Von alltäglich bis absurd

7. September 2011
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Angst muss nicht nachvollziehbar sein. Das beweisen rund 500 Phobien, die die Psychiatrie rund 130 Jahre nach der Einführung des Begriffes unterscheidet. Manche Ängste sind alltäglich, manche grenzen durchaus ans Absurde.

Im Wintersemester 1867 konsultiert ein junger, beruflich recht aktiver Mann den deutschen Psychiater und Neurologen Carl Friedrich Otto Westphal (1833 – 1890) an der Charité, Berlin. Dieser Handlungsreisende beklagt, dass „es ihm unmöglich sei, über freie Plätze zu gehen“. Beim Versuch dazu überfalle ihn „sofort ein Angstgefühl, dessen Sitz er bei Befragen mehr im Kopf als in der Herzgegend angibt, indes sei auch oft Herzklopfen dabei.“ Das Angstgefühl sei zudem begleitet von einer Verzerrung der üblichen Entfernungswahrnehmung und allgemeinem Zittern.

Was in schweren Fällen darin endet, die eigene Wohnung nicht mehr verlassen zu können, weil die antizipatorische Angst vor öffentlichen Orten oder generell die Angst zu Reisen überhand nimmt, wird damals wie heute Agoraphobie genannt. Dieses recht gut definierte Krankheitsbild mit einer Lebenszeitprävalenz von rund 5% ist neben der eigentlichen Problematik häufig mit depressiven und zwanghaften Verhalten, sowie der Panikstörung komorbide vergesellschaftet.

Die Ätiologie ist komplex und berücksichtigt neben genetischen und neurobiologischen Faktoren gleichsam lerntheoretische und psychodynamische Modelle. Wahrscheinlich sind letztgenannte Einflüsse in der Pathogenese bedeutsamer, da die reine Pharmakotherapie ohne Anwendung kognitiver und Expositionstherapien wenig Aussicht auf Erfolg hat – ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen.

Abzugrenzen von dieser „Overlapphobie“ sind die sogenannten spezifischen Phobien, die sich in ihrer Ätiopathogenese oft besser verstehen lassen, ganz im Gegensatz zu ihrer möglichen exotischen Ausprägung. Spezifische Phobien sind gekennzeichnet durch eine deutliche Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation, sowie von der deutlichen Vermeidung der Konfrontation mit diesem Objekt, respektive Situation. Während Spinnen (Arachnophobie) oder die Dunkelheit an sich (Achluophobie) noch eine gewisse biologische Begründung für eine Furchtentwicklung liefern, fällt dies bei anderen Phobien etwas schwerer oder bedarf eines sinnigen Kontextes:

Was es nicht alles gibt!

So könnte man die Bedürfnislosigkeit von Sokrates und seinen philosophischen Brüdern im Geiste, den Stoikern mit der Chrematophobie (Angst vor Geld) oder Plutophobie (Angst vor Reichtum) hinreichend erklären. Den homines nocturnes, die im Allgemeinen nur „from dusk till dawn“ unterwegs sind, erleiden sicher eine fulminante Phengophobie (Angst vor Tageslicht) oder Zeusophobie (Angst vor dem Herrgott). Die spanischen Konquistadoren hingegen fühlten die Allgegenwärtigkeit der Lui- und Venerophobie (Angst vor der Syphilis bzw. Geschlechtskrankheiten). Völlig ungeklärt dagegen ist die Ursache der Zemmiphobie (Angst vor Maulwürfen), Vistiophobie (Angst vor Kleidung), Pteronophobie (Angst mit Federn gekitzelt zu werden), Oktophobie (Angst vor 8-förmigen Gegenständen) und die Angst vor den Freitagen (Friggaphobie). Die Angst vor dem Montag nach dem Wochenende hätte man eher verstehen können.

Angst vor dem IMPP?

Man sieht, der griechischen Übersetzung und ausschweifenden Phantasien sind keine Grenzen gesetzt. Die klinische Relevanz dieser eher seltenen Angststörungen ist sicher überbewertet, aber man weiß nie, welche Indexfälle das IMPP im nächsten Hammerexamen zur reinen Illustration für wissenswert erachtet.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Studiosus nicht der Sophophobie erliegt…

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