HIV: Mach’s mit – mach’s ohne

16. Oktober 2015
Teilen

Antiretrovirale Pharmaka schützen nicht nur HIV-positive Menschen, sondern deren Parter – das zeigen aktuelle Studien. Jetzt aktualisieren WHO-Experten ihre Leitlinien. Wird es ihnen Gelingen, Neuinfektionen stärker als bislang einzudämmen?

Leben HIV-positive und HIV-negative Menschen zusammen, können oder wollen sie nicht immer Kondome verwenden. Forscher untersuchten deshalb, ob eine antiretrovirale Therapie den Partner ohne Infektion davor schützt, sich anzustecken.

Früh intervenieren

Bereits vor zehn Jahren begannen sie, entsprechende Fragen mit der „Preventing Sexual Transmission of HIV With Anti-HIV Drugs“-Studie zu untersuchen. Bei 1.763 serodiskordanten Paaren erhielt die HIV-positive Person randomisiert sofort oder erst nach Auftreten einer Immunschwäche Pharmaka gemäß internationalen Leitlinien. Ursprünglich sollten 3.500 Paare aufgenommen werden – nach einer Zwischenauswertung entschieden sich Forscher jedoch, ihre Untersuchung abzubrechen. Myron S. Cohen, Chapel Hill, sprach von einem 96-prozentigen Schutz der frühen Medikation. Kurz darauf boten Ärzte allen Teilnehmern antiretrovirale Medikamente an. Vier Jahre später legte Cohen neue Daten vor. Noch immer lag der Effekt bei 93 Prozent. Trotz methodischer Schwächen – Patienten hatten als Rat mit auf den Weg mitbekommen, Kondome anzuwenden, sprechen die Autoren vom großen Mehrwert ihrer Strategie. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch bei der TEMPRANO-Studie und der START-Studie.

Pharmaka für alle

Aufgrund der aktuellen Datenlage verabschieden sich WHO-Experten jetzt von alten Dogmen. Sie raten Ärzten, alle Patienten mit HIV-Infektion sofort zu therapieren – auch Kinder oder Jugendliche. Wenige Jahre zuvor galt die Zahl an CD4-positiven T-Lymphozyten als ausschlaggebender Laborparameter, um Arzneimittel einzusetzen – oder abzuwarten. Menschen mit – wie es heißt – „substanziellem“ Infektionsrisiko sollten sogar über eine Präexpositionsprophylaxe nachdenken. Hier sieht die WHO primär Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), aber auch HIV-negative Menschen mit HIV-positivem Partner. Ihre Wirkstoffempfehlung: Tenofovir allein oder in Kombination mit Emtricitabin.

Eine Welt ohne HIV

Das UNAIDS (Joint United Nations Programme on HIV/AIDS) will aber nicht nur individuelle Empfehlungen abgeben. Vielmehr ist das Ziel, dass bis zum Jahr 2020 rund 90 Prozent aller HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen – und 90 Prozent auch erfolgreich behandelt werden. Nur so könne es gelingen, die globale Epidemie einzudämmen, schreiben UNAIDS-Experten.

5 Wertungen (5 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

1 Kommentar:

Ärztin

Natürlich muss man die Kondom-Empfehlung geben, um bei Misserfolg der Therapie nicht verklagt zu werden. Und Schwangerschaften müssen in Studien darüber hinaus auch verhindert werden! Das stellt die Ergebnisse allerdings in Frage. Hinzu kommt, dass die antiretrovirale Therapie erhebliche Nebenwirkungen hat, die gegen Kondombenutzung abzuwägen wären.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: