Bei Kippe Kündigung

24. August 2011
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Für Raucher droht eine neue Gefahr: zusätzlich zu ihrer Gesundheit können sie in den USA nun auch ihre Arbeitsstelle mit ihrem Laster gefährden. Sollte man als Medizinstudent schonmal die Gewohnheiten ändern, falls deutsche Kliniken es gleichtun?

Mein anstrengender Arbeitstag als Famulant neigt sich seinem Ende. Ich stehe vor der Klinik, hole tief Luft und rauche eine Zigarette. Ich freue mich, endlich den heutigen Krankenhausstress hinter mir zu lassen. Wieder einmal gefühlten hundert Patienten Blut abgenommen. Wieder einmal beim Visiten-Verhör nur die Hälfte der Antworten gewusst. Wieder einmal alle Schwestern genervt. Schön einfach nur einmal abzuschalten.

Meine Ruhe wird unterbrochen. Vor mir steht der wütende Stationsarzt und wirft mir aus 20 Zentimeter Abstand an den Kopf: „Wie können Sie rauchen? In Amerika hätte man Sie längst rausgeworfen!“ Perplex sehe ich nur noch, wie er kopfschüttelnd in sein Auto steigt und davon fährt. Damit endet meine Ruhe. Ich nehme mein Fahrrad und fahre mit seinen Worten im Kopf nach Hause.

Raucherverbot in den USA

Große Firmen wie Alaska Airlines, Union Pacific oder Turner Broadcasting hatten in den USA lange Zeit Regelungen, dass nur Nichtraucher eingestellt werden durften. Dies änderte sich vor 20 Jahrzehnten jedoch schlagartig, als 29 Staaten und der District of Columbia Gesetze verabschiedeten, dass diese Diskriminierung von Rauchern ein Ende haben muss. Einige dieser Staaten, wie Missouri, haben sich jedoch eine kleine, aber entscheidende Ausnahme erlaubt: bei Gesundheitsorganisationen bleibt die Regelung bestehen.

Lange Zeit war das Gesetz in Vergessenheit geraten, bis vor einigen Jahren die Frustration der Arbeitgeber Oberhand gewann. Nachdem das rauchfreie Firmengelände, angebotene Raucherstopp-Programme und steigende Kosten für Raucher nicht Anreiz genug waren, das Rauchen aufzugeben, gehen verschiedene Krankenhäuser nun einen neuen bzw. den alten Weg: Die Zigarette wird behandelt wie eine illegale Droge. Nikotinpflaster werden verboten. Mit Urintests auf Nikotin werden die Mitarbeiter kontrolliert – und bei Abusus gekündigt.

Bei Zigarette Kündigung

Während die Regeln bei viele Kliniken nur für neue Angestellte gelten, haben einige diese auch für bestehende Mitarbeiter geltend gemacht und diesen gekündigt. Das Truman Medical Center in Kansas City, kann davon eine wahre Erfolgsgeschichte berichten: „In einem aktuellen Fall kam ein Mitarbeiter von der Mittagspause zurück und roch nach Rauch. Schließlich hat er zugegeben, dass er geraucht hat.“ berichtet stolz Marcos DeLeon, Leiter der Personalverwaltung. Dem Mitarbeiter wurde – selbstverständlich – sofort gekündigt.

Allein letztes Jahr haben Kliniken in Florida, Georgia, Massachusetts, Missouri, Ohio, Pennsylvania, Tennessee und Texas ähnliche Regeln durchgesetzt, und weitere ziehen es ernsthaft in Betracht. Die Aussage von Paul Terpeluk, Direktor der Cleveland Klinik, welcher die Regelung seit 2007 einsetzt und verfechtet, klingt fast wie eine Warnung: „Die Trendlinie ist schon ziemlich steil, und ich würde vermuten, dass man in den nächsten Jahren sehen kann, dass viele große Krankenhäuser diesem Weg folgen.“

3391$ Zusatzkosten pro Raucher pro Jahr

Der Großteil der Gesundheitsunternehmen rechtfertigt diesen Schritt damit, dass dadurch sowohl das Wohlbefinden der Mitarbeiter gefördert, als auch die Gesundheitskosten reduziert werden. 1 von 5 Amerikanern raucht immer noch, und Rauchen bleibt der Hauptgrund für vermeidbaren Tod. Raucher kosten viel: Laut Bundesschätzungen kostet ein Raucher pro Jahr durchschnittlich 3391$ mehr als ein Nicht-Raucher, verursacht durch höhere Gesundheitskosten und verlorene Produktivität.

„Wir haben das Gefühl, dass das nicht fair für Mitarbeiter mit gesundem Lebensstil ist, da diese die Raucher unterstützen und ihre Kosten mittragen.“ denkt Steven C. Bjelich, Hauptvorstand des St. Francis Medical Center in Cape Girardeau, Missouri, der das Raucherverbot Anfang diesen Jahres eingeführt hat. „Das ist es, was im Wesentlichen passiert.“

Dumme Entscheidung. Persönliche Entscheidung.

Bedenken wird durch das National Workrights Institute (eine Bürgerrechtsorganisation in den Vereinigten Staaten) geäußert, dass solche Regelungen schnell zum Dammbruch werden können: Wenn erst einmal erfolgreich gezeigt wurde, dass dadurch Gesundheitskosten gesenkt werden können, werden die Arbeitgeber ermutigt andere Verhaltensweisen ihrer Arbeiter zu verändern: Alkohol trinken, Fastfood essen, gefährliche Hobbys wie Motorrad fahren – alles Geschichte. Der Direktor der Cleveland Clinic, kündigte bereits vor 2 Jahren an: Falls es nicht illegal wäre, würde er übergewichtigen Menschen kündigen.

„Rauchen ist nichts Besonderes.“ so Lewis Maltby, Präsident des Workrights Insitute, der seit Jahren entschieden gegen solche Vorgehensweisen kämpft. „Auch vieles Anderes, was wir in unserer Freizeit machen, hat einen negativen Einfluss auf unsere Gesundheit. Falls es nicht Rauchen ist, ist es Bier. Falls es nicht Bier ist, sind es Cheeseburger. Und wie sieht es mit Ihrem Sexleben aus?“

Auch die Studentin Carroll (University of Kansas), 26 Jahre, lebt „rebellisch“. Obwohl beide ihrer Eltern an raucherassoziierten Erkrankungen gestorben sind, raucht sie. „Es ist eine dumme Entscheidung“ sagt sie, und nach einer langen Pause fügt sie hinzu: „aber es ist eine persönliche Entscheidung.“

Ob das nun auch in Deutschland droht? Darf ich etwa nach meinem Studium nicht mehr rauchen? Oder sollte ich besser schon jetzt während meines Studiums meine Freiheit aufgeben? Unabhängig davon, ob ich später noch rauche oder nicht, ist dies für mich ein Grund, mich berufspolitisch (z.B. im Marburger Bund oder Hartmannbund) zu engagieren, um solche Entwicklungen zu verhindern. Wie sich die Situation in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird, hängt davon ab, was wir aus ihr machen.

Mit der Überzeugung, dass das totale Raucherverbot nie in Deutschland ankommt, sondern bestenfalls als Diskussionsanreger dient, sitze ich auf meinem Balkon. Ich bin wieder ruhig. Die Zigaretten liegen neben mir.

Anmerkung des Autors: Rauchen schadet Ihrer Gesundheit.

79 Wertungen (3.63 ø)
Allgemein

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6 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Ich glaube zwar auch, dass ein Rauchverbot – total oder für Mediziner – noch weit entfernt ist, muss aber zugeben dass mir die Vorstellung gefällt. :)
Bis dahin kann man nur hoffen dass alle in der Medizin beschäftigten ihre Vorbildfunktion bedenken.
Mir sind in Famulaturen schon viele Ärzte durch ihren Rauchgeruch SEHR negativ aufgefallen und so gut wie keiner durch Parfüm-oder gar Knoblauchwolken. Als Patient wäre ich entsetzt gewesen und als Studentin schäme ich mich schon ein bisschen dafür.

#6 |
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Jeder hat das Recht sich auf seine eigene Art und Weise zu töten.
– Aber nicht andere…….

#5 |
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Angestellter Apotheker

Ok…wenn die Konzerne und Firmen erstmal auf den Sinn kommen, daß der Arbeitnehmer sich verpflichtet alles zum Erhalt seiner vollen Arbeitskraft zu leisten, dann können wir alle getrost all unsere Freitaktivitäten und Ernährungsplan vom Arbeitgeber absegnen lassen, und Kündigungsgründe gibt es dann zuhauf.

Erst sind es die Raucher, dann die gerne einen Trinken. Später die Übergewichtigen, die Extremsportler.

Dann kommen die Sportverweigerer und Obsthasser.
Zu guter letzt die Nicht-vor-zwölf-ins-Bettgeher.

Was den Geruch angeht, so ist Knoblauch auch kein Rosenduft, und so manche Frau trägt so viel Parfum auf, dass es für eine halbe Stadt reicht. An das Allergiepotenzial mag ich gar nicht denken.

Was die Extrapausen für Raucher angeht, so ist dies natürlich nicht richtig und muß definitiv von der Arbeitszeit (oder Pausenzeit) abgezogen werden, sofern solche kleinen Pausen überhaupt machbar sind. Aber Rauchen per se als Kündigungsgrund?

#4 |
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Udo Janus
Udo Janus

Privat ärgere ich mich als Nichtraucher über unzählige Kippen im Freien auf dem Boden, über glühende Aschepartikel, die in meine Augen geweht werden, über den dichten Randwall aus aktiven Rauchern vor Klinikeingängen, die mich zum Passivraucher machen, über Raucherzonen, die von Nichtraucherzonen nicht luftdicht getrennt sind und über arrogante Raucher, die mir gegenüber nicht den Hauch eines schlechten Gewissens haben, nachdem sie ihre “persönliche Entscheidung” pro Zigarette getroffen haben.

Als Kollege ärgere ich mich über nicht wenige Krankenschwestern und -pfleger, die zusätzlich zu ihren offiziellen Pausen ganz selbstverständlich unzählige (bezahlte) Rauchpausen machen und hierzu – ohne sich abzumelden – ihren Arbeitsplatz verlassen. Viel Zeit zum Arbeiten bleibt da nicht übrig; man nennt das “Pflegenotstand” und beschönigt die gerade unter der jüngeren Generation der “Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen” anzutreffende Arbeitsverweigerungshaltung mit “Emanzipation des Pflegedienstes”.

Als Arzt zwinge ich mich, großzügig zu sein: Wo wären wir Ärzte ohne die Raucher? Die gesamte Gefäßchirurgie lebt praktisch von ihnen und auch viele andere Fachabteilungen (man denke an Onkologie, COPD, . . .) hätten ohne Raucher weniger Patienten. Bei der Betrachtung der Sozialversicherungsausgaben sollten wir nicht vergessen: Die Mehrkosten der Krankenversicherungen werden durch die verringerte Lebenserwartung und die damit verringerte Rentenbezugszeit wahrscheinlich kompensiert.

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Johannes Maylahn
Johannes Maylahn

Natürlich hat jeder Mensch das Recht seiner Gesundheit auf die eine oder andere Weise zu schaden. Aber er schadet damit, so er es denn bewusst tut, auch bewusst dem Gesundheitssystem und seinen Mitmenschen. Ich finde es abartig, wenn ich als Student vor der Klinik erstmal durch eine Horde rauchender Menschen (meist zu gleichen Teilen Personal und Patienten) gehen muss. Was müssen nichtrauchende Patienten von dieser Klinik halten?
Was werden rauchende Patienten denken, wenn Sie im Rahmen ihrer Therapie den Tabakkonsum einschränken sollen, den behandelnden Arzt anschließend rauchend vor der Tür treffen?
Im Rahmen einer konsequenten und effektiven Therapie, die wir unseren Patienten angedeien lassen, müssen wir auch Konsequenzen für unser eigenes Leben ziehen. Als Arzt (auch als angehender) stellen wir etwas dar, wir sind Vorbild, das sollte uns immer bewusst sein. Wer unbedingt rauchen muss, der sollte dies in seinem privaten Umfeld tun. Da kann jeder machen was er will.
Am Arbeitsplatz halte ich ein absolutes Rauchverbot, das bei Missachtung auch entsprechend geahndet wird (Abmahnung/Kündigung), für längst überfällig. Im übrigen hoffe ich nicht, dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem sich der Marburger Bund oder der Hartmannbund dazu aufschwingen, sich für das Recht auf Rauchen in der Klinik einzusetzen. Dann werde ich meine Mitgliedschaft jedenfalls ablegen.

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Student

Ich persönlich habe mit dem Rauchen vor 7 Monaten aufgehört, aber Kippe=Kündigung ist wohl auch etwas “spitz” formuliert… ;-)
Jeder Raucher raucht ja schließlich aus eigener “Überzeugung”. Dies zu verbieten, hieße, in die Persönlichkeitsrechte des Menschen einzugreifen. Nichtsdestotrotz bin ich für ein Rauchverbot, welches einen Arbeitsplatz zunächst als “Nichtraucherzone” deklariert. Wer aber rauchen will, kann dies ja in einer Raucherkabine/Raucherpilz tun. Dort stört es keinen und jeder kann frei entscheiden, ob er sich dort aufhalten möchte.

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