Medizin-Nobelpreise: Oscars für Naturstoffe

13. Oktober 2015
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Das Nobelkomitee am Karolinska Institutet würdigt in diesem Jahr gleich mehrere pharmazeutische Errungenschaften: Avermectin gegen Flussblindheit und Elephantiasis sowie Artemisinin gegen Malaria. Mit dieser Entscheidung verbinden sich auch politische Botschaften.

Ein Nobelpreis ganz im Zeichen von Tropenkrankheiten: Die begehrte Auszeichnung für Physiologie oder Medizin geht zur Hälfte an William C. Campbell, Irland, und Satoshi Omura, Japan. Damit solle ihre Leistung bei der Entdeckung von Avermectin gewürdigt werden, schrieben Mitglieder des Nobelkomittees. Sie haben Youyou Tu, China, den zweiten Teil des Preisgeldes zugesprochen – für erste Arbeiten zu Artemisinin. Insgesamt werden acht Millionen Schwedische Kronen (850.000 Euro) ausgeschüttet. Die Vorteile zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit und zur Verminderung des Leidens seien bei beiden Pharmaka „unermesslich“, heißt es zur Begründung. Viele Patienten leben in armen Ländern mit schlechter Hygiene und mangelhaftem Gesundheitssystem.

Alles im Fluss

Dazu gehören Bereiche südlich der Sahara, Südamerikas und Südasiens. In tropischen Gegenden Afrikas und Amerikas übertragen Kriebelmücken bei ihrer Blutmahlzeit Larven von Onchozerca volvulus. Die Parasiten reifen im menschlichen Körper und besiedeln später subkutanes Bindegewebe. Mikrofilarien erreichen früher oder später den Kopfbereich, und Betroffene verlieren ihre Sehkraft. Neben dieser Flussblindheit (Onchozerkose) führen tropische Würmer auch zur tropischen Elephantiasis. Schuldig im Sinne der Anklage sind Filarien von Brugia malayi, Wuchereria bancrofti oder verwandte Spezies. Im Lymphsystem lösen sie Entzündungen aus. Es kommt zu Stauungen, und Gliedmaßen schwellen stark an. Früher mussten Ärzte deshalb zahlreiche Amputationen vornehmen.

Mikrobielle Bodenschätze

Genau hier kam Satoshi Omura in das Spiel – ein Experte im Bereich der Streptomyces-Bakterien. Er untersuchte diverse Bodenproben auf interessante Keime und auf deren Stoffwechselprodukte. Bei Screening-Experimenten fand er in einer Kultur von Streptomyces avermitilis eine bemerkenswerte Substanzklasse: die Avermectine. William C. Campbell, Parasitologe bei Merck, Sharpe and Dohme (MSD), fand heraus, dass diese bakteriellen Neurotoxine effektiv gegen Würmer bei Haus- und Nutztieren wirken. Später zeigte sich, dass sich dahinter eine ganze Familie ähnlicher Moleküle verbirgt. Im Labor entstand später das Derivat Ivermectin für veterinärmedizinische Zwecke. Bald darauf starteten in Afrika erste Feldversuche im humanmedizinischen Bereich. Das Molekül wirkt gegen zahlreiche Endo- und Ektoparasiten. MSD selbst verpflichtete sich über das Mectizan Donation Program, Ivermectin kostenfrei abzugeben, bis die Flussblindheit ausgerottet wurde. Doch zurück zu den Laureaten: Omura und Campbell hatten über den klassischen Weg aus universitärer Forschung und Industriekooperation Erfolg.

Keinen Stich gemacht

Größer könnte der Kontrast zu den Arbeiten von Youyou Tu kaum sein. Die chinesische Apothekerin und Professorin für traditionelle chinesische Medizin (TCM) interessierte sich für innovative Malariatherapien. Ein hoch politisches Thema: Mao Zedong wollte sein „Bruderland“ Nordvietnam gegen den Süden unterstützen. Viele Soldaten starben nicht im Kampf, sondern an Malaria – Chinin und Chloroquin entpuppten sich zunehmend als stumpfe Waffen. Das hehre Ziel, Malaria weltweit auszurotten, war Ende der 1960er-Jahre in weite Ferne gerückt. Tu testete mehr als 2.000 Pflanzen im Mausmodell auf ihre Wirkung gegen Plasmodien. Bei Extrakten aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua), einer Pflanze der traditionellen chinesischen Medizin, zeigten sich widersprüchliche Resultate. Die Forscherin ließ nicht locker und stieß in alten chinesischen Publikationen auf ein spezielles Extraktionsverfahren. Schon 1971 gelang es ihr, Artemisinin darzustellen. Das Molekül erwies sich als hoch wirksam gegen Malaria-Parasiten – was die Welt erst zehn Jahre später erfuhr. Artemisinin-basierte Kombinationstherapien (ATC) gehören mittlerweile zum Standard. Novartis liefert im Rahmen seiner Malaria-Initiative verbilligte Präparate. Pharmakologen der Weltgesundheitsorganisation WHO schätzen, dass die malariabedingte Sterblichkeit durch Youyou Tus Entdeckung um 20 bis 30 Prozent gesunken ist.

Politische Preise

Angesichts dieser Zahlen wird klar, dass es auch um eine politische Entscheidung geht: Tropenkrankheiten bedrohen hunderte Millionen Menschen in armen Ländern. Nur wenige Firmen haben Interesse, sich hier zu engagieren. Bestes – sprich schlimmstes – Beispiel ist Ebola. Obwohl Wissenschaftler das Virus seit Jahrzehnten kennen, gab es vor der Epidemie keine nennenswerten Forschungsprojekte. Die zweite Erkenntnis: Obwohl forschende Pharmafirmen heute lieber mit synthetischen Methoden arbeiten, ist die Naturstoffchemie immer noch relevant. Wissenschaftler sollten diesen Schatz besser untersuchen – und Regierungen sollten Sorge tragen, unsere natürliche Artenvielfalt zu erhalten. Wer weiß, welche Moleküle in Regenwäldern oder Korallenriffen auf ihre Entdeckung warten.

22 Wertungen (4.27 ø)

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1 Kommentar:

Apotheker

Es ist sehr zu begrüßen, dass auch die Parasitologen endlich mal an der Reihe sind. Ihre Ergebnisse trugen und tragen erheblich zur Minderung der Leidenslast und zur Lebensrettung der betroffenen meist sehr armen Bevölkerung bei. Auch die kostenfrei oder kostengünstige Bereitstellung von Medikamenten durch Pharmaunternehmen darf in Zeiten des allgemeinen Pharamafirmen-Bashings mal erwähnt werden.
Jedoch zu schreiben, dass es vor der Ebola Epidemie keine nennenswerten Ebola-Forschungsprojekte gegeben habe, ist ein Schlag ins gesicht aller Ebola Forscher, die seit Jahrzehnten hervorragende Forschungsergebnisse liefern. Warum glauben Sie denn, dass bereits solch erfolgreiche Impfstudien nach dem Ausbruch durchgeführt werden können? Das Vakzin dazu ist sicher nicht vom Himmel gefallen, sondern der Arbeit von absolut nennenswerten jahrelangen Forschungprojekten zu verdanken, die ihre initiierung weit vor der jetzigen Ebola Epidemie fanden. Forschung an hochinfektiösen Agenzien wird in seiner Breite immer limitierter sein, als andere Vorhaben, was aber v.a. an den Bedingungen liegt, die notwendig sind, um mit solchen Agenzien umgehen zu können. Nicht jedes Land kann ein Hochsicherheitslabor betreiben. Dass allerdings die sehr guten Ergebnisse aus früheren Ebolastudien und anderen Projekten mit hochinfektiösen Erregern möglicherweise keine ausreichende Beachtung fanden, lässt sich wohl mit Ihrer Aussage hier ganz gut belegen und das ist das eigentliche Problem, was Sie hier hätten erwähnen sollen.

#1 |
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