Open Access: Die Paywall-Mauer muss weg

23. Oktober 2015
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Kaum ein Forschungsprojekt wäre ohne öffentliche Gelder denkbar. Mit den Resultaten machen aber Verlage ein Vermögen, während Forscher und Ärzte ohne akademische Anbindung den Zugriff auf aktuelle Arbeiten verlieren. Jetzt formiert sich Widerstand.

Niederländischen Wissenschaftlern platzte der Kragen. Nachdem Elsevier nicht bereit war, Open Access, sprich die freie Veröffentlichung wissenschaftlicher Resultate, zu unterstützen, formulierten sie einen Boykottaufruf. Kollegen sollen für den Verlag nicht mehr als Editor in Chief beziehungsweise als Reviewer tätig werden und Publikationen anderweitig platzieren. Kein Einzelfall: Anfang 2015 hat die Uni Leipzig Verhandlungen mit Elsevier abgebrochen. Als Grund nannten Hochschulvertreter die „deutlich überzogenen Preisvorstellungen“. Auch die Uni Konstanz musste zu ähnlichen Maßnahmen greifen. Elsevier steht aufgrund seiner aggressiven Preispolitik seit Jahren am Pranger. Die ETH Zürich berappte in 2014 rund 3,5 Millionen Franken nur für Publikationen dieses Verlages, gefolgt von Wiley (1,5 Millionen Franken) und Springer (knapp eine Million Franken). Alle Beteiligten fordern Open Access als Lösung.

Zeitlos modern

Entsprechende Tendenzen zeichnen sich schon länger ab. Seit den 1990er-Jahren schrumpften Etats wissenschaftlicher Bibliotheken drastisch. Gleichzeitig veröffentlichten Forscher mehr und mehr Fachartikel. Ihre Möglichkeiten, sich über Arbeiten aus dem Kollegenkreis zu informieren, verschlechterten sich. Ärzte ohne akademische Anbindung waren besonders betroffen, falls sie sich über aktuelle Entwicklungen informieren wollten. Der Kritikpunkt: Nahezu jede Forschungseinrichtung erhält öffentliche Gelder. Erkenntnisse sollen der Allgemeinheit, speziell anderen Labors oder Medizinern, zugutekommen. Stattdessen nehmen Bibliotheken Steuergelder in die Hand, um Nutzungsrechte zu erwerben. Später kam als Forderung mit hinzu, eigene Veröffentlichungen über Netzwerke wie ResearchGate zu teilen respektive zu diskutieren.

Gold, Grün, Grau

Als eigentliche Geburtsstunde von Open Access gilt die Budapest Open Access Initiative (BOAI). „Frei zugänglich im Internet sollte all jene Literatur sein, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne Erwartung, hierfür bezahlt zu werden, veröffentlichen“, heißt es im Text. Ein Jahr später folgte das Bethesda Statement on Open Access Publishing. In Deutschland verständigten sich namhafte Einrichtungen auf die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Mittlerweile kristallisieren sich verschiedene Strategien heraus. Als „goldener Weg“ gilt jede Veröffentlichung in Open-Access-Medien mit Peer-Review-Verfahren. Eine Übersicht ist im Directory of Open Access Journals (DOAJ) zu finden. Viele Wissenschaftler gehen nach wie vor den „grünen Weg“. Sie veröffentlichen Preprints ohne Review oder Postprints mit Review. Institutionelle Repositories ersetzen dabei einzelne Homepages – und bieten zum Artikel gleich Primärdaten an: Experten zufolge der beste Schutz gegen wissenschaftliches Fehlverhalten. Nicht über den Buchhandel erhältliche „graue Literatur“ wie Bachelor- oder Masterarbeiten, Dissertationen oder Tagungsbände geht über ähnliche Wege in das Netz.

Ran an die Moneten

Trotzdem wollten sich Verlage nicht vom Goldesel Wissenschaft verabschieden. Sie haben umgehend neue Geschäftsmodelle entwickelt. Zwei Beispiele: BioMed Central (BMC) veröffentlicht über 200 Open-Access-Zeitschriften aus Medizin oder Biologie. Jeder Fachbeitrag durchläuft umfangreiche Peer-Review-Verfahren. Forscher tragen alle Kosten („Author-Pays-Modell“), nicht Bibliotheken. Ähnlich arbeitet die Public Library of Science (PLOS) mit ihren Journalen PLOS Biology, PLOS Medicine, PLOS Computational Biology, PLOS Genetics, PLOS Pathogens, PLOS Neglected Tropical Diseases und PLOS ONE. Daneben setzen sich „hybride Modelle“ durch. Vor wenigen Wochen hat beispielsweise Springer mit dem österreichischen Bibliothekskonsortium eine Vereinbarung paraphiert. Ab 2016 dürfen Wissenschaftler in Journalen des Konzerns publizieren, ohne sich Gedanken über mögliche Kosten zu machen. Gleichzeitig erhalten sie Lesezugriff auf rund 2.000 Springer-Zeitschriften. Eine ähnliche Vereinbarung gilt seit 2014 mit niederländischen Unis; in Deutschland und in Großbritannien laufen Verhandlungen.

Papers mit Panne

Über Jahre hinweg haben sich Open Access-Journals als ernstzunehmende Medien gemausert. Ihre Impact-Faktoren unterscheiden immer weniger von der etablierten Konkurrenz, hat eine Studie gezeigt. Herrscht jetzt eitel Sonnenschein? Keineswegs – John Bohannon von der Harvard University sieht vor allem Nachholbedarf beim Peer-Review-Verfahren. Ende 2013 mailte er einen offensichtlich falschen Beitrag an 304 Open-Access-Zeitschriften – 157 hätten sein Paper veröffentlicht. Neben wissenschaftlichen Sorgen bleiben ökonomische Zwänge. Welcher Forscher darf beim „Author-Pays-Modell“ publizieren, sollten Gelder eines Instituts für alle Kollegen zu knapp bemessen sein? So oder so fließen Steuergelder erneut an Verlage. Verglichen mit klassischen Journals ist der Obolus aber deutlich niedriger. Open Access gilt als richtungsweisende Strategie, wobei die Community noch etliche Fragen klären muss.

72 Wertungen (4.83 ø)

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9 Kommentare:

Adolf Hitmann
Adolf Hitmann

Darüber habe ich mich auch schon oft genug aufgeregt. Die Politik muss es ändern. Wissenschaftliche Literatur muss frei zugänglich sein. Das würde einen enormen Evolutionsschub initiieren

#9 |
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Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Übrigens wird bei Open Access genauso hingelangt wie bei etablierten Journals, und zwar (wiederum) nach Prestige und Impact Factor. Beispiele (die Zauberwörter heissen “article processing costs” oder “publication fee”; die genannten Summen gelten pro publiziertem Artikel):
-Nature Communications (IF in 2014: 11.47): US$ 5200
-PLoS Medicine (IF in 2014: 14,43): US$ 2900
-Cell Reports (IF in 2014: 8.36): US$ 5000
-PLoS One (IF in 2014: 3,23): US$ 1495
Warum es bei Nature Communications knapp 3,5 Mal so teuer sein muss wie bei PLoS One, lässt sich nicht erklären – das Endprodukt (Website, pdf file zum Herunterladen, Nennung in PubMed etc.) ist mehr oder weniger identisch.

Gezahlt werden muss nach Akzeptanz zur Publikation, und zwar von den Autoren. Natürlich nicht aus eigener Tasche, sondern entweder aus Institutsetats oder aus Fördermitteln – in den meisten Fällen also wiederum mit öffentlichen Geldern.

Kurz noch ein Blick in die USA. Alle Forschungsergebnisse, die mit Hilfe von Fördermitteln der National Institutes of Health erarbeitet werden, müssen eine gewisse Zeit nach der Erstpublikation in einem etablierten Journal der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Heisst dann “Free PMC article”, Details kann man hier nachlesen: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/about/intro/.

#8 |
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Tja , so ist das auch mit Krankenhäusern. Die Allgemeinheit zahl die Investitionen, die AG und GmbHs kassieren die Erlöse aus dem Betrieb.

#7 |
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Dr. Michael Weller
Dr. Michael Weller

Zu der Aktion von John Bohannon muss man noch anmerken, dass er nicht die Gegenprobe gemacht hat: Er hat den Artikel nicht an die konventionellen Verlage verschickt. Dieses Ergebnis wäre noch viel interessanter gewesen! Denn die ganz große Überzahl der Retractions (“Rückrufe”) von gefälschten oder falschen Artikeln betrifft die etablierten Zeitschriften und nicht Open-Access, auch wenn in der Presse öfters das Gegenteil unterstellt wird.

#6 |
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zu Herrn Schmitz:
gerade Cell (Elsevier), Nature und übrigens auch Science wie Lancet (ebenfalls Elsevier) oder das New England Journal of Medicine gehören nicht zu den papers, wo unsere Leute (und vor allem Ärzt/inn/e/n) besonders oft publizieren – Nature und Science (wie New Scientist) erlauben aber für Student/inn/en und Posrdocs günstige Privat Abos. Wenn man zusammenlegt gehts.

Ein Artikel Tübinger Fledermausforscher/innen veröffentlicht bei PLoS One hats grad in SpiegelOnline geschafft – da konnte ich mir die Daten direkt ansehen. Klasse.

#5 |
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Volker Werner
Volker Werner

Open Access ist sicherlich die richtige Richtung z.B. für Ärzte wie mich, die nicht an einer Uniklinik arbeiten, aber durch Lesen von Fachartikeln ihr Wissen fortentwickeln wollen und auch können. Es ist schade, wieviel Potential durch den eingeschränkten Zugang auf aktuelle ( medizinische) Information verschenkt wird, aber vielleicht ist dies ja auch von bestimmten Seiten ( hiermit meine ich nicht die Verlage) so gewünscht. Open Access wäre eine gute Lösung, sicherlich besser als die Werbeblättchen der Industrie, die aktuelle Studien und Untersuchungen gefiltert weiterreichen. Eine andere Möglichkeit wäre auch ein institutioneller Zugang zu klassischen ,”kontrollierten” Artikeln, etwa über die KV oder die Ärztekammern ( ähnlich den Zugängen, die Universitäten haben).
Volker Werner, Bad Kreuznach

#4 |
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Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Entgegen der Schilderung von Herrn van den Heuvel ist es leider nicht so, dass sich die Impact-Faktoren (IF) von Open Access Journals “immer weniger von der etablierten Konkurrenz unterscheiden”. Nur zwei Beispiele: die Nature Publishing Group (joint venture mit Springer Science and Business Media; http://www.nature.com/news/nature-owner-merges-with-publishing-giant-1.16731) publiziert u.a. “Nature” (etabliertes Journal; IF in 2014: 41,46), “Nature Communications” (Open Access; IF in 2014: 11,47) und “Scientific Reports” (Open Access: IF in 2014: 5,58) (nachlesbar auf http://www.nature.com/npg_/company_info/impact_factors.html). Ähnliches gilt für Cell Press (gehört zu Elsevier; http://www.cell.com/about): “Cell” (etabliertes Journal; IF in 2014: 32,24) bzw. “Cell Communications” (Open Access; IF in 2014: 8.36) (nachlesbar auf http://www.cell.com/impact).

Solange WissenschaftlerInnen insbesondere auf den Impact Factor schielen (müssen), weil sie daran gemessen werden und Fördergelder und Karrieren davon abhängen, werden sie auch weiterhin in den etablierten und teuren Journals publizieren. Und da Impact Factors aus der Häufigkeit des Zitierens von Fachzeitschriften (nicht von einzelnen Publikationen !) berechnet werden, und die wirklich guten Publikationen, die es in die Top-Journals schaffen, halt auch häufiger zitiert werden, wird sich an dem System insgesamt auch nur wenig ändern.

Das duale System aus etablierten Journals und Open Access kann man aber auch sehr positiv nutzen. Studien zu Spezialthemen, die ÄrztInnen ohne akademische Anbindung wahrscheinlich nur wenig interessieren, publiziere ich normalerweise in etablierten Journals. Und Studien, von denen ich denke, dass sie auch oder sogar insbesondere für ÄrztInnen ohne akademische Anbindung von Interesse sind, publiziere ich bewusst in Open Access Journals. Klar, da ist dann manchmal der Impact Factor niedriger, als wenn es ein etabliertes Journal geworden wäre. Aber das ist nach meiner Erfahrung für ÄrztInnen ohne akademische Anbindung sowieso nicht das primäre Argument (Impact Factors sind eher eine inner-akademische Währung).

#3 |
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Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Direkt zu $$DrFeelgood$$: Nein, das tun sie nicht. Das Anzeigenkunden durch Auswahl der Inhalte Einfluss auf Publikationen nehmen können, trifft – wenn überhaupt – nur auf Nicht-Peer-Review Journals zu, um die es hier nicht geht. Bei Peer-Review Journals gibt es in den allermeisten Fällen überhaupt keine Werbung und somit auch keine Anzeigenkunden.

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$$DrFeelgood$$
$$DrFeelgood$$

Verdienen die Verlage nicht viel mehr mit ihren Anzeigenkunden, welche durch Auswahl der Inhalte Einfluss auf die Publikation nehmen können?

#1 |
  3


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