Bilder aus der Anstalt

31. August 2011
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Gemälde zeigen nicht nur, wie ein Künstler die Welt gesehen hat, sondern auch, welche Krankheiten daran Schuld waren. Erfahrt hier, wie Van Gogh durch seine Gebrechen zum gefeierten Künstler wurde und was er mit der heutigen Medizin zu tun hat.

Schon der große Aristoteles war sich sicher: „Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit“. Obgleich der Zusammenhang von großen Leistungen mit geistigen Abnormitäten bereits vor Jahrtausenden bekannt war, ist seine systematische Erforschung noch ein junges Feld. Unter der Bezeichnung Pathografie, die sich von den griechischen Wörtern pathos für Krankheit und graphein für schreiben ableitet, werden etwa seit dem 19. Jahrhundert Biografien großer Künstler und Denker unter gesundheitlichen Aspekten beschrieben. Dieser Forschungszweig ist dabei von Anfang an eng mit der wissenschaftlichen Psychiatrie verbunden und legt bis heute einen Schwerpunkt auf psychische Erkrankungen. So gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder spannende Hypothesen über psychische Störungen bei berühmten Genies der bildenden Künste. Nicht zuletzt durch sein Selbstportrait mit abgeschnittenem, verbundenem Ohr nahmen Medizinhistoriker auch den Maler Vincent Van Gogh genauer unter die Lupe. Bis heute sind sich die Experten nicht einig, welche Erkrankung den Künstler in den Selbstmord trieb. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Lebens- und Leidensgeschichte des Schöpfers der berühmten Sonnenblumenbilder.

Zwischen Farben und Ängsten

Vincent Van Gogh ist ein holländischer Maler und wurde Mitte des 19. Jahrhundert geboren. Sein künstlerisches Gesamtwerk wird dem sogenannten Postimpressionismus zugeschrieben, er lernte auf seinen Reisen unter anderem andere berühmte Künstler wie Paul Gauguin kennen. Obgleich seine Bilder heute weltberühmt sind und auf internationalen Auktionen Rekordpreise erzielen, konnte er selbst zu Lebzeiten kaum von seinem Schaffen leben.

Der Nahrungsmangel könnte ein möglicher Grund für das schwere Schicksal des Künstlers sein. Nach einem Treffen mit Paul Gauguin schnitt sich Van Gogh nach Zeugenaussagen einen Teil seines rechten Ohres ab. Kurze Zeit später dokumentierte der Holländer diese Tat dann mit Selbstportraits, die ihn mit verbundenem Ohr zeigen. Bis heute ist der Grund jedoch noch völlig im Unklaren: Hat Van Gogh im Streit mit seinem Kollegen Gauguin die Beherrschung verloren und die Wut gegen sich selbst gerichtet? War vielleicht sogar Gauguin der wahre Täter? Oder ist dieser Fall der erste Hinweis auf eine psychotische oder manisch-depressive Störung, deren Entwicklung durch Mangelernährung gefördert wurde?

Selbstverschriebene Kunsttherapie

Was auch immer hinter der Messer-Attacke steckte, von nun an ging es Van Gogh immer schlechter. Er lebte noch einige Zeit in einer Nervenheilanstalt und später unter persönlicher Aufsicht des Arztes Paul Gachet. In dieser Zeit beklagte der leidende Künstler oftmals die Untätigkeit seiner Mitpatienten und verordnete sich selbst durch intensives Malen und Zeichnen eine Art Kunsttherapie. Schon am allerersten Tag der Hospitation in Saint-Rémi klammerte er sich noch mehr an sein Schaffen als Künstler als jemals zuvor. Das Malen war ihm auch von ärztlicher Seite her gestattet und schien ihm zu helfen, seine depressiven Einbrüche abzufangen.

Was genau zu jener Zeit in Vincent Van Goghs Kopf vor sich ging, lässt sich auch anhand seiner Bilder nur erahnen. So könnten die starken Farbintensitäten ein Hinweis auf psychotische Wahrnehmungsstörungen oder eine Sehschwäche sein. In seinen späten Selbstportraits lässt sich zudem neben der Selbstverletzung am Ohr auch ein fahler Zustand der Haut erkennen. Der holländische Maler war teilweise nur noch „Haut und Knochen“ und machte einen kachektischen Eindruck – vielleicht eine Folge der Mangelernährung? Ein weiterer Hinweis auf die angeschlagene Gesundheit Van Goghs findet sich schließlich in einem seiner bekanntesten Bilder: der „Sternennacht“. Besonders der Himmel in diesem nächtlichen Landschaftsbild erinnert an die optisch verzerrte Wahrnehmung, wie sie oft von Migräne-Patienten mit sogenannter Aura be-schrieben wird. Van Gogh hat damit in seinen letzten Jahren also nicht nur die Kunsttherapie für sich entdeckt. Darüberhinaus können seine Bilder einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Patienten mit Migräne oder psychotischen Symptomen fühlen und wie sie ihre Umwelt wahrnehmen.

Am 29. Juli 1890 schoss er sich schließlich im Freien eine Kugel in die Brust und erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Ob dieser Selbstmord wirklich als solcher angedacht war, oder als ein letal endender Hilfeschrei zu verstehen ist, blieb bereits zum Todeszeitpunkt ungeklärt. Eines ist aber sicher: das Leid und die seelischen Qualen einerseits sowie die unglaubliche Ausdruckskraft seiner Bilder ergeben in Ihrem Zusammenspiel das einmalige Werk des holländischen Künstlers.

Kunst in der Psychotherapie

Ganz klar: Die Biografie des holländischen Malers ist faszinierend und lässt bis heute viele spannende (Forschungs-)Fragen offen. Aber was hat das eigentlich mit heutiger Medizin und Krankheiten zu tun?

Eine direkte Verbindung findet sich beispielsweise in der Kunsttherapie, die nach anfänglicher Skepsis immer mehr Anerkennung findet. Dabei handelt es sich um eine relativ junge therapeutische und wissenschaftliche Disziplin, die Erkenntnisse und Impulse der bildenden Künste für die Begleitung heilender Prozesse bei verschiedenen Erkrankungen einsetzt. Wahrnehmung und Gestaltung werden auf unterschiedliche Weise miteinander verknüpft, um Prozesse der sinnlichen und geistigen Erkenntnis nachhaltig zu fördern. Betroffene Patienten können somit beim Malen oder Formen ihr schöpferisches Potential entdecken und im besten Falle zu neuen individuellen Bewältigungsformen im Umgang ihrer Erkrankung finden. Welche Methoden die entsprechenden Therapeuten anwenden und welche Materialien und Kunstformen den Patienten dabei helfen, ihren Emotionen neuen Ausdruck zu verleihen, kann man heute sogar schon studieren. So gibt es seit einiger Zeit in Nürtingen einen eigenen Studiengang Kunsttherapie, der nach einer Regelstudienzeit von 6 Semestern mit dem Bachelor abschließt.

Sind die Werke von Van Gogh schließlich nichts anderes als in Eigenregie praktizierte Kunsttherapie? Wie alles in der Kunst bleibt die Antwort wohl bis alle Zeit eine Frage der Betrachtungsweise.

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Allgemein

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1 Kommentar:

Student der Humanmedizin

“Obgleich der Zusammenhang von großen Leistungen mit geistigen Abnormitäten bereits vor Jahrtausenden bekannt war, ist seine systematische Erforschung noch ein junges Feld” – aha und was ergibt die systematische Erforschung bisher so? Soweit ich weiß konnte bisher kein relevanter Zusammenhang gefunden werden zwischen psychischen Erkrankungen und großen Leistungen. Für die meisten großen Leistungen müssen die Leute relativ geordnet im Kopf sein …

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