Orale Kontrazeption: Saure Drops auf Rezept

27. Oktober 2015
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Junge Frauen erhalten häufig Antibabypillen mit neuen Gestagenen – erhöhtes Thromboserisiko inklusive. Der wahrscheinlichste Grund: Hersteller nutzen Lücken im Heilmittelwerbegesetz, um Patientinnen direkt anzusprechen.

Seit einigen Jahren untersuchen Forscher, inwieweit orale Kontrazeptiva mit neueren Gestagenen das Risiko venöser Thromboembolien (VTE) erhöhen. Mitte 2015 hat Yana Vinogradova, Forscherin an der Division of Primary Care, Nottingham, die bislang hochwertigste Studie veröffentlicht. Als Basis dienten ihr verschiedene Datenbanken mit Zugriff auf elektronische Patientenakten. Vinogradova wertete Berichte von 10.562 Patientinnen mit VTE aus. Als Vergleich zog sie die vierfache Zahl an Probandinnen heran. Auf 10.000 Frauen hochgerechnet, traten pro Jahr unter Desogestrel oder Cyproteronacetat 14 zusätzliche VTE auf – im Vergleich zu sechs zusätzlichen VTE bei Levonorgestrel oder Norgestimat. Grund genug für Behörden, zu reagieren. Seit März 2014 müssen Hersteller einiger Pillen der dritten und vierten Generation auf höhere Thromboserisiken hinweisen. Papier ist aber sehr geduldig.

Fatale Verordnungen

Dazu ein Blick auf die Realität: Wissenschaftler des Forschungszentrum Ungleichheit & Sozialpolitik, Universität Bremen, haben kürzlich Versorgungsdaten der Techniker Krankenkasse analysiert. In ihrem „Pillenreport“ kommen sie zu wenig schmeichelhaften Resultaten. Bis zum 20. Lebensjahr sind orale Kontrazeptiva verordnungs- und erstattungsfähig. Etwa 74 Prozent aller 19-jährigen Frauen erhielten von 2011 bis 2013 mindestens eine Verordnung. Hormonelle Kontrazeptiva der zweiten Generation auf Basis von Levonorgestrel verhüten genauso sicher wie Pillen der dritten und vierten Generation mit Desogestrel oder Drospirenon. Abrechnungsdaten zu Lasten der TK aus den Jahren 2011 bis 2013 zeigen allerdings, dass jungen Frauen vorwiegend neuere Gestagene beziehungsweise Präparate mit höherem oder unklarem VTE-Risiko einnahmen. Zu den meistverkauften oralen Antikontrazeptiva gehören laut „Pillenreport“ Maxim® von Jenapharm mit Dienogest (mehr als zwei Millionen verkaufte Packungen) und Lamuna® von Hexal mit Desogestrel (743.000 Packungen) – beide Präparate enthalten neuere Gestagene. Erst auf dem dritten Platz steht Evaluna® von Madaus mit Levonorgestrel als Gestagen der zweiten Generation (677.000 Packungen). Die Plätze vier und fünf sind wieder fest in der Hand neuerer Gestagene: Velafee® von Velvian/Exeltis (468.000 Packungen) und Belara® von Grünenthal (445.000 Packungen). Beide Präparate enthalten Dienogest. Warum entscheiden sich Ärzte so oft für riskantere orale Kontrazeptiva?

Markt – Macht – Moneten

Als zentralen Grund für dieses Phänomen sehen Autoren des „Pillenreports“ vor allem Marketingstrategien pharmazeutischer Hersteller. „Die Entscheidung für die Pille fällt oftmals bereits im Teenageralter, meist bleiben die Frauen dann über viele Jahre bei dem gleichen Präparat“, lautet eine zentrale Erkenntnis. Grund genug für Firmen, ihre Zielgruppe zu umwerben. Zwar verbietet das Heilmittelwerbegesetz (HWG) in Deutschland, direkt an Kundinnen heranzutreten. Findige Marketingabteilungen haben längst Wege gefunden, diese Einschränkung zu umgehen. Unter www.pille.de heißt es beispielsweise: „Du verhütest jahrelang! Mit der passenden Pille? Jetzt aktiv werden!“ Hinter den Informationen verbirgt sich MSD. Junge Frauen erfahren über Nebenwirkungen: „Alle kombinierten hormonalen Verhütungsmittel (Kontrazeptiva) bewirken eine leichte Zunahme des Risikos für ein Blutgerinnsel (Thrombose)…“. Sie werden nicht auf wissenschaftlich gesicherte Unterschiede diverser Gestagene hingewiesen.

Schöner verhüten

Noch absurder wird die Sache bei www.schoen-sicher.de von Dr. Kade / Besins Pharma. „Du bist schön! Damit du dich auch immer wohl fühlst, haben wir dir die wichtigsten Tipps und Grundlagen rund um die Themen Body, Beauty & Klamotten zusammengestellt“, erfahren junge Leserinnen gleich zu Beginn. Dass es hier primär um Informationen eines Pharmakonzerns geht, lässt sich dem Impressum zwar entnehmen. Wie viele User sich über den jeweiligen Anbieter informieren, ist fraglich. Kein Einzelfall: Jenapharm arbeitet stark mit Social Media. Auf Facebook haben Marketingexperten die Fanpage LiebeSLeben aufgebaut – mit regelmäßigen Hinweisen auf die zugehörige Website www.meine-verhuetung.de. „Es muss hinterfragt werden, ob nicht zwischen Beauty- und Lifestyletipps in Wahrheit ein ungefilterter Informationsfluss der Marketing- und Werbebotschaften der Pharmaindustrie an die Teenager stattfindet“, so Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. „Auch bei den Namen, wie zum Beispiel Yasmin und Yasminelle und den Verpackungen besteht ein großer Unterschied zu anderen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.“

Beratung hilft

„Letztendlich sind hier verantwortungsbewusste Ärztinnen und Ärzte und deren Fachgesellschaften gefordert, in ihren Leitlinien Stellung zu beziehen“, ergänzt Professor Petra Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie. Das ist leichter gesagt als getan: „Als Professorin habe ich Schwierigkeiten, meine jungen Medizinstudentinnen überhaupt für das Thema Pille zu sensibilisieren, weil viele sie selber seit Jahren bedenkenlos nehmen.“ Thürmann vergisst, Apothekerinnen und Apotheker als Arzneimittelexperten stärker einzubinden.

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Forschung, Pharmazie

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5 Kommentare:

Maik Pommer, BfArM
Maik Pommer, BfArM

Weitere Fakten & Empfehlungen auch unter http://www.bfarm.de/kontrazeptiva

#5 |
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Apotheker Dr.med.Manneck
Apotheker Dr.med.Manneck

Sehr geehrter Gast, wie sagt der Volksmund so richtig: Dochte sind keine Lichte, und A…. keine Gesichte.

#4 |
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Gast
Gast

ich dachte bisher der Apotheker verdient an dem Rezept, nicht der Dr.

#3 |
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Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA)

Die Pharmaindustrie ist da gut zu verstehen. Welche Frau wechselt schon von der verschriebenen Pille zu einem anderen Präparat. Es gibt gravierende Preisunterschiede, aber eine Beratung seitens der Apotheken führt zu einem Kompetenzproblem. Man kann ja schlecht einer Kundin sagen, dass sie vom Frauenarzt aus Profitgier und nicht wegen besserer Verträglichkeit nicht die preiswerteste Pille kauft. Die Ärzte verschreiben ohne ersichtlichen Grund ihre “Lieblingspille”, man erkennt quasi an der Marke wer ihr Gynäkologe ist, auf Anfrage beim Patienten kommt immer das Thema Verträglichkeit und Dosierung, eine andere Marke wurde aber nie getestet – und die schwächere Dosierung ist auch eine Lüge. Aber welcher Apotheker oder PTA nimmt das Rezept und schimpft lautstark über den Arzt, das kommt eben nicht vor, da es dem Kunden im Normalfall auch eher schadet (Vertrauensverlust) als hilft (Finanziell).

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Apotheker

nun ja,

so neu ist das nicht, dass frauen die die pille nehmen (uebrigens egal welche) und gleichzeitig rauchen an erhoehtem thrombose risiko leiden koennen! ist tatsaechleich des apothekers verantwirtung die leute dahin abzufragen?

wie waers da mit dem frauenarzt, der die pille veschreibt? der darf das auch wissen und darf, sollt und sogar muss ueber die risiken informieren! wir als apotheker….hmm nu ja, was sollst da machen, frau kommt mit privat rezept fuer ne pille zu einem…der verantwotrungsbewusste apotheker fragt natuerlich nach , rauchen sie denn auch….nehmen sie antinbiotika usw….die antworten der kunden ist jedem von uns mehr oder weniger bekannt….

aufklaerunug ,macht der arzt, wir als apothker veruschen die groebsten fehler zu beheben….war noch nie anders, wird auch ned anders werden!

#1 |
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