Medizinstudium: Frankfurts Teilzeit-Tabubruch

28. Oktober 2015
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Das Medizinstudium gilt als Inbegriff eines Vollzeitstudiums, kaum eine andere universitäre Ausbildung verlangt Studenten mehr Anwesenheit ab. Ein Angebot der Uni Frankfurt ermöglicht eine individuelle Gestaltung der Arztausbildung und spricht neue Zielgruppen an.

Alles begann 2009 mit einem Modellversuch, der von der Goethe-Universität Frankfurt gemeinsam mit dem Land Hessen ins Leben gerufen wurde. Der Name dieses Versuchs beschreibt bereits sehr gut, worum es bei dieser Initiative geht: „Teilzeitstudium Medizin“.

Zwei Wörter, die einem Tabubruch gleichen. Kein Studiengang ist derart verschult und hat eine vergleichbare Menge an Präsenzveranstaltungen wie der rund sechs Jahre lange Weg zu Stethoskop und Skalpell. Humanmedizin gehört mit knapp 90.000 Studierenden im Wintersemester 2014/2015 zu den beliebtesten, aber auch gefürchtetsten Studienfächern. Kaum Freizeit, wenig Möglichkeiten zum Jobben, selbst die Semesterferien sind oftmals voll mit Blockpraktika und Famulaturen. Außer bei dem einen oder anderen Wahlfach ist es – anders als in vielen Bachelor- und Masterstudiengängen – mit der eigenen Gestaltung der Studiums nicht weit her. Fast alles ist „von oben“ durch die Approbationsordnung vorgegeben.

Das ist einerseits gut so: Ärzte sollten bei ihrem therapeutischen Wirken auf ein vergleichbares Gesamtspektrum an Wissen zurückgreifen können. Andererseits ist beispielsweise der Weg für „Quereinsteiger“, die bereits einen Beruf ausüben, praktisch verschlossen. Es sei denn, sie geben ihre berufliche Tätigkeit komplett auf. Nicht besser sieht es für Studienwillige mit eigenen Kindern, Profisportler oder Schwerbehinderte aus. Genau für diese Personengruppen wurde in der Mainmetropole ein Modell geschaffen, das ein Medizinstudium in Teilzeit ermöglicht.

Zeitliche Streckung kein Hindernis

Im Frühling 2009 wurde das Modellprojekt von dem damaligen Studiendekan der medizinischen Fakultät, Professor Dr. med. Frank Nürnberger, in Zusammenarbeit mit Studienberater Dr. Winand Dittrich ins Leben gerufen. Grundlage ist dabei eine individuelle Studienberatung bzw. -begleitung, die auf die Bedürfnisse einzelner Studenten der genannten Personengruppen eingeht und sich nach diesen ausrichtet. „Auf dieser Basis wird für jeden ein individueller Studienplan erstellt, bei dem u. a. eine starke Reduktion der wöchentlichen anwesenheitspflichtigen Lehrveranstaltungen greift“, erklärt Diplom-Psychologin Monika Duderstadt, Leiterin der Abteilung für individuelle Studienbegleitung der Universität Frankfurt. Die dadurch in der Regel unvermeidbare zeitliche Streckung der Gesamtstudienzeit stellt dabei kein Hindernis dar. Die Approbationsordnung für Ärzte sieht lediglich Mindestzeiten vor. So darf der 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung nach frühestens zwei Jahren abgelegt werden. Die Approbation wiederum darf dann erst nach drei Jahren klinischem Studium und dem PJ erteilt werden.

Der individuelle Weg

Laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes aus dem Jahr 2012 haben etwa 4 % aller Studenten in der Bundesrepublik ein Kind, rund 7 % weisen eine mehr oder weniger das Studium erschwerende gesundheitliche Beeinträchtigung auf. Die strikte zeitliche Trennung zwischen Berufsausbildung und Familiengründung ist heute nicht mehr in der Art verbreitet, wie es noch vor dreißig Jahren der Fall war. Zwar sind die genannten vier Prozent der Studierenden mit Kind auf den ersten Blick eine kleine Minderheit. Insgesamt lässt sich aber beobachten, dass sich eine zunehmende Zahl an Jungakademikern bereits während der Studienzeit für Nachwuchs entscheidet.

Eine Reihe von Universitäten bietet hier bereits entsprechende Angebote, wie Kindertagesstätten o. ä. Die individuelle Studienbegleitung in Frankfurt sucht in diesem Fall gemeinsam mit den jungen Eltern nach Lösungen, das Medizinstudium möglichst familienfreundlich zu gestalten. „Niemand sollte wegen eines Kindes das Studium aufgeben müssen“, so Monika Duderstadt. Zur Zielgruppe der individuellen Studienbegleitung gehören neben jungen Eltern, Schwerbehinderten und Berufstätigen auch Studenten, die mit der Pflege naher Angehöriger betraut sind. Auch Profisportler oder solche Nachwuchsmediziner mit einem besonderen sozialen oder kulturellen Engagement können auf Unterstützung hoffen. In eingehenden Beratungen wird für jeden Studierenden eine individuelle Lösung gefunden. „Das Studium erhält somit einen klaren Aufbau für den einzelnen Studierenden“, heißt es von Seiten der Goethe-Universität.

Modell macht bislang noch keine Schule

Neben der zeitlichen Organisation des Studiums unterstützen Frau Duderstadt und ihre Kollegen die Studenten auch in Bezug auf die Lernorganisation und Prüfungsvorbereitung. „Wir erarbeiten spezielle Pläne und Strategien, um trotz der hohen zeitlichen Gesamtbelastung eine optimale Vorbereitung auf die zahlreichen Klausuren und Examina zu gewährleisten“, lässt die Abteilung der Individuellen Studienbegleitung verlautbaren. Auch zu Fragen der Studienfinanzierung erfahren Studierende eine fachlich-kompetente Beratung. So sucht man beispielsweise gemeinsam nach einem geeigneten Nebenjob für die Ärzte in spe. Begleitet wird das Projekt der Individuellen Studienbegleitung seit seinem Start von empirischen Studien.

„Wir brauchen aktuelle Kenntnisse über unsere Studierende und Lehrende“, heißt es von Seiten der Universität. „Die gewonnenen Erkenntnisse dienen der weiteren Verbesserung unserer Arbeit.“ Zweifelsohne erhalten Studierende in besonderen Situationen auch an den anderen medizinischen Fakultäten hierzulande eine hervorragende und eingehende Betreuung. Den genannten „Tabubruch“ eines Teilzeitstudiums Humanmedizin sucht man außerhalb der Mainmetropole bislang allerdings vergeblich.

Im Gegenteil: Aus Brüssel sind seit geraumer Zeit immer wieder Forderungen nach einer Verkürzung des Medizinstudiums auf fünf Jahre zu hören. Das bedeutet für die Studierenden eine weitere Erhöhung des Zeitaufwandes. Generell werden Teilzeitstudiengänge in anderen Fachbereichen mittlerweile zahlreich angeboten. So wirbt die Humboldt-Universität in Berlin mit den Worten: „Bei allen Studiengängen, die zu einem ersten Abschluss führen (Bachelor, Diplom, Staatsexamen), ist an der HU eine Teilzeitimmatrikulation möglich“. Auf konkrete Nachfrage heißt es allerdings: „Das Medizinstudium an der Charité ist ausschließlich in Vollzeit.“

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7 Kommentare:

Student der Zahnmedizin

Über die Studienbedingungen an der Goethe-Universität hatte man ja schon in dem Blog “Immer Ärger an der Uni Frankfurt” berichtet. Erstaunlich ist nu erst mal das der Herr Dr Winand wie auch die Kirsten Iden gegangen wurden oder übereilt gegangen sind. Frau Duderstadt versucht Ihr möglichstest Studenten Ihre Hand zu gegeben, sitzt auch in der Kommission, die über Härtefälle entscheidet. Es bleibt jedoch dabei. Dieses Projekt ist in der Studienordnung verankert gewesen. Diese Auslegung kann und wurde 2013 zum Nachteil der Studenten verändert. Eine Klärung der Rechtmässigkeit steht noch aus.
Das die Bereitschaft der Universität ein prolongiertes Studium zulässt hat an und für sich nichts schlechtes, auch wenn man die Nase Rümpfen sieht, sollte man 40 Semester Medizin erwähnen. Aber, wenn man nicht gesponsort wird, Alleinerziehend und fast 50 ist kostet einen das tägliche Leben im Monat mindestens 1000 Euro. Wenn man die verdienen will muss man dafür auch Steuern und Arbeitslosengeld sowie Krankenkasse, Studiengebühren und Unterhalt bezahlen. Also muss man auch anrecht auf Arbeitslosengeld haben, sonst kann und darf man eben nicht mehr studieren und alles bleibt wie es war, Medizin, ein elitärer Studiengang, in jungem Alter mit genug Geld in der Tasche und sonst nichts anderem zu tun. Sehr schade, es fehlt dem Mediziner nämlich dann auch an der nötigen Lebenserfahrung, die gibt er dann ja leider auf, für das studieren in der Regelstudienzeit. Die Universität bekommt für jeden aufgenommenen Studenten auch eine 5stellige Summe, darum gibt es immer mehr Studenten als Plätze. In Frankfurt gerne 250 Zahnmediziner auf 120 Stühle im Karolinum. Vielleicht kann da mal einer Prüfen, wie das Geld der Studenten so verwendet wird, es muss ja nicht in die Ausbildung derselben gesteckt werden, die Professoren in Frankfurt müssen die Ausbildung ja auch oft nebenher machen und haben nicht den leisesten Schimmer der Anatomie, sind sie doch Biologen der Forschung des selben Instituts oder gar Studenten der höheren Semester. Gut, Anatomie ist eh geschlossen, die Formalinwerte waren zu meiner Zeit noch viel zu hoch, erinnere ich mich noch an meine brennenden Augen und auch meine 5 Jahre pro bono in der Anatomie der Fakultät.

#7 |
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Gast
Gast

Ich würde gerne wissen wo genau ihr recherchiert habt.
Gute Beratung fehlt leider an den meisten Universitäten für diese Fälle.
Das ist schade! Gerade diese Studenten gehen in ihrem Studium auf und kämpfen darum. Sie sind wahre Organisationsgenies. Das müssen sie auch sein um alles unter einen Hut zu bringen.

In den Fällen der Kinderbetreuung, des Unterhalterwerbes ohne staatliche Unterstützung (BaföG,…etc.), der Pflege Angehöriger,…oder Schicksalschlägen müssen sich die Studierenden im Allgemeinen selbst durchschlagen. Meist treffen sogar mehrere Begebenheiten gleichzeitig aufeinander.

Resultat sind kürzere Lernzeiten, kaum bis keine Erholungphasen, verlängertes Studium, die daraus resultierenden Kosten die erstmal wieder erwirtschaftet werden müssen,den sich ergebenden Leistungsdruckanstieg bis ggf. hin zu gesundheitlichen Problemen und auch durch die mangelnde Zeit einfach zu wenig Kontakt mit Anderen Kommolitonen um sinnvolle Lerngruppen zu bilden. Das schlägt sich auch in den Prüfungsergebnissen nieder. Ein ewiges Scheitern verbittert die Situation nochmals.
Durch das verlängerte Studium sinken ggf. auch die Chancen in der Bewerbungsphase nach dem Studium.

Beratung gibt es in der Fachschaft in der Regel von Studenten, die auch die entsprechende Zeit für dieses Engagement aufbringen können. D.h. sie waren nie in einer solchen Situation und können diese nicht nachvollziehen. Meist sind sie sogar bei Konfrontation mit Hilfesuchenden überfordet. Manche bemühen sich leider auch garnicht.
Bei den offiziellen Anlaufstellen sieht es ähnlich aus. Eine spezielle Anlaufstelle gibt es in der Regel nicht.
Es fehlt einfach an Verständnis bei vielen Kommolitonen und Professoren. Leider gibt es sogar Professoren die ganz öffentlich Altstudenten rausprüfen möchten.
Denjenigen, welche die Situation verstehen, sind im laufendem Kurs die Hände gebunden und können erst nach Ablauf für die Nachfolgenden etwas verändern.
Mittlerweile gibt es Gruppentreffen für Studierende mit Kind. Eine Art Selbsthilfegruppe von Studierenden für Studierende, die an immer mehr Uni-Fachschaften Einzug nimmt. Sofern ich weiß leider nicht für die anderen Gegebenheiten.

Hoffentlich nimmt diese Tendenz zu. Auch wenn ich es vielleicht nicht mehr erlebe.

#6 |
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Gast
Gast

@ Bröse: Ja, und wenn man über 30 ist, muss man 165 Euro an die Krankenkasse zahlen monatlich, dann gibt es nämlich keine Studenten-Versicherung mehr. Pech gehabt.

#5 |
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Gast
Gast

Ist der Artikel irgendwie veraltet? Gerade wurde doch die Studienordnung verändert, so das man jetzt in bestimmten Zeiten sein Examen erreicht haben muss, weiß nicht wie das zusammenpassen soll.
Ansonsten kann ich nur lachen wenn ich das alles lese. Ich kenne keine andere Uni an der so wenig auf Studenten Rücksicht genommen wird. Bis vor kurzem fiel man in Prüfungen durch wenn man mit Gips im Krankenhaus lag und kein Attest half. Es wird auch nicht umsonst unter Studenten gesagt das das Dekanat versuchen muss die 600-700 Studenten aus der Vorklinik auf ungefähr 350 in der Klinik zu schrumpfen.

#4 |
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Student der Zahnmedizin

Nun, hoch zu loben ist dieses vorgehen nun wirklich nicht da es ja in der hessischen Studienordnung nach § 52 festgelegt ist, dass alle 4 Semester ein bestandener Leistungsnachweis vorgelegt werden muss da sonst mit einer Exmatrikulation gerechnet werden kann (aber nicht muss). Auch sind in der Vorklinik lediglich die drei Anatomiekurse sowie das Chemie- und das Physikpraktikum Anwesenheitsveranstaltungen. Die Vorlesungen sind nicht bindend. Die Universität zieht sich gerne den Schuh an, dass es von deren Seite ein Teilzeitangebot gibt. Das ist natürlich Humbug. Ein Problem entsteht, sollte der Berufstätige während der Studienzeit Arbeitslos werden, dann steht diesem kein Arbeitslosengeld zu weil Vollzeitstudenten, auch wenn Sie eben nur einen Leistungsnachweis alle 4 Semester erbringen müssen nicht Arbeitslosengeld empfangen können. Jedoch jeder Berufstätige Studierende muss in alle Kassen einbezahlen, sprich Sozialleistungen, Krankenkasse, Einkommenssteuer ohne Berücksichtigung ihres Studiums bezahlen. Am 5. November 2015 wird in Darmstadt vor dem Sozialgericht genau dieser Fall behandelt, wir dürfen gespannt auf das Urteil und die Urteilsbegründung sein. Herr Studienberater Dr. Winand Dittrich ist ja sehr übereilt abgezogen und die Auslegung der Rechtslage der hessischen Studienordnung ist keinem bekannt. Ich werde berichten, es ist aber auch jeder eingeladen am Donnerstag den 5, November 2015 um 9:00 Uhr im Sitzungssaal 3, Erdgeschoss des Sozialgericht Darmstadt, Steubenplatz 14 Az S11 AL 143/12 Student Goethe-Universität gegen Bundesagentur für Arbeit. Das Jobcenter ist da nämlich mit der Beratung der Goethe-Universität nicht konform und ist von 2008 bis 2013 das Arbeitslosengeld schuldig geblieben. Der Familienvater hat weitere Ergebnisse mangels finanzieller Deckung postponiert. Weder die Universität Frankfurt noch das Jobcenter beruft sich nämlich auf geltendes Recht.

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Auch wenn ich nicht Medizin studiert habe: Die Idee der Frankfurter Uni finde ich super, zumal dies woanders in einigen anderen verschulten Fächern möglich ist.:-)
Und klar: Die Praktika in Kliniken gehen nur in Vollzeit; aber bei zeitlicher Streckung können dazugehörige Vorlesungen mit Übungen auch vorher erledigt werden oder einzelne Scheine notfalls auch nachgeholt werden, falls man diese nicht auf Anhieb schafft oder von Vornherien auf später terminiert werden..;-)
Trotzdem ist es blöd, daß das betreute Kinderzimmer geschlossen wurde, denn dies kam wahrscheinlich auch Studenten anderer Studienfächer zugute…:-D

#2 |
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Gast
Gast

ist klar – deshalb wurde auch gerade in der Studienordnung in Frankfurt eine Höchststudiendauer eingeführt und das betreute Kinderzimmer am Medizinercampus geschlossen. Familienfreundlich ist wirklich anders!

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