Epigenetik: Eltern vererben Holocaust-Trauma

16. September 2015
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Traumatische Erfahrungen noch vor der Schwangerschaft führen zu epigenetischen Veränderungen bei den betroffenen Eltern und deren Kindern. Eine Schlüsselrolle scheinen dabei Veränderungen im Gen FKBP5 zu spielen, das maßgeblich an der Stressregulation beteiligt ist.

Ein internationales Team unter der Leitung von Rachel Yehuda (Mount Sinai Hospital in New York) sowie für die molekularen Analysen von Elisabeth Binder (Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München), hat die Gene von 32 jüdischen Personen untersucht, die während des Zweiten Weltkriegs entweder in einem Konzentrationslager gefangen waren, gefoltert wurden oder sich verstecken mussten. Die Wissenschaftler haben außerdem die Gene von deren Kindern analysiert, die bekanntermaßen ein erhöhtes Risiko für Stresserkrankungen haben. Diese Daten wurden dann mit jüdischen Familien verglichen, die während des Holocausts außerhalb von Europa gelebt haben.

Im Zentrum der Untersuchungen standen epigenetische Veränderungen im Gen FKBP5, das schon lange im Fokus von Elisabeth Binder ist. „Epigenetisch nennt man Abläufe, die nicht die eigentliche Erbinformation verändern, sondern diese nur besser oder schlechter zugänglich machen“, erklärt Elisabeth Binder. „FKPB5 bestimmt, wie wirkungsvoll der Körper auf Stresshormone reagieren kann und steuert so das gesamte Stresshormonsystem. Das FKBP5-Gen ist bei vielen Krankheiten wie beispielsweise der Posttraumatischen Belastungsstörung oder der Depression verändert. Jetzt konnten wir zeigen, dass es wohl auch generationsübergreifende Effekte gibt.“

Die Forschungsergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass epigenetische Vererbung, also die gesammelten Erfahrungen während des Lebens der Eltern, einen Einfluss auf die Gene der Nachkommen haben und eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Kinder spielen könnten. „Die epigenetischen Veränderungen bei den Kindern scheinen nicht durch deren eigene Erfahrungen in der Kindheit verursacht worden zu sein, sondern können tatsächlich nur durch das Holocaust-Erleben der Eltern erklärt werden“, sagt Rachel Yehuda. „Umwelteinflüsse wie Stress, Rauchen oder Ernährung können sich auf die Gene unserer Kinder auswirken. Um die generationsübergreifenden Effekte von traumatischen Erfahrungen einzudämmen erhoffen wir uns, durch frühes Erkennen der epigenetischen Markierungen zukünftig vorbeugende Maßnahmen ergreifen zu können.“

Originalpublikation:

Holocaust Exposure Induced Intergenerational Effects on FKBP5 Methylation
Rachel Yehuda et al.; Biological Psychiatry, doi: 10.1016/j.biopsych.2015.08.005; 2015

42 Wertungen (3.88 ø)

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10 Kommentare:

Glaube ich durchaus
die traumatischen Erfahrungen des 1. und 2 Weltkriegs prägen doch noch heutige Generationen, warum nicht auch so vermittelt

#10 |
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Gast
Gast

wers glaubt, wird seelig.

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Alle Antworten mit Interesse und Intensität gelesen!

[Kommentar auf Grund werblicher Inhalte von der Redaktion gekürzt.]

#8 |
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Gast
Gast

Es würde mich interessieren, inwieweit die Kinder aber PTBS-Symptomen oder Persönlichkeitsveränderungen durch diese Extrembelastung der Eltern ausgesetzt waren, also doch auch selbst viel Stress erlebt haben.

#7 |
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Gast
Gast

Ich finde es höchst interessant, dass sich diese Erkenntisse mit den Theorien aus ” der healing code” von Alex Lyod und Ben Johnson deckt. Da wird, was mir bislang nicht bewusst war, gesagt, dass sich negative Erinnerungen der Eltern etc. auch in unseren eigenen Zellinformationen wiederfinden. Sie lassen sich anhand eines selbstdurchzuführenden simplen mentalen Trainings wieder löschen und in positive Informationen umwandeln. Dies ist die geistige/mentale Seite dieser Genwissenschaft….wer sich dafür interessiert, kann gerne das Buch mal lesen und es selbst ausprobieren.

#6 |
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Naturwissenschaftler

Stimme allen Gedanken, auch unterschiedlichen Sichten, Ideen und Kommentaren (gut formuliert, Herr Graf) zu.
Es gibt ja bereits viele weitere gute Arbeiten zu dem Thema,
z.B. bei Suche mit Stichworten wie “hunger winter 1944 DNA methylation”
Hoffentlich eines (wohl eher fernen) Tages alles so weit, dass den Betroffenen nicht nur die Historie erklärt sondern vielleicht auch kausale Hilfen angeboten werden können

#5 |
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@#2: Hallo Herr Dr. Dietrich: Es geht nicht ums Ausschließen, sondern darum, die molekularbiologischen Hintergründe der “alten” Erfahrungen/Beobachtungen aufzudecken. Vor 30 Jahren hieß es immer “Gene und Umwelt”. Mit der Epigenetik sind wir dabei zu erforschen, über welche Mechanismen (DNA-Methylierung, Histonmodifikation, RNA-Interferenz) die endo- und exogenen Umwelteinflüsse die Aktivitäten unserer Gene beeinflussen.
MfG

#4 |
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Sehr geehrte Frau Dr. Kessler, prinzipiell haben Sie sicher recht. Doch finde ich, dass die Autoren der Studie wohl bewusst sehr vorsichtig formuliert und den Konjunktiv gewählt haben (“Die Forschungsergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass epigenetische Vererbung, also die gesammelten Erfahrungen während des Lebens der Eltern, einen Einfluss auf die Gene der Nachkommen haben und eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Kinder spielen könnten.”)
Im übrigen finden Sie einige Antworten auf Ihre Fragen in der Originalarbeit.
Prinzipiell ging es darum, stressbedingte Veränderung der Methylierungsmuster einzelner Gene – bis dato nur bei Tieren näher untersuchtt – beim Menschen nachzuweisen. Zudem wurde auch die Wirkung anderer Stressfaktoren (“childhood physical and sexual abuse”) untersucht. Auch dabei zeigte sich ein verändertes Methylierungsmuster.
Ihr Einwand, liebe Frau Dr. Kessler, die gezogenen Schlüsse seien sehr vage, ist berechtigt. Aber die Autoren behaupten auch nichts anderes.
Freundliche Grüße – Stefan Graf

#3 |
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Mitarbeiter Industrie

Vielleicht ist das schon lange bekannt aber wissenschaftlich immer geleugnet worden ? Schon Luther wußte “Gott sucht die Sünden der Väter auch heim an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, bis auf Enkel und Urenkel.” und das bezog sich nicht nur auf die Folgen von Geschlechtskrankheiten oder genetischen Defekten sondern insbesondere auf den Lebenswandel und damit auf Ernährung und äußere physische und psychische Einflüsse…. “Auch man ist was man isst” und der Zusammenhang zu “Mens sana in corpore sano” (z.B. im Sinne von Mikobiom und Psyche oder Diabetes etc.) wird gerade erst wiederentdeckt….Wer will das heute noch ernsthaft ausschließen ?

#2 |
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Tierärztin

Leider ist bei dem Artikel nicht ganz klar, wer Träger dieser epigenetischen Veränderungen im Gen FKBP5 ist. Sind bereits die Eltern Träger? Oder nur die Mütter und deren Kinder? Oder nur die Kinder? Sind bereits die Großeltern oder Urgroßeltern Träger?
Desweiteren müßten diese Ergebnisse auch bei “nicht Holocaustgeschädigten”, sondern durch andere Stressfaktoren (Krieg, Umwelt, Gifte usw) Geschädigte auftreten?
Welche Ergebnisse wurden da im Vergleich erzielt?
Bereits solche Schlüsse bei Untersuchung von nur zwei Generationen zu ziehen, finde ich gewagt!

#1 |
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