Augenverätzung: Lauge um Lauge

21. Mai 2013
Teilen

Wie behandelt man Augenverätzungen? Früher galt: alles was man trinken kann, eignet sich zur Augenspülung. Doch es herrscht in Deutschland keine Einigkeit darüber, womit gespült werden soll. Die Liste ist lang, was wirkt am besten: Wasser, Kochsalzlösungen oder gibt es andere Alternativen?

Unter allen Augenverletzungen machen Verätzungen 7,7 bis 18 Prozent aus. Die Unfälle können im Labor, im Haushalt durch Reinigungsmittel oder bei Reparaturarbeiten am Auto mit Batteriesäure passieren. Eine Auswertung der Unfallanzeigen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft ergab, dass 56 Prozent der verletzten Mitarbeiter keine Schutzbrille trugen. Statistisch betrachtet sind die Unfallopfer meist junge Patienten und Verätzungen mit Laugen sind häufiger als mit Säuren.

Je länger, je tiefer

Das Ausmaß der Schädigung ist abhängig von der Art und Konzentration des Ätzmittels, der Temperatur und der Kontaktdauer zum Gewebe.

Ätzungen und Reizungen können hervorgerufen werden durch:

Laugen dringen tiefer ein

Verätzungen mit Laugen sind schwerwiegender als mit Säuren. Eine Lauge reagiert mit Fett zu einer Seife. Diese so genannte Kolliquationsnekrose führt dazu, dass die Hautzellen quellen, auseinanderweichen und das Ätzmittel sehr tief eindringen kann.

Die Hornhaut trübt ein und die Schädigung des vaskulären Endothels der Gefäße führt zu Thrombosen und Ischämie. Eine irreversible Gewebeschädigung tritt bei einem pH-Wert von 11,5 und höher ein. Der pH-Wert des Kammerwassers steigt innerhalb von wenigen Sekunden an. Rasch werden so auch intraokulare Strukturen wie Iris, Linse und Ziliarkörper geschädigt.

Säuren fällen das Eiweiß der (Schleim-)Haut. Diese Denaturierung führt dazu, dass sich eine Art Schutzschicht bildet, die als Koagulationsnekrose bezeichnet wird. Sie bewirkt, dass die meisten Säuren langsamer und nicht so tief in das Gewebe eindringen können. Eine Ausnahme bilden hier die Fluss- und die Schwefelsäure. Konzentrierte Schwefelsäure entzieht der Haut immense Mengen an Feuchtigkeit und reagiert exotherm. Flusssäure, die zum Ätzen von Glas verwendet wird, bildet ebenfalls wie Laugen eine Kolliquationsnekrose und dringt deshalb sehr tief in Gewebeschichten.

Sonderfall Capsaicin

Das Alkaloid Capsaicin ist der Inhaltstoff aus Paprikaarten und Bestandteil von zur Abwehr eingesetztem Pfefferspray. Das “Brennen” beim Kontakt mit Capsaicin ist eine “thermische Täuschung”. Das Gefühl der starken Wärmeentwicklung auf Haut- und Schleimhaut entsteht durch eine Einwirkung auf die Nervenendigungen, die Wärmereize aufnehmen und weiterleiten. Capsaicin wirkt am Vanilloid-Rezeptor und beeinflusst dort Calciumionenkanäle, dadurch kommt es zum Schmerzreiz. Beim scharfen Essen werden die Nervenendigungen und nicht die Geschmacksnerven der Zunge beeinflusst. Im Gegensatz zu anderen “Scharfmachern” wie Pfeffer oder Ingwer hält das “Brennen” sehr lange an. Dies liegt einerseits am Wirkmechanismus, andererseits an der hohen Fettlöslichkeit.

Der Pharmakologe Wilbur Scoville beschrieb in einem Artikel in “The Journal of the American Pharmacists Association” die Möglichkeit zur Bestimmung des Capsaicin-Gehalts durch Verdünnen und Verkosten. Versuchspersonen mussten immer weiter verdünnte scharfe Lösungen probieren und dokumentieren, ab wann sie keine Schärfe mehr wahrnahmen.

Scoville-Grad

Der Grad der Verdünnung, bei dem keine Schärfe mehr festzustellen ist, wird als Scoville-Grad (SCU für Scoville Units) angegeben. Paprika ohne feststellbare Schärfe hat den Scoville-Grad 0, reines Capsaicin zwischen 15.000.000 und 16.000.000 Scoville. Das bedeutet, dass für einen Milliliter reinen Capsaicins 15–16 Millionen Milliliter Wasser (= 15.000 Liter / 15 m3) benötigt werden, um keine Schärfe mehr festzustellen.

Tränengase mit Capsaicin unterliegen dem kleinen Waffengesetz, dürfen nur von der Polizei oder von Privatpersonen ausschließlich gegen Tiere eingesetzt werden. In einigen Ländern ist der Einsatz vollständig verboten. Schweden hat auf die Einführung von Pfefferspray mit der Begründung verzichtet, sein Einsatz könne zu schweren Schädigungen der Hornhaut führen. In den USA sind zwischen 1990 und 1995 61 Todesfälle durch Capsaicin oder seine synthetische Variante dokumentiert.

Fettlösliche Stoffe wie Pfefferspray haben die Eigenschaft, dass sie sich mit Wasser oder Salzlösungen nur unzureichend aus dem Auge entfernen lassen. Lediglich polyvalente Lösungen sind hierzu in der Lage.

Spüllösungen bei Augenverätzungen

Bei Verätzungen des Auges bestimmt die Schnelligkeit und Effizienz der Spülung maßgeblich die Prognose des Patienten. Vor jeder Augenspülung muss unbedingt eine Lokalanästhesie erfolgen. Dazu wird die Lösung eines geeigneten Präparates auf das geschlossene Auge geträufelt. Sie unterkriecht das Lid und führt rasch zu einer Schmerzfreiheit. Erst so wird eine Spülung ermöglicht. Auch Lidocaininjektionslösung kann grundsätzlich verwendet werden. Sie erfüllt zwar nicht die strengen Anforderungen, die an die Sterilität und den pH-Wert von Augenarzneien gestellt werden, aber die Rettung des Augenlichtes sollte im Vordergrund stehen.

Für eine Spülung stehen verschiedene Mittel zur Verfügung

Neue Therapiekonzepten zur Augenverätzung

Die Empfehlungen zur Ersttherapie der Augenverätzung durch Spülen mit Wasser, steriler Salzlösung und Phosphatpuffer beruhen auf Erkenntnissen von Creutzburg bereits aus dem Jahr 1953. Das Aachener Centrum für Technologietransfer in der Ophthalmologie (ACTO) erforschte in Kooperation mit dem Verbrennungszentrum am Klinikum Köln-Merheim und der Universitätsaugenklinik Aachen intensiv Mechanismen und neue Therapiekonzepten zur Augenverätzung. Prof. Dr. N. F. Schrage und Mitarbeiter untersuchten alle gängigen Spüllösungen und hinterfragten deren Eignung kritisch.

Verändert die Spüllösung die Osmolarität im Auge, kann dies zu einem Schrumpfen oder Platzen der Zellen führen. Bei hohen Salzkonzentrationen können Proteine durch sukzessiven Wasserentzug aussalzen und damit zu einem Funktionsverlust führen. Eine rasche Veränderung der Osmolarität wie bei einer Kochsalzspülung oder Ringer-Lactat-Spülung führt zu vermehrt platzenden Zellen und damit zu einer Verstärkung des Schadens. Bei einer Spülung mit Wasser ist dieser Effekt noch stärker.

Augenspüllösungen sind im Vergleich zur gesunden Hornhaut meist isotonisch (0.4 Osmol/kg). Leitungswasser ist mit 0 Osmol/kg stark hypoosmolar, andere Substanzen wie Previn® sind hyperosmolar (0.8 Osmol/kg). Wird mit einer isotonen Lösung lange gespült, eliminiert man war den Ätzstoff, kann aber durch die Quellung zu Schädigungen des Epithelgewebes beitragen. Dadurch sind irreversible Störungen möglich.

Pufferlösungen (Isogutt ®) sind in der Lage, ein Vielfaches ihrer Volumenmenge an Wasser zu ersetzen. Isotone Lösungen ohne Puffereffekt (Isogutt akut ®) vermögen dies nicht. Polyvalente Lösungen wie Previn ® sind erheblich wirksamer. Sie verfügen über einen ausgeklügelten Wirkmechanismus, der bewirkt, dass Ätzmittel aller Art neutralisiert und somit Schäden verhindert werden. Die Lösung agiert als chelatbildendes, amphoteres Molekül. Es stehen auch Zubereitungen für die Ganzkörperdekontamination zur Verfügung. Ein weiterer Vorteil ist, dass auch fettlösliche Reizstoffe wie Pfefferspray damit aus dem Auge entfernt werden können. In anderen Ländern ist es üblich, dass die Polizei nicht nur Pfefferspray mitführt, sondern auch Previn ® als Gegenmittel bereit hält. Neue Erkenntnisse und neue Spüllösungen machen ein Umdenken in der Therapie der Augenverätzungen notwendig.

186 Wertungen (4.41 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

Dr. med. Johannes Wittmann
Dr. med. Johannes Wittmann

Die notfallmäßige Augenspülung erfolgt so schnell wie möglich, auch ohne Lokalanästhesie mit reichlich kalten Wasser.
Selbst wenn das nicht optimal ist, kann dadurch Gefahrstoff aus dem Auge entfernt werden. Erst danach erfolgt die Fahrt zum Augenarzt. Das steht übrigens auch in der genannten Studie aus Aachen.
Eine suboptimale Spülung ist immer noch besser als gar keine.
Neben den betrieblichen Unfällen dürfen die Arbeitsplätze Haushalt und Heimwerker nicht vernachlässigt werden. Man muss sich im klaren darüber sein, dass dort einiges an Augen-gefährdenden Substanzen im Gebrauch ist. Dort ist Leitungswasser die regelmäßig zur Verfügung stehende Spüllösung.
Was der Sanitäter während des Transports anwendet, ist wieder eine andere Sache.

Für die betrieblichen Belange ist zu beachten, dass auch das genannte Previn seine Grenzen hat, z.B. ist es nicht geeignet für Flußsäure. Neben den Augenspülflaschen gibt es in gefährdeten Bereichen auch noch festinstallierte Augenspülstationen.
Im Betrieb muss anhand der Gefährdungsbeurteilung ermittelt werden, welches Mittel für die eingesetzten Gefahrstoffe das geeignete Augenspülmittel ist.

#13 |
  0

Warum sollte Lidocaininjektionslösung nicht steril sein und damit die Anforderungen an eine Augenarznei (in diesem Punkt) nicht erfüllen?

#12 |
  0
Anette Skowronsky
Anette Skowronsky

Danke, auch für Apotheker ein wichtiger Beitrag

#11 |
  0
Christian Eichkorn
Christian Eichkorn

Das Ende wirkt wie ein Werbeartikel für ein Präparat. – Unseriös!

#10 |
  0
Gast
Gast

Zunächst sollte unterschieden werden, ob der Betroffene beruflich mit Gefahrstoffen arbeitet, oder im privaten Umfeld eine Kontamination erfolgt. Am Arbeitsplatz kann ich erwarten, dass die Previn-Lösung vorgehalten wird. Im privaten Umfeld sieht dies schon anders aus. Als Ausbilder und Rettungsdienstler sollte man Previn kennen, da es in Unternehmen zunehmend im Rahmen der Ersten Hilfe eingesetzt wird. Unabhängig vom Spülmedium gilt jedoch immer der Grundsatz: Nie eine Spülung verzögern!!!
Wilfried Nießen
RS und Ausbilder

#9 |
  0
Rettungsassistent

Zweiter Versuch
Wir benutzen Previn im Rettungsdienst und sind absolut zufrieden, einfach ein Wundermittel.
Previn bindet die Chemischen Substanzen und verbreitet sie auch nicht weiter beim Spülen. Es entsteht bei längerer Anwendung keine Unterkühlung.
So kann man sofort, auch ohne Lokalanästesie eine Linderung verspüren. Betroffenen Hautstellen können ebenso versorgt werden wie das Auge.
Einfach das Mittel der Wahl und sollte ein Standard in allen Erste Hilfe Kästen werden.
Bei der Firma Prevor werden spezielle Anwendungsmöglichkeiten angeboten.
Leider ist mein erster Kommentar nicht angekommen, bestimmt weil ich die Kontaktdaten hinzugefügt habe. Bin gern bereit auf Anfrage die Kontaktdaten weiterzugeben.

#8 |
  0
Medizinjournalist

Zur Frage von Herrn Koch: der Ersthelfer spült weiterhin mit Wasser, im Labor etc. sollte vom Betriebshelfer eine Pufferlösung oder eine amphotere Lösung verwendet werden.
Zur Frage von Frau Hahnemann: Der Hersteller sitzt in Frankreich, Previn oder Diphoterine können über diverse Ausstattungsfirmen im Internet oder über eine Apotheke bestellt werden.

#7 |
  0

Sehr interessanter Artikel, aber wo finde ich z.b.Previn? Nicht in der Roten Liste zu finden….

#6 |
  0
Rettungssanitäter

Sehr guter , informativer Artikel

#5 |
  0
Rettungsassistent

ok, ich mache Laien also Ersthelfer Ausbildung ,in allen Curricula zur Ersten Hilfe Ausbildung steht mit Wasser ausspülen ,wenn keine spezielle Lösung zur Verfügung steht, was sag ich denn jetzt einem Laien dazu?
MfG Ralf koch
Lehrrettungsassistent

#4 |
  0

Über meinem Mann ist einmal eine LKW Batterie explodiert (ohne seine Schuld), hierbei ist ihm massiv Batteriesäure (Schwefelsäure) ins Gesicht und die Augen gespritzt. Er hatte sofort sein Gesicht etc. abgewaschen, denn im Betrieb gab es keine einsatzfähigen Augenspülflaschen, daher wurde er dann vom Chef ins Krankenhaus gefahren. Hier musste er erst seine ganzen persönlichen Daten angeben also Adresse, Alter, wie lange er schon in dem Betrieb arbeitet, welchen Beruf er ausübe… Nun stellt sich die Frage, er hatte zunächst nur Leitungswasser zum Spülen denn bis er letztendlich in der Notaufnahme behandelt wurde vergingen ca. 80 min. Er hat hierbei ca. 70% seiner Sehkraft eingebüßt. Wäre es nun besser gewesen die Augen nicht mit Leitungswasser zu spülen, wenn man sonst nichts hat, nachdem Leitungswasser auch Schäden macht? Ich denke ja wohl eher nicht – Oder?

#3 |
  0
Jessica Bueckling
Jessica Bueckling

Danke für den Überblick!

#2 |
  0
Naturwissenschaftler

Augenverätzung
ist eine fatale Angelegenheit, die innerhalb von Sekunden volle Auswirkung hat.
Eine Verätzung liegt vor, wenn durch das Einwirken einer reizenden oder korrosiven Substanz eine teilweise oder gänzliche Zerstörung der Molekular und Zellstruktur der Haut des Auges vorliegt.
Generell die Ätzung liegt am Arbeitsplatz und als Schweregrad zwischen Stadium I bis IV.
Augenverätzung kann mit folgenden chemischen Mitteln das Auge zerstören:
1. Laugen (NaOH, NH3): Membranzerstörung
2. Säuren (HCL, H2SO4, CH3COOH, HNO3, HF): Fixation Proteinen
3. Fluoridonen : Calciumverlust (Flusssäure)

Hierzu sieht das Allgemeine Behandlungsschema das Prinzip der chemischen Neutralisation (PH-Wert Einstellung im Vorderkammer des Auges) bzw. der Gegenwirkung mit folgenden technischen Schritten:
Prinzip:
• • Spülen zw. 15 – 60 Minuten
• • Entfernen (mechanisch)
• • Verdünnen
• • Puffern
• • Unschädlich machen.
Eventuell noch chirurgische Eingriffe hierbei sind erforderlich.
Und mit allem, was man trinken kann“ außer Zitronensaft (sauer), Heiße Getränke
, Brandy, Whisky.
Spezielle Behandlungen muss man die chemische Zusammensetzung der ätzenden Substanzen ermitteln damit man das Neutralisationsmittel auswählen kann.
Anschließend wird die medizinische Augenuntersuchung durchgeführt und bestimmte Arzneimittel , zwecks heilende Therapie, verordnet werden.
MfG

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: