Visuelle Illusionen: Der Dresscode im Gehirn

15. Oktober 2015
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Im Februar 2015 sorgte das Foto eines gestreiften Kleides für reichlich Diskussionsstoff. Neurowissenschaftler zeigen auf, dass unterschiedliche Hirnaktivierungen – besonders frontal und parietal gelegener Hirnareale – mit der optischen Täuschung einhergehen.

Ein Kleid – zwei Wahrnehmungen. Für die einen ist es schwarz-blau, für die anderen weiß-gold. Im Rahmen einer fMRT-Studie ist die Neuroplasticity-Gruppe der Neurologischen Klinik am Bergmannsheil dem Rätsel um das Kleid (hier im Bild) auf den Grund gegangen. Binnen kürzester Zeit hatte das Kleidungsstück die Aufmerksamkeit von Medien und Wissenschaftlern auf sich gezogen. Viele Forschungsinstitute haben sich inzwischen dem Phänomen gewidmet und die Psychophysik sowie die Einzelheiten der Bildkomponenten untersucht. Das Bochumer Team um Erstautorin Lara Schlaffke konnte die bisherigen Erkenntnisse, im Hinblick auf die durch die Wahrnehmung differierenden Vorgänge im menschlichen Gehirn, erweitern.

Das Kleid aktiviert frontale und parietale Hirnareale

An der Studie nahmen Probanden teil, die das Kleid weiß-gold bzw. schwarz-blau wahrnehmen. Beide Gruppen betrachteten das Kleid, während sie im Kernspintomographen lagen. Als Kontrollbedingung betrachteten die Teilnehmer zudem Farbquadrate, welche die exakt gleichen Farbeigenschaften wie das Foto des Kleides aufwiesen. Bei der Benennung der Farben dieser Quadrate, sowie bei der Analyse der Hirnaktivierung während der Betrachtung der Farbquadrate, zeigten sich keine Gruppenunterschiede.

Die Wissenschaftler analysierten anschließend die Hirnaktivierungen beider Gruppen während der Betrachtung des Kleides und konnten zeigen, dass im direkten Vergleich ein und dasselbe Foto, je nach Wahrnehmung, zu unterschiedlichen Hirnaktivierungen führte. Alle Probanden, die das Kleid weiß-gold wahrnahmen, zeigten zusätzliche Aktivierungen vor allem in frontal und parietal gelegenen Hirnarealen. Frontale Regionen sind besonders bei höheren kognitiven Leistungen involviert, während parietale Areale visuelle Informationen aus dem Okzipitallappen verarbeiten.

Verständniserweiterung der illusionären Verarbeitungsprozesse

Das aktuelle Phänomen bietet einzigartige Forschungsoptionen zur Untersuchung visueller Illusionen: Zum ersten Mal öffnet sich der Wissenschaft die Möglichkeit, eine Kontrollgruppe bei zweideutigen Wahrnehmungen zu untersuchen. Zuvor gab es keine optische Täuschung, bei der es exakt zwei Wahrnehmungen gibt, die nicht willentlich manipuliert werden können. Vor diesem Hintergrund konnte die Bergmannsheiler Forschergruppe Hirnareale identifizieren, die optische Täuschungen herbeiführen. „Dieses Ergebnis erweitert unser Wissen über illusionäre Verarbeitungsprozesse im Gehirn. Mit Hilfe dieser Forschungsarbeit konnten beteiligte Hirnareale quantifiziert und ein Grundstein für weitere Forschungsvorhaben im Bereich der visuellen Verarbeitung gelegt werden”, so die Forscherinnen.

Originalpublikation:

The Brain’s Dress Code: How The Dress allows to decode the neuronal pathway of an optical illusion
Lara Schlaffke et al.; Cortex, doi:10.1016/j.cortex.2015.08.017; 2015

15 Wertungen (4.27 ø)

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9 Kommentare:

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Eigentlich sehe ich nicht ein, wieso ich bezahlen soll, um mir das Bild anzusehen – hätte man es nicht direkt verliken können?

#9 |
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Dr. Gerd Kruse
Dr. Gerd Kruse

Für mich st das Kleid blau und dunkelbraun.

#8 |
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Gold-Weiss, aber mit einem Stich ins Bläuliche.

#7 |
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Ich finde den Artikel sehr gelungen, zumal mich meine Wahrnehmung überrascht:
Gestern Abend -sehr wach- sah ich ein weiß-goldfarbenes Kleid. Heute morgen -sehr müde- ist das Kleid merkwürdigerweise blau-schwarz.
Spannend!

#6 |
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Übrigens zum MRT: da passiert jenseits von 3 Tesla so Einiges. Selbst bei 1,5 Tesla gibt es Personen, die Farbwahrnehmungen haben trotz geschlossener Augen. Das ist aber nicht Aussage des Artikels. Im fMRT konnten unterschiedliche Hirnareale ausgemacht werden, nicht das MRT war Ursache der Farbwahrnehmungen. Bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

#5 |
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So oft ich dieses verlinkte Bild oder andere Internetvarianten des gleichen Bildes ansehen, komme ich zum gleichen Resultat. Und so sehr Goethe zu verehren ist, mit seiner Farbenlehre lag er nun mal schwer daneben. Newton hat recht, sonst würde die ganze Physik nicht funktionieren. Weiß nicht, wie Sie auf Goethes Farbenlehre auf diesem Bild kommen. Wenn sie stimmte, müsste doch Jeder das Gleiche sehen. Ist aber offenbar nicht der Fall. Es muss also offenbar einen andern Grund haben, der weder mit Faust noch mit Mephisto zu tun hat.

#4 |
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Dr. med. Bernhard Ohnemus
Dr. med. Bernhard Ohnemus

Na, jetzt hab ich den Link zum “richtigen ” Bild auch gefunden. Warum ist es nicht direkt abgebildet? Farbkontrast halt. Hat schon Goethe in seiner “Farbenlehre” beobachtet. Alles in allem ein relativ veräppelnder Report.

#3 |
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Dr. med. Bernhard Ohnemus
Dr. med. Bernhard Ohnemus

Ich sehe nur ein blau-weißes Kleid vor einem beigen Hintergrund. Wo ist da schwarz oder gold (beige) im Bereich des Kleides? Wie ist es möglich, da ein schwarz-blaues oder weiß-goldenes Kleid zu sehen? Ist dieser Artikel ein arg verspäteter Aprilscherz oder ist hier ein anderes Bild abgebildet? Oder soll das ein Effekt des Magnetfeldes auf die Farbwahrnehmung sein? Ich habe allerdings im Kernspintomografaen noch nie eine Veränderung der Farbwahrnehmung bemerkt.

#2 |
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Also für mich ist das Kleid eindeutig blau und schwarz. Das wird jetzt niemanden vom Hocker reißen. Als ich es einem Bekannten zeigte, sagte der im Brustton der Überzeugung: klar, ist beige und weiß. Ich hab mit ihm sicherheitshalber mal die Ishihara-Sehtafeln durchgenommen: keine Farbsehschwäche! Also könnte es Personen zu geben (evtl. noch mehr unter Ihnen?), die noch ganz andere Farben wahrnehmen.
Vielleicht kann man ja mal ‘ne Umfrage machen!
Leider sehe ich von dem Artikel nur den Abstract, sodaß ich nicht weiß, wie groß die Gruppen der Probanden und die prozentuale Verteilung der unterschiedlichen Wahrnehmung war. Offenbar gibt es wohl aber noch andere “Subgruppen”.

#1 |
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