Bessere Immunsuppression für Nierenempfänger

29. August 2011
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Durchbruch in der Nierentransplantationsmedizin: Das neue Immunsuppressivum Belatacept (Nulojix®) verlängert die Lebensdauer von transplantierten Nieren ohne die üblichen schweren Nebenwirkungen von bisher neun auf mindestens 13 Jahre.

Belatacept wurde von der europäischen Arzneimittelagentur EMA für Erwachsene in Kombination mit Corticosteroiden und Mycophenolsäure zugelassen, um Nierenabstoßungen im Anschluss an eine Transplantation zu verhindern. Mit dem selektiven Kostimulanzblocker Belatacept kommt erstmals seit zehn Jahren ein Arzneimittel mit neuem Wirkmechanismus bei Nierentransplantationen auf den Markt. Nujolix ist ein lösliches Fusionsprotein aus der modifizierten extrazellulären Domäne des humanen zytotoxischen T-Lymphozyten-assoziierten Antigens-4 (CTLA-4) gebunden an einen Teil der Fc-Domäne des humanen Immunglobulin G1-Antikörpers.

Belatacept bindet die beiden Moleküle CD80 und CD86 auf Antigen-präsentierenden Zellen. So blockiert es die CD28-vermittelte Co-Stimulation von T-Zellen und verhindert deren Aktivierung. Aktivierte T-Zellen sind die vorwiegenden Transmitter der Immunantwort gegen ein transplantiertes Organ. Belatecept, eine modifizierte Form von CTLA-4-lg, bindet CD80 und CD86 stärker als das ursprüngliche CTLA-4-Molekül, von dem es abstammt. So können das immunvermittelte Versagen und die Fehlfunktion des Transplantats verhindert werden. Während der ersten Woche nach der Transplantation wird zudem empfohlen, einen Interleukin (IL)-2-Rezeptor-Antagonisten zu verabreichen. Betalacept wird mit einer Methode hergestellt, die als „rekombinante DANN-Technologie“ bezeichnet wird: Es wird von einer Zelle produziert, in die ein Gen (DANN) eingebracht wurde, das sie zur Bildung von Belatacept befähigt.

Anwendung und Kontraindikation

Belatacept wird innerhalb von 30 Minuten als intravenöse Infusion verabreicht. Die Dosis wird nach dem Körpergewicht des Patienten berechnet. In der Einleitungsphase (Transplantationstag oder ein Tag zuvor) erhalten die Patienten eine Dosis von 10mg/kg Körpergewicht, am 5., 14., und 28 eine weitere Dosis. Zwei weitere Dosen folgen nach jeweils einem Monat. Am Ende des vierten Monats beginnt die Erhaltungsphase. Ab jetzt bekommt der Patient alle vier Wochen 5mg/kg Körpergewicht. Die Halbwertszeit des Proteins beträgt acht bis zehn Tag. Dies ist zu beachten, wenn der behandelnde Arzt das Immunsuppressivum wechseln möchte. Nulojix® darf nicht verschrieben werden bei Patienten, die möglicherweise überempfindlich (allergisch) gegen den Wirkstoff oder einen der anderen Bestandteile sind, außerdem bei Erkrankten, die noch keinen Kontakt mit dem Epstein-Barr-Virus hatten oder bei denen diesbezüglich Unklarheit besteht. Der Grund dafür ist, dass Patienten, die mit Nulojix® behandelt werden und noch nicht mit dem Virus in Berührung gekommen sind, ein höheres Risiko haben, eine bestimmte Krebsart – die so genannte Posttransplantations-Lymphoproliferationsstörung (PTLD) zu bekommen.

Immunsuppressive Wirkung verlängert

Seit fast 30 Jahren werden herkömmliche Immunsuppressiva (Calcineurininhibitoren wie beispielsweise Ciclosporin) für die lebenslange Unterdrückung der unerwünschten Reaktionen des Immunsystems bei Organtransplantationen eingesetzt. Dabei kam es häufig zu schwerwiegenden, unerwünschten Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Störungen des Fettstoffwechsels. Der neue Wirkstoff Belatacept könnte die Nierentransplantation und deren Therapie hingegen revolutionieren: „Jetzt haben wir eine Substanz, die gleich effektiv ist, nicht giftig, keine Nebenwirkungen hat und eine bessere Funktion des Organs gewährleistet“, erklärt Ferdinand Mühlbauer, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie der Medizinischen Universität Wien, der gemeinsam mit dem Immunologen Thomas Wekerle an der klinischen Entwicklung des neuen Wirkstoffs maßgeblich beteiligt war. Anstatt bisher neun Jahre hält eine transplantierte Niere mit Unterstützung von Belatacept konservativen Schätzungen zufolge 13 Jahre. Mühlbacher zeigt sich noch optimistischer und rechnet mit 15 bis 17 Jahren. „Neun von 22 Patienten sind noch immer in der Langzeitstudie der Wiener Wissenschaftler. Sie werden seit mittlerweile zehn Jahren nach ihrer Nierentransplantation mit Belatacept behandelt. Ihre Nierenfunktionen sind exzellent“ sagt Mühlbacher. Das bei Transplantationen grundsätzlich erhöhte Krebsrisiko sei beim neuen Wirkstoff ebenso hoch wie bei Calcineurininhibitoren.

Transplantationsmedizin in Wien und Deutschland

An der Medizinuniversität Wien werden jährlich rund 420 Transplantationen durchgeführt, 180 davon betreffen Nieren. Seit rund 20 Jahren sind die Spenderzahlen explodiert, allein 1990 gab es 260 Nierentransplantationen. Aktuell verfügt Wien über das größte Lungentransplantationszentrum Europas und das zweitgrößte weltweit. 2013 wird der europäische Transplantations-Kongress in Wien stattfinden, bereits 2004 war Wien Austragungsort des 20. Weltkongresses der Transplantationsgesellschaft.

In Deutschland werden in rund 50 Kliniken Organtransplantationen durchgeführt. Transplantiert werden können Nieren, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm, außerdem Gewebe wie beispielsweise Hornhaut und Knochen. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden im Vorjahr 2.272 Nieren nach postmortaler Organspende und 665 nach einer Leberspende transplantiert. Aktuell warten rund 8.000 Patienten auf ein Spenderorgan. Auf 1. Million Einwohner kamen im Vorjahr 15,9 Spender. Wer zu Lebzeiten Organe spenden möchte, muss gesund sein und „in einer engen emotionalen verwandtschaftlichen Beziehung zum Empfänger stehen“. Nicht als Organspender zugelassen sind Krebskranke, HIV-Positive sowie Patienten mit bestimmten Infektions- und Nervenerkrankungen. Diabetes kann die Spendefähigkeit einschränken. Die potentiellen Empfänger werden nach medizinischen Kriterien der Erfolgsaussicht und Dringlichkeit über die niederländische Stiftung Eurotransplant (ET) ermittelt, die für die Verteilung der Spenderorgane in den ET-Mitgliedstaaten Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, Belgien, Holland und Luxemburg zuständig sind. Laut deutschem Transplantationsgesetz dürfen sich Jugendliche ab 16 Jahren zu einer Organspende entscheiden und bereits mit 14 einer Organspende nach dem Tod widersprechen. Nach oben hin gibt es kein Alterslimit.

65 Wertungen (4.17 ø)

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6 Kommentare:

Immunsuppressiva ohne Nebenwirkungen gibt es selbstverständlich nicht. Das Zitat von Herrn Mühlbauer erscheint mir vor diesem Hintergrund auch etwas zu emphatisch. Darauf hätten wir im Artikel hinweisen müssen. Wir werden dem Autor entsprechendes Feedback geben.

Nachtrag: Im Beipackzettel wird auf das Risiko einer lymphoproliferaten Erkrankung nach Transplantation (Post-transplant lmyphoproliferative disorder – PTLD) hingewiesen, das besondere bei Patienten erhöht ist, die keine Epstein-Barr-Infektion durchgemacht haben.

#6 |
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Dr. Marc Heydenreich
Dr. Marc Heydenreich

aus dem englischen Waschzettel:

WARNING: POST-TRANSPLANT LYMPHOPROLIFERATIVE DISORDER, OTHER
MALIGNANCIES, AND SERIOUS INFECTIONS

¿ Increased risk for developing post-transplant lymphoproliferative
disorder (PTLD), predominantly involving the central nervous system

¿ Increased susceptibility to infection and the possible development of
malignancies may result from immunosuppression. (5.1, 5.3, 5.4, 5.5)
¿ Use in liver transplant patients is not recommended due to an increased
risk of graft loss and death. (5.6)

#5 |
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Dr. Marc Heydenreich
Dr. Marc Heydenreich

“Das bei Transplantationen grundsätzlich erhöhte Krebsrisiko sei beim neuen Wirkstoff ebenso hoch wie bei Calcineurininhibitoren”

und das soll keine Nebenwirkung sein ?

#4 |
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Und ich dachte immer, nur Homöopathika hätten keine Nebenwirkungen.

Wie sieht es denn mit der Immunogenicity aus?
Das ist bei rekombinanten Proteinen meiner Meinung nach stets von besonderem Interesse.

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

Liest sich wie Werbung.

#2 |
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Der neue Wirkstoff bringt sicher viele Vorteile. Besonders das schon von Abatacept bekannte Prinzip der CTLA-4-Blockade ist interessant in der Transplantationsmedizin.

¿Jetzt haben wir eine Substanz, die gleich effektiv ist, nicht giftig, keine Nebenwirkungen hat und eine bessere Funktion des Organs gewährleistet¿

Aber zu behaupten, die Substanz habe keine Nebenwirkungen, ist Humbug.

#1 |
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