Sexuelle Dysfunktion: Sackgasse im Bett

9. September 2011
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Etwa 43 Prozent aller Frauen haben Probleme beim Geschlechtsverkehr – ähnliche Zahlen liegen für Männern vor. Doch viele schweigen aus Scham. Ihnen könnte eine detaillierte Anamnese helfen, physische oder psychische Auslöser zu identifizieren.

Sexuelle Dysfunktionen haben zahlreiche Gesichter: die Libido ist stark verringert, beim Geschlechtsverkehr treten Schmerzen auf, und der Orgasmus kann nicht richtig erlebt werden. Auch Erektionsstörungen oder ein vorzeitiger Samenerguss sind häufig im Spiel. Doch auf der Suche nach den Auslösern finden Kollegen oft mehrere Störfaktoren.

Sexkiller Stoffwechsel

Das können etwa Erkrankungen des Stoffwechsels sein, wie die Arbeitsgruppe von Stacy Tessler Lindau, Uni Chicago, anhand von 2000 Diabetes-Patienten zwischen 57 und 85 Jahren herausfand. Oftmals gaben die Befragten an, Probleme mit dem Orgasmus bzw. speziell bei Männern mit der Erektion zu haben. Dennoch vertraute sich nur jede fünfte Diabetikerin und jeder zweite Diabetiker einem Arzt an – das Thema scheint immer noch mit einem gewissen Tabu behaftet zu sein. Umso mehr sollten Kollegen nachfragen, meinen die Autoren des Fachartikels.

Speziell Adipositas führt zu einer verminderten sexuellen Aktivität, so eine französische Studie. Die Forschergruppe um Nathalie Bajos befragte dazu 12.000 Erwachsene. Eigentlich nicht weiter überraschend, dennoch erhielten die Kollegen ein bemerkenswertes weiteres Ergebnis: Übergewichtige Menschen verhüten im Schnitt weniger gewissenhaft und es kam, oh Wunder, zu deutlich mehr unerwünschten Schwangerschaften und Abtreibungen. Aber auch so manches Arzneimittel kann für eine Flaute im Bett verantwortlich sein.

Luststopp aus der Pillenpackung

Die bislang größte deutsche Untersuchung zu diesem Thema ging der Frage nach, wie verbreitet sexuelle Funktionsstörungen unter jungen Frauen sind. Ärzte der Eberhard-Karls-Universität Tübingen interviewten zusammen mit Kollegen aus Heidelberg und Basel rund 1.000 Medizinstudentinnen mit einem am Female Sexual Function Index orientierten Fragebogen. Das Ergebnis: Rund 34 Prozent zeigten Risikofaktoren einer sexuellen Dysfunktion – vor allem hormonelle Kontrazeptiva führten zu einer deutlichen Verringerung der Libido im Vergleich zu anderen Verhütungsmethoden. Auch die berufliche und familiäre Situation, besser gesagt der damit verbundene Stress, erwiesen sich als schädlich für das Liebesleben.

Depression weg, Libido weg

Doch die „Pille“ ist nicht der einzige Lustkiller: Psychopharmaka vom Typ der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) haben es in sich, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Symptome sind vor allem eine deutlich verringerte Libido, Schwierigkeiten, einen befriedigenden Orgasmus zu erleben, Probleme bei der Erektion oder Trockenheitsgefühle in der Vagina. Bei der Zulassung entsprechender Arzneimittel wenig beachtet, schätzen Experten, dass möglicherweise bis zu 60 Prozent aller Patienten unter entsprechenden Störungen leiden. Selbst nach dem Absetzen der Präparate bleibt der Effekt oft für Monate oder Jahre bestehen. Angesichts der noch recht ungenauen Datenlage fordern Psychiater jetzt größere Studien. Zumindest im Tiermodell ließen sich die Effekte mittlerweile wissenschaftlich nachweisen. Dazu untersuchten Wissenschaftler den Einfluss des häufig verordneten SSRIs Fluoxetin auf Ratten. Selbst nach dem Absetzen verschwand deren sexuelle Dysfunktion nicht. Vielmehr ließen sich funktionale Veränderungen in Bereichen des Hirnstamms, den so genannten Raphe-Kernen, nachweisen.

Jeder Mann kann…

Hinter einer erektilen Dysfunktion verbergen sich möglicherweise aber auch Atemstillstände während der Nachtruhe. In einer Studie untersuchten Regensburger und Münchener Kollegen dazu 400 Patienten. Der eindeutige Zusammenhang: Wer unter Schlafapnoe leidet, hat in 70 Prozent der Fälle auch eine erektile Dysfunktion. Je schwerer die Hypoxie war, desto ausgeprägter zeigte sich auch das sexuelle Leiden. In der gleichaltrigen Vergleichsgruppe ohne nächtliche Atemaussetzer hatten nur 35 Prozent entsprechende Funktionsstörungen. Forscher der Uni Regensburg führen das auf endotheliale und hormonelle Prozesse zurück, ausgelöst durch zu wenig Sauerstoff.
Eine erektile Dysfunktion ist heute jedoch kein Schicksal mehr: Seit der Einführung der Phosphodiesterase-5-Hemmstoffe lassen sich mehreren Untersuchungen zufolge über 80 Prozent aller Geplagten therapieren. Arzneimittelfirmen haben nach dem Erfolg dieser Wirkstoffe an einer besseren Galenik gearbeitet: Vardenafil steht jetzt auch als Schmelztablette zur Verfügung – eine Erkenntnis aus der Akzeptanzstudie. Damit sei, so die Entwickler, auch wieder eine spontane Sexualität möglich. Im Gegensatz zu den klassischen Darreichungsformen schätzen Patienten, die an den doppelblinden, randomisierten Studien POTENT I und POTENT II – nomen est omen – teilnahmen, die diskretere Einnahme ohne Wasser sowie den schnelleren Eintritt der Wirkung. Ansonsten entsprach das Wirkprofil den altbekannten Tabletten.

Dennoch steht auch hier das liebe Geld im Mittelpunkt: Während Kollegen alle Leistungen zur Diagnostik der erektilen Dysfunktion bei gesetzlich Versicherten mit der Kasse abrechnen können, müssen Patienten die Arzneimittel selbst bezahlen. Neue Firmen erobern bald den Markt – im nächsten Jahr soll ein Sildenafil-Generikum verfügbar sein. Einer kleinen Gruppe hilft das wenig, statistisch gesehen versagen bei rund fünf Prozent der Patienten mit erektiler Dysfunktion die Behandlung mit PDE-5-Hemmern oder gefäßaktiven Wirkstoffen wie Alprostadil. Dann bleibt nur noch der Griff zum Messer – Andrologen haben mittlerweile hydraulische oder biegsame Penisimplantate entwickelt, um auch hier helfen zu können.

Zu schnell am Ziel

Es gibt aber noch andere Probleme bei „ihm“: Liegt die Zeit bis zur Ejakulation unter zwei Minuten, sprechen Andrologen von einem frühzeitigen Samenerguss, Ejaculatio praecox. Männer schweigen peinlich berührt, und deshalb sollten Kollegen im Zuge von Vorsorgeuntersuchungen auch das Problemfeld konkret ansprechen, fordern Fachärzte. Man kann nämlich etwas dagegen unternehmen: Der kurz wirksame Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Dapoxetin verlängert die Zeit bis zum Erguss auf 3,5 Minuten, ohne Medikation lag der Wert bei nur einer Minute. Eine kürzlich publizierte Übersichtsarbeit bescheinigt der Substanz recht gute Eigenschaften.

Es muss nicht immer eine Pille sein

Liegt er sexuellen Dysfunktion allerdings eine gestörte Libido zu Grunde, helfen Arzneistoffe recht wenig. Und so halten Andrea Bradford und Cindy Meston von der University of Texas, Austin, USA, von Aphrodisiaka reichlich wenig – erwiesenermaßen: Sie gaben 50 Patientinnen, die unter sexuellen Erregungsstörungen litten, ein Placebo. Unter der Scheinbehandlung verbesserte sich bei rund einem Drittel die sexuelle Zufriedenheit – was sich durch eine Gesprächstherapie noch weiter steigern ließ. Die Autorinnen sehen den Grund entsprechender Störungen in psychischen Faktoren wie Stress, Erwartungsdruck oder auch Schamgefühlen gegenüber dem Partner. Daher sollten Gesprächsangebote an erster Stelle sein, noch vor Arzneimittelgaben, lautet ihre Forderung.

170 Wertungen (4.39 ø)

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8 Kommentare:

Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Als Man(n) aber auch Frau sich noch auf den Augenblick freuten da
zur Familiengründung ausreichende Mittel erkämpft waren war unsere Nachkriegs-Trümmer-Energie höher als die mancher heutiger
Nachfolge-Generationen.
Die erste “Pille”, die 1967 verschreibungspflichtig auf den Markt kam wäre heute zu verschreiben kriminell. Positiv daran waren
überwiegend Hoffnung und Pharmagewinn.-
Heute fehlt eigentlich nur noch die Anerkennung von “Sex” als
olympische Disziplin! Nur mit dem Unterschied, daß dort jede
Sportart ihre Altersstufe verkörpert.-
So lange unsere Medien in Kultur, Sport und Medien nur Junge
kennen sollte der Verzicht auf Hochleistungssport erlaubt sein
und Eu-Stress (Literatur z.B.bei Manfred Spitzer Ulm) nicht
verteufelt werden. In dem Sinn sollte auch die sog.”Nettikette” hier unter uns behutsamer respektiert werden.-

#8 |
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Unser Lebensstil, der nicht gerade das ist, was man “artgerechte Tierhaltung” nennen würde, trägt sicher dazu bei, und Frau Oetken hat sicher teilweise auch recht, aber ist es denn nicht auch unsere Pornokultur, die die normale Sexualität, bei der halt nicht jedes Mal ein Vulkan ausbricht, zur Dysfunktion stempelt? Ich meine, wer Harold Robbins oder Jackie Collins liest (oder sich “Sex and The City” anschaut), muss sich bewusst sein, dass das Hirngespinste sind.

#7 |
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Dr. med. Maria  Förster-Beuth
Dr. med. Maria Förster-Beuth

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,
natürlich kann man auf einer medizinischen Internetseite auch nur medizinische Aspekte der erektilen Dysfunktion erwarten.
Dennoch hätte es das Thema in seiner Darstellung abgerundet, wenn medizingeschichtliche, philosophische und Aspekte der Bevölkerungsentwicklung mit eingeflossen wären.
Durch die Entwicklung der Pille Ende der fünfziger Jahre ist die Erforschung der Ovulation auf der Strecke geblieben. Mit der Ovulationhemmung hat man den Frauen die Lust genommen. Das Tiereich lehrt uns schon, dass die Lust des Männchens von der Lust des Weibchens abhängig ist.
Frauen haben also während der Geschlechtsreife durch die Pille und im Klimakterium sowieso ein anovulatorisches Leben. Was soll der arme Mann da machen?

#6 |
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Beamter im Gesundheitswesen

Das Thema ist leider noch immer ein “TABU”-Thema. Viele Betroffene haben bereits massive Traumen erlitten und scheuen sich, einen Arzt zu konsulitieren, da manche von ihnen nicht nachvollziehen können wie diese Menschen leiden.
Erschütternd ist, dass es auch Ärzte gibt, die darüber bolemische Worte dem Patienten ins Gesicht schleudern.
Einfühlungsvermögen sowie breite Informationen sind gefragt.

#5 |
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Harald Helling
Harald Helling

Man muss hier wohl auch von Eitelkeiten und narzistischen Kränkungen sprechen.

Ist der Traum vom “super lover” nicht der gleiche Wahnsinn wie die anorektischen Modepüppchen die den Damen ständig Ihr eigenes versagen vor Augen führen?

Bei fast 50% (43%) menschen mit problemen beim geschlechtsverkehr muss man sich da nicht die Frage stellen welchen wert da noch das Wort Gesundheit hat?

Ich empfehle hier das Buch: Medical Nemesis von Ivan Illrich.

#4 |
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Noch zu ergänzen:
A) Vor Jahren schickte mir Prof. Hans-Georg Baumgarten eine seiner Veröffentlichungen, aus der hervorging, dass die Wirkung von Serotonin-Reuptake-Inhibitoren sich ins Gegenteil verkehrt oder aufgehoben wird, wenn überdosiert wird. Vgl. hierzu die Berichte, nach denen die Wirkung v.a. bei Kindern angezweifelt wird.
B) Die Libido kann m.E. durch Serotonin-Reuptake-Inhibitoren auch gesteigert werden. Es ist offenbar individuell unterschiedlich.
Konsequenz:
Vielleicht sollte man dem Körper erst mal die Vorstufe von Seroton geben: L-Tryptophan, am Besten gleich mit denjenigen Vitaminen, die nötig für die Umwandlung sind (Vit. B1,2,6,Niacin):Mg. Statt Vit. B1 besser noch Benfothiamin. Dann kann er selber entscheiden, wieviel er davon wo in Serotonin umwandelt. Aber davon profitieren die Konzerne natürlich weniger.

#3 |
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Sehr guter Artikel!

#2 |
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ohne chemie kein hirsch- aber alte männer sind eben alt und 50 jahre gefressen, gesoffen und und und da sind eben die zB Gefäße nicht mehr bereit für grosse nummern. Trotzdem müssen wir froh sein das es Cialis gibt, Viagra nehmen bloß die, die einen schlechten Arzt haben oder das NIIT bzw Rehatron nicht kennen. Das einem nach 30 jahren die marzipantorte nicht mehr schmeckt oder umgekehrt ein mann der mittig ausgeleiert daherkommt und meint noch ein adonis zusein ist wohl auch normal. :-)

#1 |
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