Patientenverfügung: Wo kein Weg, da kein Wille

9. November 2015
Teilen

Immer häufiger entscheiden sich Bürger für eine Patientenverfügung, damit Ärzte am Lebensende in ihrem Sinne entscheiden. Doch viele Dokumente sind falsch formuliert oder nicht auffindbar. Die Lösung: Advance Care Planning.

Seit 2008 liegt Vincent Lambert aus Reims im Wachkoma. Seine Frau fordert zusammen mit einigen Geschwistern, die künstliche Ernährung einzustellen – seine Eltern lehnen dies ab. Kürzlich stellte ein Verwaltungsgericht klar, Ärzte könnten nicht gezwungen werden, derartige Maßnahmen zu beenden. Zuvor mussten sich Juristen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mit Lamberts Fall befassen. Was er selbst gewollt hätte, bleibt unklar.

Rätselhafte Schriftstücke

Kein Einzelfall. Schätzungen zufolge können bis zu 70 Prozent am Lebensende ihren Willen nicht mehr selbst äußern. Selbst so manches Schriftstück stiftet Verwirrung. „Mein Wunsch ist, wenn ich einmal krank werde, nicht an Geräten oder Schläuchen zu hängen“, schrieb eine 87-jährige Heimbewohnerin. Sie hatte Gehirnblutungen erlitten – und guter Rat war teuer. Laien formulieren ihre Wünsche oft aus Emotionen heraus, weil sie den Leidensweg naher Angehöriger erleben mussten.

Gesetz verabschiedet – Problem gelöst?

Regierungsvertreter kennen die Thematik seit Jahren. Ihnen ist es mit dem dritten Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts aber nur bedingt gelungen, Interessen bei Einwilligungsunfähigkeit zu erfassen. Das Bürgerliche Gesetzbuch steckt über Paragraph 1901a (Patientenverfügung) und Paragraph 1901b (Gespräch zur Feststellung des Patientenwillens) einen äußerst groben Rahmen ab. Patienten machen von ihren Möglichkeiten ohnehin kaum Gebrauch. Dazu einige Zahlen: In stationären Einrichtungen zur Seniorenpflege hatten elf Prozent aller Bewohner eine Patientenverfügung, und 1,4 Prozent lediglich eine Vertreterverfügung. Viele Unterlagen zeigten eklatante Defizite. Bei 52 Prozent fehlten Hinweise auf die Einwilligungsfähigkeit oder Freiwilligkeit zum Verfügungszeitpunkt. Hinweise auf Beratungsgespräche durch einen Arzt gab es nur bei drei Prozent der Unterlagen. Mangelhafte Aussagen bei akut auftretender Nichteinwilligungsfähigkeit respektive Ausschluss bestimmter Behandlungsmethoden kamen mit hinzu. Selbst Angehörigen ist oft schleierhaft, welche Entscheidung ihre Lieben selbst getroffen hätten. Systematischen Reviews zufolge gab es in jedem dritten Fall keine Übereinstimmung. Kollegen stehen vor der unlösbaren Aufgabe, im Notfall richtig zu handeln.

Nicht ohne meinen Arzt

Wie so oft, macht Information den Unterschied [Paywall]. Bei ärztlich organisierten Beratungsseminaren hatten 25 Prozent aller Teilnehmer eine Patientenverfügung. Danach äußerte fast jeder Befragte den Wunsch, sein Dokument zu ändern. Lediglich zehn Prozent gaben an, sie hätten zuvor medizinischen Rat eingeholt. Doch wie gelingt es, ein System der gesundheitlichen Vorausplanung zu implementieren? In den USA und in Australien gehören umfassende Versorgungspläne („Advance Care Planning“) seit Jahrzehnten zum medizinischen Alltag. Drei Modelle: Respecting Choices® Advance Care Planning, Life Care Planning oder POLST® (Physician Orders for Life-Sustaining Treatment). Ärzte bieten Patienten Gespräche über zukünftige Behandlungen an. Falls gewünscht, binden sie Angehörige ebenfalls mit ein. Am Ende des Prozesses entsteht ein aussagkräftiges, strukturiertes Dokument, in dem auch Vertreter erfasst werden. Entsprechende Aufzeichnungen begleiten Patienten in das Krankenhaus oder in das Heim – als zentraler Bestandteil der Krankenakte. Laien werden regelmäßig aufgefordert, ihre Entscheidungen zu überprüfen. Das kann etwa bei neuen Diagnosen sinnvoll sein.

Wünsche häufiger berücksichtigt

Was theoretisch schlüssig wirkt, muss aber noch lange nicht in der Praxis funktionieren. Deshalb hat Bernard J. Hammes von der Gundersen Lutheran Medical Foundation, La Crosse, knapp 1.000 Datensätze untersucht [Paywall]. Benötigten Ärzte Patientenentscheidungen, lag die Verfügbarkeit bei 99,6 Prozent. Dabei waren 93 Prozent inhaltlich aussagekräftig genug, um eine Entscheidung zu treffen. Das Fazit: 99,5 Prozent aller Ärzte folgten dem Wunsch von Patienten. Zu ähnlichen Resultaten kommt Karen M. Detering bei der Analyse von Daten aus einem Uniklinikum in Melbourne. Sie wies 309 Patienten randominisiert zwei Gruppen zu. Von ihnen erhielten 154 Leistungen gemäß Advance Care Planning. Weitere 108 dokumentierten als „Kontrollgruppe“ ihre Wünsche auf konventionellem Wege. Nach sechs Monaten waren 56 Personen verstorben. Detering schreibt, bei Personen der Interventionsgruppe seien Wünsche signifikant häufiger berücksichtigt worden (86 versus 30 Prozent). Mit der Behandlung waren Familienangehörige deutlich zufriedener (83 versus 48 Prozent).

Deutschland schwächelt

Detering selbst bewertet Advanced Care Planning deshalb als „signifikante Verbesserung der Selbstbestimmung und der Versorgung am Lebensende“. Deutschland hat hier gewaltigen Nachholbedarf. Vom geplanten Hospiz- und Palliativgesetz erwartet niemand entscheidende Impulse. Jetzt sind Ärzte gefragt, gemeinsam mit Kammern aktiv zu werden. Ein Beispiel: „beizeiten begleiten“ aus dem Rhein-Kreis Neuss.

82 Wertungen (3.98 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

14 Kommentare:

Über leben + Tod kann nur ggf zeitnah entschieden werden. Ich habe mich bisher nicht dazu entschließen können, irgendeine wie auch immer bezogene Verfügung zu strukturieren. Ich vertraue den behandelnden Ärzten – wenn sie aufgeben, dann soll Gottes Wille geschehen. Er beruft mich ab. Der Kreis ist geschlossen.
In diesem Sinne habe ich mein soziales Umfeld informiert, denn derzeit wünsche ich zu leben.

#14 |
  1
Gast
Gast

von wegen “Nachholbedarf”,
eher eine neue Art einer amerikanischen Erkrankung,
schon an der Sprache zu erkennen.
Überflüssig und verunsichernd.

#13 |
  0
Gast
Gast

WEnn eine Wiederbelebung stattfinden muss, dann muss das in der Regel so schnell erfolgen, dass wirklich keiner Zeit hat nach irgendwelchen Unterlagen zu suchen. Das sollte man als erstes mal realistisch rüberbringen. Höchstens eine Tätowierung im Brustbereich wäre dann eindeutig. Rechtsanwälte und Notare können auch nur vermitteln, was dazu auf vorgefertigten Formularen steht, denn das ist nicht ihr Metier. Man hat ein Leben lang Zeit sich darüber Gedanken zu machen, aber wer denkt schon gerne über das Ende nach. Genau hier liegt das Problem, es sollte auch von medizinischer Seite mehr und öfter die dennoch häufige Ohnmacht eingeräumt werden und damit eben mehr die Eigenverantwortung hervorgehoben werden. Denn keine medizinissche Methode klappt sicher bei jedem, schon gar nicht wenn der Betroffene seine Aufgaben dabei nicht übernimmt. Alles andere ist Vortäuschung falscher tatsachen.

#12 |
  0
Bernd Heinecke
Bernd Heinecke

Patientenverfügungen über einen Rechtsanwalt formulieren zu lassen ist von der Rechtssicherheit sicherlich eine sehr gute Idee. Aber oftmals kommt es vor, dass sich der gewünschte Sachverhalt widerspricht, z.B. wünscht der Patient eine cardiopulmonale Reanimation, lehnt aber die danach oft nötige Beatmung, und sei es auch nur für kurze Zeit, in der Verfügung ab. Ein Patient als Laie und ein Anwalt/Notar als “rechtssicherer Aufschreiber” kann die medizinischen Zusammenhänge nicht zwingend wissen. Vielleicht sollten die Ärzte mit dem Patient besprechen was er wirklich will und dies wird hinterher mit schriftlichem Arztvorschlag, ähnlichem einem Rezept, über einen Anwalt/Notar fixiert. Diese Arzttätigkeit muss aber dann auch bitte von der Krankenkasse angemessen vergütet werden, denn diese kann unter Umständen, wenn der Patient alles ablehnt, auch sehr viel Geld bei der Kasse einsparen.

#11 |
  2

und häufig ist die relevante Situation in der Verfügung nicht oder nur unklar abgedeckt, mit und ohne Notar, Pflegewissenschaftler, Ethiker.

#10 |
  1
Gast
Gast

Naja, die vorgefertigten Verfügungen fand ich für meine Zwecke irgendwie zu allgemein. Die Palette der möglichen Szenarios ist ja enorm groß und es wird da vieles zusammegefasst, was ich differenziert betrachtet sehen möchte. Ich habe stundenlang über den Textbausteinen gesessen und letztlich doch eine eigene Verfügung formuliert. Weil keiner der Textbausteine meinem Willen nahe genug kam um ihn zu benutzen. Den Vorzug einer freien Formulierung sehe ich darin, dass das Dokument “atmet”. Formulierungen sagen viel Unbewusstes aus und so kann man auch durch das Wie des Geschriebenen sicherlich einiges über den Menschen erfahren, der da vor einem liegt.

Im Übrigen habe ich nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation das Bedürfnis gehabt, meine Verfügung zu ändern. Dinge, die ich mir nicht vorstellen konnte zu ertragen, fand ich in der Praxis kein Problem, während andere, die ich nicht ausgeschlossen hatte, für mich aus heutiger Sicht auf Dauer das Leben nicht mehr lebenswert machen würden. Eine Patientenverfügung ist eben doch nur Theorie. Momentan denke ich darüber nach, mit Angehörigen ausführlich über meine Wünsche zu sprechen und es dann bei einer Vollmacht zu belassen. Im Notfall liest nämlich doch keiner die Verfügung. Ich bin erst ein einziges Mal bei der Klinikaufnahme gefragt worden, ob ich eine Verfügung hätte und wo die sich befindet. Immerhin. Der Inhalt wurde aber nicht erfasst. Im Falle einer Wiederbelebung beispielsweise hätte niemand gewusst, sollen wir oder sollen wir nicht. Niemand hätte gewusst, wie ich dazu stehe, obwohl es eine Verfügung gibt und einmal wiederbelebt ist dann ja zu spät für diejenigen, die das nicht mehr möchten. Hier könnte man bei Klinikaufnahme zumindest die Möglichkeit anbieten, zumindest zu diesen Punkten, wo es einen Zeitfaktor gibt, Stellung zu nehmen, das würde vieles m.e. vereinfachen und die Ärzte hätten direkten Zugriff auf diese Entscheidungen, und die wären ganz frisch.

Sich beim Arzt beraten zu lassen halte ich für schwierig, die meisten Ärzte haben ein volles Wartezimmer und solche Themen benötigen doch etwas Zeit. Und… wie soll der Arzt sowas abrechnen? Wahrscheinlich mal wieder garnicht.

#9 |
  2
Dr. med. M. Wegener
Dr. med. M. Wegener

Nr. 4, Gast: Im Beitrag geht es um die individuellen Verfügungen am Lebensende, und wie sie idealerweise erfüllt werden können. Eine Organexplantation und die damit verbundene komplexe Frage, ob und wann der Hirntod eingetreten ist und inwieweit er Schmerzfreiheit impliziert, ist ein völlig anderes Thema.

#8 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Ein großes Problem ist, wie umfangreich so eine Verfügung sein soll/kann, kein Notfallmediziner liest sich vorher einen seitenlangen Text durch, um zu entscheiden, was er denn nun tun darf/kann/soll.

#7 |
  0
Apotheker

Auch Rechtsanwälte bieten Hilfe bei der Formulierung – meist günstiger als Notare.
Mit Hilfe der von R. Deneke angegebenen Broschüren und einer Beratung lassen sich “wasserdichte” Patientenverfügungen und Bevollmächtigung für Betreuung problemlos erstellen. Der Eintrag bei der Notarkammer kostet etwa 15 euro.
Jeder!! sollte dringend solche Verfügungen und Bevollmächtigungen erstellen! Am Lebensende kann damit häufig viel Leiden erspart werden.

#6 |
  1
Claudia Hauck
Claudia Hauck

Professionell Pflegende bringen im interprofessionellen Dialog ihre kommunikativen und ethischen Kompetenzen ein, damit gemeinsam mit den Betroffenen eine gute und tragfähige Lösung gefunden wird – sowohl prophylakitsch im Rahmen einer Vorsorge, als auch bei Entscheidungen in Notsituationen. Dies darf bei diesem Thema nicht unberücksichtigt bleiben!

#5 |
  0
Gast
Gast

Wie kann eine Vollnarkose vor Explantation sichergestellt werden ? Und jetzt bitte nicht : Nicht nötig

#4 |
  4
Rüdiger Deneke
Rüdiger Deneke

In Deutschland gibt es beim Bundesministerium der Justiz zwei aktuelle Broschüren “Patientenverfügung” und “Betreuungsrecht” zum Download und kostenlosen Bestellung.
http://www.bmjv.de/SiteGlobals/Forms/Suche/Publikationensuche_Formular.html?nn=6433524&templateQueryString=Suchbegriff
Hier kann man mit Hilfe von Textbausteinen – die gut erklärt sind – sein individuelles Dokument zusammenstellen. Eine notarielle Beurkundung ist nicht zwingend notwendig, aber empfohlen. Diese Dokumente sind jedenfalls schon einmal eine hervorragende Hilfe um sich mit der Thematik zu befassen. Leider kennen dies Bezugsquelle viel zu wenig Personen – auch der angesprochene Berufsstand des Pfelgepersonals.

#3 |
  0

Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung notariell beurkunden. Eintrag im zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer.
Verkleinerte Kopie bei Papieren “am Leib”

#2 |
  1
Pflegewissenschaftler

Jetzt sind berufliche Pflegende, insbesondere Bachelor- und Masterabsolventinnen/-absolventen aus den Pflegestudiengänge gefragt, gemeinsam mit ihren Kammern aktiv zu werden. Diese haben meist viele hundert Stunden Lehre in Ethik, Beratung, Kommunikation und Fallsteuerung absolviert und sind daher gegenüber den pflegerischen Assistenzberufen (z.B. Ärzten) sicherlich gut qualifiziert, um im interprofessionellen Miteinander die Versorgung zu verbessern.

#1 |
  5


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: