Wenn der Bizeps in Rente geht

9. September 2011
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Wenn wir älter werden, nimmt unsere Muskelkraft ab. Warum das so ist, war bisher allerdings völlig unklar. Forscher wollen jetzt herausgefunden haben, was uns im Alter zu Strichmännchen macht. Und sie schlagen auch gleich eine helfende Pille vor.

Mit der Muskulatur im Alter ist das so eine Sache. Wenn die Jahre ins Land ziehen, bekommen unsere Muskeln das gleich doppelt zu spüren. Zum einen nimmt die Muskelmasse ab. Zum anderen verringert sich aber auch die Muskelkraft pro Muskelmasse. Als altersassoziierte Sarkopenie wird dieser deprimierende Vorgang oft bezeichnet. Ab etwa dem vierzigsten Lebensjahr ist der Prozess sichtbar und spürbar. Jenseits des 75. Lebensjahrs geht es dann immer schneller den Hang hinunter. Ohne weiteres verhindern lässt sich die Sache nicht: Nur wer eifrig trainiert, kann dem Muskelabbau innerhalb gewisser Grenzen entgegen wirken. Das ist aber umso schwieriger, je älter man wird.

Muskelschwund im Alter: Ist das Kalzium schuld?

Wissenschaftler um den Physiologen und Biophysiker Professor Andrew R. Marks, Leiter des Wu Center for Molecular Cardiology am New Yorker Columbia University Medical Center, haben jetzt in vielen Jahren Forschung einen Mechanismus identifiziert, der zumindest erklären kann, warum es im Alter überhaupt zu einem solch ausgeprägten Muskelschwund kommt. Seit den späten 80er Jahren beschäftigten sich Marks und sein Team mit so genannten Ryanodin-Rezeptoren. Das sind spezielle Kalziumkanäle, die in zahlreichen Geweben vorhanden sind. Wenn diese Kalziumkanäle zu viel Kalzium nach innen in die Zellen lassen, kommt es zu einer Reaktion der Mitochondrien. Die Zellkraftwerke produzieren freie Radikale, was wiederum den Kalziumkanal umso stärker offen hält. Defekte Ryanodin-Rezeptoren unterhalten also eine Art Teufelskreis, der für Muskelzellen besonders problematisch ist, weil diese unmittelbar auf ein ausreichendes Kalziumgefälle angewiesen sind.

Schon vor einigen Jahren hatten Marks und seine Kollegen entdeckt, dass eine Kalzium-Leckage der Ryanodin-Rezeptoren bei einer Erkrankung wie der Herzinsuffizienz und auch bei der Duchenne’schen Muskeldystrophie ein Wörtchen mitzureden hat. Da speziell die Muskeldystrophie gewisse Ähnlichkeiten mit der altersabhängigen Sarkopenie aufweist, formulierte Marks die Hypothese, dass die Ryanodin-Rezeptoren auch am Muskelschwund im Alter beteiligt sein könnten. „Das ist ein komplett neues Konzept“, betont der Wissenschaftler. Wenn es sich bewahrheitet, wäre der altersabhängige Muskelschwund quasi eine Art erworbene Muskeldystrophie.

Rennen wie blöd: Mäuse mit stabilem Ryanodinrezeptor

In seiner neuen, in der Zeitschrift Cell Metabolism publizierten Studie hat Marks gezeigt, dass der natürliche Alterungsprozess genau wie der Gendefekt bei der Duchenne’schen Muskeldystrophie zu einer Freisetzung von Sauerstoffradikalen führt, die den Ryanodinrezeptor schädigen. Die jetzt erhobenen Daten legten den Schluss nahe, dass bei alternden Mäusen ein Teufelskreis mit Kalziumleckage angestoßen werde, der jenen Prozessen ähnele, die auch bei der Duchenne-Erkrankung zu einem Absterben der Muskelzellen führten, so Marks.

Was Marks und seine Kollegen in der Studie auch untersucht haben, sind pharmakologische Therapien, die am Ryanodinrezeptor ansetzen und dort über eine Stabilisierung des Rezeptors den Kalziuminflux in die Zelle verringern. Insbesondere eine Substanz namens S107 hat dabei vielversprechende Resultate gezeigt. S107 ist ein Molekül, das Clastabin-1 stabilisiert, ein Eiweiß, welches an den Rynaodinrezeptor bindet und dadurch die Kalziumleckage bremst. In Marks Studie futterten die 24 Monate alten Mäuse – auf den Mensch umgerechnet wären das etwa siebzig Jahre – vier Wochen lang S107. Dieses „Menü“ verbesserte sowohl die Muskelkraft als auch die Belastungsfähigkeit im Vergleich zu unbehandelten Kontrollmäusen signifikant: „Die Mäuse rannten bei freiwilligen Belastungsübungen weiter und schneller. Und als wir ihre Muskeln untersuchten, waren die um etwa die Hälfte stärker“, betont Daniel C. Andersson, Erstautor der Veröffentlichung in Cell Metabolism. Noch interessanter: Bei jungen Mäusen mit normalen Ryanodinrezeptoren hatte die Therapie keinen Effekt.

Best Ager, aufgepasst!

Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen und in ähnlicher Weise beim Menschen nachweisen lassen, wäre das Marks zufolge ein völlig neuer Therapieansatz für Muskelerkrankungen. „Die meisten Forscher sind bisher der Auffassung, dass der Aufbau von Muskelmasse der Königsweg ist, um die Muskelkraft zu verbessern“, so Marks. Ein Aufbau von Muskelmasse lässt sich unter anderem mit Testosteron, Wachstumshormon und Insulin-Like-Growth-Factor erreichen. Mehr Muskelmasse aber führt nicht zwangsläufig zu einer besseren Muskelfunktion.

Dass der neue Therapieansatz schon das Interesse der Industrie geweckt hat, wundert angesichts des potenziell riesigen Marktes nicht. Eine neue Klasse von oral applizierbaren Medikamenten, im Angloamerikanischen „Rycals“ genannt, setzt am Ryanodinrezeptor an und stabilisiert ihn, um den Kalziumstrom zu verringern. Erste Phase 2-Studien dazu laufen. Zu den Unternehmen, die hier aktiv sind, zählt Armgo Pharma, für das Marks als Berater tätig ist.

165 Wertungen (4.3 ø)

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13 Kommentare:

Dr. med. Kurt Willi Koch
Dr. med. Kurt Willi Koch

Interessant ist – wie ja grundsätzlich in der Alterung unseres
Organismus schlechthin – dass die Ryanoid-Kalziumkanäle
durch Oxidantien primär geschädigt werden, und dadurch die
Leckage verursacht wird, mit den neg. Folgen für die Muskel-
zelle.Die Oxidantien stellen ja auch die Ursache für die
Schädigung der Endothelzellen unserer Arterien und damit für
die Arteriosklerose dar.
Ausreichende Versorgung mit Antioxidantien aus qulitativ hochwertigem Obst und Gemüse in reichlicher Menge, bietet
sicher auch hier einen gut praktikablen Ansatz.

#13 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Sinnvoll u. erfolgreich ist die Therapie mit naturidentischen Hormonen n. Rimkus ( Schwerpkt : Progesteron u. Oestrogen seltener Testosteron ),
die mitochondriale Cellsymbiosis – Therapie n.Dr. Heinrich. Kremer,
Matrix- Therapie n. Prof. Hartmut Heine u.ausreichende körperliche Bewegung

#12 |
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Hallo zusammen,

vielleicht muss man das ganze auf auf die gesamte Lebensspanne hin betrachten. Erwiesen ist, dass der Organismus bei ungenügenden körperlichen Anreizen pro Jahr rund 1% Muskelmasse verliert, wenn man es schafft, ähnlich wie zur Alzheimer-Prophylaxe durch einen aktiven anregenden Lebenstil aktiv bis ins Alter zu bleiben, ist man aus meiner Sicht dann auch zu erstaunlichen Leistungen fähig. Im Vordergrund steht hier nicht der Leistungssportgedanke, sondern eher regelmäßige Bewegung, die insbesondere die Komponenten, Ausdauer, Flexibilität, Koordination, Kraft und auch Schnellkraft umfasst. Dann kann man mit 70 sicher nocht glücklich wie Herr Meister in allen Lebenslagen sein, auch ohne Testogel!!

#11 |
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Q Dr. Sauter: Glückwunsch für die Formulierung mit den pharmakologischen “Fußtritten”! Wenn man die richtige Stelle trifft, sind sie ja durchaus segensreich – freilich nur statistisch. Im Einzelfall freilich kann’s dann unerwartet weh tun…

#10 |
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Zu 6-So ist es sicherlich.Genetik, Disziplin und physiologische Balancen.Schwierig ist der Komplex Good Aging und “Doping”.M.E. sind es immer relative Fußtritte, die wir pharmazeutisch verabreichen- oft aber mit Nutzen-und in ihrem unvollständigen Profil und ihrem individuellen Nebenwirkungspotential halt nicht sicher beherrschen.Reduzierung von Kräften allein ist ja nicht schlimm, Hauptsache es sind noch gennug da.

#9 |
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Dipl.-Med. Susanne Noack
Dipl.-Med. Susanne Noack

@Meister schon mal was vom Unterschied zwischen kopulieren und befriedigen bei Frauen gehört? Zum zweiten gehört mehr…

Für die nächsten 30 Jahre könnte gut emotionale Intelligenz “trainiert” werden, ob das Testogel aber hilft…?

#8 |
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Es ist schon verrückt: Wenn eine Methode oder ein Mittel wirksam ist und im Markt erfolgreich sein könnte, wird sofort vor der bösen Pharmaindustrie gewarnt. Warum warnt man dann nicht mindestens so intensiv vor der gleichen Pharmaindustrie, wenn die Mittel verkauft, die kaum oder gar nicht wirksam sind?

#7 |
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Ärztin

Im Grunde ein alter Hut. Bereits 2/08 wurde die erste Studie hierzu http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18268335veröffentlicht und 1/09 die illegale Verwendung vermutet http://www.n-tv.de/sport/BKA-aktiviert-Doping-Jaeger-article46774.html .

#6 |
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Josiane Meixner
Josiane Meixner

Wie in vielen anderen Bereichen auch ist da Disziplin und Ausdauer gefragt, wenn langfristig etwas verbessert oder gehalten werden soll.
“Abfinden” kann man sich dann immer noch. Inwieweit pharmazeutisch nachgeholfen werden kann oder soll, bleibt abzuwarten.

#5 |
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Rudolf Bauer
Rudolf Bauer

Irgendwann muß sich jeder mit dem körperlichen Abbau und einer Reduzierung der Muskelkraft abfinden.
Auch Testogel kann nicht der Königsweg sein.

#4 |
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André Godau
André Godau

Ah, Twitter-Niveau. Ich bin erbaut! Empfehle den Blog (re. unten) “Sex im Alter – Tabu oder Geschäftsidee”.

#3 |
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Riecht etwas zu sehr nach Pharma-Reklame

#2 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

Der Meister braucht Soulbuilding.

#1 |
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