Neurologische Zukunft: Überfüllte Überholspur

22. Oktober 2015
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Eine noch unveröffentlichte Studie der DGN zeigt, dass Neurologen bis zu dreieinhalb Mal so viele Patienten behandeln wie statistisch registriert. Zudem tauchen Schlaganfälle in der üblichen Einteilung nach Fachdisziplinen nicht unter dem Stichwort „Erkrankungen des Nervensystems“ auf.

„Neurologen schuften sozusagen unter Tage, aber über Tage werden sie zu wenig wahrgenommen“, sagte Professor Ralf Gold, Direktor des Neurologischen Universitätsklinikums Bochum und erster Vorsitzender der DGN. „Dabei ist die Neurologie die derzeit am schnellsten wachsende medizinische Disziplin“, so Ralf Gold weiter.

Neurologie auf der Überholspur

Mit über sechs Prozent wuchs die Neurologie im Jahr 2014 am stärksten unter allen medizinischen Fächern. Die Bundesärztekammer registrierte Ende 2014 erstmals mehr als 6.000 Neurologen, genau: 6095. 27 Prozent davon sind im niedergelassenen Sektor tätig, 68 Prozent in Kliniken, die übrigen in anderen Bereichen. Die Neurologie hat damit nun die Urologie (5.635 Fachärzte), die Dermatologie (5.652) und die HNO‐Heilkunde (6.083) überholt. Die Anzahl der Neurologen hat sich in etwa 20 Jahren verfünffacht (1993: 1.270). Auch der Nachwuchs wächst – laut Bundesärztekammer – stark an: Erstmals wurden in einem Jahr mehr als 500 neue Fachärzte für Neurologie zugelassen, darunter 60 Prozent Frauen.

Die Statistik kann trügen

In Kapitel G des ICD‐10 zu „Erkrankungen des Nervensystems“ sind lediglich 385 neurologische Diagnosen verzeichnet. In Wirklichkeit behandelten Neurologen aber doppelt so viele, nämlich 734, wie eine aktuelle Analyse von der Universitätsklinik in Marburg unter Leitung von Professor Richard Dodel (Neurologie) und Privatdozent Jens‐Peter Reese (Sozialmedizin) im Auftrag der DGN jetzt zeige.

An weiteren 280 Diagnosen sind Neurologen häufig beteiligt. Das könne möglicherweise Statistiken verzerren: Während nach Kapitel G jährlich gerade einmal 0,75 Millionen sogenannte Krankenhausentlass‐Diagnosen unter „Erkrankungen des Nervensystems“ gezählt würden, seien es bei Einschluss aller ICD‐Kapitel bis zu 2,8 Millionen. Bei der Todesfälle‐Statistik ergebe sich eine noch drastischere Verschiebung: Laut ICD‐10 Kapitel G sind es jährlich 23.766 Todesfälle – angepasst sind es hingegen bis zu 130.400. Würden allein die Gefäßkrankheiten wie Schlaganfälle, die überwiegend von Neurologen behandelt werden, berücksichtigt, erhöhten sich auch die neurologischen Krankheitskosten in Deutschland von ca. 10,5 auf 18,3 Milliarden Euro.

„Hamsterradeffekt“: weniger Geld, weniger Versorgung

Regelmäßig führt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie eine Strukturdatenumfrage in neurologischen Kliniken durch: Demnach stieg die Anzahl der Fälle neurologischer Patienten um zehn Prozent zwischen 2009 und 2013. Gleichzeitig sank die Verweildauer im Krankenhaus auf zuletzt 6,5 Tage pro Fall – das ist um 13 Prozent kürzer als noch 2007. Im selben Zeitraum ging der Erlös pro Fall leicht, aber stetig zurück. „Hier handelt es sich um einen Hamsterradeffekt“, so Gold. Weil sich die zukünftigen Fallpauschalen an den aus der Not geborenen sinkenden Kosten orientierten, gebe es bei der nächsten Fallpauschalen‐Berechnung wieder weniger Geld pro Fall. „Sinkende Behandlungskosten durch Rationalisierungen führen damit auf Dauer zu deutlichen Risiken in der Versorgungsqualität“, warnt Professor Ralf Gold.

„Trotz steigender Facharztzahlen muss das Wachstum der Neurologie noch dynamischer werden, damit wir die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten können“, fordert Gold. Laut Strukturdatenerhebung der DGN war in 81 Prozent der 222 befragten neurologischen Kliniken der ischämische Schlaganfall die häufigste Diagnose. Dazu kommen weitere Altersleiden, zum Beispiel viele Fälle von Schwindelsyndromen und chronischen Schmerzen im Alter. „Die Neurologie ist schon heute eine der tragenden Säulen in der Altersmedizin: Zwei Drittel aller Diagnosen haben mit dem Kopf zu tun, sind neurologisch oder psychiatrisch“, so Gold.

Neue Aufgaben für die Neurologie

Die Neurologie ist zudem seit dem 6. Juli 2015 mit einer weiteren Aufgabe in die Verantwortung genommen: Seitdem sieht die neue Richtlinie zur Hirntoddiagnostik vor, dass einer der beiden unabhängig voneinander diagnostizierenden Ärzte, die den Hirntod feststellen, ein Facharzt entweder für Neurologie oder für Neurochirurgie sein muss. In einem weiteren Bereich werde die Neurologie, so die DGN, in Zukunft deutlich stärker gebraucht werden: der Palliativmedizin. Patienten, die nicht mehr heilbar sind und sich in ihren letzten Lebensmonaten befinden, können Neurologen die Zeit bis zum Lebensende erleichtern – ein Bereich, in dem die Neurologie noch unterrepräsentiert ist und aus schierem Personalmangel deutlich weniger erreicht als möglich wäre. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin arbeiten aus diesem Grund an einem gemeinsamen Plan, um diese Situation zu verbessern.

Originalpublikationen:

Ergebnisse der 11. Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zur Struktur der neurologischen Kliniken der Akutversorgung
M. Schroeter et al.; Aktuelle Neurologie, doi: 10.1055/s-0034-1387579; 2015

Die Bedeutung neurologischer Erkrankungen in Deutschland. Welchen Einfluss haben unterschiedliche Krankheitseinteilungen mittels ICD‐10 auf die Darstellung der Krankheitslast? Ein Bericht für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie
J. P. Reese et al.; 2015, noch unveröffentlicht

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Medizin, Neurologie

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