Adipositas: Darm-Mikrobiota als Tor zur Therapie?

11. September 2015
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Für Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas wirkt sich im Modell die genetische Ausgangslage auf das Ausmaß dieser Krankheiten aus. Doch auch umweltbedingte Veränderungen der Darm-Mikrobiota können die Anfälligkeit zur Entstehung eines metabolischen Syndroms beeinflussen.

Auf der Suche nach den Ursachen für Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas und Diabetes hat ein Wissenschaftlerteam des Helmholtz Zentrums München ein ganzes Netzwerk an Einflussfaktoren aufgedeckt. Neben der Ernährung, der Umwelt und der Genetik spielt auch die Zusammensetzung der Darmbakterien eine Rolle. „Unsere Ergebnisse bestätigen, dass das Darm-Mikrobiom sehr leicht durch die Nahrung und Umgebung beeinflusst werden kann“, beschreibt Erstautor Dr. Siegfried Ussar die Ergebnisse. „Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf den Organismus hängen jedoch stark von den genetischen Voraussetzungen des Einzelnen ab.“

Fokus stärker auf dem individuellen genetischen Hintergrund

Die Ergebnisse haben auch Auswirkungen auf aktuelle Forschungsvorhaben, die darauf abzielen, Adipositas durch den Transfer von Darm-Bakterien zu begegnen. Vorhergehende Arbeiten konnten bereits zeigen, dass das Darm-Mikrobiom sich zwischen schlanken und adipösen Personen unterscheidet. Dementsprechend laufen aktuell Studien, die versuchen zu klären, ob sich ein Transfer bestimmter Darm-Bakterien positiv auf metabolische Krankheiten auswirkt. „Unsere Erkenntnisse legen nahe, dabei den Fokus stärker auf den individuellen genetischen Hintergrund des Empfängers zu richten“, blickt Ussar voraus.

Für ihre Experimente untersuchten die Wissenschaftler drei unterschiedliche Tiermodelle aus unterschiedlicher Haltung und mit unterschiedlich genetisch vorprogrammierten Stoffwechsel-Eigenschaften – unter anderem Adipositas. Sie verglichen diese Exemplare mit solchen, die über mehrere Generationen gehalten wurden. „Interessanter Weise führte veränderte Nahrung und Umgebung bei einer bestimmten genetischen Ausgangslage zu einem Rückgang des Übergewichts“, beschreibt Ussar. „Ist der genetische Hintergrund allerdings ein anderer, spielt die neue Umgebung keine Rolle mehr.“

Erste Rückschlüsse für den Menschen?

Die Forscher gehen davon aus, dass dieses Phänomen durch eine veränderte Zusammensetzung der Bakterien im Darm zustande kommt, die wiederum mit der Genetik zusammenhängt. Co-Autor Jeffrey Gordon von der Washington University fasst die Ergebnisse mit einem Satz so zusammen: „Abhängig vom genetischen Hintergrund des Wirts können umweltbedingte Veränderungen der Darm-Mikrobiota die Anfälligkeit zur Entstehung eines metabolischen Syndroms stark beeinflussen.“

Zwei Erkenntnisse stellen die Autoren besonders heraus: „Zum einen liefert die Studie neue Hinweise für die Auswertbarkeit und Übertragbarkeit von in vivo-Versuchen zwischen Laboren“, so Ussar. „Darüber hinaus können wir aus den Untersuchungen mit Tiermodellen auch erste Rückschlüsse auf die Anwendbarkeit beim Menschen ziehen.“

Originalpublikation:

Interactions between Gut Microbiota, Host Genetics and Diet Modulate the Predisposition to Obesity and Metabolic Syndrome
Siegfried Ussar et al.; Cell Metabolism, doi:10.1016/j.cmet.2015.07.007; 2015

27 Wertungen (3.93 ø)

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9 Kommentare:

Gast
Gast

stimmt, viele Menschen vertragen das Grünzeug nicht, das immer von den Fegetariern empfohlen wird. Die wollen ja hier politisch das Sagen haben.
Das gibt dann Bauchschmerzen und Blähungen durch jede Menge Mikrobiom.
Dann muss man auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von #5 berücksichtigen.
Man muss dieses wuchernde Mikrobiom einfach aushungern,
hart, aber totsicher wirksam.

#9 |
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Gast
Gast

@ Frida Stern, Sie glauben wohl auch an die Drüse, die aus Luft Fett macht.

#8 |
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Nichtmedizinische Berufe

Insgesamt – auch im Hinblick auf andere Erkrankungen, wie beispielsweise des Immunsystems – ist es natürlich höchste Zeit, sich die Funktionen der Darmflora einmal gründlich vorzunehmen. Insbesondere bei der frühkindlichen Ausbildung von Darmflora und Immunsystem könnte präventiv vieles bewirkt werden. Aber auch im Erwachsenenalter gäbe es sicherlich noch einiges, was Lebensqualität und Gesundheit verbessern könnte.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Selbstverständlich sind Bewegung und Ernährung wichtige Faktoren. Es erklärt jedoch nicht, warum es wo viele dünne, ja fast hagere Couchpotatoes gibt, die sich von Fertiggerichten, Süßem und Chips ernährt, während viele Übergewichtige sich gesund ernähren (z.B. Low Carb ohne processed foods) und dennoch nur marginal erfolgreich sind, auch wenn sie sich viel bewegen. Dass genetische Faktoren eine Rolle spielen ist ja nun auch nichts Neues. Ob die Darmflora hierbei Huhn oder Ei ist, gilt es zu klären.

#6 |
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Arzt
Arzt

Wenn man einer Laborratte Nahrung “ad libidum”, also unbegrenzt anbietet,
wird auch sie übergewichtig und “ungesund”.
Auch diesen sensationellen wissenschaftlichen Befund muss man berücksichtigen.
Menschen, die zu viel essen, hören aber lieber, dass es eine “Drüse” gibt, die aus Luft Fett macht.

#5 |
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Gast
Gast

Iza Götz “der Mediziner” kann, nicht jeder natürlich, nur die anderen nicht,
wer gibt heute nicht alles Ratschläge zur Ernährung.

#4 |
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Iza Götz
Iza Götz

Es freut mich sehr zu hören dass der gesunder Verstand doch noch zu egsistieren scheint!
Warum verschwenden wir Zeit und Geld für die Ursachenforschung aus wo es doch so einfach wäre darüber nachzudenken wieviel und was genau der adipöser Patient an Nahrung zu sich nimmt.
Die Darmflora wird davon stark beeinflusst was der Mensch isst.
Warum kann der Mediziner nicht den einfachen Weg gehen und dem Patienten nicht eine konstitutionelle Ernährungsberatung angedeihen lassen?
Vielleicht weil er es selbst nicht besser weißt ?
Häufig beschränkt sich dich die Empfehlung auf ein kurzes Info: “Essen sie gesund!….Vitaminreiche Rohkost, wenig Fleisch und calciumreiche Milchprodukte!”….
Die falsche Ernährungsweise IST die Ursache ob es uns gefällt oder nicht!

#3 |
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Ralf Schambach
Ralf Schambach

Daß endlich die Bedeutung der Darmflora auf die Gesundheit erkannt wird, ist sehr gut. Aber die ewige Ausredensuche für falsche Ernährung und Bewegungsmangel ist wirklich lächerlich.
Seltsam, daß jetzt Dickmachergene und Darmflora uns dick machen (aber komischerweise nur in den Industrienationen) – und das eigene Verhalten egal ist….

#2 |
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Gast
Gast

So ein Modequatsch,
man kann es kaum nocfh hören.
Weniger essen ist das einzig wirksame!!!!
Und davon eine vernünftige Zusammensetzung.

#1 |
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