Benelux: FSK 0 für Sterbehilfe

2. November 2015
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In Belgien erlaubt das Gesetz die aktive Sterbehilfe bei Kindern mit unheilbaren und unerträglichen Leiden, in den Niederlanden gilt das für Neugeborene und Jugendliche ab zwölf Jahren. Diese Ausweitung auf alle Altersgruppen hat auch international ein großes Echo ausgelöst.

Vor einigen Monaten hat eine Initiative holländischer Kinderärzte nicht nur in den Niederlanden für Aufregung und lautstarken Protest gesorgt. Sollten Kinder den Wunsch haben, aufgrund ihrer unheilbaren Krankheit mit der Hilfe des Arztes zu sterben, so möge die Erfüllung einer solchen Bitte in Zukunft unabhängig vom Alter legal sein.

„Gib mir was, damit es schneller geht mit dem Sterben.“ Immer wieder tauchen solche Wünsche in der pädiatrischen Onkologie und anderen Kinderstationen auf, wenn die unheilbare Krankheit weit fortgeschritten und mit starken Schmerzen verbunden ist. Wenn der akute Schmerz vorbei ist und sich das Kind bei Eltern oder Pflegern geborgen fühlt, so berichten Ärzte und Pfleger, wird dieser Wunsch aber auch schnell wieder unwichtig.

Aktive Sterbehilfe: Tendenz steigend

In Kürze will der Bundestag ein neues Gesetz zur Sterbehilfe diskutieren und dann darüber abstimmen. Blickt man auf die Zahlen in Holland, steigt dort die Zahl dieser Fälle von aktiver, legaler Sterbehilfe an: von 2012 bis 2013 um mehr als zehn Prozent. In Belgien hat sich diese Zahl zwischen 2006 und 2012 mehr als verdreifacht. Aus der Sicht des deutschen Gesetzgebers darf der Arzt seinem Patienten helfen, sich selber zu töten, jedoch nicht selber Hand anlegen, um den Weg vom Leben zum Tod einzuleiten.

Sterbehilfe ohne Altersgrenze

Schon seit dem Jahr 2002 gibt es die straffreie Sterbehilfe für Kinder im Alter zwischen 12 und 18 in den Niederlanden. Allerdings sind die Voraussetzungen dafür ziemlich streng: Der Arzt hat den Jugendlichen über seinen aussichtslosen Zustand informiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass es bei einem unerträglichen Leiden keine „andere angemessene Lösung“ gibt. Dieses Urteil muss von einem unabhängigen zweiten Mediziner bestätigt werden. Die Entscheidung für das todbringende Mittel hat der Heranwachsende freiwillig und nach reiflicher Überlegung gefällt. Bis zum Alter von 16 ist das Einverständnis der Eltern erforderlich, danach müssen sie zumindest in die Entscheidung einbezogen werden. Auch für Neugeborene mit ähnlich aussichtsloser Prognose erlaubt das Gesetz nach den Richtlinien der „Groninger Protokolls“ die Euthanasie – in genau überwachten und gut dokumentierten Fällen.

Belgien ist bei der aktiven Sterbehilfe für Minderjährige sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat mit dem im letzten Jahr verabschiedeten Gesetz sämtliche Altersbeschränkungen dafür aufgehoben. Auch hier müssen die betroffenen Kinder einer Kommission glaubhaft machen, dass ihr Zustand unerträglich schmerzhaft und hoffnungslos ist. Gerade bei jungen Kindern gilt dabei: Sie können die Tragweite ihrer Entscheidung klar erkennen.

Kritik an der „sorgenvollen Entwicklung“

Diese Ausweitung der Sterbehilfe auf alle Altersgruppen hat auch international ein großes Echo ausgelöst. Viele Beiträge, auch in Fachmedien, schreiben dabei von einer „sorgenvollen Entwicklung“. Minderjährige könnten noch nicht das ganze Ausmaß einer solchen Entscheidung und die Konsequenzen erfassen. Hauptargument der Befürworter: Oberstes Gebot ärztlichen Handelns müsse die Selbstbestimmung des Patienten sein – auch für Minderjährige. Weder Eltern noch Arzt sollten über das Schicksal des jungen Lebens in die eine oder andere Richtung bestimmen können. Mehr als zwei Drittel der belgischen Kinderärzte stehen hinter der Regelung; in einem Land, das eines der weltweit liberalsten Gesetze bezüglich der aktiven Sterbehilfe hat. Etliche, auch belgische, Ärzte sind der Meinung, mit dem Zulassen der aktiven Sterbehilfe hätte die moderne Palliativmedizin keine Chance mehr, dem Wunsch nach einem schnellen Tod zuvorzukommen.

Anstiftung zur Tötung des eigenen Kinds?

Noch nie in seinem Leben als Arzt habe er eine Situation erlebt, in der er sich die legale Möglichkeit einer aktiven Sterbehilfe wünschte, sagt Boris Zernikow, Leiter der einzigen deutschen Kinderpalliativzentrums in Datteln. „Das ist mit meinem Bild des Arzt-Seins nicht vereinbar, dass ich einen Menschen aktiv töte.“ Kinderonkologen und Kinderpalliativmediziner wie Monika Führer aus München bestätigen Zernikows Blickwinkel und berichten, dass ihnen kaum einmal ein Kind begegnet sei, das dauerhaft danach verlangt hätte, getötet zu werden.

Auch Eltern äußerten hin und wieder den Wunsch, dass dem Leiden ihres Kindes schnell ein Ende gemacht werde. Zernikow hält dagegen, wie es denn den Eltern in Zukunft ginge, wenn sie vom Arzt verlangt hätten, ihr Kind zu töten. Kinder in solchen Situationen hätten ein gutes Gespür, in welchem Zustand sie seien und wie es ihren Eltern dabei ginge. Er habe es oft genug erlebt, dass der Tod genau dann eintrat, wenn etwa die verzweifelte Mutter gerade einmal kurz aus dem Zimmer gegangen wäre und so das Ableben nicht ansehen müsse. Zuweilen äußerten Kinder auch den Wunsch, in der Klinik zu bleiben, weil sie genau spürten, dass die Belastung für die Eltern zu Hause noch weitaus größer wäre.

Bestimmte Umstände im Leben der Kinder können aber auch einmal eine Entscheidung für Tod oder das vermeintlich qualvolle Leben umwerfen. Das zeigt der Fall von Hannah Jones aus England. Hannah hatte Leukämie und entschied sich mit 14 gegen die lebensrettende Herztransplantation, die das von der Chemotherapie geschwächte Organ ersetzen sollte. Eine Entscheidung, die sie mit vollem Wissen um das baldige Ende ihres Lebens und mit Zustimmung ihrer Eltern fällte. Eine Krise ein Jahr später brachte sie jedoch dazu, ihren Beschluss zu ändern. Mit einem neuen Herzen führt sie nun fünf Jahre später ein fast normales Leben.

Palliativmedizinisches Entwicklungsland

Moderne Palliativmedizin bedeutet aber nicht eine Verlängerung des Sterbeprozesses. So gehört die palliative Sedierung zum Werkzeugkasten der Ärzte. Der Tod wird dabei billigend in Kauf genommen. „Nicht alles einsetzen, um das Leben zu verlängern, aber nicht selber den Tod herbeiführen“ lautet die Devise auch in der pädiatrischen Palliativmedizin. „Unerträgliche Schmerzen“ gäbe es in ihrem Bereich nicht, so ihre Antwort auf die provozierende Frage: „Wollen sie schreckliche Schmerzen oder aktive Sterbehilfe?“ Allerdings, so berichtet der Kinderneurologe Bernard Dan aus Brüssel und Mitgestalter der belgischen Regelung, wären nicht alle Jugendlichen und Kinder bereit, eine solche Bewusstseinstrübung als Preis für den gelinderten Schmerz hinzunehmen. Auch etliche Kinder und Jugendliche, so Dan weiter, würden die Euthanasie dem Verlust an klarem Denkvermögen und der Persönlichkeit vorziehen.

Dabei sei Belgien genauso wie Deutschland ein palliativmedizinisches Entwicklungsland – zumindest im pädiatrischen Bereich, urteilt Palliativmediziner Seven Gottschling vom Uniklinikum in Homburg/Saar. Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder, die eine Palliativversorgung bräuchten, hätten in Deutschland den Zugang dazu. Aktueller Stand: Acht Betten in Deutschlands einzigem Kinderpalliativzentrum. Dazu kommen 13 Hospize für Kinder, die dort zwar Pflege, aber keine durchgehende ärztliche Betreuung für sich und ihre Eltern in Krisen bekommen.

Lebensverkürzende Palliativmedizin?

In den letzten zehn Jahren gab es nach Angaben von Judith Rietjens [Paywall] aus Rotterdam in den Niederlanden vier Sterbehilfefälle von Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 17, dazu einen bei einem 12-jährigen Kind. Meist, so schreibt Rietjens, beträfen die Fälle aktiver und passiver Sterbehilfe Kinder mit einer Lebenserwartung von mehr als einer Woche. Die dortigen Leitlinien empfehlen für solche Fälle keine palliativmedizinische Behandlung. Denn die Sedierung könne zusammen mit Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme die verbleibende Lebenszeit ebenfalls verkürzen. Damit wären Sterbehilfe und Palliativmedizin in ihren Konsequenzen gar nicht soweit auseinander.

Mag der medizinische Aspekt nicht explizit gegen die aktive Sterbehilfe bei Kindern sprechen – wie es ist, das Leben eines minderjährigen Kindes durch eigenes Handeln zu beenden, bliebe in Deutschland auch bei liberalen Gesetzen wie bei unseren Nachbarn eine ethische Frage. Eine Frage, die Ärzte und Eltern für sich selbst beantworten müssen.

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8 Kommentare:

Aktive Sterbehilfe – Nein Danke!
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein säkularisierter Staat j e n s e i t s von Fundamentalismus und Gottesgemeinschaften. Unsere Republik muss a l l e gesellschaftlichen Strömungen und die Meinungsvielfalt aufgreifen. Für mich persönlich ist die Sache klar: Ich eigne mich definitiv n i c h t zum “Dr. Death”! Ich kann unmöglich palliativ- und sozialmedizinisch ebenso qualifiziert wie engagiert “Hilfestellungen am Lebensende” und “zum Lebensende” leisten und g l e i c h z e i t i g überlegen, wie ich meine Patienten am besten assistiert “um die Ecke bringe”.

Meine medizinische Sozialisation ist auf Krankheiten abgestellt: Von der Wiege bis zur Bahre Prävention,Früherkennung, Anamnese, Untersuchung, erweiterte Differenzialdiagnostik, Diagnose, konservative/operative/interventionelle Therapie, Palliation. Möglichst Heilung, wenigstens Linderung und hoffentlich Tröstung. Und das füllt meine professionelle hausärztliche Tätigkeit mit prallem Leben, Arbeit, Anstrengung, Genuss, Ruhe und kultureller Reflexion voll und ganz aus. Zur weitergehenden, oft selbstherrlich behaupteten “Erlösung” meiner Patientinnen und Patienten mit aktiver Sterbehilfe und der Gratwanderung zur “Tötung auf Verlangen” (§ 216 StGB) bin ich weder bereit noch befugt oder ausgebildet.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#8 |
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Gast
Gast

Sterbehilfe? Nun auch noch für Kinder? Unfassbar! und noch als Teil der Diskussion um die Zunahme der Weltbevölkerung? Als ob die wenigen Kinder, die es verhältnismäßig betrifft, die Weltbevölkerung zahlenmäßig beeinflussten?! Wie schräg ist das denn, völlig am Ziel vorbeigeschossen!!!
In der Palliativmedizin geht es weder um Lebensverlängerung noch um den Patienten allein! Es geht darum, Lebenssinn zu schaffen, mit angemessenen Maßstäben! Das gesamte soziale Umfeld kann mit einbezogen werden, also auch die Eltern aufgefangen und begleitet werden, die ganz oft (meist im Stillen) hoffen, das Leiden des Kindes solle doch ein Ende haben. Kinder spüren ziemlich genau, wann ihr Ende naht, ob sie Chancen auf Heilung haben etc. Die Kleinen sind ganz groß darin, ihre Eltern vor zu viel Kummer beschützen zu wollen. Kann es sein, dass es unter den “Sterbewilligen” auch solche gibt, die genau das wollen – dem aktuellen Kummer ein Ende zu bereiten? Dass man mit seiner Schwäche als Arzt/Pflegende/Eltern etc. die Kinder dazu bringt, mit der Eröffnung solcher Möglichkeiten wie Sterbehilfe diese in Anspruch zu nehmen?? Nur, weil man sich nicht eingestehen will, dass man als Mensch begrenzte (Heilungs)möglichkeiten hat und nicht vollkommen, perfekt, genial ist? Meine Erfahrungen im Kinderhospiz und in der Kinderonkologie sagen mir, dass es für alle Menschen ringsherum schwer ist, das zu akzeptieren, dass die Kinder aber genau deshalb es als Größe und vor allem wohltuend ansehen, wenn man dennoch bei ihnen bleibt, mit ihnen den Weg geht, jede kleine Geste der Zuwendung wird gern angenommen. Die Diskussion sollte nicht dahin gehen, ob man Sterbehilfe befürwortet, sondern wie man sie verhindert, Alternativen schafft. Jede Geburt hat ihre individuellen Umstände und kann meist für alle Beteiligten gut gestaltet werden. So sollte es unser Ziel sein, für das Lebensende mit ebensolchem Engagement zu agieren. Selbstbestimmung für Erwachsene hin oder her. Bei Kindern, die zu uns aufschauen und noch so sehr beeinflussbar sind, hört es für mich auf! Schaffen wir Schmerzfreiheit, kindgerechtes Umfeld, schauen auf die wirklichen Bedürfnisse der Kinder, nehmen die Angehörigen rechtzeitig mit und ihre Bedürfnisse wahr. Dann braucht es keine Sterbehilfe!

#7 |
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Medizinjournalist

Ein moralinsaures Problem. Überall Krieg, Folter, Grausamkeiten ohne Ende also Rechtlosigkeit als Normalität. Aber die, die Sterben wollen, werden in juristische Glasperlenspiele verwoben und damit diskriminiert. Die Würde des Menschen….
ist zuvorderst seine eigene und keines anderen. Realität ist, wir sind zu viele auf dem Planeten und müssen rasch weniger werden, sonst werden nur ganz, ganz wenige übrig bleiben und die Welt, die wir ihnen hinterlassen, wird nicht moralinsauer, sondern so gefährlich und abweisend sein, wie am Anfang unseres Hinzutretens in die Lebensgemeinschaft, die wir am Ende nahezu ausgelöscht haben werden. Ohne drastische Geburtenverringerung wird genau das passieren. Kennen Sie jemanden, der das Thema anfässt? Ja genau – so funktioniert Moral, wird immer eingefordert, wenn es einen aktuell nicht selbst betrifft und vor allem nichts kostet.

#6 |
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Gast
Gast

@Gast (Kommentar #3): wenn jemand berichtet, was er bisher noch nie erlebt hat, dann ist das nicht eine “Sicht” der Dinge. Ich habe das ebenfalls noch nie erlebt und auch von niemandem gehört und bin keine Palliativmedizinerin. Was das Thema “aktive Sterbehilfe bei Kindern” oder “Euthanasie” mit einem Hinterherhinken Deutschlands oder den anderen erwähnten “Problemen” zu tun hat, ist mir schleierhaft. DAS ist eher eine sehr individuelle Sicht der Dinge, die ich nicht teile.

#5 |
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Medizinjournalist

An @1: Die Liste der Kinderhospize findet sich unter: http://www.bundesstiftung-kinderhospiz.de/fileadmin/dokumente/liste.pdf
Das einzige Kinderpalliativzentrum Deutschlands (in München ist ein weiteres in Bau)
https://www.kinderpalliativzentrum.de/de/station-lichtblicke

#4 |
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Gast
Gast

“Noch nie in seinem Leben als Arzt habe er eine Situation erlebt, in der er sich die legale Möglichkeit einer aktiven Sterbehilfe wünschte” ein sehr Deutscher Sicht und nicht ungewohnt, da der Kollege Palliativmediziner ist. In meiner persönlichen Erfahrung fragen Kinder oft nach einer Beendung des Leidens. I lebe zwar schon 15 Jahre in Deutschland, aber werde nie meine Niederländische Staatsangehörigkeit abgeben…eben weil ich die Wahl haben möchte.

“Anstiftung zur Tötung des eigenen Kinds” ist eine etwas populistische weise es aus zu drücken. Meine Güte.

Euthanasie ist ja nicht das einzige “Problem” was in andere Länder schon längst be- und verarbeitet wurde. Wie währe es denn mit Homosexuellen im Heer?? Gleichgeschlechtliche Ehe?? Trennung von Kirche und Staat?? Familienpolitik?? Usw usw….da hinkt Deutschland eindeutig hinterher

Palliativmedizin ist halt nur eine allesumfassende “Lösung” wenn es einem selber nicht betrifft.

#3 |
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Gast
Gast

„Unerträgliche Schmerzen“ gäbe es in ihrem Bereich nicht -Zitat Ende.
In welcher utopischen Welt leben wir? Natürlich gibt es genau Diese, unabhängig des Lebensalters.
Diskussionslos ist das Thema Sterbehilfe heikel und ganz sicher nicht einfach zu lösen.
Die Palliativmedizin kann sicher viel, aber eben nicht zaubern! -ich bin selbst Mediziner und habe mich mit vielen Kollegen, auch aus der Palliativmedizin ausgetauscht? -Interessanter Weise haben vieler dieser Kollegen für “den Fall der Fälle” für sich selbst eine individuelle Notlösung parat. Das sollte uns zu Denken geben…..

#2 |
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Gast
Gast

Eine Frage: in der “Bedürfnissanalyse Palliativ Care bei Kindern und Jugendlichen in der deutschsprachigen Schweiz” von Susanne Inglin, Eva Bergsträsser und Rainer Hornung (2008) wird von 7 Kinderhospizen in Deutschland gesprochen. Ist diese Zahl in Ihrem Text mit 8 Palliativbetten für ganz Deutschland fundiert?

#1 |
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