Wir Moleküle vom Bahnhof Zoo

20. Oktober 2015
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Lysergsäurediethylamid, Psilocybin oder Ketamin – wer dabei nur an illegale Substanzen denkt, übersieht einen entscheidenden Aspekt: Jahrelange Verbote haben der Forschung schwer geschadet. Viele Moleküle zeigen in kleineren Untersuchungen wünschenswerte Effekte.

Bis zum Jahr 1967 war die Welt noch in Ordnung: Wissenschaftler konnten ungestört untersuchen, welche Effekte Lysergsäurediethylamid (LSD), Psilocybin und ähnliche Verbindungen haben. Durch den US-amerikanischen Controlled Substances Act nahm ihre Arbeit ein jähes Ende. Viele Länder zogen nach und stuften entsprechende Substanzen als „besonders gefährlich“ ein. Die Konsequenz: Ohne aufwändige Sondergenehmigungen war keine Forschung mehr möglich. Zeitgleich schnellten Preise für Reinsubstanzen des Chemikalienhandels exorbitant in die Höhe. Erschwerend kam 1971 eine Resolution der Vereinten Nationen mit hinzu. UN-Gremien sprachen psychotropen Molekülen jeglichen Nutzen ab.

„Politisch, aber nicht wissenschaftlich motiviert“

Diese Einschätzung sei „politisch, aber nicht wissenschaftlich motiviert“, schreibt James Rucker, London, in einem Kommentar [Paywall]. Bis 1967 hätte es allein 1.000 Fachartikel zum medizinischen Einsatz von LSD gegeben. Danach war Schicht im Schacht, aus Angst vor Gefahren. Zu Unrecht: Rucker zieht den therapeutischen Index als sicherheitsrelevante Größe heran. Der Wert errechnet sich als Quotient aus LD5 (Dosis, die bei 5 Prozent aller Probanden eine tödliche Wirkung hervorruft) und ED95 (Dosis, die bei 95 Prozent aller Probanden die erwünschte Wirkung zeigt). Größere Werte stehen für sichere Moleküle. Für LSD beziehungsweise Psilocybin gibt Rucker 1.000 an, für Alkohol 10, und für Kokain 15. Damit nicht genug: Bei Konsumenten psychedelischer Substanzen, die im Rahmen eines Surveys befragt worden waren, zeigten sich niedrigere Suizidraten und weniger psychische Erkrankungen. Grund genug, die Wirkstoffe näher in Augenschein zu nehmen.

LSD: Wunderwaffe der Blumenkinder

Bereits 1963 ließ sich Aldous Huxley 100 Mikrogramm LSD intramuskulär spritzen. Er litt an unheilbarem Kehlkopfkrebs und quälte sich mit Angststörungen. Jahrzehnte später nahm Peter Gasser, ein Schweizer Psychiater und Psychotherapeut, den roten Faden wieder auf. In einer Studie mit zwölf Patienten hat er untersucht, welchen Effekt das umstrittene Molekül hat. Alle Teilnehmer litten an Angst in Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Erkrankungen. Sie erhielten randomisiert 200 Mikrogramm oder 20 Mikrogramm LSD mit Dosiserhöhung auf 200 Mikrogramm. Psychotherapien kamen mit hinzu. Unter diesem Protokoll verbesserte sich die Furcht, gemessen am State-Trait Anxiety Inventory (STAI), signifikant. Gassers Vorteil: Schweizer Behörden tolerieren entsprechende Experimente. Ähnlich liberal ist die Haltung skandinavischer Staaten. Pål-Ørjan Johansen aus Trondheim ging der Frage nach, ob LSD bei Alkoholsucht zum Einsatz kommen könnte. Für seine Metaanalyse identifizierte er sechs geeignete Studien mit insgesamt 536 Teilnehmern. Der Forscher berichtet von statistisch signifikanten Hinweisen, dass sich LSD im klinischen Umfeld positiv auf die Behandlung auswirke. Eine einzelne Dosis des Wirkstoffs verringerte zusammen mit unterschiedlichen Programmen den Alkoholabusus.

Ketamin: Mehr als KO-Tropfen

LSD ist wissenschaftlich betrachtet kein Einzelfall. Ursprünglich als Anästhetikum entwickelt, später als KO-Tropfen zweckentfremdet, erlebt auch Ketamin einen zweiten Frühling. Britische Psychiater um Rupert McShane verabreichten den Arzneistoff an 28 Patienten mit therapierefraktären schwersten Depressionen [Paywall]. Bei acht von ihnen (29 Prozent) zeigten sich überraschende Effekte – die psychische Erkrankung verschwand sofort oder verbesserte sich deutlich. Damit stelle Ketamin eine Alternative zur Elektrokrampftherapie dar, heißt es im Beitrag. Als Nachteil sieht McShane, dass die Behandlung regelmäßig wiederholt werden muss, im Median waren Gaben alle zwei Monate erforderlich. Auch bei bipolaren Störungen besserten sich die Symptome. In beiden Fällen führten Zufallsentdeckungen zur weiteren Untersuchung. Jetzt ist es Forschern aus Freiburg gelungen, grundlegende Mechanismen zu entschlüsseln [Paywall]. Ketamin stimuliert die sogenannte Homer1a-Schaltstelle im präfrontalen Cortex sofort, während beispielsweise Imipramin erst nach Wochen Effekte zeigt – ein entscheidender Vorteil. Bislang fehlen Wirkstoffe zur Akuttherapie von Depressionen. Homer1a hat regulatorische Aufgaben bei der Reizübertragung zwischen Nervenzellen. Blockierten Wissenschaftler diese Struktur im Tierexperiment, blieben entsprechende Effekte aus.

Psilocybin: Vom Pilz zur Pille

Auch zu Psilocybin liegen neue Daten vor. Charles S. Grob und George R. Greer berichten von den Resultaten einer Placebo-kontrollierten Pilotstudie. Zwölf Krebspatienten mit starken Angststörungen erhielten das Pilz-Halluzinogen in relativ geringer Dosierung, nämlich 0,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Dabei verringerten sich psychosomatische Befindlichkeitsstörungen auf verschiedenen Skalen. Rainer Kraehenmann aus Zürich wollte wissen, welche biochemischen Mechanismen der Wirkung zugrunde liegen [Paywall]. Dank der funktionellen Kernspintomographie wies er Effekte auf die Amygdalae nach. Dort sind unsere Angstzentren lokalisiert.

Erst bewerten, dann untersuchen

Bei aller Euphorie haben viele Studien ihre Schwächen. Teilweise arbeiten Wissenschaftler mit Tiermodellen, und teilweise ist die Zahl an Probanden zu niedrig. James Rucker fordert deshalb methodisch hochwertige Arbeiten, um das therapeutische Potenzial von LSD & Co. zu untersuchen. Er will erreichen, dass die UN General Assembly Special Session on Drugs diverse Moleküle neu klassifiziert. Das nächste Treffen der Gruppe ist im kommenden Jahr.

135 Wertungen (4.73 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen und ergänzen.
Wenn es nochetwas nicht braucht, dann sind es diejenigen, die sich hier als Arztin oder Chirurg titulieren und keine Ahnung von der Materie haben. Sowohl ist das keine Drogenreklame, Werbung für Arzneien im Fernsehen ist Drogenreklame, beschweren Sie sich bei Ratiopharm… Zum Anderen sind Gefahren und Nebenwirkungen bei Kontrollierter Einnahme von Psychedelika sehr gering. Und wer sich ToleranS nennt, dann aber keine zeigt, geschweige denn die Orthografie beherrscht und sehr banale Zusammenhänge schildert, leistet hier keinen konstruktiven Beitrag, ob Pro oder Contra! Letztendlich ist meine Aussage jedoch auch egal, da die Betreffenden hier wahrscheinlich sowieso nicht mehr reinschauen….

#11 |
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Sheldor
Sheldor

Hier ist NICHT von Homöopathie oder von “Alternativmedizin” die Rede sondern von pharmakologisch wirksamen Substanzen, bei denen therapeutisches Potential nachgewiesen wurde.

Ich weiß auch gar nicht warum Homöopathen meinen, sich jetzt hier unbedingt ins Spiel bringen zu müssen. Homöopathie hatte ihre Chance und hat durchweg versagt, sich als wirksame Therapieform zu beweisen, die über den Placebo Effekt hinaus geht.

Wenn psychedelische Forschung eines nicht verdient hat, dann weitere Imageschäden zu erleiden und mit solchen Elementen in einen Topf geworfen zu werden, nur weil Illusionisten meinen, auf dieser Welle mitreiten zu müssen.

#10 |
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@Christian Becker
In der klassischen Homöopathie wird nach einer sorgfältigen Befragung das Symptombild mit den Symptombildern verschiedener Arzneien verglichen. Das Arzneibild Opium umfasst nach dem aktualisiertem Suchsystem Radar 4408 Symptome, die unterschiedliche Wertigkeit haben. Bei der Auswertung spielt ebenso die Erfahrung des Homöopathen eine Rolle. Ich arbeite nicht ausschließlich homöopathisch. Der Zweck ist immer der gleiche: Dem Menschen helfen. Falls Sie sich für alternative Methoden interessieren, schauen sie sich neben der Homöopathie die orthomolekulare Medizin an. Ich bin eher kritisch eingestellt, egal um welche Behandlungsrichtung es geht. Wenn man aber eine einzige echte homöopathische Heilung gesehen hat, verändert sich die Einstellung gründlich, man sollte als Arzt / Pharmakologe immer offen sein.

#9 |
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Ärztin
Ärztin

Drogenreklame!

#8 |
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ToleranS
ToleranS

Hohe Wirksamkeit ist immer mit potenziellen hohen Nebenwirkungen gekopptelt. Weiter unten in den Kommentaren sieht man es genau. Diese Person die Konsumiert hat macht den Eindruck die Welt mit neuen Augen zusehen, zumahl muss man erwähnen das man mit dem Gehirn sieht. Augen ohne Hirn = kein Bild, Gehirn ohne Augen= Kein Bild der Umwelt, aber bspw. Träume. Normalerweise geht es über die Umwelt über die Sinnesorgane in die Zentrale nur bei Psychedelikan ist die Reihenfolge aus der Zentrale in die Umwelt. Ich beziehe mich lediglich auf einen Kommentar, den der Artikel besagt was anderes.

#7 |
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Chirurg
Chirurg

Herr van den Heuvel. Wiedermal eine sehr fragwürdige Überschrift, einseitiger gehts wohl nicht.
Bei der erstaunlichen Behauptung “schwer geschadet”
sollten Sie bitte auch an Risiko und Nebenwirkung denken!
Doccheck wird immer mehr zum Laienmedium,
das zeigen auch die Kommentare und die “Löschungen” von Kritik.

#6 |
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Apotheker

Sehr interessanter Artikel. Es wäre wirklich mal an der Zeit, diese Substanzen ohne als verkappter Junky zu gelten untersuchen zu können.

@Elena Habersetzer
Homöopathie ist in der Tat nicht so meine Sache, aber das interessiert mich doch: In welchen Potenzen und zu welchem Zweck wurden denn Opium und Morphin eingesetzt?

#5 |
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Axel Fingerhut
Axel Fingerhut

Ich willschon mal vorbeugen:

# 32 zu http://news.doccheck.com/de/95158/psychedelika-lsd-auf-dem-therapie-trip/

>Erwin Last, Zeitungsleser<

"Hier wird ja wieder dolle Rekame für Drogen betrieben,
Kompliment doccheck!"

#4 |
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Peter Redlich
Peter Redlich

Vielen Dank für diesen kurzen aber eindeutigen Versuch, Psychedelika zu rehabilitieren. Ich habe u.a. Botanik studiert und kenne mich mit diversen Pflanzen und ihrer Wirkweise auf den Menschen gut aus. Aus eigener Erfahrung kann ich jedem, der Erfahrungen mit Tryptaminen wie LSD, Psilocybin, DMT (Ayahuasca) und dergleichen machen möchte, Mut und Vertrauen wünschen. Seit ich diese Substanzen konsumiere, konnte ich mich Stück für Stück mit dem Kind in mir versöhnen, habe gelernt, anderen Menschen zu verzeihen und neue Kraft gefunden, dieses Leben als jenes wundervolle Geschenk zu sehen, das es ist und das ein jeder von uns verdient hat. Ich kombiniere diese Erfahrungen mit Meditation und Atemtechniken und habe meine Dosis stets langsam gesteigert. Begebenheiten wie jüngst mit den ca. 30 Heilpraktikern und der Substanz 2CE zeigen nur umso mehr, dass viele Menschen gerne in höhere Sphären möchten, doch bei der Wahl ihrer Medizin aufs ‘falsche Pferd’ setzen. Dies wird den Drang des Menschen im 21. Jahrhundert, sich geistig und spirituell erheben zu wollen nicht schmälern. Nichts kann die Evolution unseres Geistes aufhalten, solange wir Menschen uns auf dieser Erde nicht gegenseitig auslöschen.

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Heilpraktiker

Seit Prof. Alfred W. McCoy (http://www.heise.de/tp/artikel/16/16687/1.html) ist die Prohibition als Geschäftsmodell entlarvt, das sowohl imperialistischen als auch monetären Zwecken dient. Soweit nichts Neues also.
Hoch bedenklich hingegen erscheint mir, mit wie wenig Widerspruch die Medizin und die Wissenschaft damals auf das Verbot reagierten, sich mit fast vorauseilendem Gehorsam den neuen Gegebenheiten unterordneten, um hernach unisono in das Lied von den “gefährlichen Substanzen” einzustimmen und so zu einer Politik beizutragen, die in über 40 Jahren nichts Anderes zu produzieren wusste als weltweit Millionen sozial geächteter, durch den fachlich weitgehend inkompetenten Justizapparat traumatisierter Pseudo’krimineller’.

#2 |
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Hochinteressantes Thema gut recherchiert. Als klassische Homöopathin interessiere ich mich sehr für homöopathische Zubereitungen dieser Stoffgruppe. Ich weiß, die Homöopathie ist nicht jedermanns Sache, dennoch kann ich über sehr gute Ergebnisse mit Behandlung mit hohen Potenzen von Opium, Morphinum Agarucus, Stramonium und ähnlichen Präparaten berichten. Leider hat man Opioide in der homöopathischen Zubereitung vom Markt genommen, völlig unklar warum, da in Augen der Nichthomöopathen “unwirksam”. Eine gehörige Portion an Persönlichkeitsspaltung gehört dazu, um Gesetze zu verstehen.

#1 |
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