feedback oder auch eine Spende zukommen zu lassen. Eine direkte Kommunikation findet aber nicht statt. Sofern sie nicht freiwillig spenden, ist der Service für die Patienten kostenlos.

Virtuelles Wartezimmer ist oft aktiv

„Als wir mit dem Portal am 15. Januar 2011 starteten, haben wir nicht geahnt, was das für Wellen schlagen würde“, so Bittner. Aus einer Handvoll Dresdner Medizinstudenten sind mittlerweile über 220 ehrenamtliche Helfer geworden, die längst nicht mehr nur von der Medizinischen Fakultät Dresden, sondern von dreißig Fakultäten aus dem ganzen Bundesgebiet kommen. Meist handelt es sich um Studenten in höheren klinischen Semestern. Intensiv Werbung gemacht haben die Dresdner für das Portal nicht: „Wir haben in einigen Patientenforen über das Angebot informiert, und danach dauerte es nur zwei Stunden, bis der erste Befund einging“, so Bittner. Der Rest war ein Selbstläufer: BILD, Süddeutsche, RTL und andere haben schon angeklopft. Das ließ die Zahl der Anfragen steigen und steigen. Mit der aktuellen Besetzung können derzeit etwa 150 Befunde oder Arztbriefe pro Woche abgearbeitet werden. Gehen mehr Anfragen ein, kommt das virtuelle Wartezimmer zu seinem Recht, wo der Patient seine eMail-Adresse eingibt und dann kontaktiert wird, sobald ein „Übersetzungs-Slot“ frei geworden ist. Das Spektrum der eingeschickten Dokumente ist breit. Bevorzugt werden Übersetzungen von radiologischen Befunden und MRT-Befunden angefragt. Manch einer schickt auch komplette Entlassungsbriefe. Gelegentlich schickt Washabich.de eine Nachfrage an den Patienten, um zu klären, ob wirklich ein komplettes Dokument nicht verstanden wird oder ob es nur um einzelne Passagen geht.

Transparenz sorgt für Effizienz und Qualität

Dass ein Portal, das in diesem Umfang Dienstleistungen anbietet, nicht mehr ohne Weiteres nebenher betrieben werden kann, leuchtet ein. Die Studenten selbst sind dabei nicht das Problem: „Viele sagen uns, dass der Lerneffekt durch die Übersetzungen enorm hoch sei. Und manche nutzen die Übersetzungen explizit auch als Teil ihrer Vorbereitung fürs Staatsexamen“, betont Bittner. Schwieriger als die Studenten zu motivieren ist es, die Abläufe flüssig und die Qualität möglichst hoch zu halten.

„Es zahlt sich aus, dass wir von Anfang an relativ professionell gearbeitet haben und vor allem einen guten Informatiker haben, der eine leistungsfähige Plattform programmiert hat“, so Bittner. Die Übersetzer arbeiten mit einer Art Redaktionssystem, in das alle Anfragen eingestellt werden. Dort können sich registrierte Übersetzer-Studenten, die Kapazitäten frei haben, frei bedienen. Das Ganze ist sehr transparent: Jeder Übersetzer kann jede Übersetzung einsehen, selbst dann, wenn sie noch nicht fertig ist. Auch eventuelle Spenden von Patienten an einzelne Übersetzer werden transparent gemacht.

Um das Qualitätsniveau zu halten, gibt es ein Team aus approbierten Ärzten, deren Aufgabe vor allem in der Supervision besteht. „Übersetzungsneulinge“ arbeiten ihre Übersetzungen mit einem Supervisor im Detail durch und besprechen sie am Telefon. Die Transparenz des Systems, die es erlaubt, sich an anderen Übersetzungen zu orientieren, tut ihr Übriges. „Es gibt den einen oder anderen, der unsere Übersetzungen kritisch getestet hat. Die Berichte über diese Tests sind sehr positiv gewesen“, betont Bittner. Reklamationen von Ärzten, die sich falsch übersetzt fühlten, habe es bisher nicht gegeben.

Mitmachen gern gesehen

In der näheren Zukunft soll es vor allem darum gehen, stabile Strukturen für das Portal zu schaffen und so die Dauerhaftigkeit der Einrichtung zu gewährleisten. Derzeit gibt es mehrere Partner, die unter anderem den Server und die Telefonkosten sponsorn. In geringem Umfang gehen auch Spenden ein, die zu 80 Prozent an die Übersetzer verteilt werden. „Im Moment sind wir dabei, einen Förderverein zu gründen. Dafür sammeln wir gerade Voranmeldungen“, so Bittner. Neue Studenten oder Ärzte, die sich mit Übersetzungs- oder Supervisionsleistungen an dem Portal beteiligen wollen, sind stets willkommen.

148 Wertungen (4.86 ø)
Medizin

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18 Kommentare:

Naturwissenschaftler

ich bin mit latainischen Fachberiffen aber:
Das ist so in der Medizin, Chemie, Pharmazie, Biologie).

Aber
Wo ist das Problem, wenn der Befund, zwecks Vorlage im Inland (zu 98%), in deutsch erhoben wird und wenn im Ausland dann wie gehabt mit viel latainischen Fachausdrücken.

Es kostet doch keine extra Mühe und keinen Übersetzungsservice, wie vorher erwähnt wurde!

MfG
M.S.T (Drugs safety Associate)

#18 |
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Dr. Roland Borchert
Dr. Roland Borchert

würde gerne als “Übersetzer ” mitmachen — bin Internist und seit diesem Jahr offiziell ausser Dienst.( also viel Zeit ! )
Näheres bei Rückkopplung .
MfG
Dr.med.Roland Borchert

#17 |
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Dr. Uwe Hoffmeister
Dr. Uwe Hoffmeister

Die Befundbeschreibung mit Fachausdrücken hat den großen Vorteil, dass sie international verstanden wird. Die Behandlungen über Ländergrenzen hinweg nehmen zu. Natürlich sprich man in der Praxis deutsch mit den Patienten und wird ihnen auch jeden Befund verdeutschen.
Und für alle anderen, die keinen Arzt ihres Vertrauens haben, ist der Übersetzungsservice genial!

#16 |
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Reinhard Kestner
Reinhard Kestner

Danke Frau Dr. oder Kollegin – Dr. med. Hanna-Luise Zscherpel
Arzt/Ärztin. So sehe ich es auch. Ich mache es nicht zum Geheimnis für den Patientenbesitzer – mein Klientel ist das Tier -, doch manchmal muss ich “stundenlang” erklären, weil ich mit Meinungen aus dem Internet, aus Foren im wahrsten Sinne des Wortes kontrontiert werde. Leider oder hoch lebe die Selbstbehandlung ala Amerika?
Dennoch finde ich für “verständige” Menschen diese Übersetzungsarbeit Klasse.

#15 |
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Zahnärztin

Super, macht weiter so!!!Liebe Grüße aus Berlin

#14 |
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Die Initiative ist sicher lobenswert. ABer ich finde es auch sehr bedenklich, dass sie notwendig ist, deutet sie doch darauf hin, dass Patienten Grund zu Misstrauen haben, bzw. tatsächlich ihre wichtigen Informationen nicht bekommen. Aber:
Die Epikrise ist zunächst der Info-Brief zwischen Kollegen. (Dass diese inzwischen auch erheblich an Qualität eingebüßt haben, ist außerordentlich bedauerlich. Mit Abkürzungen gespickt und durch vermeintlich erleichternde Makros der PC, die nicht an den aktuellen Sachverhalt angepasst werden, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, können einem manchmal schon die Haare zu Berge stehen.) Ich denke aber auch, dass der Patient seine Befunde nicht aus dem Brief erhalten sollte, sondern unbedingt aus einem (oder mehreren!!) Gesprächen, die auf den Patienten zugeschnitten die Bedeutung der Befunde bespricht. Es nutzt m.E. überhaupt nichts, wenn der Patient zwar die Worte versteht, sich alles andere (nämlich: Was heißt das denn jetzt für mich?) sich selbst zusammenreimen muss. Jede Berufsgruppe hat Fachsprachen, die sie untereinander verwendet. Das ist an sich nichts Verwerfliches und auch keine Show. Ich muss auch nicht die Fachbegriffe anderer Berufe (z.B. der Juristen) alle kennen. Aber ich verlange, dass wir Ärzte wahrhaftig sind, mit großem Respekt und Wertschätzung unseren Patienten gegenüber auftreten, mit ihnen reden, ihnen zuhören. Dafür brauchen wir Zeit!!

#13 |
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Tierheilpraktikerin

Traurig, dass so etwas nötig ist!
Weshalb muss ein Patient den Arztbrief übersetzen lassen, um seinen Befund zu erfahren? Haben wir im täglichen Miteinander nicht einmal mehr so viel Zeit? Ging mir übrigens bei meinem MRT ebenso – die Ärztin WEIGERTE ! sich, mir den Befund mit zu teilen und verwies mich auf den Arztbrief, den ich meinem Hausarzt geben solle. Als ob “Prolaps L4/L5” ein derart großes Geheimnis sei.
Traurig, traurig, traurig.

#12 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Super, daß es so etwas gibt!
Doch gleichzeitig ein Armutszeugnis für die Ärzte. Diese sollten daraus lernen: wenn schon ein “Fachbericht” an den Kollegen erforderlich erforderlich sein sollte, sollte es parallel dazu eine verständliche Zweitversion für den Patienten geben. Es wird einen selbstverantwortlichen Patieneten nur geben, wenn er auch alle Informationen erhält. Und nicht nur gefiltert durch den Hausarzt, der sich häufig auch nicht die erforderliche Zeit nimmt, den Befund hinreichend zu besprechen.

#11 |
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Vielen Dank für den tollen Artikel über unser Projekt und das Feedback der Leser! Bei Nachfragen können Sie gerne Kontakt per Mail aufnehmen (j.bittner@washabich.de). Übrigens: washabich.de ist für den Springer Medizin CharityAward 2011 nominiert, bis zum 31.08. können Ärzte und Studenten online abstimmen: http://www.aerztezeitung.de/extras/award/

Wir freuen uns über Ihre Unterstützung!

#10 |
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Studentin der Humanmedizin

…ja…interessant was die andern alle so meinen…ich darf an dieser stelle mal meinen schock über die geheimsprache kundtun…-nicht, dass ich sie nicht verstehen könnte…aber ich habe nun mal entschieden was gegen unterdrückung … auch die mittels sprache!…und wir arbeiten ja wohl nicht nur an, sondern eben doch auch mit dem patienten – wieso sollte dem das irgendwas bringen, wenn er das scheußliche medizinerdeutsch angesagt bekommt…der arztbrief ist ja eigentlich der kollegiale brief …was ist denn der brief an den patienten… eigentlich…um konkreter zu werden??? – den müssen wir ja eigentlich erst einführen – oder wollen wir, dass unsere patienten alle griechisch und latein lernen, bevor sie zu uns kommen…- äh?…-???

#9 |
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Dr. Norman Geiger
Dr. Norman Geiger

Da ohne Beratung keine Einmischung in Patienten -Arztverhältnis, Hemmschwelle für den Patienten geringer als beim Hausarzt, deshalb frägt er hier eher nach und nebenbei lernen die angehenden Kollegen und Kolleginnen auch noch dazu, super Idee!

#8 |
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Arzt

Die Idee ist super! Kollegin Scholz hat recht, wenn der Patient verstanden hat, was gemeint ist geht die Beratung beim Hausarzt leichter und schneller. Herrn RA Kraft möchte ich sagen, dass die lateinischen Ausdrücke sicher nicht das Problem sind. (leider verstehen es aber inzwischen immer weniger Ärzte) Eine Fachsprache, die sich der Lateinischen Sprache bedient ist international immer noch verständlicher als die ICD-Verschlüsselungen bei den Diagnosen, hier brauche ich oft noch ein Nachschlagewerk (Lexikon). Besonders aber die Anforderungen an die Dokumentation machen es oft nowendig, um gerichtsfest zu sein, viele Befunde ausfühlich zu beschreiben, was dann den Bericht unnötig aufbläht und damit auch ‘schwer verdaulich’ macht.
E. Rehm, Allgemeinarzt i. R.

#7 |
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Carsten Kraft
Carsten Kraft

Im Rahmen meiner anwaltlichen Tätigkeit habe ich auch fast täglich mit medizinischen Fachausdrücken zu kämpfen und mittlerweile kenne ich Sie fast alle. Interessanterweise verzichten mittlerweile einige meiner Ärzte auf latein und sprechen wieder deutsch, weil Sie wissen, das ich es verstehe.
Warum die Show in Latein?
….Ein super toller Service, denn schließlich geht es um das Patientenwohl und nicht um einen Showauftritt beim Arztbrief.

#6 |
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Ärztin

Finde ich klasse; so was würde mir als Hausarzt viel Zeit ersparen, die ich sonst mit übersetzen oder aufklären von Missverständnissen verbringe

#5 |
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Tolle Idee und Ausführung !

#4 |
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Tolle Idee !!!

#3 |
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Wie wär’s, wenn sich die lieben Patienten an ihren Hausarzt wendeten? Der macht das schnell, auf das Auffassungsvermögen des Patienten zugeschnitten und gleich die nötige bzw. erwünschte Beratung dazu. Die Übersetzung allein ist ja un- genügend, der Patient weiß ja nicht, wie er die Befunddetails in ihrer Bedeutung gewichten soll. Ich halte das jedenfalls für eine unnötige Einmischung in die Arzt- Patienten-Beziehung!

#2 |
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Ich finde Idee und Konzept großartig!

#1 |
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