MS: Propionsäure zieht Entzündungsbremse

23. Oktober 2015
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Fettsäuren in der Nahrung haben Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf der Multiplen Sklerose. Bei einer diesbezüglichen Untersuchung der Auswirkungen lang- und kurzkettiger Fettsäuren spielte sich die Propionsäure im experimentellen Modell in den Vordergrund.

Der menschliche Darm mit seinem Mikrobiom rückt immer weiter in den Fokus der medizinischen Forschung. Insbesondere auch bei neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose. Hier mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass das Mikrobiom des Darms einen erheblichen Einfluss auf die Krankheitsentstehung und den weiteren Verlauf nehmen könnte. Dabei unterliegt die Interaktion, die zwischen dem Inhalt des Darms und dem ortsständigen Immunsystem stattfindet, unterschiedlichen Einflussfaktoren. Kaum ein Umweltfaktor hat sich in den letzten Jahrzehnten dabei so sehr gewandelt, wie die Ernährung in den industrialisierten Nationen.

Kurzkettige Fettsäuren als Entzündungsunterdrücker

In einer Studie der Ruhr-Universität Bochum konnte sowohl in der Zellkulturschale als auch im experimentellen Modell gezeigt werden, dass langkettige Fettsäuren wie die Laurinsäure die Entstehung und Vermehrung von entzündlichen Zellen in der Darmwand fördern. Im Gegensatz dazu führen kurzkettige Fettsäuren, allen voran die Propionsäure (oder deren Salz Propionat) zur Entstehung und Verbreitung von regulatorischen Zellen des Immunsystems in der Darmwand. Diese können sowohl überschießende Entzündungsreaktionen als auch autoreaktive Zellen, die körpereigenes Gewebe schädigen, unterdrücken.

Interessanterweise konnten diese Beobachtungen im Tierexperiment nicht gemacht werden, sobald der Darm völlig keimfrei war. Dies spricht für eine direkte Beteiligung des Mikrobioms an der Entfaltung der Fettsäure-Wirkung. Weitere Untersuchungen zeigen, dass die Effekte der Fettsäuren weniger auf die einzelnen Keime des Mikrobioms zurückzuführen sind, sondern eher über Stoffwechselprodukte der Bakterien vermittelt werden.

Stärkung der regulatorischen Komponenten

Heute gehen Forscher im Hinblick auf die Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen davon aus, dass sie auf ein Ungleichgewicht zwischen den regulatorischen und den autoimmun-entzündlichen Immunmechanismen zurückzuführen sind. Die überwiegende Mehrheit zugelassener Therapien für diese Indikationen zielt auf eine Schwächung beziehungsweise Blockierung der pro-entzündlichen Komponente des Immunsystems ab. Eine Stärkung der regulatorischen Komponenten, zum Beispiel mittels Propionat als Zusatz zu den etablierten Medikamenten, könnte eine bessere Therapie bedeuten. Die gewonnenen Erkenntnisse wollen die Forscher in Bochum und Erlangen nun nutzen, um innovative diätetische add-on Therapien zu den bekannten Immuntherapeutika zu entwickeln.

Originalpublikation:

Dietary fatty acids directly impact central nervous system autoimmunity via the small intestine.
Aiden Haghikia et al.; Immunity, doi: 10.1016/j.immuni.2015.09.007; 2015

85 Wertungen (4.12 ø)

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6 Kommentare:

Dr. nat. med. Anna Pomikalko
Dr. nat. med. Anna Pomikalko

Laurinsäure (Dodecansäure) gehört mit 12 C-Atomen zu den mittelkettigen (gesättigten) Fettsäuren

kurzkettige Fettsäuren: 4 bis 6 C-Atome
mittelkettige Fettsäuren = MTC: 8 bis 12 C-Atome
langkettige Fettsäuren = LCT: 14 bis 24 C-Atomen

Laurinsäure kann vom Darm direkt aufgenommen werden, braucht keine Pankreas-Lipasen. Deswegen ist Laurinsäure (zB aus Kokosöl) auch in Spezialnahrung enthalten: für Frühchen oder bei Mukoviszidose.

Laurinsäure soll im Darm gegen behüllte Bakterien wirken, diese zerstören -> das könnte auch eine Erhöhung von T-Helferzellen bewirken -> und dann ggf eine T-Zell-vermittelte Entzündungsreaktion hervorrufen. Ob dieser Vorgang dann die MS unterhält scheint fragwürdig: dann müßten alle Polynesier an MS erkrankt sein, die viel Kokosnuß essen (enthält etwa 48% Laurinsäure). Das Gegenteil ist der Fall.

Darmbakterien bilden Propionsäure -> diese hemmt im Darm in Verbindung mit Kohlenstoff-Quellen (zB Glukose) das Wachstum von Pilzen (wikipedia) -> das Mikrobiom der Mäuse wurde nicht auf Pilze untersucht.

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Gast
Gast

Wahrscheinlich lässt sich die Wahrheit langsam nicht mehr verheimlichen, dass man endlich mit so unglaublichen Erkenntnissen herausrückt! Naturheilkundige wissen das komischerweise mal wieder viel länger. Für wen wirtschaftet diese Medizin eigentlich? Das wäre nie möglich, wenn sich eine Gemeinschaftskasse wie die Krankenkasse nicht so leicht plündern liesse. Es ist wie so oft anfangs mal ein gutes Anliegen gewesen, dass inzwischen zum Ausbeutungsprinzip degradiert wurde.

#5 |
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Gast
Gast

Dann sollte diese Erkenntnius, auch wenn sie nicht ganz so neu ist, nun auch allen betroffenen Patienten ans Herz gelegt werden. Nahrungsmittelempfehlungen und mögliche Nahrungsmittelzusätze mit Mengenangaben wären hilfreich.

#4 |
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Heilpraktiker

@Dr. Kohlmann:
… nicht erst jetzt sind die Zusammenhänge zwischen einer intakten Darmflora und einem ausgewogen funktionierenden Immunsystem bekannt – in der Naturheilkunde und bei den an diesem Ort so gern geschmähten Heilpraktikern ist das ein uralter Hut. Wenn es sie interessiert, gibt es beim Labor Enterosan (einfach googeln) ein informatives und sehr verständlich verfasstes Buch zu beziehen, das diese Zusammenhänge auf wissenschaftlicher Basis beschreibt.

#3 |
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Gast
Gast

Ausgerechnet Propionat!

Stinkekäse und alte Socken!

Wenn es denn hilft.

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Interessanter Befund…kaum zu glauben, dass die Wirksamkeit einer solch einfachen und wohlfeilen Verbindung in diesem Zusammenhang erst jetzt entdeckt wird.

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