Schmerzanblick: Empathie ist Gewöhnungssache

25. September 2015
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Das Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit an den Anblick von Schmerz: Die neuronale Reaktion nimmt ab, Hirnareale habituieren. Dennoch bleibt die Schmerzeinschätzung gleich. Für Berufsgruppen, die häufig Schwerkranke behandeln, durchaus eine sinnvolle Reaktion.

Empathie ist ein Thema, das zunehmend auch aus neurowissenschaftlicher Perspektive untersucht wird. Frühere Studien haben gezeigt, dass beim Beobachten von Schmerz teilweise ähnliche Hirnstrukturen aktiviert werden wie bei eigenen Schmerzerfahrungen. Wissenschaftler interpretieren diese Aktivierungen als mögliche neuronale Entsprechungen von Empathie.

Sinnvoll für Ärzte

Diese Entsprechung konnten auch Göttinger Forscher in ihrer Studie beobachten. Darüber hinaus untersuchten sie auch den zeitlichen Verlauf der neuronalen Reaktionen und überprüften, ob diese sich beim wiederholten Betrachten der Fotos verändern. „Wir haben herausgefunden, dass die neuronale Reaktion beim wiederholten Betrachten der Fotos abnimmt, bestimmte Hirnareale also habituieren“, erläutert Dr. Mira Preis, Erstautorin der Studie. „Dies ist umso erstaunlicher, weil die Probanden den Schmerz der beobachteten Personen im Verlauf der Untersuchung gleich einschätzten.“

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Das Hauptergebnis der Studie im Horizontalschnitt (von oben nach unten): Blau eingefärbte Bereiche zeigen die Areale an, in denen die neuronale Reaktion über den Verlauf des Experimentes abnimmt. © Universität Göttingen

Für Menschen, die regelmäßig mit dem Schmerz anderer Menschen konfrontiert sind, wie beispielsweise Ärzte, Pflegepersonal oder Angehörige von schwerkranken Patienten, könnte diese Gewöhnung eine sinnvolle Reaktion darstellen. „Diese Menschen können sich dann darauf konzentrieren, anderen Menschen zu helfen, ohne durch zu starke Emotionen gelähmt zu sein“, so Preis.

Originalpublikation:

Neural Correlates of Empathy with Pain Show Habituation Effects – An fMRI Study
Mira Preis et al.; PLoS One, doi: 10.1371/journal.pone.0137056; 2015

12 Wertungen (4.75 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

@ Gast #2: Für mich war ja gerade die Quintessenz des Artikels, dass die Einschätzung des Schmerzes sich mit der emotionalen Gewöhnung eben nicht verändert. Man kann also einen Patienten angemessen behandeln, ohne dass man selbst jedesmal Angst, Ekel oder selbst Schmerzen durchmacht. Das wäre auf Dauer durch Vermeidungsverhalten oder Überlastungsreaktionen weder für Patient noch Behandler gut.

#4 |
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Gast
Gast

Na, mit Empathie hat das nicht viel zu tun, eher mit Abstumpfung. Die gewiss notwendig ist, wie soll der Mensch sonst angesichts all der Schmerzen noch leben und helfen können.
Ein anderer Weg ist, den eigenen Weg im Umgang mit Schmerzen, die eigenen Erfahrungen im Umgang mit Schmerzen zu aktualisieren. So ist die Frau, die selbst bereits Kinder zur Welt gebracht hat, weniger hilflos dem Schmerz der Gebärenden ausgeliefert. Sie weiß, wie man ihn aushält, durch ihn durchgeht, ihn übersteht, ohne dass der Schmerz klein geredet wird.

#3 |
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Gast
Gast

NEIN, NEIN, NEIN,
keinesfalls “sinnvoll” für Ärzte, wie kann man nur so einen Blödsinn schreiben.
Der Arzt muss besonders sensibel dafür sein und eines wichtigsten Maßnahmen eines Arztes IST die Schmerzlinderung.

#2 |
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Angela Leyrat
Angela Leyrat

Das ist zumindest etwas beruhigend für die, die wie ich als Physiotherapeutin ständig mit Schmerzen der Patienten konfrontiert werden.

#1 |
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