Typ-2-Diabetes: Lebensstilwandel ohne Gewähr

12. Oktober 2015
Teilen

Eine insulinresistente Fettleber sowie eine verminderte Insulinproduktion sind Indikatoren für Risiko-Phänotypen bei Typ-2-Diabetes und somit wichtig für den Erfolg einer Diabetesprävention. Ein Lebensstilwandel kann jedoch nur in 40 Prozent der Fälle erhöhte Blutzuckerwerte verbessern.

Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Tübingen und dem Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen konnten zeigen, dass vor allem eine insulinresistente Fettleber und eine verminderte Insulinproduktion darüber bestimmen, ob man zu den Menschen mit dem Risiko-Phänotyp gehört, bei dem die Lebensstilintervention nicht mit einem ausreichenden Absenken des Blutzuckerspiegels einher geht. Inwiefern diese Hoch-Risiko-Personen von einer intensiveren Lebensstilintervention profitieren, wird aktuell in der Prädiabetes-Lebensstil-Interventionsstudie (PLIS) untersucht – einer deutschlandweiten Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD).

Zwei Risiko-Phänotypen identifiziert

In den USA sind mittlerweile 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an Diabetes erkrankt, rund 38 Prozent haben einen Prädiabetes. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass in naher Zukunft möglicherweise die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung der USA mit Diabetes konfrontiert sein wird.

Eine Lebensstiländerung mit einer vermehrten körperlichen Aktivität und einer gesunden Ernährung gilt als die wichtigste Maßnahme bei der Vorbeugung des Typ-2-Diabetes. Wissenschaftler am Universitätsklinikum Tübingen und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung beobachten schon lange, dass nicht jeder mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes gleichermaßen von einer Lebensstiländerung bezüglich der Verbesserung seines Risikoprofils profitiert.

Prof. Dr. Norbert Stefan und Prof. Dr. Andreas Fritsche konnten jetzt gemeinsam mit ihren Kollegen anhand von Daten aus dem Tübinger Lebensstil Interventionsprogram (TULIP) zwei Phänotypen identifizieren, mit deren Bestimmung sich vorhersagen lässt, ob durch eine Lebensstilintervention eine ausreichend hohe Reduktion von erhöhten Blutzuckerwerten zu erwarten ist.

40 Prozent ohne Verbesserung erhöhter Blutzuckerwerte

Die Wissenschaftler konnten belegen, dass vor allem eine insulinresistente Fettleber und eine verminderte Insulinproduktion darüber bestimmen, ob man zu den Menschen mit dem Risiko-Phänotyp gehört. Patienten mit hohem Risiko für eine Diabeteserkrankung können dadurch erkannt, gezielt betreut und durch eine intensivierte Lebensstilintervention oder gegebenenfalls durch Medikamente unterstützt werden.

In der Untersuchung wurden die Daten von 120 Personen mit einem Prädiabetes ausgewertet. Sie zeigen, dass nach einer neunmonatigen Lebensstilintervention bei 40 Prozent der Teilnehmer keine Verbesserung der erhöhten Blutzuckerwerte eintrat, obwohl sie erfolgreich waren bei der Reduktion ihres Gewichts und ihrer Fettmasse (im Mittel um 7 Prozent).

Als Erklärung für dieses Nicht-Ansprechen in Bezug auf die Senkung des Blutzuckers konnten die Wissenschaftler eine Hoch-Risiko-Konstellation identifizieren. Dies waren Personen mit einer nichtalkoholischen Fettleber und/oder einem Insulinproduktionsdefekt. „Diese Menschen hatten eine fast identische Gewichtsabnahme im Vergleich zu jenen Personen, bei denen die Konstellation nicht vorlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dadurch normale Blutzuckerwerte erreichten war aber um das 4,5-fache geringer“, so Stefan. Die Normalisierung erhöhter Blutzuckerwerte im Rahmen einer Lebensstilintervention ist seit langem als ein sehr wichtiger Eckpfeiler in der erfolgreichen Diabetesprävention bekannt.

Risikostratifizierung und effektivere Behandlung

Die neuen Erkenntnisse haben zwei wichtige Implikationen für die Prävention des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen. Erstens konnten die Forscher damit zeigen, dass Menschen mit erhöhtem Blutzuckerspiegel sich hinsichtlich des Risikos für eine Diabeteserkrankung durchaus stark unterscheiden. Die genauere Charakterisierung der Ursachen für diesen Prädiabetes kann somit in der Zukunft eine Risikostratifizierung ermöglichen, die auch für Erkrankungen wie fortgeschrittene Fettlebererkrankung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die eng mit der Entstehung des Typ 2 Diabetes einhergehen, bedeutsam ist.

Zweitens können Menschen mit Prädiabetes gezielter und effektiver behandelt werden. Hoch-Risiko-Personen können eine intensivere Lebensstilintervention erhalten. Dieses Vorgehen scheint erfolgversprechend, da auch bei diesen Patienten die größere Gewichtsabnahme mit einer stärkeren Blutzuckersenkung einhergeht.

„Dies muss wissenschaftlich noch weiter überprüft werden“, erklärt Fritsche. In einer deutschlandweiten Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung mit mehr als 1.000 Teilnehmern wird jetzt untersucht, ob bei Menschen mit erhöhtem Blutzucker, einer Insulinproduktionsstörung oder einer Fettleber, eine intensivierte Lebensstilintervention Vorteile bringt.

Originalpublikation:

A high-risk phenotype associates with reduced improvement in glycaemia during a lifestyle intervention in prediabetes
Norber Stefan et al.; Diabetologia, doi: 10.1007/s00125-015-3760-z; 2015

21 Wertungen (3.95 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Gast
Gast

Nachdem mein Hausarzt mir Metformin verschreiben wollte,lehnte ich ab und sagte:Lassen sie mir 3 Monate Zeit,wenn sich bis dahin nichts geändert hat,werde ich die Medikamente nehmen.Aus den drei Monaten wurden 3 Jahre in denen ich insgesamt 15 Kg abgenommen habe und nun einen HBA1 c Wert von 5,8 eine Medikation nicht mehr erforderlich macht.Das war schwer aber sehr hilfreich.Es ist schon fast 10 Jahre her und die Insulinresistenz scheint überwunden.Zumindest funktioniert es so,das nach Kohlenhydratkonsum die Werte wieder absinken.Süßigkeiten sind allerdings absolut tabu.Der Film in Arte war interessant aber hat nichts neues gezeigt,jeder Diabetiker sollte sich sowas anschauen.

#6 |
  0
Dr. Rüdiger Gall
Dr. Rüdiger Gall

Die Autoren der Studie hätten sich heute Abend den Film über Folgen des Zuckerkonsums bei ARTE anschauen sollen. Dann hätten sie vielleicht mehr über den Zusammenhang von Zuckekonsum und Diabetes, Fettleber u.a. erfahren.

#5 |
  2

Sehe ich auch wie Dr. Schätzler
Was sind 7 % Gewichtsabnahme!? Was heißt überhaupt ” gesunde Ernährung”? Auch dadurch kann man sich einen Diabetes anessen bei entsprechender Menge.
Hilft nichts! Um einen Diabetes II loszuwerden, muss radikal durchgegriffen werden, wenn man überhaupt eine Chance zum Erfolg haben will. Da helfen keine halbherzigen Ansätze wie: Essen Sie mal gesünder. Oder: Nehmen Sie mal ein bißchen ab. Sicher geht es bei manchen Menschen schneller und besser als bei Anderen. Aber nur 7% Gewichtsabnahme?? Sehr optimistisch!

#4 |
  1
franz laudenbach
franz laudenbach

Hat irgendwer schon einmal darüber nachgedacht, dass essentielle Hypertonie ab BMI > 25 mit blutdrucksenkenden Medikamenten, therapiert wird.
Hat irgendwer schon einmal darüber nachgedacht dass; Mann ab dem Alter 40, Frau ab dem Alter 55 (nach der Menopause), die mit BMI > 30 leben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an der Grunderkrankung; Schlafapnoe Syndrom OSAS / ZSA leiden. Und; Dass Sie allesamt mit blutdrucksenkenden Medikamenten fehl-therapiert werden!
Blutdrucksenkende Medikamente in Kombination mit Grunderkrankung Schlafapnoe Syndrom führen dazu, dass der Mensch in der Zeit seines Schlafes mit Herzvorhofflimmern; Herz-Flattern leben muss (Betablocker).
Mit ACE-Hemmer seien hervorragende Ergebnisse erzielt worden (Deutsche Herzstiftung).
Aber; Blutdrucksenker senken nicht den Blutdruck, sie begrenzen die Herzfrequenz nach oben.
Bsp.: Die Herzfrequenz wird bei max. 55 eingefroren.
Begebe ich mich vom Sofa aufstehend in die Küche hole mir dort eine Tasse Kaffee, wandere zurück zum Sofa, habe ich eine Herzfrequenz von 80 bis 82.
Jedermann kann sich ausrechnen, wie viel Liter Blut pro Minute durch das Gefäßsystem gepumpt wird.
Bei Herzfrequenz 80 sind das 4,5 -5 Liter Blut pro Minute.
Bei Herzfrequenz 55 sind das etwa 3,2 Liter Blut pro Minute, die durch das Gefäßsystem gepumpt werden.
Frage: Wie soll der Blutzucker von der Leber abgebaut werden, wenn das Blut die Leber quasi meidet.
Bestes Beispiel: 1,5 l Herrenpils in einer Zeit von 4 Std. getrunken bauen sich nach 8 Std Schlaf mit Betablocker in Kombination mit Grunderkrankung Schlafapnoe Syndrom nicht vollständig ab: 0,25 Promille?!
Schlafapnoe entdeckt, Betablocker 1-1-2 in den Mülleimer.
Der Blutdruck von zuvor 175/// gut eingestellt, bewegt sich nun bei < 120///
Problem: Schlafapnoe erzeugt hohen Blutdruck im Schlaf.
Fehl-Lösung: Blutdrucksenker

#3 |
  1
Ärztin

Ich habe nicht recherchiert, ob zu der erwähnten Lebensstiländerung auch eine Reduktion der täglichen Zucker-/Kohlenhydratmenge gehört. Denn durch Reduktion der Kohlenhydrataufnahme steigt zum einen der Blutzuckerspiegel nicht so stark an, zum anderen wird durch den dann auch niedrigeren Insulinspiegel eher Fett abgebaut. Und durch einen höheren Verbrauch gesunder Fette resultiert ein längeres Sättigungsgefühl, was auch gut für eine geringere Energieaufnahme ist.
Früher wurde ja im Gegenteil dazu ein 50-60% Anteil an Kohlenhydraten für Diabetiker empfohlen. Stoffe, mit denen man besonders Probleme hat, soll man in größerer Menge essen – verstanden habe ich das nicht so recht. Aber das hat sich ja nun geändert. Die Frage ist nur, ob die Betroffenen auch diese geänderte Ernährungsweise durchhalten können, da es doch eine ziemliche Umstellung bedeutet, z.B. abends kein Brot etc. mehr zu essen.

#2 |
  0

“Look back” statt “look AHEAD”?

Die LOOK AHEAD Studie hatte versucht, bei 5.145 Patienten von 2001 bis 2004 mit Typ-2-Diabetes mellitus (T2Dm), die damals schon zwischen 45 und 75 Jahre alt waren, einen BMI von 25 und mehr, bzw. 27 und mehr bei Insulinpflicht hatten und einen HbA1c von bis zu 11,0 (!) aufwiesen, das Ruder herumzureißen [“(BMI) of 25.0 or more (27.0 or greater in patients taking insulin); a glycated hemoglobin level of 11% or less; …”From August 2001 through April 2004, a total of 5145 patients”]
Man kann doch nicht gutgläubig erwarten, dass nach durchschnittlich 9,6 Jahren bis zum Studienabbruch sich bei “intensiver Lebensstil-Intervention” [“intensive lifestyle intervention”] gegenüber konventionell-optimierter Diabetes-Therapie [“diabetes support and education”] ausgerechnet die pathophysiologischen E n d s t r e c k e n mit kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität verbessern könnten? [“stopped on September 14, 2012, the median follow-up was 9.6 years”]. In Selbst-Überschätzung hatte man bei einer Simulationsrechnung mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit mit bis zu 18 Prozent Verbesserung bei den Endpunkten in der Interventionsgruppe gerechnet. [“that an enrollment of 5000 patients would provide a power of more than 80% to detect a between-group difference of 18% in the rate of major cardiovascular events”]
Auch wenn die durchschnittliche Diabetes-Dauer v o r Einschreibung nur 5 Jahre betragen, das Durchschnittsalter bei 58,7 gelegen, der mittlere BMI 36 ergeben bzw. der Frauenanteil bei 60 Prozent gelegen hatten, und der Studien “drop-out” unter 4 Prozent lag, wurde n i c h t berücksichtigt, dass die Anlagen zu T2Dm in Form des metabolischen Syndroms mit Insulinresistenz, Hypertonie, Bewegungsmangel, Fehlernährung und Übergewicht sich pathophysiologisch schon lange v o r h e r kardiovaskulär negativ ausgewirkt hatten. [“average age was 58.7 years, 60% of the patients were women, and the mean body-mass index was 36.0. The median duration of diabetes was 5 years …and less than 4% of all patients randomly assigned to a study group had been lost to follow-up.”]
In diesem Kontext bleibt der Effekt von 6 Prozent Gewichtsverlust (Interventionsgruppe) und 3,5 Prozent (Kontrollgruppe) ebenso signifikant wie marginal. [“When the study ended, the mean weight loss from baseline was 6.0% in the intervention group and 3.5% in the control group.”] Selbst 100 kg “Leichtgewichte”, aus dem Intensiv-Arm dieser Studie auf 94 kg “abgemagert”, könnten doch beim besten Willen n i c h t gegen die auf nur 96,5 kg “abgespeckten” Frauen und Männer der T2Dm Vergleichsgruppe bezüglich des kardiovaskulären Risikos in irgendeiner Weise punkten.
Mein Fazit aus dieser Studie: Ein Unterschied von wenigen Kilos nach einem langwierigen, intensiven Versuch einer Lebensstiländerung, der im BMI ausgedrückt, etwa einen e i n z i g e n BMI-Punkt ausmacht, mag zwar signifikant sein, ist aber klinisch irrrelevant. Reduktion von kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität bei unseren Typ-2-Diabetikern erfordert m e h r als nur “soft-skills” einer Lebensstil-Intervention: Hier sind z u s ä t z l i c h e differenzierte antidiabetische Medikation, Schulung bzw. multidimensionale Diagnose und Therapie von Begleiterkrankungen oder spezifischen Risikomerkmalen erforderlich. Dies hat bei dieser Studie ansatzweise in b e i d e n Behandlungsarmen stattgefunden, wurde aber bei der Ergebnisdiskussion vergessen. Trotz alledem bleibt Typ-2-Diabetes mellitus als Zivilisationskrankheit jetzt und in Zukunft d i e große Herausforderung.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: