Ärztlich assistierter Suizid: Palliatives Nein

25. September 2015
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Einer Befragung zufolge lehnen mehr als die Hälfte der Mitglieder der DGP einen ärztlich assistierten Suizid ab. Sie sehen die Lösung in einem verbesserten Netz der Hospiz- und Palliativversorgung, doch diese wird von aktuell rund 90 Prozent als unzureichend empfunden.

„Eine Normalisierung des ärztlich assistierten Suizids wäre ebenso der falsche Weg wie dessen strafrechtliches Verbot“, warnt Prof. Dr. Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), mit Blick auf die Anhörung zur Sterbebegleitung im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages. Dabei stützt sich Radbruch auf erste Ergebnisse einer aktuellen Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, in der 1.836 Ärzte, Pflegende und Vertreter weiterer Berufsgruppen umfassend Auskunft zu ihren täglichen Erfahrungen in der Versorgung schwerstkranker Menschen und zu ihrer Einstellung zu Suizidassistenz und Sterbebegleitung gegeben haben. 56 Prozent der befragten Ärzte lehnen eine eigene Beteiligung am ärztlich assistierten Suizid grundsätzlich ab. Nur 21 Prozent aller befragten Berufsgruppen sehen die Notwendigkeit einer strafrechtlichen Änderung, wohingegen ein Verbot der organisierten („geschäftsmäßigen“) Sterbehilfe von 56 Prozent befürwortet wird.

Wunsch nach größerem palliativmedizinischem Angebot

Drei Viertel der antwortenden Ärzte berichteten im Rahmen der Online-Befragung, sie seien im Verlauf der vergangenen fünf Jahre ihrer ärztlichen Tätigkeit von durchschnittlich zehn Patienten um Suizidassistenz gebeten worden. Gleichzeitig unterstrich eine große Mehrheit der Befragten, dass schwerkranke Menschen, die den Wunsch nach Suizidhilfe äußern, nicht zwingend den sofortigen eigenen Tod wünschen, sondern oftmals das Ende einer unerträglichen Situation. „Zur Entlastung sei das Gespräch über den Sterbewunsch wesentlich, darin waren sich die Befragten einig“, wie Prof. Dr. Friedemann Nauck betonte. Ein Sterbewunsch sei nicht absolut und ausschließlich, so schätzen es 94 Prozent ein, sondern häufig Ausdruck einer Ambivalenz, selbst wenn der Wunsch nach ärztlich assistiertem Suizid in Einzelfällen nachvollziehbar sei.

Dem entspricht, dass 47 der 1836 Antwortenden, davon 28 Ärzte, angaben, während ihrer gesamten Tätigkeit mindestens einem Menschen Beihilfe zum Suizid geleistet zu haben. Allerdings wird sehr Unterschiedliches hierunter verstanden – von der Beratung über mögliche Angebote bis hin zur Bereitstellung von Substanzen. Der Wunsch nach einer Suizidbeihilfe kann jedoch nicht losgelöst vom jeweils vorhandenen Hospiz- und Palliativangebot betrachtet werden, wie Radbruch hervorhob: Zwei Drittel der Befragten bejahten folgende Äußerung: „Bei einem flächendeckenden, bedarfsgerechten palliativmedizinischen Angebot würden weniger Menschen den Wunsch nach ärztlicher Hilfe bei der Selbsttötung äußern.“ Dieser Aussage steht ein klares Statement zum Istzustand gegenüber: Nur vier Prozent halten die vorhandenen palliativmedizinischen Kapazitäten für ausreichend.

Hospiz- und Palliativgesetz als Ausweg?

Deshalb begrüßt die DGP den vorliegenden Entwurf für ein Hospiz- und Palliativgesetz (HPG) als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer flächendeckenden und qualitätsgesicherten Hospiz- und Palliativversorgung, unterstrich Prof. Dr. Maria Wasner, Vizepräsidentin der DGP, nur so könne „ein Sterben erster und zweiter Klasse in Abhängigkeit von Wohnort, Erkrankung oder Alter“ vermieden werden. In einer aktuellen Stellungnahme zum HPG hat die DGP notwendige gesetzgeberische Einsatzfelder benannt, um eine qualitativ hochwertige Palliativversorgung auch in der Regelversorgung zu etablieren und zu finanzieren. „Schwerstkranke und sterbende Menschen brauchen nicht nur auf den Palliativstationen, sondern auch auf den Allgemeinstationen eines Krankenhauses oder in Alten- und Pflegeheimen kompetente palliativmedizinische Versorgung und Begleitung durch ein multiprofessionelles Team.“

Die Deutsche Krebshilfe hat den Weg für den Auf- und Ausbau der Palliativmedizin in Deutschland von Anfang an geebnet und begleitet. Die erste Palliativstation am Universitätsklinikum Köln wurde bereits 1983 von der gemeinnützigen Organisation finanziert. Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, betonte: „Bis heute haben wir insgesamt mehr als 70 Millionen Euro in den Aufbau palliativmedizinischer Versorgungsstrukturen, Stiftungsprofessuren, in Forschungsprojekte mit palliativmedizinischen Inhalten sowie in Akademien für die palliativmedizinische Fort- und Weiterbildung investiert. Das in Planung befindliche Hospiz- und Palliativgesetz könnte nun zu einer flächendeckenden und qualitätsgesicherten palliativmedizinischen Versorgung beitragen.“

Versorgungsnetz muss her

„Ein schwerkranker Mensch braucht ein Netz mit qualifizierten Personen seines Vertrauens, das ihn und seine An- und Zugehörigen auch in schwierigen Momenten auffängt, trägt und hält“, erklärte Nauck abschließend, und dieses Netz müsse über Einrichtungen der ambulanten und stationären, allgemeinen wie spezialisierten Hospiz- und Palliativversorgung gespannt werden.

15 Wertungen (4.93 ø)

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3 Kommentare:

Arzt
Arzt

Das mit dem “obwohl” verstehe ich nicht ganz.
Es gibt auch keine Todesstrafe in zivilisierten Ländern.

#3 |
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Im zwischen 1899 und 1903 entstandenen Gedichtzyklus “Das Stunden-Buch” setzt sich Rainer Maria Rilke im dritten Buch “Von der Armut und vom Tode” (1903) mit dem Tod auseinander: “O Herr, gib jedem seinen eignen Tod / Das Sterben, das aus jenem Leben geht, / darin er Liebe hatte, Sinn und Not. / Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. / Der große Tod, den jeder in sich hat, / das ist die Frucht, um die sich alles dreht. … / Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer, / daß es nicht unser Tod ist; einer der / uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen. / Drum geht ein Sturm, uns alle abzustreifen.” (Aus P. M. Zulehner: “Für die Freiheit des Sterbens”)
http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/archiv/beitrag_details?k_beitrag=1655570&k_produkt=3134330

#2 |
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Helfen, Heilen, Lindern, Schützen u n d Loslassen können!
Feuerwehren haben mit ihren vier eingängigen Schlagworten: “Bergen, Retten, Löschen, Schützen” ein international verbindliches Motto. Bei uns Ärztinnen und Ärzten des Fachbereichs Humanmedizin könnte “Helfen, Heilen, Lindern, Schützen… und Loslassen” als Motto unser Berufsfeld umschreiben. Die aktiv beschleunigende, intervenierende ärztliche Beihilfe zum Suizid fällt bisher nicht darunter, auch wenn ein juristisches Minderheitenvotum aus vordergründigen Stellvertreter-Motiven uns dazu drängen möchte.
Palliativmedizin, palliative Sedierung, Sterbebegleitung, Hilfen am Lebensende, das Unterlassen von künstlich lebensverlängernden Maßnahmen, weil keine Chancen auf Besserung oder Linderung mehr bestehen, wären mit dem Begriff “Loslassen” umrissen.
Sie erfordern originär ärztlichen und keinesfalls juristischen Sachverstand, um die Selbstbestimmung von Patient und Arzt nicht zu gefährden. Denn am Lebensende treten die Grenzen der Medizin, das Ende der möglichen Machbarkeiten offen zu Tage.
Die Tatsache, dass die moderne Medizin immer mehr zu einer künstlich intensiv-medizinischen Lebensverlängerung beitragen kann, dass transplantationsmedizinische Interessen in den Vordergrund treten, erschwert ihre Anwendung. Die Entscheidungs-findung wird immer problematischer, weil der oftmals gar nicht ausdrücklich erklärte und dokumentierte Patientenwille mit Wunsch, Wirklichkeit und Machbarkeit in Übereinstimmung gebracht werden muss.
Die “Beihilfe zum Suizid” in Form der „aktiven Sterbehilfe“ bei einem ärztlich „assistierten Suizid” ist im deutschen Rechtssystem mit dem Verbot der “Tötung auf Verlangen” nach § 216 StGB ebenso umstritten wie strafbar. Unabhängig davon, wie sich die gesamtgesellschaftliche und sozialpolitische Diskussion zur “aktiven” und “passiven” Sterbehilfe bzw. zur Selbsttötung weiter entwickeln wird, ein “Tötungswunsch” oder auch der Wunsch nach Erlösung muss grundsätzlich sehr kritisch gesehen werden. Es können ein Augenblicksempfinden, eine Angst- und Schrecksekunde, eine Fehl-einschätzung, ein Verzweiflungsmoment, eine schwere Depression, unaushaltbare Schmerzen oder eine Kurzschlussreaktion sein. Das Gefühl der sozialen Unerwünschtheit, der Ausgrenzung, der Panik und der Lebensmüdigkeit treten vielleicht hinzu.
Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte klar, dass bei unzweideutiger Willenserklärung eines Todkranken oder Sterbenden gerade n i c h t die ärztliche Verpflichtung bestehe, ihn reanimieren, “retten” und “künstlich” am Leben erhalten zu müssen. Der Wunsch nach einem Tod in Würde und der unumkehrbare Sterbeprozess müsse respektiert werden. Verhinderung oder Konterkarieren dieses ureigenen Patientenwillens sei nicht statthaft.
In diesem Spannungsfeld und in der individuellen Patienten-Arzt-Beziehung finden ethisch-moralisch begründete Entscheidungsprozesse statt. Sie sind immer eine Gratwanderung, bei denen weder die BÄK noch juristische Expertisen helfen können.
Niemand sollte allerdings den Stab brechen gegenüber Ärzten und auch Patienten, die in den Grenzsituationen des Lebens und Sterbens Dinge tun, die nicht für uns Alle konsensfähig bleiben. Doch zum “Doctor Death”, der nach ebenso lebensbejahender wie -begleitender palliativ-lindernder, biografisch-hausärztlicher Tätigkeit und psychosomatischer Grundversorgung plötzlich die Seiten wechselt, werde ich persönlich mich niemals eignen.
Tötung auf Verlangen (statt aktiver oder direkter Sterbehilfe), Sterben zulassen (statt passiver Sterbehilfe) und Therapien am Lebensende (statt indirekter Sterbehilfe) sind keinesfalls nur semantische Spitzfindigkeiten. Sie prägen die Humanmedizin und geben ihr gewissermaßen einen Leitlinienkorridor.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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