Altersdepression: SSRI, falsche Strategie?

8. September 2011
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Ältere Menschen erhalten häufig Antidepressiva. Dabei fällt die Wahl immer öfter auf selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), die als gut verträglich gelten. Diese Annahme ließ sich bei einer aktuellen Prüfung aber nicht wirklich bestätigen.

Depressionen bei älteren Menschen gelten hierzulande als unterdiagnostiziert und -therapiert. Dennoch steigt allgemein die Menge an verschriebenen Antidepressiva. Im Jahr 2009 wurden in Großbritannien insgesamt 39 Mio. Verschreibungen getätigt. Das entspricht einem Anstieg von 35 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Immer beliebter unter den Stoffklassen sind SSRI, ihr Anstieg betrug 47 Prozent im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva mit nur 18 Prozent. Doch ihren guten Ruf aufgrund einer angenommen besseren Verträglichkeit bei Senioren können SSRI offenbar nicht verteidigen. Denn eine aktuelle Analyse im Rahmen einer Kohortenstudie zeigt, dass SSRI im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva bei über 64-Jährigen mit einem erhöhten Risiko schwerer Nebenwirkungen wie Stürze, Schlaganfälle, Epilepsie und Tod assoziiert sind.

SSRI: Keine Aufklärung in Fachinformationen

570 britische Allgemeinarztpraxen hatten der QResearch Datenbank Daten von 60.743 Patienten im Alter von 65 bis 100 Jahren mit neu diagnostizierter Episode einer Depression geliefert. Insgesamt war es fast 1.400.000 mal zur Verschreibung von Antidepressiva gekommen. 54,7 Prozent der Verschreibungen fielen dabei auf SSRI, 31,6 Prozent auf trizyklische Antidepressiva und 13,5 auf andere Stoffgruppen. Bei den verschriebenen SSRI nahmen Citalopram und Fluoxetin die ersten Plätze ein.

Unter SSRI ereigneten sich im direkten Vergleich zu Trizyklika signifikant häufiger Sterbefälle, Schlaganfälle und transiente ischämische Attacken, Stürze, Frakturen und epileptische Anfälle sowie Hyponatriämien. Keine Unterschiede ergaben sich für die Häufigkeit versuchter Suizide. Bekannt und in den Fachinformationen von SSRI erwähnt sind lediglich epileptische Anfälle und Hyponatriämien.

In der Gruppe der anderen Stoffgruppen, darunter Venlafaxin und Mirtazapin, ergab sich gegenüber trizyklischen Antidepressiva ein erhöhtes Sterberisiko, erhöhte Raten für versuchten Suizid, für Schlaganfälle, Frakturen und epileptische Anfälle.

Zur Veranschaulichung ein Vergleich des absoluten Sterberisikos innerhalb eines Jahres: Es beträgt 7,04 Prozent für depressive Patienten ohne antidepressive Behandlung, 8,12 Prozent für Patienten unter tyzyklischer Antidepressivabehandlung und 10,61 Prozent für jene mit SSRI-Therapie.

Keine handfesten Beweise aufgrund von älteren Studien

Es gibt wenige Studien speziell mit älteren Menschen zur Antidepressivabehandlung. Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration attestierte den SSRI bei Älteren im Jahr 2006 eine den Trizyklika gleichwertige Wirksamkeit, aber eine erhöhte Therapieabbruchrate unter klassischen trizyklischen Antidepressiva aufgrund der Nebenwirkungen. Andere frühere Studienanalysen, jedoch nicht vorzugsweise mit Älteren, belegten ebenfalls einen geringen bis moderaten Vorteil der SSRI gegenüber Trizyklika. Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) empfiehlt die Auswahl eines Antidepressivums natürlich unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen und der Präferenz des Patienten, doch soll entsprechend der bisherigen Überzeugung normalerweise die Wahl auf SSRI fallen.

Gängige Praxis durch aktuelle Studie in Frage gestellt

Die aktuelle Untersuchung jedoch stellt die gängige Praxis und Empfehlung in Frage. Beeinflussen könnten die vorliegenden Ergebnisse den Autoren zufolge, dass Trizyklika in weitaus geringeren Dosen verschrieben wurden als SSRI, in der Mehrzahl der Fälle wurde nicht einmal die Hälfte der empfohlenen Dosis erreicht. Denn das Auftreten von Nebenwirkungen hing tendenziell mit der Dosis zusammen. Für die meisten der Ergebnismessungen ergaben sich die höchsten Risiken innerhalb der ersten vier Wochen nach Beginn der Behandlung und in den ersten vier Wochen nach Beendigung der Therapie.

Ursache und Wirkung lassen sich aufgrund des retrospektiven Designs dieser Beobachtungsstudie nicht wirklich klären. Unklar bleibt, ob die Nebenwirkungen tatsächlich den verschiedenen Stoffklassen zuzuschreiben sind oder ob es andere Faktoren wie etwa Multimorbidität oder andere Patientenfaktoren gibt, die Ärzte bevorzugt zu einem bestimmten Antidepressivum greifen lassen und die Multimorbidität oder andere Faktoren die eigentliche Ursache sind. Mögliche Zusammenhänge könnten weitere Studien klären. Nicht untersucht wurde darüberhinaus der potentielle Nutzen von Antidepressiva oder der Vergleich der Wirksamkeit verschiedener Stoffgruppen.

„Zwischen verschiedenen Antidepressiva gibt es signifikante Unterschiede hinsichtlich unerwünschter Wirkungen bei Älteren“, so die Autoren. „Es fanden sich keine Beweise dafür, dass SSRI oder andere Antidepressiva mit einem reduzierten Risiko für unerwünschte Wirkungen verbunden sind. Es ist sogar mit einer erhöhten Gefahr für einige Risiken zu rechnen“.

144 Wertungen (4.12 ø)
Medizin, Neurologie

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16 Kommentare:

lustiger kommentar eines antidopingexperten im deutschen fernsehen:meine alte mutter hat mich in einer talkshow schön blamiert,als sie sagte:mein sohn gibt mir immer cannabis als roborans in die suppe!

#16 |
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ich glaube ich bin schon wieder im falschen film:
1.kontrolliert die schilddrüse,ob nicht eine unterfunktion vorhanden ist!!
achtet auf exsiccose,demenz,parkinson,
u.wenn schon ein antidepressivum ,warum ein trizycklisches mit allen cholinergen nebenwirkungen,angefangen mit mundtrockenheit bis zur verminderung der kognitiven fähigkeiten.@annete peter:sexueller appetit,der casus macht mich lachend,nennen wir es libido.wechseln sie das präparat auf trittico,oder ixel.trittico in höher dosierung soll sogar libidofördernd sein.auch die depressio per se ist nicht unbedingt libidofördernd !

#15 |
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Rettungsassistent

Bewertet den Artikel nach dem, was da steht.
Es gibt Auffäligkeiten bei der Behandlung mit SSRI, ob diese aber auf SSRI zurück zu führen sind oder nicht (steht auch im Artikel), ist nicht geklärt.
ich verstehe das als Denkanstoß, nicht als Therapieempfehlung und als solcher ist der Artikel gut gemacht.
Und an die Überschriften plus Bilder habe ich mich gewöhnt.

#14 |
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@Marc-Gunnar Däumer

Und wenn, man Ihnen dann den Rollstuhl weggenommen hat und sie deswegen nicht mehr mit einem reden wollen, behauptet man sie würden Stimmen hören, dass sie nicht mit einem reden dürfen und beantragt eine Betreuung und vergiftet sie mit Neuroleptika.

#13 |
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Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund.
Legalisiert Canabis anstatt, den Menschen im Gehirnstoffwechsel herumzupfuschen.

#12 |
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Marc-Gunnar Däumer
Marc-Gunnar Däumer

Menschen > 65, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, scheinen ein erhöhtes Sterberisiko gegenüber denen zu haben, die nur einen Rollator verordnet bekommen. Da sollte man doch überprüfen, ob man ersteren nicht den Rollstuhl wegnimmt!

#11 |
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Dr. Ludwig Gündel
Dr. Ludwig Gündel

und nun?!!

#10 |
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Ein guter Beitrag,
bei aller Kritik im Detail ist eine “wirksame” Pharmatherapie speziell im hohen Alter oft schädlicher als keine!
Ich sehe fast täglich im Krankenhaus rel. schwere Komplikationen bei “simplen” Diuretika, an 2. Stelle für Antihypertensiva und bei Antikoagulantien aller Art. :-)
(Hypovolämie, Hypotonie, Nierenversagen, Stürze mit Verletzungen, übermäßige Blutungen)

#9 |
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Zahnärztin

Hallo, bin jkein Allgemeinarzt, habe aber kleider Erfahrungen in der Familie mit Citalopram gemacht, wobei unterschiedlichste Nebenwirkungen vorkamen. Bei meinen Geschwistern <30 J traten schwere Schlafstörungen vor, sowie Durchfälle und mein Vater >64 J. hatte ebenfalls Schlafstörungen und in letzter Zeit besorgniserregende transiente ischämische Attacken, die ihm als Vollbluthypochonda am Tod riehen lassen… Ich bin nicht begeistert davon, aber bin wie gesagt nicht vom Fach und kann Trizyklische Anidepressiva als Alternative nicht beurteilen

#8 |
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Annette  Peter
Annette Peter

Ich verordne gerne Citalopram; in den vielen Fällen meiner Verordnungen sind mir nur 2 NW wirklich in der Praxis aufgefallen: Auslösung von reduziertem sexuellem Appetit bei Männern und Frauen, was dann auch meist zur ABsetzung des Präparates geführt hat, und gelegentlich LEICHTE Übelkeit (diese übrigens GERADE im Niedrigdosisbereich, war bei flottem Erreichen der minimal antidepressiv wirksamen Dosis (20 mg) meist, aber nicht immer weg; blieb sie, mußte das Präparat AUCH abgesetzt werden. Trizyklika mit häufigen NW auf den Herzrhythmus und der für den Pat. sehr oft sehr unangenehmen Mundtrockenheit würde ich nur noch im Ausnahmefall verordnen.

#7 |
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Diese Studie macht eine Aussage über die Assoziation, nicht über die Kausalzusammenhänge!
Selbstredend muss z. B. bei einer Demenz der anticholinergische Effekt der TZA vermieden werden.
Auch wird man einer/m depressiven Multimorbiden allein aus Wechselwirkungsgründen eher Citalopram verschreiben als irgendwas mit unüberschaubaren Auswirkungen auf die CYP-Enzyme

#6 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Da alle Leute die Würfelzucker verbrauchten Krebs bekamen sollte man Würfelzucker verbieten !

#5 |
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Aus eigenen erfahrungen einschließlich langjähriger Erfahrungen mit meinem Vater kann ich hinsichtlich SSRI speziell Citalopram keine schwereren NW berichten

#4 |
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Ein wenig zu reisserisch ist der Titel des Artikels, denn diese Studie lässt mit Sicherheit diese Schlüsse mit Konsequenzen für den klinischen Alltag nicht zu. Denn unbestritten ist, dass die Trizyklika giftiger sind als die SSRIs.
Welche Schlussfolgerungen ich für mich ziehe:
1. es muss weiter geforscht werden, denn nur wenn die Populationen die SSRIs und Trizyklika bekommen vergleichbar sind sind solche Schlüsse wie im Titel angedeutet, statthaft. Ich vermute dass aufgrund der guten Verträglichkeit und der günstigen Wechselwirkungsarmut der SSRIs diese auch an multimorbide Patienten verabreicht wurden denen man sich nie trauen würde Trizyklika zu verschreiben (u.a. kardiovaskulären NW usw.)
2. der sorglose Umgang mit den SSRIs insbesondere von Ärzten die nicht ausreichend Erfahrung mit dieser Stoffgruppe haben sollte hinterfragt werden. Die Studie scheint aus England zu sein, dort ist die Dichte an Psychiatern sehr dünn

Eine ausschliessliche oder überwiegende Verschreibung von Trizyklika halte ich für nicht mehr zeitgemäss, man setzt die Patienten unnötigen Risiken und Nebenwirkungen aus. Und jetzt massenweise vor allem ältere Menschen von SSRIs auf Trizyklika umzustellen wäre eine Katastrophe.

Zwar ist es “witzig” einen reisserischen Titel zu machen ich finde es aber in diesem Fall für nicht gerechtfertigt und es dient am Ende nur der Verunsicherung der Kollegen auch der nicht-medizinischen Kollegen die sich mit den Vorteilen und Risiken der Antidrepressive Gabe nicht so gut auskennen.

#3 |
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Diese Studie brachte keinerlei belastbare Aussagen, allenfalls die eine oder andere prüfbare Hypothese!

#2 |
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Danke! Das ahnte man eigentlich schon länger. Ich nehme, wenn überhaupt, gerne Trizyklika

#1 |
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