Hypertonie: Grenzwertige Diskussion

29. September 2015
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Patienten mit systolischer Hypertonie verlieren gesunde Lebensjahre und sterben früher. Das konnten Forscher einmal mehr eindrucksvoll zeigen. Nur welcher Wert sollte erreicht werden – 140 mmHg oder doch besser 120 mmHg? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

In regelmäßigen Abständen untersuchen Forscher, welche Risikofaktoren zum Tode führen. Jetzt haben sie eine neue Auswertung der „Global Burden of Disease“-Studie veröffentlicht. Das wenig überraschende Fazit: Arterielle Hypertonie steht nach wie vor an erster Stelle der weltweiten Negativliste.

79 Gesundheits-Parameter im Check

Einige Details: Christopher J. Murray von der University of Washington hat zusammen mit Kollegen untersucht, welchen Einfluss 79 Parameter auf unsere Gesundheit haben. Als Endpunkt wählte er behinderungsbereinigte Lebensjahre (Disability-Adjusted Life Years, DALY). Das Konzept umfasst nicht nur verlorene Zeiten durch einen frühen Tod, sondern auch Beeinträchtigungen des normalen Lebens durch eine Krankheit. Murray bewertet die systolische Hypertonie wie schon in früheren Arbeiten als wichtigsten individuellen Risikofaktor für frühzeitige Todesfälle. Auf ihr Konto gehen 10,4 Millionen Todesfälle und 208,1 Millionen DALY. Dann folgen Tabakkonsum (6,1 Millionen vorzeitige Todesfälle, 143,5 Millionen DALY) und ein zu hoher BMI (4,4 Millionen vorzeitige Todesfälle, 134 Millionen DALY). Angesichts dieser Zahlen wird klar, welche Bedeutung einer antihypertensiven Therapie zukommt.

Männlich und gefährdet

Auf dem letzten Kongress der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft (ESC) in London gingen Experten der Frage nach, welche Risikogruppen besonders im Fokus stehen sollten. Pro Jahr sterben in Europa etwa 77.000 Frauen und 253.000 Männer unter 65 Jahren an koronaren Herzerkrankungen (KHK) – ein gewaltiger Geschlechts-Unterschied. Um den Effekt verschiedener Einflussfaktoren zu untersuchen, half die Vorarlberger Gesundenuntersuchungs-Datenbank mit 117.264 Personen. Alle Teilnehmer wurden im Alter von weniger als 50 Jahren ohne Erkrankung rekrutiert. Über einen Zeitpunkt von 14,6 Jahren hinweg erfassten Kardiologen 3.892 Todesfälle aufgrund von KHK. Koautorin Professor Dr. Gabriele Nagel von der Universität Ulm zufolge erklärt der systolische Blutdruck 21,7 Prozent des Gender-Effekts. Dann folgt Cholesterin mit zehn Prozent. Bluthochdruck gilt folglich als wichtigster Faktor, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Männern unter 50 Jahren zu erklären. Deshalb sollten systolische Hypertonien rechtzeitig diagnostiziert und durch entsprechende Lebensstilveränderung oder medikamentöse Therapie behandelt werden, ergänzt Nagel.

Leitlinien überarbeiten?

An den Zielwerten scheiden sich wissenschaftliche Geister einmal mehr. Aktuellen Leitlinien zufolge ist ein systolischer Blutdruck unter 140 mmHg das erklärte Ziel – bei Patienten mit höherem oder niedrigerem kardiovaskulären Gesamtrisiko. Jetzt sorgen Zwischenergebnisse der SPRINT-Studie (Systolic Blood Pressure Intervention Trial) für kontroverse Diskussionen. Als Sponsoren treten die National Institutes of Health (NIH) in Erscheinung, was allzu starke industrielle Einflüsse eher unwahrscheinlich macht. Insgesamt nahmen 9.361 Patienten teil. Sie hatten kardiovaskuläre Erkrankungen (1.877 Personen) beziehungsweise Nierenleiden in ihrer Vorgeschichte (2.648) sowie einen systolischen Blutdruck über 130 mmHg. Ziel von SPRINT war, unterschiedliche Therapieregimes zu untersuchen: 140 mmHg, wie in aktuellen Leitlinien empfohlen, oder 120 mmHg.

Als Endpunkt wählten Kardiologen Herzinfarkte, Herzinsuffizienzen, Schlaganfälle sowie kardiovaskulär bedingte Todesfälle. Senkten Ärzte den systolischen Blutdruck unter 120 mmHg, zeigten sich drastische Effekte. Die Mortalität verringerte sich um rund 25 Prozent, und die Rate kardiovaskulärer Ereignisse ging um etwa 30 Prozent zurück – jeweils verglichen mit konventionellen therapeutischen Zielen. Vor diesem Hintergrund mag es nicht verwundern, dass das Data Safety Monitoring Board eine Notbremsung veranlasst hat. Ursprünglich sollten alle Erhebungen erst im Jahr 2018 beendet werden. Der Unterschied zwischen Behandlungsgruppen sei bereits groß genug, schrieben Experten. Gary H. Gibbons, Direktor des National Heart, Lung, and Blood Institute (NHLBI), wittert „potenziell lebensrettende Informationen“ für Health Professionals, um Patienten besser zu versorgen. Er bewertet die Resultate als „Beitrag zur Entwicklung evidenzbasierter klinischer Leitlinien“. Zu Recht?

Riskante Pharmakotherapie

Die kürzlich veröffentlichte Zwischenauswertung hat wenigstens als PR-Gag ihr Ziel erreicht: Kardiologen diskutieren weltweit über Sinn und Unsinn neuer Grenzwerte, obwohl noch nicht einmal alle Daten veröffentlicht worden sind. Gerade bei Senioren führt eine starke antihypertensive Medikation schnell zu Schwindel und Benommenheit. Ein Sturz mit Todesfolge wäre bei den aktuell gewählten Endpunkten nicht berücksichtigt worden. Nehmen ältere Patienten bereits andere Arzneistoffe, geht ihre Reise stark in Richtung Polymedikation. Eingeschränkte Leber- und Nierenfunktionen machen die Sache nicht besser. Viele offene Fragen – warten wir auf die Veröffentlichung Ende 2015.

134 Wertungen (4.28 ø)
Kardiologie, Medizin

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17 Kommentare:

Elvira Braukmann
Elvira Braukmann

Frau im Gesundheitswesen , dann hat sich die REHA doch echt gelohnt.

#17 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

Ich war mal Patientin in einer Rehaklinik und habe dort unter einem seit Jahren eingenommenen Blutdrucksenker einen Druck von 140/90 gehabt. Allerdings habe ich die Tabletten immer abends genommen. Die Klinik riet mir, die Tabletten morgens zu nehmen. Prompt sank der Blutdruck auf 95/60!!! Ich war ein Zombie und habe keine Anwendungen machen können und nur geschlafen (nicht Sinn einer Reha). Hinterher wurde mir noch fehlende Compliance vorgeworfen. Es wäre an der Ärztin gewesen, mir mitzuteilen, dass es einen großen Unterschied macht, ob man Tabletten morgens oder abends nimmt, sie teilt oder im ganzen schluckt, was nicht passierte. Nach ein paar Wochen hatte sich der Blutdruck wieder eingependelt, aber bis dahin dachte ich, ich müsste sterben. 95/60 war definitiv zu niedrig, und heute ist er wechselnd bei durchschnittlich 130/85 unter Medikation.

#16 |
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Gast
Gast

#12 ja ich will unbedingt!
(über 100)

#15 |
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Gast
Gast

Stefanie Hendricks, gerade bei 160 soll er Dauerlauf machen,
damit er runter geht.

#14 |
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Gast
Gast

ich würde sagen 120 ist besser als 140,
am besten ganz ohne Tabletten.

#13 |
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Gast
Gast

Es ist doch lange bekannt, dass niedrigere Blutdruckwerte für das Gefäßsystem gesünder ist. Doch wollen wir wirklich alle 100 Jahre werden? Die Pharmaindustrie wird sich sicher sehr über diese Studie freuen. Für mich ist nicht nur der Blutdruck für eine Therapie entscheidend, sondern der gesamte Mensch.
Wie geht es ihm mit oder ohne Bludruckmedikamente. Möchte er eine Pille einnehmen oder belastet es eher? Wie alt ist dieser Mensch? Studien sind sicher gut, doch sollte jeder genau abwägen für wen diese Studien wichtig sind.

#12 |
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Nichtmedizinische Berufe

Wenn ein Mensch immer einen Blutdruck von 120 hat und plötzlich liegt er bei 140,
da sind andere Dinge im Körper passiert als nur die Steigerung des Blutdruckes.
Genauso umgekehrt.
Ich habe ein Beispiel von mir selbst. Ich kam mit einem Blutdruck von 140/90 in die Kieler Schmerzklinik. Der Aufenthalt für mich war sehr erholsam: Meine Schmerzen wurden ernst genommen, ich bekam passende Schmerzmedikamente , machte Therapien etc. Nach EINER Woche lag er dann bei 120/70 . ( weiß ich ganz genau, musste dreimal täglich messen) . Da blieb er dann und zwar ganz ohne spezielle Pharmakotherapie.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Blutdruck bei Menschen erhöht ist, denen es allgemein nicht gut geht. Dass dann das Sterberisiko höher liegt , ist klar.
Nicht der hohe Blutdruck tötet. Er ist ein Indiz für einen schlechten Allgemeinzustand.

#11 |
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Ja, das Problem gibt es schon ewig.Früher hieß es einmal Erfordernishochdruck und basierte auf dem Lebensalter des Patienten .Das waren sicher zu hohe Werte.Aber wenn ein alter Patient zu niedrige Blutdruckwerte hat, dann geht es ihm oft ziemlich schlecht ,er ist ständig müde .hat Gleichgewichtsstörungen ,ist verwirrt und bewegt sich zu wenig.Folge ist dann oft ein Sturz mit letalem Ausgang.Ob nicht daran genauso viele alte Patienten sterben wie an den Folgen des Hypertonus??Richtige Blutdruckeinstellung ist eine ärztliche Kunst und nicht zuletzt auch eine Frage der richtigen Einnahme der Medikamente.Bei jüngeren Patienten sollte man ,nach meiner Ansicht ,schon Optimalwerte anstreben.

#10 |
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Weitere medizinische Berufe

Man ist hin 139 und hergerissen unter120
Das sind doch keine klaren Erkenntnisse sondern Bastelei and der Gesunheit
Ist das Schulmedizin
oder
Lottomedizin

#9 |
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Gesunder Menschenverstand, Erfahrung, den Patient kennen und individuell entscheiden, begleiten über die Zeit, das ist auch meine Vorstellung von guter Medizin. Wissenschaftlich denken und die Physiologie, über die Diastole mehr nachdenken, das macht mehr Spaß als eine Pharmaindustrie Studie zu lesen. Andererseits sind Studien und Leitlinien auch gut und wichtig.
Ich habe eine persönliche nicht offizielle Frage an Prof. Drews und an Dr. Tenbrock:
Seit meiner Leidenschaft für Sportmedizin betreue ich eine Koronar-Sportgruppe. Die älteste Dame ist 84 Jahre jung und kommt regelmäßig. Mich ärgert, dass wir so konditioniert sind, dass wir eine Krise bekommen, wenn der Druck mal “zu hoch” ist. Bei einer 160 mmHg Ausgangs-Systole dürfen die Patienten am Sport an dem Tag offiziell nicht teilnehmen und sind dann traurig, weil ich sie dann nicht mitmachen lassen darf und weil sie sich sorgen, dass ihr Blutdruck nicht gut genug eingestellt ist. Ich tröste dann damit, dass der Hypertonus eher “Risiko” als “Krankheit” ist und mit dem Stichwort: Physiologische Anpassung an Belastung ist nicht nur schlecht…Gut, dass ich nicht weis, wie mein eigener Blutdruck ist, wenn ich joggen gehe…. Wenn ich den Blutdruck auf Dauer dadurch senken will, dass ich Gewicht reduziere und Sport mache, sollte ich dann nicht auf dem Weg dahin gelegentlich höhere Drücke bei Belastung bei klinischem Wohlbefinden tolerieren, oder halten Sie das für zu riskant und unvernünftig bei den kardiologischen Patienten? Wie würden Sie die Belastbarkeit der kardiologischen Patienten am Besten einschätzen?

#8 |
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Michael Blumenstein, prakt. Arzt
Michael Blumenstein, prakt. Arzt

Helsinki hat der Welt bewiesen…
Für alle jüngeren Kollegen: Ein Fibrat-Anbieter warb mit einer Helsinki-Herz- Studie. Wer in der Verum- Gruppe war, erlitt nicht so schnell einen Herzinfarkt, starb im Mittel aber eher, v.a. durch Kfz.-Nutzung. Es hat genug Kollegen gegeben, die Medikamente aus dieser Gruppe verwendet haben. Nach meinem Wissen hat nie auch nur ein einzelnes Fibrat einen positiven Effekt belegen können. Ich würde kein Medikament einnehmen wollen, daß meine Konzentration beinträchtigt oder mich gar in den Suicid per Kfz treibt oder mein Schicksal verhext…
Wenn ich alle Toten wegrechne, die meine Therapie auslöst, fällt es ja keinem Therapieregime schwer, seinen Nutzen zu belegen.
Ein tödlicher Sturz durch Blutdruckmedikamente? Da kommt der Staatsanwalt.

#7 |
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Pflegewissenschaftler

Gut, dass 0 mmHg Blutdruck garantiert letal sind, sonst wäre dies in ferner Zukunft das Ziel. Was soll eigentlich das Ziel der medizinischen Versorgung der Bevölkerung sein? Darf man überhaupt noch sterben dürfen oder soll die Mortaltät erst wieder durch die Nichtfinanzierbarkeit eines überbordenden Gesundheitssystems steigen, in dem dann eine Selektion nach finanziellem Potential der Patienten stattfindet? Eine weitere Senkung der Grenzwerte für Blutdruck eröffnet zumindest der Pharmaindustrie und der Ärzteschaft weltweit riesige Geldquellen, erklärt man doch mit einem Schlag Hunderte von Millionen Menschen zu Kranken. Bravo!

#6 |
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Prof. Dr. med Jürgen Drews
Prof. Dr. med Jürgen Drews

Meines Erachtens sollte man die diastolischen werte nicht außer acht lassen. Blutdruckwerte von 120/80 mm Hg ergeben eine durchschnitlliche Gefäßbelastung von 100mmHg. Ich kenne Patienten, die Werte von 130/70 aufweisen oder bei Werten zwischen 130 und 140 mmHg noch niedrigere diastolische Werte aufweisen. Der durchschnittliche Druck wäre bei diesen Gruppen gleich oder läge bei Pt mit sehr niedrigem diast. Druck sogar unter 100 mm Hg. Wären solche Pt dennoch gegenüber denen die sytol. nicht über 120 mm Hg komme, bnachteiligt. Gibt es dazu glaubwürdige Aussagen? Ich wäre sehr interessiert daran.

#5 |
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War nicht irgendwann mal davon die Rede, der diastolische Druck sei aussagekräftiger als der systolische? –
U. A. w. g.

#4 |
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Dr med Franz Tenbrock
Dr med Franz Tenbrock

Bei all den Studien wird immer wieder der Zeitfaktor vergessen. Läuft ein alter Patient schon sehr lange mit einem hohen RR rum so verträgt er eine schnelle Blutdrucksenkung nicht. Es treten die ober erwähnten NW auf. QWir werten seit 15 Jahren Blutdruckmessgeräte ( Heimmessung ) aus und können somit den Erfolg der Therapie genau sehen. Selbst ein 85 jähriger Patient der früher mit 200/100 rumgelaufen ist verträgt problemlos 110/80 wenn man sich für die Senkung 18 Monate Zeit nimmt. IN dieser Zeit kommt es langsam zur Rückbildung der Hypertrophie am Herzen und an den Gefäßen und NW sind definitiv nicht zu sehen.
In Studien wird aber ein schnelles Ergebniss erwartet, da Studien sehr viel Geld kosten, da hat man eben keine Jahre Zeit.
Meine Richtschnur seit vielen Jahren also, um so länger ein hypertonus besteht ( Augenhintergrund … ) um so länger sollte man sich auch Zeit nehmen einen Zielblutdruck von 120 Standardabweichung unter 10 zu erreichen. Dabei interessiert mich der in der Praxis gemessene Wert überhaupt nicht. Ich werte die Geräte aus und schaue was der Patient im realen Leben hat.

#3 |
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Gast
Gast

Menschen, die einen Blutdruck von 130 bis 150 mmHg gewohnt sind, geht es bei niedrigeren Werten im Alltag deutlich schlechter. Sie klagen über ständige Müdigkeit und Vergesslichkeit, können sich nicht konzentrieren, sind oft verwirrt und /oder orientierungslos, erzählen teils zusammenhanglose Dinge, sind teilnahmsloser und inaktiver. Sobald der Blutdruck wieder über 130 mmHg (oft auch über 140 mmHg) steigt, fühlen sie sich wohl und sind wieder lebenslustig. Ich kenne über 80jährige MÄNNER, die fit sind wie 50jährige und deren Blutdruck auch deutlich erhöht ist. Es kann also nicht alles über einen Kamm geschoren werden. Der Wohlfühlfaktor scheint eine sehr gewichtige Rolle zu spielen.

#2 |
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… den Artikel zu diesem Theam hatte ich erhofft. Vielen Dank. FG

#1 |
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