Flüchtlinge: Fremde Freunde im HV

22. September 2015
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In den letzten Monaten haben mehr als 250.000 Menschen hier zu Lande Schutz vor Krieg und Terror gesucht. Von den Medien wenig beachtet leisten Apotheker einen großen Beitrag, um Flüchtlinge zu versorgen. Gleichzeitig setzen sie Zeichen für mehr Toleranz.

Neue Zahlen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Seit Januar 2015 stellen Monat für Monat zwischen 25.000 und 38.000 Menschen einen Asylantrag. Bis Ende des Jahres erwarten Politiker insgesamt 800.000 Hilfesuchende. Während Behörden mit der Koordination streckenweise überfordert sind, versuchen Apotheker und Ärzte, alle Menschen fachgerecht zu versorgen.

Gift und Getier

Sie stehen vor teils ungewöhnlichen Aufgaben. So berichten Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover von steigenden Vergiftungszahlen. Auf ihrer wochenlangen Flucht hatten viele Menschen Beeren oder Pilze verspeist – leider auch ungenießbares Material. Endlich in Deutschland angekommen, kamen Krätzmilben noch hinzu, und Apotheker schritten zur Tat. Bei uns gibt es lediglich topische Arzneimittel auf Basis von Benzylbenzoat oder Permethrin. Präparate für die orale Therapie sind nicht zugelassen, wären aber in der aktuellen Situation wünschenswert. Gesagt, getan: Das Arzneimittelgesetz sieht in § 79 Ausnahmeermächtigungen für Krisenzeiten vor. Behörden können im Einzelfall gestatten, dass nicht zugelassene Arzneimittel befristet in Verkehr gebracht werden. Gegen Parasiten eignen sich beispielsweise orale, Ivermectin-haltige Pharmaka aus Frankreich.

„Keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung“

Jenseits des Skabies-Ausbruchs blieben medizinische Überraschungen aus. „Wir sehen im Moment keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung“, sagt Infektionsspezialist Dr. Andreas Gilsdorf vom Robert Koch-Institut (RKI). Die harten Bedingungen einer Flucht machten Menschen zwar anfälliger für Krankheiten, größere Ausbrüche seien aber „sehr unwahrscheinlich“. Gilsdorf zufolge existieren jedoch große Lücken beim Impfschutz gegen Masern oder gegen Influenza. Umso wichtiger ist ein ausreichender Schutz für Apotheker, Ärzte und sonstige Betreuer vor Ort. Die Ständige Impfkommission arbeitet an speziellen Empfehlungen für Einwanderer; Verpflichtungen soll es aber nicht geben. Dr. Michael Pfleiderer, Bereichsleiter am Paul-Ehrlich-Institut, warnte in diesem Kontext vor möglichen Lieferengpässen bei Grippeimpfstoffen. Ob Vakzine, die auf Deutschlands Viren abgestimmt wurden, ausreichend schützen, ist Experten zufolge ungewiss.

Babylonisches Sprachgewirr

Von der Politik zurück in den HV: Pharmazeuten stehen ebenfalls vor Herausforderungen. Die Sprachbarrieren sind hoch, und Englischkenntnisse reichen allein nicht aus. Doch dank Online-Ressourcen gelingen auch schwierige Dialoge. Mittlerweile bieten Hersteller ihre Beipackzettel in vielen Sprachen an. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA veröffentlicht sogenannte Beurteilungsberichte (European public assessment reports, EPAR) auch in Landesversionen. Darüber hinaus bietet das Refugee Phrasebook wertvolle Unterstützung, gerade im Gesundheitsbereich. Health Professionals finden zahlreiche Sätze in allen wichtigen Sprachen. Bleiben noch Tools wie der Google Translator, der Microsoft Translator oder Tensift. Reißen alle Stricke, helfen Piktogramme als kommunikativer Notnagel. Mittlerweile bieten Kollegen der International Pharmaceutical Federation (FIP) einen virtuellen Baukasten für Beratungsgespräche an.

Nach der Beratung ist vor der Abrechnung

Haben Apotheker oder PTA Flüchtlinge erfolgreich beraten und Medikamente abgegeben, wiehert wie so oft der Amtsschimmel, Stichwort Abrechnung. Grund genug für AvP und NARZ/AVN, Informationen über Modalitäten zu veröffentlichen. Verwirrung bleibt: „Aufgrund der von Bundesland zu Bundesland abweichenden Regelungen zur allgemeinen Vorgehensweise ist es ratsam, sich über die Vereinbarungen des individuell zutreffenden Gebiets zu informieren“, heißt es im Dokument. Mittlerweile häufen sich kritische Stimmen, die einheitliche Lösungen fordern – auch bei der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Bremen und Hamburg statten Hilfesuchende umgehend mit dem Stück Kunststoff aus; Berlin und Brandenburg folgen. Aus Nordrhein und Westfalen-Lippe kommen ähnliche Pläne – inklusive Rahmenvereinbarung, damit Leistungsberechtigte keine Zuzahlung leisten müssen. Kritik kommt von der Unionsfraktion. In einem Beschluss heißt es, man wolle „keine falschen Anreize“ für Menschen schaffen, um nach Deutschland zu kommen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bereitet trotz des Widerstands im Rahmen von Beschleunigungsgesetzen eine eGK für Flüchtlinge vor. Asylbewerber sollen weiterhin nur bei akuten Beschwerden oder Schmerzen Anspruch auf Behhandlung haben. Health Professionals zeigen dafür wenig Verständnis.

Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit

Apotheker ohne Grenzen (AoG) beziehen jetzt deutlich Position. Sie sondieren nicht nur die pharmazeutische Lage, sortieren Arzneimittelbestände, erstellen Bedarfslisten und kümmern sich um den Nachschub. Ihnen geht es jenseits der Pharmazie um mehr Toleranz. „Bei unserer Einsatzkräfte-Schulung am Wochenende stellten wir fest, dass mehr als die Hälfte aller Teilnehmer einen Migrationshintergrund hat“, sagt AoG-Geschäftsführerin Ingrid Famula, selbst Tochter eines Vertriebenen. Daraus entstanden Facebook-Kampagnen, um zu zeigen, wie viele Menschen aus Deutschland von Flüchtlingen oder Einwanderern abstammen. Einmal mehr zeigen Heilberufler Flagge gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Rassismus.

37 Wertungen (3.46 ø)

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4 Kommentare:

Johanna Schomburg
Johanna Schomburg

Flächendeckende Gesundheitskarte für Asylsuchende/Flüchtlinge? Klar kein Problem, zahlt ja die Solidargemeinschaft. Nein ernsthaft, helfen, versorgen, menschenwürdig behandeln: JA sofort! Aber was da geplant wird sprengt unseren Sozialstaat und setzt in der Tat falsche Anreize. In die ganze Welt.

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Apothekerin

Willkommen an alle flüchtlinge die schutz brauchen
Auf ein gutes miteinander

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Andreas Keller
Andreas Keller

Wer bezahlt die eGK? Ich habe da so meinen verdacht, doch Kritik äußern darf man ja im Momant nicht, da sonst der “protestantische Tugendterror” zuschlägt. Fakt: auf eine Honorarerhöhung können alle Leistungserbringer, zumindest aber die duldsamen Apotheker noch läääääänger warten als es ohne die Mehrkosten der nichteinzahlenden Neuversicherten gedauert hätte … da freut man sich doch über die Mehrarbeit.

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Michael Karow
Michael Karow

Träumen Sie weiter Herr Dipl.-Chemiker;
Masern, Hepatitis und Tbc sind mit im Gepäck

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