Neues Gerinnungs-Gel: Trüber Algentümpel

16. Oktober 2015
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Das Produkt Vetigel® soll Blutungen in Minutenschnelle stoppen. Nach klinischen Daten suchen Ärzte aber vergebens. Und so bleibt es momentan bei veterinärmedizinischen Anwendungen. Armee-Labors verfolgen parallel eigene Ideen – und sind schon deutlich weiter.

Egal, ob am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder im Kampfeinsatz: Bei größeren Blutungen droht aufgrund des Volumenverlusts ein hämorrhagischer Schock. Bei starken Verletzungen der Extremitäten bleiben Druckverbände oder Abdrücken. Innere Traumata lassen sich vor Ort kaum beherrschen. Im OP stehen Ärzten Gefäßklemmen, Fibrinkleber oder Elektrokauter zur Verfügung. Je schwerer das nächste Krankenhaus respektive Lazarett erreichbar ist, desto größer ist auch die Mortalität. Deshalb suchen Forscher schon lange nach Möglichkeiten, um Patienten direkt auf der Straße zu versorgen.

Wunderknabe mit Algenextrakt

Die neueste Errungenschaft: Medien berichten mit großer Euphorie über Joe Landolina (22). Er hat bereits als 17-Jähriger im Labor seines Großvaters mit Algenextrakten experimentiert und bei zwei Innovationswettbewerben insgesamt 5.000 US-Dollar abgeräumt: eine vergleichsweise geringe Basis für Forschungsprojekte. Trotzdem gelang es ihm, Vetigel® zu entwickeln. Sein Präparat ahme die natürliche Wundheilung nach, schreibt Landolina als neuer CEO von Suneris. Spritzt man das viskose Gel auf Läsionen, bildet sich sofort ein dichtes Netz aus Polysacchariden pflanzlicher Herkunft über der Wunde. Die Blutung wird gestoppt. An dieser Struktur sollen später Fibrinoblasten weitere Aufbauarbeit leisten, wie aus der klassischen Wundheilung bekannt ist. Auch dieser Prozess soll laut Suneris beschleunigt werden; Beweise für ihre Hypothese bleiben die Wissenschaftler aber schuldig. Zusammen mit seinen Kollegen hofft Joe Landolina auf Einsatzmöglichkeiten in Krisenregionen oder bei Unfällen, um Patienten bis zur chirurgischen Versorgung am Leben zu halten.

Steak vor der Verblutung gerettet

Die Story hat alle Motive eines typisch amerikanischen Traums. Hinsichtlich belegbarer Fakten sieht es gleich viel schlechter aus. In PubMed oder ähnlichen Datenbanken tauchen keine Veröffentlichungen zu Vetigel® auf. Auch der Entwickler Joe Landolina wird nicht erwähnt. Registrierte Studien auf ClinicalTrials.gov? Fehlanzeige! Die US Food and Drug Administration (FDA) hat keine weiteren Informationen. Und nun? Landolina vermarktet sein Produkt ausschließlich für veterinärmedizinische Anwendungen, was mit deutlich geringeren Hürden verbunden ist. Pro Anwendung werden rund 30 US-Dollar fällig. Ob Patienten nicht nur Hund und Katze, sondern sich selbst behandeln, liegt in ihrem eigenen Ermessen.

DocCheck hat bei Suneris nachgefragt, inwieweit klinische Daten zur Wirkung, aber auch zu unerwünschten Effekten vorliegen. Eine Antwort hat die Firma bis zur Veröffentlichung des Beitrags nicht gegeben. Erstaunlich wortkarg zeigt man sich auch bei Postings der Community. Gegenüber US-Medien äußert sich Joe Landolina, FDA-Vertreter würden ihm bereits 2016 die Erlaubnis für Tests an Menschen erteilen. Ob oder wann man mit einer Zulassung rechnen kann, steht in den Sternen. Zwischenzeitlich demonstriert er über Youtube, wie sich Steaks vor der Verblutung retten lassen.

Lebensrettendes Mineral

Ist Vetigel® tatsächlich ein Quantensprung bei Blutungen? Diese Frage lässt sich ohne Daten schwer beantworten. Andere Firmen forschen schon seit Jahren und haben sogar schon Präparate auf den Markt gebracht. Bei stark blutenden Wunden setzt der Bundeswehr-Sanitätsdienst auf QuikClot®. US-Truppen führen QuikClot Combat Gauze® sogar in ihrer Ausrüstung mit. Die Kompressen enthalten Kaolin, um Blut aufzusaugen. Dabei entstehen stabile Blutklumpen, und der Blutverlust wird minimiert. Mittlerweile liegen etliche Studien zur Wirkung vor. Das inerte, anorganische Material wird vom Körper nicht resorbiert und kann so lange auf Wunden bleiben, bis Ärzte zur Tat schreiten. Der Hersteller sieht weitere Anwendungsmöglichkeiten in Notaufnahmen und beim Polizeidienst. Einziger Wermutstropfen: QuikClot® eignet sich nicht für tiefe Stiche oder Schusswunden.

Schäumender Schutz

Diese Lücke wollen Forscher der Universität Maryland mit einem innovativen Schaum sprichwörtlich schließen. Ihr Präparat wird direkt auf Läsionen gesprüht, verdoppelt sein Volumen und erhärtet binnen kurzer Zeit. Aus der Wunde tritt kein weiteres Blut aus, da Biokunststoffe und chemisch modifiziertes Chitosan zur Verklumpung führen. Im Experiment verloren Tiere dank des Schaums rund 90 Prozent weniger Blut. Jetzt sollen klinische Tests folgen. Deutlich weiter sind Forschungsprojekte der US-amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) gediehen.

„Innere Blutungen gelten als häufigster Grund für potenziell überlebbare Tode auf dem Schlachtfeld“, schreiben DARPA-Experten in einer Mitteilung. Um die Überlebenswahrscheinlichkeit von Soldaten mit Abdominaltraumata zu verbessern, injizieren Sanitäter vielleicht schon bald zwei Flüssigkeiten in den Bauchraum von Verletzten. Ein rasch aushärtender Schaum drückt auf lädierte Gefäße und stoppt Blutungen. In Tierversuchen konnte der Blutverlust auf ein Sechstel gegenüber der Vergleichsgruppe gesenkt werden. Nach drei Stunden lebten noch 72 Prozent der Tiere, verglichen mit acht Prozent ohne Schaum.

Krieg und Frieden

Einmal mehr zeigt sich, dass gerade im Bereich der Notfallmedizin militäreigene Forschungseinrichtungen die Marschrichtung vorgeben. Vielleicht hat Joe Landolina tatsächlich ohne millionenschweres Budget der Armee ein neues Prinzip entdeckt. Warten wir auf Studiendaten.

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3 Kommentare:

Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Natürlich sind die Fragen nach hieb- und stichfesten Studien und Formalien völlig korrekt. Allerdings zeigen viele Beispiele, dass ein jenseits des Mainstreams Agieren oft erstaunliche Innovationen liefert.

Beispiel: die diesjährige Nobelpreise für Medizin. Besonders spektakulär und fast schon trivial gleichermaßen: die Chinesin mit dem klingenden Namen Youyou Tu extrahierte aus Einjährigem Beifuß – bei uns und anderswo wohl eher ein Un- oder neudeutsch Beikraut – Artemisin, welches sich als wirksam gegen die Malaria herausgestellt hat. Wie kam sie darauf? Sie befragte erfahrene Ärzte und stellte eine große Rezeptsammlung aus dem Jahrtausende alten Erfahrungsschatz der chinesischen Medizin zusammen. Das optimale Extraktionsverfahren lieferte nach einigen Fehlversuchen nicht etwa ein Hightech-Labor, sondern das „Handbuch der Mittel für den Notfall“ des Alchemisten Ge Hong aus dem Jahre 340 (!), so in Presseberichten zu lesen.

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Gast
Gast

und freuen wir uns inbesondere, keine tiere zu sein ;)

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Rettungsassistent

Gut recherchiert, danke …

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