Stillen: MS zeitweise ausgebremst

17. September 2015
Teilen

Schon lange haben Gynäkologen und Neurologen vermutet, dass stillende Mütter seltener mit MS-Schüben zu kämpfen haben. Aktuelle Studiendaten bestätigen diesen Erfahrungswert. Mit dem Abstillen gehen protektive Effekte jedoch wieder verloren.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät Müttern, ihre Babys mindestens sechs Monate lang ausschließlich zu stillen. Kinder hätten weniger Atemwegserkrankungen und würden im Erwachsenenalter seltener zu Übergewicht tendieren, schreiben WHO-Experten mit Verweis auf zahlreiche Studien. Frauen mit Multipler Sklerose profitieren ebenfalls, falls sie Kindern die Brust geben.

Riskante Rückfälle

Zum Hintergrund: „Während die Schubrate in der Schwangerschaft kontinuierlich abnimmt (um bis zu 80 Prozent im letzten Drittel), kommt es in den ersten drei Monaten nach der Entbindung zu einem signifikanten Schubanstieg“, warnt die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft. Rund 30 Prozent aller Frauen erleiden nach ihrer Niederkunft einen Schub. Dieses Phänomen lässt sich vergleichsweise einfach beeinflussen, falls sie stillen, berichtet Kerstin Hellwig von der Ruhr-Universität Bochum.

Stillen schützt befristet

Zusammen mit Kollegen hat Hellwig prospektiv erhobene Daten von 201 schwangeren Frauen aus dem deutschen Multiple Sklerose und Kinderwunsch Register (DMSKW) analysiert. Alle Probandinnen litten unter schubförmig-remittierender MS, der häufigsten Form. Von ihnen stillten 120 ihre Babys, während 39 den Nachwuchs per Flasche ernährten. Beim Rest war es eine Mischung aus beiden Formen. In der Stillgruppe trat bei 29 Frauen (24 Prozent) ein MS-Schub auf, in der Vergleichsgruppe berichteten 31 Frauen (38 Prozent) von entsprechenden Problemen. Unter Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren wie der Pharmakotherapie oder der Krankheitsgeschichte blieben trotzdem signifikante Unterschiede erkennbar: Mütter, die nach der Geburt nicht oder nicht ausschließlich stillten, hatten ein um 70 Prozent höheres Risiko, neuerliche MS-Schübe zu erleiden.

Das bittere Ende

Soviel zur guten Nachricht. Nach fünf bis sechs Monaten stillten die Studienteilnehmerinnen ihre Kinder nicht mehr. Prompt wendete sich das Blatt. Trotz Basistherapie kam es in etlichen Fällen zur Verschlechterung der Beschwerden. Hormonelle Veränderung bieten eine mögliche Erklärung: Wer Kindern regelmäßig die Brust gibt, unterdrückt auch den Zyklus. Früher oder später wird abgestillt. Mit der neuerlichen Ovulation und Menstruation werden auch proinflammatorische Zytokine aktiviert – und MS verschlechtert sich wieder.

4 Wertungen (5 ø)
Forschung, Gynäkologie, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: