EDCs: Die Hormon-Terroristen

19. Oktober 2015
Teilen

Experten der Endocrine Society warnen vor Gesundheitsschäden durch Chemikalien, die Effekte auf das Hormonsystem haben. Diese sollen nicht nur an vielen Volkskrankheiten schuld sein. Gefährlich sei auch eine Exposition während der prä- und frühen postnatalen Entwicklung.

Die internationale Endocrine Society hat Ende September die Executive Summary ihres zweiten Berichts zu EDCs (endocrine disrupting chemicals) veröffentlicht. Darin erklären die Experten, dass es immer mehr Belege für gesundheitliche Risiken durch EDCs gebe. Besonders für Diabetes mellitus und Adipositas habe es seit der Veröffentlichung des ersten Berichts im Jahr 2009 zahlreiche neue Studien gegeben, die darauf hindeuteten, dass eine EDC-Exposition mit einem erhöhten Risiko für diese Erkrankungen einhergehe. Außerdem habe sich der Verdacht erhärtet, dass EDCs auch einen Einfluss auf die Fertilität von Mann und Frau, hormonsensitive Malignome wie Mamma-, Ovarial– und Prostatakarzinom sowie auf Schilddrüsenerkrankungen und Störungen in der Entwicklung des Nervensystems haben.

„Die Evidenz ist klarer als je zuvor“, erläutert Andrea C. Gore, Professorin an der Universität von Texas (USA) und Vorsitzende der Arbeitsgruppe, die den Bericht verfasst hat. „EDCs stören das Hormonsystem auf eine Weise, die die menschliche Gesundheit schädigt. Hunderte von Studien weisen auf dieselbe Schlussfolgerung hin, seien es epidemiologische Untersuchungen am Menschen, Grundlagenforschung an Tieren oder Forschung an Menschengruppen, die berufsbedingt spezifischen Chemikalien ausgesetzt sind.“

In Deutschland ist jeder zweite Erwachsene übergewichtig und etwa 6 Millionen Menschen leiden hierzulande an Diabetes. Weltweit sterben jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen an den direkten Folgen der Zuckerkrankheit. Die Prävalenz von Übergewicht und Diabetes nimmt außerdem ständig zu: Seit 1980 hat sich die Zahl der Adipösen mehr als verdoppelt, ebenso ist die Zahl der Diabetiker von schätzungsweise 151 Millionen (2000) auf 387 Millionen (2014) gestiegen. Angesichts dieser Zahlen ist es kein Wunder, dass Gesundheitsorganisationen und Wissenschaftler mittlerweile in beiden Fällen von Epidemien sprechen. Einer im März dieses Jahres veröffentlichten Schätzung zufolge verursachen durch EDCs bedingte Diabetes- und Adipositas-Fälle in der EU Kosten in Höhe von mehr als 18 Milliarden Euro pro Jahr.

Unterschätzte Gefahr

Bei EDCs handelt es sich um exogene Stoffe, die den Hormonhaushalt beeinflussen und so die Gesundheit schädigen. Bekannte Beispiele sind Bisphenol A (BPA), DDT, polychlorierte Biphenyle (PCBs), Dioxine und Phthalate, doch auch anderen Substanzen wie Parabenen und Triclosan wird ein endokrinologischer Effekt nachgesagt. Obwohl viele Substanzen wie PCBs mittlerweile verboten sind, lassen sich diese Verbindungen immer noch in der Umwelt nachweisen. Ihre hohe Persistenz führt dazu, dass wir über Wasser, Luft und Nahrung weiterhin diesen Stoffen ausgesetzt sind.

Andere EDCs wie BPA gelten dagegen (noch) als relativ unbedenklich und kommen daher in zahlreichen Gegenständen des täglichen Gebrauchs vor. Da BPA zur Herstellung des Kunststoffs Polycarbonat dient, ist es beispielsweise in Plastikgeschirr und Getränkeflaschen enthalten, doch auch Thermopapiere für Kassenbons, Fahrkarten und Parktickets sind eine BPA-Quelle. Zudem findet sich BPA in zahlreichen Medizinprodukten. Eine Studie an Neugeborenen in Intensivstationen konnte zeigen, dass die BPA-Konzentration im Urin von Säuglingen von der Anzahl der eingesetzten medizinischen Geräte abhängt. Bei Säuglingen, die beispielsweise eine nasale Versorgung mit Sauerstoff, eine positive Überdruckbeatmung oder eine nasogastrale Sonde benötigten, war die BPA-Konzentration im Urin signifikant erhöht.

Lebenslange Effekte

Besonders gefährlich ist der Endocrine Society zufolge eine EDC-Exposition während kritischer Zeitfenster für die Entwicklung, also etwa in der prä- und frühen postnatalen Phase. Beispielsweise haben Tierstudien gezeigt, dass es bereits genügt, während der pränatalen Entwicklung winzigen Mengen an EDCs ausgesetzt zu sein, um später eine Adipositas auszulösen. „Eine EDC-Exposition während der Frühentwicklung kann lang anhaltende und sogar dauerhafte Folgen haben“, warnt auch Jean-Pierre Bourguignon, Professor für Pädiatrie an der Universität Lüttich in Belgien. Es sei daher besonders wichtig, dass Ärzte Schwangere darüber aufklärten, wie sie das ungeborene Kind schützen können.

Weltweit sind etwa 42 Millionen Kinder unter 5 Jahren übergewichtig. Inwieweit EDCs daran schuld sind, lässt sich kaum sagen, doch infolge des Übergewichts steigt bei diesen Kindern nicht nur das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, sondern auch für Diabetes mellitus Typ 2. Manche EDCs scheinen spezifisch diabetogen zu wirken, während andere EDCs Übergewicht fördernde (obesitogene) Eigenschaften haben.

Doch EDCs üben noch weitere unerwünschte Effekte auf die kindliche Entwicklung aus: Sie können z. B. auch die Schilddrüse beeinflussen und sich so auf die Hormon-Serumspiegel und/oder die Hormonfunktion auswirken. Da Schilddrüsenhormone zu verschiedenen Zeitpunkten der Entwicklung verschiedene Aufgaben erfüllen, hängen die gesundheitlichen Folgen stark davon ab, wann genau eine Störung durch EDCs stattfindet. Für bestimmte Chemikalien, die die Schilddrüse beeinflussen, konnte ein Zusammenhang mit kognitiven Defiziten nachgewiesen werden. Außerdem korreliert die EDC-Exposition der Mutter negativ mit dem kindlichen IQ.

Kinderlos durch Kunststoffflaschen?

EDCs beeinflussen anscheinend nicht nur die geistige, sondern auch die körperliche Entwicklung: Zahlreiche EDCs führen zu einer verfrühten Pubertät und einer frühen Thelarche, begleitet von einer geringen Körpergröße. Bei männlichen Nachkommen scheint außerdem ein Zusammenhang zwischen elterlicher EDC-Exposition und Hypospadie sowie Kryptorchismus zu bestehen.

Bei solchen Effekten verwundert es nicht, dass EDCs auch schon lange im Verdacht stehen, die männliche und weibliche Fertilität zu verringern. Es konnte beispielsweise gezeigt werden, dass EDCs einen Einfluss auf die Gametogenese und somit die Spermien-/Oozytenqualität haben. Bei Paaren mit Kinderwunsch könnte es daher sinnvoll sein, während des Beratungsgesprächs auch über die potenziell reproduktionstoxischen Wirkungen von EDCs aufzuklären.

Krebs dank Kassenbon?

Sowohl bei Männern als auch Frauen konnte ein Zusammenhang zwischen EDC-Exposition und dem Auftreten von hormonsensitiven Krebsarten festgestellt werden. Bei Frauen gibt es starke Hinweise darauf, dass eine frühe EDC-Exposition die Entwicklung der Brust nachhaltig verändern kann und so mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko einhergeht. Auch scheint das Risiko für Gebärmutterhals– und Ovarialkrebs ebenso wie für gutartige Zellproliferationserkrankungen wie Endometriose und Leiomyome durch EDCs mit östrogener/antiöstrogener Wirkung zu steigen.

Doch nicht nur die Geschlechtsorgane der Frau lassen sich durch Hormone und hormonell wirkende Substanzen beeinflussen, auch Männer sind nicht immun gegen die Wirkung von EDCs. Inzidenz, Progression und Mortalität von Prostatakrebs werden beispielsweise durch EDCs beeinflusst. Der genaue Mechanismus ist bisher unklar, Steroidrezeptoren, steroidogene Enzyme, epigenetische Reprogrammierung sowie Stamm– und Vorläuferzellen der sich entwickelnden und adulten Prostata scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Ein gutes Beispiel dafür, dass EDCs nicht nur auf eine Weise auf ein System wirken, sondern multimodale Effekte haben.

Die Mischung macht’s

Ab welcher Konzentration hormonell wirksame Substanzen gesundheitsschädlich sind, kann derzeit wohl niemand mit Sicherheit sagen, doch die Endocrine Society weist in ihrem Bericht darauf hin, dass additive und synergistische Effekte sowohl zwischen einzelnen EDCs als auch EDCs und endogenen Hormonen die Norm sind. Die Effekte von EDC-Mischungen sind bisher allerdings noch schlechter untersucht als die Wirkung der Einzelsubstanzen. Grenzwerte für einzelne EDCs können daher nur als erster Schritt gelten. Die Endocrine Society fordert daher neben mehr Forschung zur Ursache-Wirkungs-Beziehung von EDCs und Krankheiten auch eine striktere Testung von Chemikalien auf ihre endokrine Aktivität, insbesondere wie sie niedrig dosiert in Kombination mit bekannten EDCs wirken. Eines scheint jedoch klar: Je weniger EDCs wir ausgesetzt sind, umso besser.

124 Wertungen (4.59 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

15 Kommentare:

Diätassistent

Welche Rolle spielt Phytoöstrogen z.B. aus Soja bei dieser Betrachtung, Sojaprodukte erhalten seit einiger Zeit die „Werbeweihen“ der absoluten Gesundheit, dabei ist der Pflanzenschutz beim Anbau ebenfalls schädlich.

#15 |
  0

An#13: Sehr verehrte Frau Kollegin; im kommentierten Artikel heißtes u.a”… Außerdem habe sich der Verdacht erhärtet, dass EDCs auch einen Einfluss auf die Fertilität von Mann und Frau, hormonsensitive Malignome wie Mamma-, Ovarial– und Prostatakarzinom sowie auf Schilddrüsenerkrankungen und Störungen in der Entwicklung des Nervensystems haben.” EDC steht für: endocrine disrupting chemicals.
Man darf also davon ausgehen, daß hier sowohl verstoffwechselte Östrogene als auch Pesticide in Betracht kommen.

#14 |
  0
Ärztin
Ärztin

# 12 Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Rolf Klüsener,
das mit dem Niederwild hängt eindeutig mit den landwirtschaftlichen Monokulturen, besonders diesem Mais zusammen und dessen massiver Pestizid-Behandlung.
Auch so ein verrücktes Geschenk unserer “Grünen” an der Macht,
die hätte man nie wählewn dürfen.

#13 |
  1

Zu #9: Der Rückgang der Niederwildpopulationen ( Haar- und Federwild ), außer Rehwild, seit den 90ern des vergangenen Jahrhunderts ist hinreichend bekannt, erforscht und weitgehend in der einschlägigen Literatur belegt.

#12 |
  1
Peter-Paul Pannicke
Peter-Paul Pannicke

Schön, dass Sie dieses große Problem in Ihrem Artikel aufgreifen. Gerade angesichts der biologischen Brisanz des Stoffes hätte ich mir einen engen Bezug auf die Literatur gewünscht. Im Text finden sich zwar hier und da Links, diese ersetzen meiner Meinung nach aber niemals die wissenschaftliche Quellenarbeit. Nehmen Sie beispielsweise den Artikel Knez (2013) als Beispiel, den Sie ja offenbar auch verwendet haben. Da gibt es Verweise im Text und ein Literaturverzeichnis.

—-
[Knez2013] Knez, Jure: Endocrine-disrupting chemicals and male reproductive health. In: Reproductive BioMedicine Online 26. (2013), Nr. 5, S. 440-448. Und Online: http://www.rbmojournal.com/article/S1472-6483%2813%2900069-2/fulltext (21.10.2015)

#11 |
  0
Gast
Gast

Wenn man einmal das Mamma-Karzinom herausnimmt, erscheint ebenfalls problematisch, daß zudem Phytoöstrogene ( worin überall enthalten ? ) ebenfalls im Verdacht stehen und – neben Nahrungsergänzungsmitteln – selbst in Nahrungsmitteln diskutiert werden.
Und es kommt hinzu, daß zum. bei Genistein und Dadzein lt. BfR gerade bei niedriger Konzentration das Risiko vermutet wird im Gegensatz zu bei hoher Konzentration krebshemmenden Wirkung.
Es geht offenbar aber eben nicht nur um das gängige Soja und Rotklee. Doch, worum noch ?

#10 |
  0

Neben diesen Ursachen, Fachleuten und Naturkennern bekannt, ist noch eine weitere Einflussnahme auf die Fortpflanzung im Wildtierbereich zu bedenken:
Die Einnahme von Ovulationshemmern von Frauen im gebährfähigen Alter führt zu einer gigantischen Auscheidung von verstoffwechselten Östrogenen in die Abwässer..
Über verschiedene Nahrungsketten gelangen die Östrogenabbauprodukte wieder in den Wildtierkörper,.
Hierdurch kommt es zu Feminisierungseffekten bei männlichen Tieren.
Aus meiner Veröffentlichung: ” Vom Rande der Jagd “. Bei Neobooks 2014

#9 |
  1
Simone Pfaue
Simone Pfaue

@ Eric Hurm, da besteht auf jeden Fall ein Zusammenhang. Je länger der Kassenzettel aus dem Supermarkt ist, desto größer ist die Gefahr, zuzunehmen. Besonders im Verhältnis zur Personenzahl, für die eingekauft wird. ;-)

#8 |
  3

Es müsste derzeit deutlich mehr als 70000 künstlich synthetisierte Werk- und Wirkstoffe geben. Nicht alle spielen in unserem Leben eine Rolle, aber die schiere Masse kann einem doch zu denken geben. Als ich vor einigen Monaten nach Bisphenol A recherchiert habe, bekam ich eine Gänsehaut ( https://pagewizz.com/bisphenol-a-die-umstrittene-massenchemikalie-33745/ ). Aber anscheinend werden wir mit all diesem Zeug weiterleben müssen.

#7 |
  0
Gast
Gast

Die Meinungs-Terroristen?

Der Titel ist völlig überzogen.!
Der Inhalt ist nich lesenswert!

#6 |
  20
Beamter im Gesundheitswesen

Zum Glück habe ich jetzt eine neue Ausrede für mein Übergewicht! “Schwere Knochen” glaubt mir niemand mehr. Oder dass ich “was mit den Drüsen” habe…
Endlich kann ich es auf die Einkaufszettel schieben! Prima!
Ist ja auch logisch! Je länger die Kassenbons sind, desto fetter werde ich!
Noch Zweifel?

#5 |
  12
dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Es ist gut , dass auf die Hormonproblematik – unter der besonders die Frauen leiden von dieser Seite aufgegriffen wird, denn die Wirkung dieser endokrinen Disruptoren / Xenohormone ist schon lange bekannt.
Man sollte auch an Tributylzinn, das die Aromatase hemmt , Atrazin, das die Produktion der Aromatase erhöht und künstliche Duftstoffe wie Moschusverbindungen , Kadmium in Zahnverbundstoffen , UV-Filter in Sonnencremes usw. usw. und natürlich verändern elektromagnetische – besonders niederfrequente Felder, die Hormonwirkung von Östrogen.

Dies führt zu einem nicht unerheblichen Anteil zu der immer wieder diagnostizierten Östrogendominanz, die besonders dadurch hervorgerufen wird , dass zu wenig Progesteron zur Verfügung steht.
Dies gilt für Männer wie für Frauen und trägt erheblich zu depressivem Verhalten bei.
Gerade bei einem Mangel von Progesteron fehlt auch die Basis für Cortisol als Streßhormon und Aldosteron

#4 |
  0
K.Kailus
K.Kailus

Schade nur das die Politik die Augen verschliest, da nützen leider diese ganzen tollen Erkentnisse wenig, wenn die ganzen Stoffe weiterhin erlaubt sind und somit überall vorhanden sind.Wir schaffen uns selbst ab!

#3 |
  0
Heilpraktiker

Sehenswerter Dokumentarfilm zum Thema Plastik und den damit verbundenen Risiken:
“Plastic Planet”.

#2 |
  0
Ökochonderin
Ökochonderin

Jetzt bin ich aber verblüfft, Chemikalien können der Gesundheit schaden?
Arbeitsplätze können krank machen?
Diabetes ,Übergewicht,Herzinfarkt, Krebs
–doch nicht nur immer die Patienten selber schuld ?

Danke für den Bericht! Und bitte bald noch mehr davon !

Am Ende haben vielleicht sogar “Modeerkrankungen”
wie z.B. MCS,CFS,FMS irgendwie was mit Schadstoffen zu tun…

#1 |
  8
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: