Sind Ärztinnen die besseren Ärzte?

26. August 2011
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Frauen sind anders, Männer auch. Keine neue Erkenntnis? Doch, denn auch im weißen Kittel offenbaren sich Gegensätze: Ärztinnen und Ärzte therapieren durchaus verschieden. Und das je nachdem, ob eine Patientin oder ein Patient vor ihnen steht.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Alles Schnee von gestern, aus der finsteren Zeit des männlichen Chauvinismus? Eine wissenschaftliche Antwort darauf gab die Psychologin Janet S. Hyde von der University of Wisconsin, Madison, USA. Sie nahm 46 Metaanalysen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden unter die Lupe, die sie in der Fachliteratur der letzten 20 Jahren fand. Wichtige Parameter waren kognitive Fähigkeiten, die verbale und nonverbale Kommunikation, Selbstbewusstsein, die Bereitschaft zu Aggression, der Führungsstil, das eigene Selbstwertgefühl, motorische Fähigkeiten oder Moralvorstellungen.

Unterschiede fanden die Forscher keine, unter der Voraussetzung, dass Zugang zu gleichwertigen Bildungsangeboten bestand. So einfach ist es aber nicht: „Sie“ und „Er“ unterscheiden sich generell etwa bei der Risikobereitschaft, so eine Erkenntnis des Männergesundheitsberichts. Diese Studie der Stiftung Männergesundheit und der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V. ging Details zu „seinen“ Lebensweisen und „seiner“ Gesundheitsversorgung auf den Grund. Und mit sozialem Stress bzw. beruflicher Überforderung kann „er“ immer noch weitaus schlechter umgehen. Ignorieren lassen sich solche Daten auch für Kolleginnen und Kollegen in Praxis und Klinik nicht.

Sein Rezept – ihr Rezept

Unterschiede hinsichtlich der medizinischen Betreuung hat Professor Dr. Toine Largo-Janssen vom Radboud University Nijmengen Medical Center, Holland, aufgespürt. Das betrifft neben der Kommunikation auch Diagnostik und Therapie – Differenzen fanden sich hinsichtlich der Anwendung zusätzlicher Tests. Vor allem wurden Prostata– oder vaginale Untersuchungen seltener bei Patienten des anderen Geschlechts durchgeführt. Außerdem verschreiben männliche Ärzte häufiger Medikamente. Insbesondere verordnen sie mehr Sedativa gerade an Patientinnen. Damit sei die berufliche Rolle des Arztes nicht geschlechtsneutral, so Lagro-Janssen.

Das gilt auch für Deutschland: In ihrem „Gesundheitsreport 2011“ hat die Techniker Krankenkasse jetzt untersucht, wie viele Rezepte Patientinnen bzw. Patienten verordnet bekommen haben. Die Gesundheitsökonomen werteten dazu Informationen von 3,5 Millionen Versicherten aus – ein repräsentativer Datensatz. Sie fanden, dass Frauen weitaus häufiger mit einem Rezept die Praxis verließen (70 Prozent) als Männer (50 Prozent). Die Herren erhielten dabei häufiger Blutdrucksenker und Antibiotika, Frauen hingegen bekamen öfter Antiinfektiva sowie Antidepressiva. Kollegen sehen hier aber nicht nur medizinische Gründe – vor allem im psychiatrischen Bereich erfolgen Verordnungen offensichtlich nicht immer geschlechtsneutral.

Seine Depression – ihre Depression

Das deckt sich auch mit Erkenntnissen der University of Western Australia: Depressionen bleiben bei männlichen Patienten im Vergleich zu Frauen weitaus häufiger unentdeckt. Die meisten der Befragten (64 Prozent) berichteten, dass eine entsprechende Diagnose bei Männern schwieriger sei als bei Frauen, und zwar 73 Prozent der Hausärztinnen verglichen mit 58 Prozent der Hausärzte. Als Grund gaben die Autoren vor allem Probleme in der Kommunikation an. Ein effizienter Austausch sei eben von entscheidender Bedeutung in der Arzt-Patient-Beziehung. Und Ärztinnen könnten nur unter großen Mühen mit männlichen Patienten Fragen auf emotionaler Ebene erörtern. Erschwerend kommt noch hinzu, dass depressive Symptome vom vermeintlich „starken Geschlecht“ weniger deutlich artikuliert werden. An Fähigkeiten und Erfahrungen der Kolleginnen hingegen läge es nicht, so die Arbeitsgruppe.

Forscher der University of New South Wales, Australien, führen das Phänomen speziell auf Schwierigkeiten bei der Interpretation der Art und Weise, mit der Männer emotionalen Stress ausdrücken, zurück. Dazu gehörten auch Aggression, selbstverletzendes Verhalten oder Drogen-und Alkoholmissbrauch. Die „Maske der Gefühle“ mache es eben schwierig, den Kern der Depression zu identifizieren. Deshalb fordern auch die Autoren des Männergesundheitsberichts, Prävention und medizinische Versorgung müssten besser an den Bedürfnissen der beiden Geschlechter angepasst werden, vor allem bei psychischen Erkrankungen.

Leitlinien – nicht für jedermann

Auch bei chronischen Erkrankungen zeigen sich Unterschiede zwischen Kolleginnen und Kollegen, speziell bei der Umsetzung evidenzbasierter Behandlungsmethoden. Bisher gab es dazu eher spärliche Daten – Grund genug für die Forschergruppe um Maria Pia Fantini von der Uni Bologna zu untersuchen, welchen Einfluss Geschlecht und Alter der Ärzte haben. Deutliche Unterschiede zeigten sich vor allem beim Diabetes-Management: Jüngere Kolleginnen und Kollegen generell und Ärztinnen speziell erreichten weitaus bessere Ergebnisse bei der Behandlung dieser Krankheit, auch hinsichtlich der Therapietreue. Sie orientierten sich dabei stark an Empfehlungen der Leitlinien. Ähnliche Ergebnisse erhielt Fantini für Herzerkrankungen. Bemerkenswert: In beiden Fällen hatte das Geschlecht der Ärzte unter allen erfassten Parametern den stärksten Einfluss. Vor allem Hausärztinnen scheinen besonders aufmerksam auf die Behandlung von Menschen mit chronischen Erkrankungen zu achten. Sie führen weitaus mehr Labortests durch als männliche Kollegen, beraten intensiver und achten auf ein gutes Verhältnis zu chronisch Kranken.

Das deckt sich mit der Patientensicht. In einem relativ simplen Test ließen britische Psychologen über 300 Patienten Bilder von Ärzten bewerten. Besonders gut schnitten – keine Überraschung – junge Mediziner bzw. Frauen ab. Die Probanden beiderlei Geschlechts führten vor allem die persönlichere Art, bessere technische Fähigkeiten, bessere Erklärung medizinischer Termini an. Auch hätten sie eher Vertrauen in Diagnosen und Ratschläge. Ein bemerkenswertes Experiment, lernten die Testpersonen „ihre“ Ärzte nie persönlich kennen, sondern sahen sie nur auf Abbildungen. Diese Resultate sind mittlerweile in der Ausbildung angehender Ärzte angekommen. Simulierte Patientengespräche sollen helfen, angehende Mediziner stärker als bisher im Umgang mit dem jeweils anderen Geschlecht zu trainieren.

Arzneimittelberatung – geschlechtsneutral?

Die Thematik betrifft nicht nur Ärzte. Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer sowie der Landesapothekerkammer Hessen, vermutet, Frauen hätten hier ebenfalls eine gute Intuition und eine hohe Sozialkompetenz: „Ich könnte mir vorstellen, dass daher auch Apothekerinnen besser mit Non-Compliance umgehen können als ihre männlichen Kollegen mit ihrem oft eher autoritären Stil.“ Daten gibt es dazu noch nicht – „Das wäre doch vielleicht mal eine Studie wert“, sagt Fink.

126 Wertungen (3.88 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

zu Nr 5,
hallo Peter, zu deiner merkwürdigen Frage:
Nein, kein Frauenhass, voll daneben,
das Gegenteil trifft zu, ist mir sogar schon vorgeworfen worden :-)

Dir fehlt offensichtlich die Fähigkeit unpersönlich zu argumentieren.
Ich finde es “kindisch” Geschlechtsunterschiede, die es Gott sei Dank nun mal gibt, mit besser und schlechter zu bewerten.
Und ich bleibe dabei,
dass die Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter cum grano salis KEIN Qualitätsmerkmal für den ärztlichen Beruf darstellt.
Ebenso wenig, wie ich Frauen für die besseren Lehrer(innen) für die Schulen halte :-)
Trotzdem kann man Frauen lieben,
zufrieden?

#11 |
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Rettungsassistent

Die Hälfte der Kommentare ist polemisch.
Niemand kann ernsthaft bestreiten, das Männer und Frauen unterschiedlich ticken. Dass daraus auch mal unterschiedliche Vorgehensweisen resultieren, überrascht mich nicht.
Leider wird nur beim Thema Diabetes erwähnt, dass die Leitliniengerechte Behandlung auch einen besseren Gesundheitszustand zur Folge hat. Bei allen anderen Themen werden nur Unterschiede in der Behandlung aufgezählt, ohne darauf einzugehen, welchen Patienten es dabei besser geht.
Insofern wissen wir eigentlich nur, Männer und Frauen sind unterschiedlich (was eine Überraschung), was wir dem Artikel (entgegen der Meinung des Autors) nicht entnehmen könne´n, ist, welche Vorgehensweise besser ist und ob es generell überhaupt ein besser gibt (was ich bezweifel).

#10 |
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Studien machen und sie eher richtig beurteilen sind erfahrungsgemäß 2 Seiten !
In 35jähriger Arzttätigkeit in etwa 50 Kliniken , dvon 2 ausländischen ( Assistenzarzt, Oberarzt , Chefrarzt ) , kann ich einiges nicht bestätigen :
Kolleginnen können n.m. A. mit Streß deutlich schlechter umgehen als Männer ! Dafür sprechen auch die vielen Krankschreibungen , die wir Kollegen dann als Zusatzarbeit “abwettern ” mußten !
Hierbei spielen eben gerade die Deptressionen der Frau und ihre Hormonabhängigkeit eine große Rolle !
Daß es auch einige Kollegen gibt , die lat. dkepressiv sind und dies mit Sucht kompensieren , halte ich für zutreffend .
Was der Autor eben n. m. A. falsch interpretiert , ist die großenteils tatsächlich andere Behandlungs- und Empahtieart der Frauen :
Kolleginnen sind ( unabhänngig von Qualifikation ! ) unfreier und unkritischer in der Haltung und Interpretation der oft zu schulmed. Leitlinien ! Männer wittern oft eher manchen Unsinn , der einem da scheuklappenmäßig aufgezwungen werden soll ! Auf sog. Chroniker fallen Kolleginnen deshalb eher herein , weil sie empathisch eben nicht die oft notwendigten Lebenstiländerungen einfordern wollen !
Die angebl. ” bessere ” Einstellung von Diabetikern ist oft vordergründig ! Letztlich kann dann der Patient eben mehr existetiell oder durch NW gefährdet werden !

#9 |
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Dr. med. Hannes Rietzsch
Dr. med. Hannes Rietzsch

Die Frage in dem Titel des Artikels bleibt unbeantwortet. Die ganze Argumentation ist sehr konstruiert. Natürlich gibt es geschlechtsassoziierte Erkrankungen und auch Herangehensweisen sowohl seitens der Patientinnen und Patienten so auch Ärztinnen und Ärzten.
“Immer dass was man selbst erleiden könnte, ist bei dem andern auch nicht ganz so schlimm”
Und wollen die Antwort unsere Patienten und wir wirklich erfahren?
Das Arzt – Patienten Verhältnis ist ein Vetrauensverhaltnis. Die medizinische Qualifikation ist die Grundlage für professionelles Handeln und durchaus objektiv und mit abderen Mitteln messbar.

#8 |
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Wolfram Berg-Holldack
Wolfram Berg-Holldack

Hi
Das Rad wird immer wieder neu erfunden ohne das es jemanden schert.
Oder anders gesagt wir treiben wieder mal die Säue durchs Dorf ?
Wenn Sie die Frage aber wissenschaftlich betrachten wollen -dann bleibt Ihnen aber nicht anderes übrig den größten Feldversuch der zwangsweisen weiblichen Dominanz in der Medizin zu analysieren.
So geschehen in der damaligen Sowjetunion im 2.Weltkrieg begonnen und konsequent bis heute ? fortgesetzt.
Freuen wir uns lieber über unsere erfreuliche Konsistenz seit 10 T Jahren trotz des so reizvollen Unterschiedes ganz passabel überlebt zu haben

#7 |
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Angelika Bräunlein
Angelika Bräunlein

Sehr geehrter Herr Dr. Kauer
Leider wurden ähnliche Wünsche bisher nicht erhört.
Aber man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben…

#6 |
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Q Dr. Kauer: Ganz recht, Herr Kollege, sehe ich auch so. Frauen sind sicherlich die angenehmeren Ärzte – aber statistisch die besseren??
Und überhaupt: ich bin ziemlich skeptisch bezüglich der Bewertung von Ärzten (oder anderen Menschen): wer bewertet die Sujektivität der Bewerter?!

#5 |
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Ok. Men and women are different. That’s all. The rest of the article is interesting but I cannot accept that (with exception of depression that seems to be logic and supported with data) women physicians must be shown as “better” than men. No real reason for complaining about that (I am just a man xD!).
That there are differences in large studies is to be expected, even obvious in case of depression. Already said Dr. Bayerl.
However the article presents some data of female doctors as “positive” vs. male ones and this is not fully correct. They could be correct but not conclusively.
That women prescribe more drugs could be (let’s be politically not correct and just as non real example) due to more empathy with patients and the relief that a patient has when getting a prescription. Anders gesagt, perhaps women over-prescribe not needed medicines. (The study does not address if such higher prescription made any sense or even if it increases the secondary effects in senseless prescriptions).
Regarding the british psycological test is, as usual, lacking any strict scientific control of all variables. I would say that the study is disqualified since a patient is normally happier with an older doctor (more security, more experience) than with a YOUNG nice-looking one. I do not get the comment of obviousness (perhaps because indeed the only criteria is how beautifil was the person in the picture.. add to this that women always recognize better the own’s sex competitors beautifulness).
Regarding chronic illnesess, the same can be commented. An explanation could be that women “are more insecure” (Risikobereitschaft I assume is clearly higher by men) and that is why they ask for more analyses, that indeed may be unnecessary. Or they are more afraid to perform worst than male colleagues and therefore their increased involvement (that does not necessarily mean a better “medical performance”).
Or, that women to overcome the still cultural rejection for women as physicians, put much effort into make the patients happier (but not necessarily healthier).

My point is that even if this article suggest (subrepticiously) that women are better physicians, the data presented do not sufficiently support (not by far) this conclusion. To find out an answer to that (irrelevant) issue would cost millions of euros for correct studies where EVERY parameter is taken in consideration. Not only the brilliant ideas of psycologists on sub-scientific tests.
But an article like this in ELLE or VOGUE, could make a full generation to think that indeed women physicians are “better”.
I think that except some sex-related illnesses, and psychiatry, it is absurd to start childish discussions on an issue that to know the truth behind billions of research would be needed.
PS: I miss the most important criteria: survival rates, recovery rates, costs of treatments vs. success, etc. based on the sex of the physicians. That would be indeed a good index on “who is better” or “in which areas one sex overperforms the other”. And indeed such “review of 20 years” could have “easily” included the indexes I mention. Surely in a study like I suggest there will be sex-differences, but nobody knows which ones or to which extent.
PS.PS. Even if a bone is broken, perhaps women detect them often since they “analyze” more… but perhaps men put gyps more often aowieso (without x-ray) and the final result is the same… Not even a single broken bone means that the therapy is unique. It is not the same to recommend 10 days rest or 15 days rest. Not the same to ask for a visit after one month and x-ray check or not… SO, in that I point to Dr. Bayerl that the point is not if there are sex specific illness, rather if there are pysician-sex-specific treatments.

#4 |
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Geschlechtsunterschiede bei der “subjektiven” Bewertung und der objektiven Schwere von Krankheit sind ja nun wirklich nichts neues.
Dass das auch ein wenig auf Ärzte selbst abfärbt, ist eigentlich nicht überraschend.
Man frage eine Privatversicherung über geschlechtsspezifische “Schadenskalkulation”.

Das gilt aber sicher nicht für jede Erkrankung und sollte den Kern ärztlicher Kunst bitte nicht ideologisieren.
Eine Radiusfraktur benötigt keine “geschlechtsspezifische” Behandlung.
Insbesondere ist eine “Wertung” unangebracht.
Genauso gut könnte man den kindischen Streit anfangen ob Chirurgie oder Medikamente GRUNDSÄTZLICH besser oder schlechter seien.

#3 |
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Altenpfleger

“Herrr wirf Hirn vom Himmel!!!” Lieber Herr Kauer, liebe Frau Basler, lassen Sie doch mal die Studienergebnisse auf sich wirken. Sie müssen ja dann den Schlussfolgerungen von Herrn van den Heuvel nicht folgen oder vielleicht nur in einigen Teilen. Wie auch immer: auch Sie sollten nicht der Versuchung anheimfallen in der Vorurteilsschublade zu kramen. Selber denken hilft! – Meistens.

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Herr wirf Hirn vom Himmel!!!

Gender-mainstream in Reinstform!
Politisch korrekter Zeitgeist und damit per se schon unterste Schublade.

Gnade! Bitte verschont uns!

#1 |
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