Antibiotika: Wirkstoffsuche beim Wurzelgemüse

30. Oktober 2015
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Moleküle mit Aktivität gegen Bakterien verstecken sich überall – und Forscher machen oft nur Zufallsentdeckungen. Jetzt ist die Community gefragt, Proben aus dem eigenen Garten zu screenen und Ergebnisse mit Experten zu teilen.

Bei der Suche nach neuen Antibiotika sind nicht nur chemische Synthesen gefragt. In Bodenproben lauert so mancher Goldschatz für die Therapie von morgen. Beispielsweise inhibieren Platensimycin und Platencin, zwei Moleküle aus Streptomyces platensis, selektiv die bakterielle Lipid-Biosynthese. Und Closthioamid, eine schwefelhaltige Verbindung aus Clostridium cellulolyticum, wirkt gegen Methicillin-resistente Staphylokokken. Welche Mechanismen dahinterstecken, ist noch unklar. Auf den zweiten Blick zeigt sich, welche Schwäche hinter dieser Strategie steckt: Es handelt sich oft um Zufallstreffer. Mehr als 50 Prozent aller Bakterien im Boden gelten als „dunkle Materie“, da sie sich nicht in vitro kultivieren lassen.

Per Chip durch den Boden

Slava Epstein aus Boston ist es gelungen, diesen Bodenbewohnern per Ichip habhaft zu werden. Sein Tool besteht aus kleinen Reaktionsräumen, in denen sich einzelne Bakterien befinden. Die Wände sind durchlässig für Nährstoffe und für Wasser, aber nicht für andere Bakterien. Nach der Befüllung werden Ichips wieder im Boden versenkt. Mit dieser Technologie hat Kim Lewis 10.000 unterschiedliche Bakterien herangezüchtet, was auf klassischem Wege nicht gelungen wäre. Lewis’ Team wurde fündig: Eine neue Spezies, Elephtheria terrae genannt, produziert Teixobactin. Die Substanz wirkt im Tierexperiment stark gegen MRSA. Ichips haben jedoch ihre Schattenseiten. Ohne gut ausgestattete Labors läuft wenig. Für reine Screenings von Proben eignen sie sich nicht.

Per Schwarmintelligenz zum Erfolg

Eine Alternative: Vidhi Metha, Studentin und Gründerin von Post/Biotics, setzt ganz auf die Crowd. Sie hat eine Toolbox entwickelt, mit der Kinder Bodenproben oder Pflanzenmaterial in ihrer Umgebung sammeln können, um sie auf potenziell antibiotische Moleküle zu testen. Jede Probe wird akkurat beschriftet, inklusive GPS-Daten des Fundorts. Zeigen sich in einem harmlosen Testsystem Hemmhöfe, rät Metha, Daten per App auf eine Plattform zu übertragen. Dort bewerten Mikrobiologen alle Informationen und können mit Usern in Kontakt treten. Das Imperial Collegedie Cedars School, das Natural History Museum in London, die Universität von Chicago, sowie die Navrachana School sind als Partner bereits im Boot. Und vielleicht, wie Vidhi Metha sagt, geht irgendwann mal ein Nobelpreis an Kinder, die beim Waldspaziergang Material zur Untersuchung eingepackt haben.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Gast
Gast

Wieso ist die Community bzw. die Crowd gefragt und nicht die Gesellschaft? Proben untersuchen statt screenen? Kann man statt den Usern auch mit den Portalnutzern in Kontakt treten?

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