Fälschungen: Gravieren statt Kopieren

9. Oktober 2015
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Kriminelle Banden kopieren weltweit Arzneimittel im Wert von 500 bis 600 Milliarden US-Dollar, vermutet die International Chamber of Commerce. Jetzt naht Hilfe aus der Nanotechnologie: 3D-Barcodes machen Arzneimittel sicherer, glauben Experten.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind mindestens zehn Prozent aller Präparate gefälscht – exakte Zahlen kennt niemand. Viele Länder Afrikas und Asiens gelten als Hot Spots von Fälscherbanden; heiße Ware kommt aber auch aus China und Südamerika. Besonders häufig sind Pharmaka zur Therapie von HIV, Tuberkulose oder Malaria betroffen. Dabei muss es sich nicht einmal um hochpreisige Pharmaka handeln, wie der Skandal um Omeprazol-Kopien gezeigt hat. Europa reagiert – wenn auch nur halbherzig.

Rechtsakt mit Risiken

Mitte August hat die EU-Kommission Umsetzungsdetails zur Fälschungsschutzrichtlinie 2011/62/EU veröffentlicht. Apotheker sind mit dem Traktat nicht wirklich zufrieden. Kritikpunkt eins: In sogenannten White Lists werden Ausnahmen für verschreibungspflichtige Arzneimittel beziehungsweise OTCs aufgeführt. Nicht jedes Präparat erscheint der EU schützenswert. Kritikpunkt zwei: Projekte wie securPharm setzen lediglich auf Umverpackungen mit schwer zu manipulierenden Merkmalen.

Kleine Gravur – große Wirkung

Grund genug, einen Blick in die Forschung zu werfen. Ingenieuren der University of Bradford ist es jetzt gelungen, Tabletten per 3D-Nanogravur individuell zu markieren. Vier Stifte kennzeichnen Präparate mit Ziffern (0 bis 9) oder Buchstaben (A-Z), wobei sich verschieden tiefe Rillen anfertigen lassen. Selbst im Modellsystem sind mehr als 1,7 Millionen Kombinationen möglich. Die Tiefe von 0,4 Mikrometern im Schnitt hat keinen Einfluss auf pharmakologische Eigenschaften, gewährleistet aber Sicherheit auf jeder einzelnen Tablette.

Zum Auslesen sind momentan noch Weißlichtinterferometer beziehungsweise konfokale Laser-Scanning-Mikroskope erforderlich – ein wenig praxistaugliches Szenario. Deshalb arbeiten Wissenschaftler an mobilen Laserscannern, die Resultate an eine App senden. Ihr Konzept: Bulkware, aber auch Tabletten in lichtdurchlässigen Blistern, könnten sofort bei der Einfuhr überprüft werden. Dass Gauner auch diese komplexe Hardware nachbauen, kann niemand ausschließen. Bleibt als Hoffnung: Je größer der Aufwand, desto geringer ist das Interesse.

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Forschung, Pharmazie

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