Pharma-Image: Der Preis ist heiß

2. September 2011
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Geldgier und Beeinflussung - ein Image, gegen das die Pharma-Branche unentwegt anzukämpfen hat. Eine neutrale Haltung demgegenüber zu wahren ist nicht immer einfach – doch sind die Vorwürfe überhaupt berechtigt?

Gute Noten trotz mieser Presse: Die Bevölkerung vertraut der pharmazeutischen Forschung. So hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Rahmen einer Studie herausgefunden, dass 75 Prozent der Befragten die Arbeiten der Branche als wichtig einschätzen, noch vor der Luft- und Raumfahrt (66 Prozent). „Innovation und Forschung sind mit viel Sympathie aufgeladene Begriffe“, kommentiert die Allensbach-Geschäftsführerin Professor Dr. Renate Köcher. Und diese werden mit Pharmafirmen in Verbindung gebracht. So verwundert es auch nicht weiter, dass viele Menschen hohe Erwartungen in diese Unternehmen setzen, maßgebliche Beiträge zur Heilung von Krebs (95 Prozent der Befragten), Altersleiden (87 Prozent) oder AIDS/ HIV (79 Prozent) zu leisten. Das Image generell bewerteten 56 Prozent als positiv, bei den Generikaherstellern lag der Wert bei mageren 34 Prozent. Dennoch stößt die Preisgestaltung von Arzneimitteln vielen Apothekern, Ärzten und Patienten sauer auf – ein grundlegendes „Vertrauen in Wettbewerb und Freiheit“ fehle, so die Untersuchung. Und das aus gutem Grund, denn immer wieder wecken Forschungs- und Marketingstrategien den Verdacht auf Geldgier und Beeinflussung.

Das liebe Geld…

Mit regem Geldfluss hatte die Branche meist nicht zu kämpfen: Jahrelang bescherten patentgeschützte Kassenschlager den pharmazeutischen Herstellern eine reiche Ernte. Kostendämpfung gab es vor dem Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) mehr oder minder nur an einem Ende der Vertriebswege: bei den Patienten bzw. Apothekern. Doch die Zeit der großen Blockbuster scheint bald vorbei zu sein, endet in Kürze das Schutzrecht von Goldeseln wie dem Lipidsenker Sortis oder Viagra von Pfizer. Weitere Kandidaten auf dem Schleudersitz sind das Antidepressivum Cymbalta (Lilly), das Antirheumatikum Enbrel (Pfizer) sowie und der Thrombozytenaggregationshemmer Plavix (Sanofi-Aventis), Generikahersteller sitzen schon in den Startlöchern und scharren mit den Hufen. Doch eine neue Strategie zum Geld drucken hat man längst. Und zwar nicht nur in der Schublade.

Das Zauberwort heißt personalisierte bzw. individualisierte Medizin – Präparate, die mehr oder minder für die genetische Ausstattung des Menschen maßgeschneidert werden. Um das passende Wissen einzukaufen, lässt sich die Industrie nicht lumpen – knapp 44 Milliarden US-Dollar blätterte beispielsweise Roche für die Biotech-Firma Genentech hin. Zwar sind nach der Zulassung dieser neuen Nischenprodukte keine massenhaften Verschreibungen mehr zu erwarten, umso hochpreisiger sind dafür die Pharmaka. Und so listet der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) e.V. mittlerweile 16 Präparate, davon allein 14 gegen Tumorerkrankungen, oftmals mit monatlichen Therapiekosten von 3.000 bis 7.000 Euro verbunden.

Fließt das Geld in die richtige Richtung?

Pharmakologen und Ökonomen stellen in seltener Einigkeit jetzt die Gretchenfrage nach dem Nutzen. Bestes Beispiel ist der Antikörper Bevacizumab: Einst als Meilenstein der gezielten Tumortherapie gepriesen, hatte er in der Praxis kaum Auswirkungen auf das Gesamtüberleben von Patienten mit Nierenzellkarzinom oder nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom. Dem gegenüber standen schwerwiegende bis tödliche Nebenwirkungen – und Kosten in Höhe von etwa 40.000 Euro pro Jahr.
In den neuen Arzneimitteln sieht auch Dr. Bärbel Hüsing, Leiterin des Geschäftsfeldes Biotechnologie und Lebenswissenschaften am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, bei weitem nicht den propagierten Paradigmenwechsel. „Das gibt das Thema überhaupt nicht her“, so die Forscherin. „Aber es eignet sich gut dazu, die riesigen Investitionen, die in die Genomik geflossen sind, vor Lieschen Müller zu rechtfertigen – ähnlich wie die Teflonpfanne die bemannte Raumfahrt gerechtfertigt hat.“ Einen weitaus beachtlicheren Erfolg hätten da schon simple und vor allem kostengünstige Dinge wie Vorsorgeuntersuchungen oder Präventionskampagnen gegen das Rauchen, sagt der US-Ökonom David M. Cutler von der Harvard University, Cambridge, Massachusetts. In seiner Untersuchung rangieren pharmazeutische und chirurgische Strategien der Krebsbehandlung unter Kosten-Nutzen-Aspekten an letzter Stelle. Nicht weiter schlimm, dann muss eben die PR-Maschinerie zum Einsatz kommen.

Pharma-PR: Marketing-Maßnahme oder subtile Beeinflussung?

Das Problem beginnt bereits bei der Beeinflussung von Patienten, theoretisch für verschreibungspflichtige Präparate verboten, praktisch aber Realität: Kundenmagazine in Apotheken oder Broschüren in ärztlichen Wartezimmern leisten laut „Mein Essen zahl ich selbst“ (MEZIS, Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte) ihren Beitrag, um Interesse zu wecken. Zudem landen vermeintlich redaktionelle Artikel immer häufiger in Laienmedien, lanciert von Agenturen im Auftrag der Pharmaindustrie. Und kommt der Appetit, wird eben auch gegessen. Damit nicht genug: Über Jahre finanzieren Pharmafirmen diverse Selbsthilfegruppen. Deren Mitglieder wurden als Botschafter in eigener Sache instrumentalisiert, etwa die Brustkrebs-Selbsthilfegruppe „mamazone“ oder die Epilepsie-Initiative „Gewitterleben“. Vor gut fünf Jahren sorgten entsprechende Berichte für hohe mediale Wellen, keine Einzelfälle laut Brancheninsidern.

Dagegen setzen sich mittlerweile etliche Vereinigungen bewusst zur Wehr. Sie lassen ihre Online-Auftritte mit dem HonCode-Siegel für vertrauensvolle bzw. transparente Gesundheitsinformationen im Internet zertifizieren. Herausgeber ist die Schweizer Health On the Net Foundation (HON). Aus Deutschland kommt hingegen das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (afgis). Der Verein vergibt ebenfalls ein Qualitätslogo, das hochwertige, transparente Online-Angebote ausweist.
Aber auch Fachinformationen für Arzt und Apotheker sind nicht völlig wertneutral, sondern vielmehr aus Sicht des Herstellers verfasst und von den Aufsichtsbehörden sanktioniert. Doch haben Kollegen durchaus die Möglichkeit, objektivere Quellen zu erschließen: durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), die Arzneimittelkommission der Ärzteschaft oder herstellerunabhängige Medien wie den „Arzneimittelbrief“, das „arznei-telegramm“, „Arzneimittelverordnung in der Praxis“ oder den „Pharma-Brief“.

Die Industrie schlägt zurück

Geldgier und Beeinflussung – gegen dieses Image setzt sich der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie jetzt zur Wehr. Dessen Vorstandsvorsitzender Dr. Bernd Wegener fand vergleichsweise deutliche Worte: „Ich habe es satt, als Buhmann und der Nation und Schmarotzer auf Kosten kranker Menschen da zu stehen.“ Vielmehr appellierte er an die Politik, den Konsens mit pharmazeutischen Herstellern zu suchen, auch beim Thema Preisgestaltung und Honorierung. Und Birgit Fischer, neue Hauptgeschäftsführerin des VfA, schlägt in die gleiche Kerbe: „In den vergangenen Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, wie stark das Feindbild Arzneimittelindustrie bei den anderen Partnern, insbesondere bei vielen Ärzten, verwurzelt ist.“

Fischer hat sich zum Ziel gesetzt, das Image grundlegend zu ändern und sich für eine bessere Zusammenarbeit mit den Heilberufen stark zu machen. Interessenskonflikte sind auch in Zukunft ein Thema, schließlich wird der wirtschaftliche Druck weiter steigen. Und zwar nicht nur bei der Industrie, sondern auch bei den Krankenkassen – könnte man mit der limitierten Ressource Geld doch weitaus Sinnvolleres anstellen. In der Palliativversorgung oder in der Schmerztherapie etwa klaffen nach wie vor große Versorgungslücken.

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