Der Kittel ist tot. Es lebe der Kittel!

14. September 2011
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Der weiße Kittel ist das ärztliche Symbol Nummer 1. Heute steht die weiße Baumwollkutte jedoch einer Revolution gegenüber und versucht seine absolutistische Symbol-Regentschaft durch neumoderne Jugendrituale zu festigen.

Geburtsstunde und wilde Jugend

In den späten 1880ern gelang die erste beständige Symbiose zwischen weißem Kittel und chirurgischer Kompetenz. Während sich internistische Disziplinen anfangs noch der schicken Anzugmode verpflichtet fühlten, hatte sich der Weißkittel bis spätestens zum Anfang des 20. Jahrhunderts als ärztliche Uniform etabliert. Zündender Funke für diese neue Kleiderordnung war im Grunde die Degradation des göttlich-ärztlichen Status zum Quacksalbertum durch die aufstrebende Wissenschaft. Während das Vertrauen in die heilenden Hände schwand, präsentierte die Wissenschaft Ergebnisse mit zum Teil durchschlagendem Erfolg. Man erinnere sich zum Beispiel an Louis Pasteur, Robert Koch und Rudolf Virchow, welche medizinische Teilgebiete auf wissenschaftlichen Fundamenten begründeten. Zugegeben, die letzteren waren auch Ärzte, aber in ihrem Wirken der Naturwissenschaft verpflichtet.

Das blühende Erwachsenenalter

Und somit verschwanden Johannisbrot und Aderlass sukzessive aus dem Repertoire der ärztlichen Heilmethoden um beispielsweise die Tuberkulose oder die Cardialgia zu behandeln. Um als Arzt seine neue Zugehörigkeit zur empirischen Medizin zu präsentieren und damit dem Gespött des Bürgertums entgegenzuwirken, nahm man sich gerne des weißen Kittels an. Zudem suggerierte das strahlende Weiß eine gewisse Reinheit und Güte, nicht zuletzt durch Assoziation mit religiösen Schlüsselfiguren wie Jesus oder Moses. Außerdem ist Weiß die Komplementärfarbe zu Schwarz, und schwarze Roben trugen nun mal die Priester in den Sanatorien, deren Anwesenheit meist unerfreuliche Gründe und einen infausten Ausgang hatte. Der Weißkittel war Inbegriff der Hoffnung. Er vermittelt durch seine Unbeflecktheit bei all der Erbarmungslosigkeit und Würdelosigkeit des Leidens eine Übermacht des Arztes über die Krankheit.

Die Präsenilität

Heute schwingt das Damoklesschwert über dem symbolträchtigen Überzug. Kritiker sehen in dieser förmlichen Robe die Grundlage der Kühle und Distanz des Arztes gegenüber dem nach Empathie und Einfühlsamkeit trachtenden Patienten. Der mächtige Gott in Weiß ist durch seine autoritäre Uniform jetzt unantastbar geworden. Viele skandinavische Länder verzichten in einigen Disziplinen schon ganz auf den weißen Kittel. Ganz zum Vergnügen der Hygieniker, die in dem Kittel den Baumwoll-getarnten Bakterienagar wähnen.

Doch der junge Nachwuchs der Candidati medicinae in Deutschland lässt sich den Verfall des symbolischen Urgesteins zur kaltblütigen faschistischen Bakterienschleuder nicht mehr bieten. Sie zettelt eine neue Revolte an, die in Amerika schon knapp zwei Jahrzehnte zuvor zur Rettung des weißen Freundes eilte.

Das Ende – bis jetzt

Denn 1993 führte die Universität von Columbia die „White Coat Ceremony“ ein. Die Studenten feiern in einer würdevollen Veranstaltung den Beginn des klinischen Abschnittes bzw. den erfolgreichen Abschluss des Grundstudiums. Als symbolische Geste wird der weiße Kittel überreicht, der die Zugehörigkeit zum ärztlichen Kollegentum verdeutlicht, sowie die damit verbundenen Regeln und Pflichten. Der Student bekommt sein persönliches Zepter in die Hand mit dem Auftrag der weisen, empathischen und wissenschaftsbezogenen Regentschaft. Es ist eine große Motivation für den kommenden klinischen Abschnitt, verbunden mit dem Gefühl einer ehrhaften Zugehörigkeit.

Der Brauch verbreitete sich in den Staaten wie ein Lauffeuer. Und endlich ist auch die erste deutsche Universität Feuer und Flamme für die WCC. Unter einigem Aufwand der medizinischen Fachschaft Köln konnte zum WS 2010/2011 die erste Zeremonie abgehalten werden. Überreicht wurden eine Urkunde, eine Sonnenblume und ein Gläschen Sekt. Und natürlich der obligatorische weiße Kittel.

In der zwanglosen und losgelösten Stimmung der Veranstaltung liegt Spannung, Stolz und pure Freude über die geschaffte Hürde. Sicher geht es hier keinem um das Überleben des weißen Kittels, aber doch steht er in der Veranstaltung irgendwie im Mittelpunkt. „Mit diesem Kittel kann man sich die Werte (medizinisches Fachwissen, Vertrauenswürdigkeit, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit) nicht einfach so anziehen“, so der studentische Redner der ersten WCC in Köln, „es ist vielmehr die Chance sich die Werte und das Wissen zu erarbeiten (…), in den Kittel hineinzuwachsen.“ Und genau diese Chance sollten wir uns nicht nehmen lassen.

132 Wertungen (3.26 ø)
Allgemein

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5 Kommentare:

fände es echt nicht schlimm, wenn keiner mehr einen Kittel an hat. Es geht ja auch nicht darum den täglich zu waschen, sonder was man am Tag damit alles macht…
der ist lang, hängt bis ins Bett vom Patienten, der hat lange Ärmel, die zum untersuchen einfach nicht geeignet sind, und wer mag schon blaue Desinfektionsmittelränder (schöne Grüße an “Sterilium”) an den Kittelärmeln haben, deswegen wird sich natürlich nur die hand und nicht das Handgelenk desinfiziert…

nene, ist schon in Ordnung das er nicht mehr so häufig getragen wird.
Finde es nur schade, dass das von vielen Oberärzten und fast allen Chefärzten nicht auch so gesehen wird.

#5 |
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Wenn es die meisten Häuser hinbekämen, täglich frische Kittel anzubieten, wäre das “Bakterienschleuder”-Problem wohl deutlich geringer.

Krankenpfleger/innen tragen auch keine weißen Kittel, haben deutlich mehr Patientenkontakt und wechseln auch nicht vor jedem Patienten den Kasack.

Zur Symbolik der Kittel:
Mittlerweile tragen doch alle möglichen (auch nicht medizinischen) Berufe in der Klinik einen Kittel und werden auch gerne mal für Ärzte gehalten.
Scheint also, als würden nicht nur Ärzte den Kittel “als cool und Imageträger” sehen.

#4 |
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Stefanie Keßler
Stefanie Keßler

Ich möchte den sehen der freiwillig eine Parodontitis-Behandlung in seinen Privatklamotten an einem noch so gepflegtem Patienten durchführt!

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

Interessant wie da die Meinungen auseinander gehen :)
Mache gerade in Irland Famulatur, das ja wie viele englischsprachige Länder noch zur Anzug-und-Krawatten-Fraktion gehört… mal abgesehen von der fraglichen Patientennähe (hängt natürlich sehr von der Klientel ab ^^) ist dagegen der Kittel geradezu ein Hygiene-Traum!!
Erstens weil man ihn nicht schon im Bus anhat, zweitens weil man ihn ordentlich und häufig waschen kann und schließlich baumelt auch keine Krawatte im Patientenbett rum… hier ist der Kittel lustigerweise eher das Symbol der Medizinstudenten.

#2 |
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Student der Humanmedizin

Und was soll der Artikel uns jetzt sagen? Soll das eine Ode an den Kittel sein, eie Verteidigung seine rBestimmung? Nur weil es “cool” ist und zum Ärzteimage gehört? In Zeiten von evidenzbasierter Medizin und zunehmenden Antibiotikaresistenzien sollte man über diesen rein äußerlichen Grund hinaus sein und eien Argumentationskette an anderen (echten) Fakten orientieren!
Ergo – es gibt keinen Grund mehr einen Kittel zu tragen, es sei denn als Niederlageeingeständnis an die berufsassoziierte Hybris. Eigentlich ein Armutseigeständnis, dass wir (fas) alle immer noch einen Kittel tragen….

#1 |
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