OTC-Versand: Gifte in der Kiste

16. Oktober 2015
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Bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln stehen Online-Apotheken hoch im Kurs. Kunden bestellen überproportional häufig kritische Präparate: eine Möglichkeit, die aktive Beratung öffentlicher Apotheken zu umgehen.

Beim Deutschen Apothekertag 2015 befassten sich Delegierte einmal mehr mit Versandapotheken. Kollegen des Apothekerverbands Nordrhein fordern vom Gesetzgeber, Vertriebswege jenseits der Offizin für Rx-Präparate zu unterbinden. Sie argumentierten vor allem mit Sicherheitsbedenken und mit Schwächen bei der Beratung. OTCs ließen sie außen vor – aufgrund „europarechtlicher Bedenken“. Pharmazeutische Zweifel bleiben trotzdem.

Rückenwind für Versender

Ein Beleg: Aktuellen Zahlen von IMS Health zeigen, dass Versender dank nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel weiter wachsen. Gemessen am Vergleichsmonat 2014 erhöhte sich der Gesamtumsatz um sechs Prozent auf 64 Millionen Euro. Knapp zehn Prozent gingen auf das Konto von OTCs, während Rx-Präparate nach Wert um acht Prozent einbrachen. Ähnlich sieht es bei Halbjahreszahlen aus: Der Versandhandel wuchs um knapp neun Prozent (416 Millionen Euro), gemessen am Umsatz. Dahinter stecken wenig überraschend ebenfalls OTCs (plus zwölf Prozent), während Rx-Präparate einbrachen (minus vier Prozent). Besonders absatzstark waren im Juni topische Rhinologika (plus 14 Prozent), gefolgt von Präparaten zur Stärkung des Immunsystems (plus 36 Prozent), künstlichen Tränen (plus 15 Prozent), Auswurfmitteln ohne antiinfektive Komponente (plus 13 Prozent), Hypnotika und Sedativa (plus 11 Prozent) sowie tropischen Antirheumatika beziehungsweise Analgetika (plus zehn Prozent). Aufgrund dieser Entwicklung schlägt Professor Dr. Harald G. Schweim, früherer Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), jetzt Alarm.

Verschreibungsfrei, aber nicht harmlos

Sind Versandapotheken so begehrt, weil Kunden ohne lästige Fragen größere Mengen an OTCs bekommen? Durchschnittlich enthalten Packungen bei Versendern 63,4 Einzeldosen, verglichen mit 41,5 Dosen in Präsenzapotheken. Der Versandhandel agiere vor allem umsatzorientiert, so Schweim, während die Apotheke vor Ort eher mengenbegrenzend wirke. „Verschreibungsfrei heißt aber nicht, dass diese Arzneien unbedenklich sind“, kritisiert der Pharmakologe gegenüber der „Welt“. Als besonders kritisch stuft er Kombinationspräparate gegen Erkältungssymptome ein. Laut IMS Health gaben Präsenz- und Versandapotheken 56,8 Millionen Packungen paracetamolhaltiger OTCs ab (2014), davon 12,8 Prozent über den Versand: eine Richtschnur für unterschiedliche Medikamente. Darunter befanden sich 12,05 Millionen Packungen Thomapyrin®. Rund 17 Prozent gingen über den Versand – 4,2 Prozentpunkte mehr als der durchschnittliche Marktanteil. Noch deutlicher zeigen sich entsprechende Tendenzen bei Wick Medinait®. Von diesem Erkältungs-Kombipräparat wurden 2014 sage und schreibe 33,7 Prozent aller 160.000 abgegebenen Packungen über den Versand verkauft – das sind 20,9 Prozentpunkte mehr als der OTC-Durchschnitt paracetamolhaltiger Pharmaka. „Jedes Prozent, das der Versand über dem Durchschnitt aller Produkte im Versandhandel liegt, legt bei problematischen Arzneimitteln eine Vernachlässigung der Beratung nahe“, kommentiert Schweim.

„Aus der Luft gegriffen“

Interessenvertreter reagierten empört auf die Kritik. „Unsere Mitglieder geben die Verantwortung als Apotheker ja nicht ab, nur weil sie ihre Medikamente über den Versandhandel zu den Patienten bringen“, erklärt Udo Sonnenberg, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA). „Solche Behauptungen, wonach wir den Umsatz vor das Patientenwohl stellen, sind daher völlig aus der Luft gegriffen.“ Dazu zwei Aspekte: Tatsächlich achten Versender mit elektronischen Algorithmen auf Höchstmengen, die verschreibungsfrei abgegeben werden dürfen, falls es rechtliche Einschränkungen gibt. Anders sieht es bei Laxantien oder abschwellenden Nasensprays aus – zwei Präparategruppen mit Gewöhnungseffekt. Einige Versender legen ihrer Lieferung nur Hinweise bei – inklusive Telefonnummer zur Beratung. Obergrenzen gibt es nicht. Präsenzapotheken würden im Zweifelsfall die Abgabe verweigern.

Wenn Eidgenossen handeln

Andere Länder haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Jetzt bremsten Schweizer Richter den Versender Zur Rose aus. Inhaltlich ging es um nicht rezeptpflichtige Pharmaka der Kategorien C und D, darunter sind etliche OTCs mit Fachberatung. Juristen bewerteten den Versand entsprechender Medikamente als Verstoß gegen das Heilmittelgesetz. Im Unterschied zu Präsenzapotheken muss Versandapotheken eine Verschreibung vorliegen. Zur Rose ließ Kunden Fragebögen ausfüllen, und Ärzte Rezepte verordneten entsprechende Präparate. „Die Verschreibung durch den Arzt setzt voraus, dass er den Patienten und seinen Gesundheitszustand kennt“, urteilten Richter. „Ein Gesundheitsfragebogen und die bloße Möglichkeit zur Kontaktaufnahme reichen nicht aus.“ In Deutschland hatte Harald G. Schweim schon öfter gefordert, Großpackungen kritischer OTCs der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Beim zuständigen Bundesministerium für Gesundheit gibt es momentan keine Bestrebungen, aktiv zu werden.

37 Wertungen (4.05 ø)

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9 Kommentare:

Apotheker

nun ja, den preisvorteil kann man nicht einfach wegreden! online apotheken koennen weit guenstiger einkaufen und dadurch auch weit guenstiger verkaufen!

die laestigen fragen, wenn jemand 4 mal ein nasenspray will wird bei online apos so umgangen, dass es einfach eine bestellmengengrenze gibt! bestelle ich aber zwei mal hintereinander faellt es nicht auf.
4×20 stueck paracetamol a 500mg …ne menge fuer toedlichen leberschaden ist da kein problem. wir in der kleinen dorf apotheke machen uns da noch gedanken und versuchen zu warnen…aehmm aber ned alle auf einmal nehmen ;) …..

wie kleine apotheken in zukunft noch ueberleben sollen??? ich weiss es nicht! sobald es verschluesselte e-mail rezepte vom arzt direkt zum grosshaendler gibt, was von den kassen sicher gewuenscht waere, weil man dann den zwischenhaendler apotheker -fast- eliminieren kann, naht das ende!

nur ein kleines beispiel aus der praxis, wenn ich gut berate, weil ein kunde/kundin was voellig unnoetiges will, hab ich meine pflicht als apotheker erfuellt! ABER, Umsatz = 0 !!!!

in der internet-apo…ab in den wagenkorb und auf bezahlen!

wie soll ma da dagegen etwas machen!

wenn man ehrlich zu sich selber ist, als apotheker in einer kleinen apotheke, wir sind eigentlich nur noch erfuellungsgehilfen der krankenkassen und helfer fuer leute die zu alt sin selbst im internet zu bestellen!

ich weiss, mein post enthaelt etwas drastische aussagen, aber die zukunft seh ich so!

Gruesse,

chrstian becker

#9 |
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Andreas Keller
Andreas Keller

Irgendwann werden alle sparen müssen, weil keiner mehr Arbeit hat, weil alle sparen müssen, weil keiner Arbeit hat, weil alle sparen müssen … et sic ad infinitum.

Dass der Sparwahn dazu führt, dass Arbeitsplätze – nicht nur im Gesundheitswesen – einge”spart” werden müssen, weil ja die Entgelte für die Waren nicht nur die Waren selbst, sondern auch für die Energie, Lohn, Sozialabgaben usw. geleistet werden, scheint in der Schule niemand mehr zu lernen. Wohin Sparen führt sieht man genau daran – es fehlt eben an Lehrern. Die mangelnde Kenntnis von gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhängen kann im Grunde nur auf das Sparen im Bildungswesen zurückgeführt werden – aber nein – vielleicht ist ja dies auch gewollt, denn schon Laotse rät sinngemäß dem Herrscher: Halte dein Volk dumm, satt und unterhalten, dann lieben sie dich.”

Vielleicht hören wir lieber gleich auf zu atmen, weil wir Luft sparen müssen? Oder sitzen im Dunkeln um Strom zu sparen. Vielleicht auch auf Internet oder Handy verzichten – spart unheimlich Geld UND Zeit, da man nicht ständig nach den billigsten Angeboten suchen muss. Oder wir sparen bei den Reinigungsmitteln in den öffentlichen Bädern – dann könnte zwar der eine oder andere mehr einen Pilz an seinen sicher sparsam gewaschenen Füßen bekommen … aber he, es gibt doch Online-Apotheken zum Sparen …

Ich für meinen Teil würde mir auch diese sparen und einfach warten bis sich das Pilzproblem von selbst löst … noch mehr gespart – toll.
Sparen könnte man auch beim Friseur – wozu denn Haare schneiden – und beim Benzin erst – einfach zu Fuß gehen … oder Schuhe, wozu Schuhe kaufen … man kann doch auch einfach Pappe unter die Fußsohlen schnallen und mit Bindfaden befestigen kann … umweltfreundlich ist es auch noch. Und wenn regnet, findet sich sicher eine alte Plastetüte vom letzten Besuch in der inzwischen geschlossenen Vorortapotheke …

Ich hoffe mein Sarkasmus ist ätzend genug, um auch dem uneinsichtigsten die Augen wenigstens ein wenig zu öffnen. Allen Extremsparern sei gesagt: es gibt immer jemanden, der Deinen Job für weniger Geld macht – Du bist entbehrlich!

Mein Sparvorsatz: Keine Energie mehr in solche Beiträge stecken.

#8 |
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Erwin Müller
Erwin Müller

@Gast6:
100% weniger(?!), ok. Kreatives rechnen hat noch nie geschadet ;-)
… und wenn Sie dann nach einigen Wochen und Monaten feststellen, das Amorolfin doch nicht das richtige war, können Sie ja gleich nochmal dasselbe kaufen – ist ja so günstig.

P.S. dann holen Sie sich doch einfach Ihr “dringend(?!) benötigtes Antibiotikum” im Versand. Da “sparen” Sie bei kreativen Versendern sicher auch noch was oder bekommen sogar noch ein Geschenk…
PPs. die Nachtzuschläge für wirklich DRINGEND benötigte (verschreibungspflichtige) Medikamente zahlt wer?

#7 |
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Gast
Gast

Benötige einen Hustenlöser,möchte diesen kaufen.Mein Arzt empfiehlt mir acc zu nehmen.In der Onlineapotheke zahle ich 100 % weniger.Noch ein Beispiel:
Amorolfin Nagellack gegen Nagelpilz:hier die Apotheke für ganze 3 ml Lack 29,90 Euro,in einer Onlineapotheke immer noch stolze 9,83 Euro.Das sind 300 % Aufpreis in der örtlichen Apotheke und das für ganze 3 ml Lack.Der Preis ist viel zu hoch.Wenn ich aber ein dringendes Antibiotikum in der Nacht benötige,dann werde ich es hier gar nicht erst bekommen,denn es wird fast alles nur auf Bestellung für den nächsten Tag ausgegeben,da nutzt mir die Vor Ort Apotheke wenig.Ausserdem zahle ich gerne bei Nachtdienst die Nachtzuschläge,die könnten für soche Fälle ja auch höher sein.

#6 |
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Gast
Gast

“Und wenn Sie ständig bei Versandapotheken bestellen, sind irgendwann die Präsenzapotheken eben nicht mehr so nahe bzw nicht mehr da, so daß obengenannter Notdienst nicht mehr so gut möglich ist.” Wenn es wirklich soweit kommen würde, greift der Staat ein. Soziale Marktwirtschaft nennt man das.

#5 |
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Beatrix Mayer
Beatrix Mayer

Wieder das alte Argument mit den Preisen und Geschenken, sehr geehrte Frau Monika Geissler. Das mag ja sein, aber wenn Sie z.B. Samstag Nacht um 22 Uhr ein Antibiotikum dringend benötigen, nützt Ihnen die Versandapotheke auch nichts. Und wenn Sie ständig bei Versandapotheken bestellen, sind irgendwann die Präsenzapotheken eben nicht mehr so nahe bzw nicht mehr da, so daß obengenannter Notdienst nicht mehr so gut möglich ist. Ich bin Apothekerin und mache i.A. alle 12 Tage (und auch die Nacht) Notdienst, damit obengenanntes Antibiotikum und andere Dinge sofort verfügbar sind.

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Monika Geissler
Monika Geissler

Ich ziehe Online-Apotheken deshalb vor, weil die Preise einfach um ein vielfaches günstiger sind als hier in unseren niedergelassenen. Zudem erhalte ich auch eine sehr gute Beratung, so ich sie denn möchte und außerdem liegt immer ein schönes Geschenk mit im Karton. Das nenne ich doch Kundenfreundlichkeit, während man hier in der Apotheke noch um eine Tüte betteln muß, abgesehen von einer mitunter ausgesprochenen Unfreundlichkeit.

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Angestellter Apotheker

Wenn das so stimmt: Alle OTC in die Freiwahl !!!

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Micha
Micha

Salz und Zucker gibt’s auch ohne jede Beratung zu kaufen. Leben ist gefährlich und endet mit dem Tod.

#1 |
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