Schmerzmedizin: Neue Kriterien zur Versorgung

11. September 2015
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Mit neuen Struktur- und Qualitätskriterien soll die schmerzmedizinische Versorgung verbessert werden, da diese noch bis heute mangelhaft erscheint. Die Kriterien wurden in einem gemeinsamen Konsens zur Klassifikation schmerzmedizinischer Einrichtungen festgehalten.

Die Fachgesellschaften und Verbände in der Schmerzmedizin haben Struktur- und Qualitätskriterien für schmerzmedizinische Einrichtungen entwickelt, die dazu beitragen sollen, die Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland zu verbessern. Unter anderem soll der Kriterienkatalog über die Klassifizierung der verschiedenen Einrichtungen die Basis für eine Bedarfsplanung in der schmerzmedizinischen Versorgung schaffen.

Nur jeder achte Schmerzpatient wird versorgt

Die Schätzungen zur Prävalenz chronischer Schmerzen in Deutschland divergieren, so die Autoren des Konsenspapiers. Eine aktuelle Publikation auf Basis einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe schätzt, dass in Deutschland etwa 23 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen und 2,2 Millionen davon unter schwersten chronischen Schmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen leiden. Aus Analysen ambulanter Diagnosedaten von ca. 71,6 Millionen GKV-Versicherten des Bundesversicherungsamtes (BVA) für das Jahr 2013 geht hervor, dass ca. 2,8 Mio. Patienten unter schweren chronischen Schmerzen leiden. Nur etwa jeder achte Patient kann von einem der 1.102 ambulant tätigen Schmerzärzte versorgt werden. Doch die Versorgung dieser Patienten sei nach wie vor ungenügend, so die Autoren des Konsenspapiers. Das liege unter anderem daran, dass es keine klar definierten Strukturen der schmerzmedizinischen Versorgung gebe.

Zwar führte bereits 1996 der Deutsche Ärztetag die fachgebietsbezogene Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ ein und 2005 verabschiedete die Kassenärztliche Bundesvereinigung die „Qualitätssicherungsvereinbarung zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten“. Doch die Struktur der schmerzmedizinischen Versorgung habe sich damit aber kaum erkennbar verbessert. Insbesondere sei die ambulante Versorgung durch das bundesweite Fehlen einer Bedarfsplanung schmerzmedizinischer Einrichtungen nicht sichergestellt.

Schmerzmedizin als neues Prüfungsfach

Immerhin bestehe Einigkeit darin, dass jeder Patient Anspruch auf eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung habe, zu der eine dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechende Prävention und Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen gehöre. Diese könne aber nicht gewährleistet werden, unter anderem weil erst ab 2016 das Querschnittsfach Schmerzmedizin als Prüfungsfach in die Approbationsordnung für werdende Ärzte eingeführt werde.

Eine widersprüchliche Situation, dem das Konsenspapier der Fachgesellschaften und Verbände mit zwei zentralen Forderungen begegnet:

1. die Schaffung einer „Fachkunde Schmerzmedizin“ mit dem Ziel, die primärärztliche Versorgung zu verbessern
2. festgelegte Struktur- und Qualitätskriterien für schmerzmedizinische Einrichtungen, wie z. B. Nachweis von Fortbildungen, Zusammenarbeit in interdisziplinären Behandlerteams oder Mindestanzahl an neuen Patienten pro Jahr, je nach Klassifizierung der Einrichtung

Klassifikation schmerzmedizinischer Einrichtungen

Die unterschiedlichen schmerzmedizinischen Einrichtungen in Deutschland zeichneten sich durch zunehmende Spezialisierung bzw. Komplexität aus. Nach fachgebietsbezogenen Einrichtungen folgen die „Praxis/Ambulanz für Spezielle Schmerztherapie“ und schließlich das „Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin“ mit einem multiprofessionellen und multimodalen Diagnose- und Therapiekonzept. Sonderformen stellen schmerz-psychotherapeutische Einrichtungen dar, die in der Versorgung ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen wie auch interdisziplinäre syndromorientierte Zentren (Kopfschmerz-/Rückenschmerzzentren).

Die Autoren des Konsenspapiers zeigen sich überzeugt, dass mit den nun erstmalig definierten Struktur- und Qualitätskriterien die schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland überprüfbar verbessert werden kann, indem sie unter anderem die Voraussetzung für eine Bedarfsplanung in der schmerzmedizinischen Versorgung schafft. Gleichzeitig könne sie die Grundlage für neue Vergütungsregelungen darstellen.

Originalpublikation:

Mit Struktur- und Qualitätskriterien die schmerzmedizinische Versorgung verbessern – Gemeinsamer Konsens zur Klassifikation schmerzmedizinischer Einrichtungen

11 Wertungen (4.18 ø)

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3 Kommentare:

Medizinstudent
Medizinstudent

Hier haben ja schon zwei Ärzte geantwortet, ich kann dem nur vollkommen zustimmen, es ist fällig -überfällig.

Nachdem ich selber erleben musste, wie ich trotz eindeutiger Diagnose Schmerzen hatte und mein Hausarzt, der erste war der dann den Schritt gewagt hat, mir opioide Schmerzmittel zu verschreiben.

Hmm… ich kann es mir als angehender Arzt zwar nicht erlauben, so zu urteilen, aber dass Orthopäden nur Ibus verschreiben, wenn man lieb fragt, auch mal Novalgin, ist wohl nichts neues. Habe das schon öfters gehört und selbst erlebt. Es wird viel zu lange gewartet. Suchpotential hin und her, in der heutigen Zeit, kann es nicht sein, dass Patienten mit Schmerzen, leiden müssen, welche effektiv behandelt werden könnten.

Und was die Schmerzpatienten angeht, liebe Ärzte (Orthopäden *duckundweg*) “WHO-Stufenschema”, hier mal rein schauen, lieber mal ein potenteres Präparat nehmen und nen BtM-Rezept austellen, ansonsten eine Überweisung, dafür gibts FACHärzte. Leuten mit chronischen Schmerzen bis zum bitteren Ende mit Tramal oder Tilidin in schwindelerregenden Dosen zu therapieren, kann nicht die Lösung sein.

#3 |
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Ich bin über die Zahlen ( etwa 26 Millionen Menschen in D Leben mit chronischen Schmerzen , davon 2,2 Millionen leiden unter stärksten chronischen Schmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen )sehr überrascht.
Hat die deutsche Ärzteschaft eigentlich die ganzen Jahre auf den Zaun gesessen und diesen Zustand nur untätig betrachtet? Oder liegt das Phänomen auf eine andere Ebene ,- bei den geduldigen resignierten Pasienten die ohnehin mit zu großer Respekt im Stuhl vor dem Herrn in weiß ,- man solle sich doch nicht direkt als Weichei wegen ein paar Schmerzschübe darstellen ???
Wenn man die finanziellen gesellschaftlichen Folgen mit den wiederholten Krankschreibungen
,Arbeitunfähigheit über Monate hinaus betrachtet , hat die schlafende Ärzteschaft in diesem Fall ein gigantischen Berg vor sich hingeschoben,- ich kann mich über diese Tatsache nur sehr wundern .
Als Kirurg in der Tierwelt ( 45 Jahre Berufserfahrung ) taucht immer von den Tierbesitzern die erste Frage auf ” und hat das Tier genug medikamentelle Hilfe gegen Schmerzen bekommen ?” Ja klar , weil wir in diesem Beruf eine bessere Beobachtungsgabe für ünsere Pasienten gelernt haben ,- wir erkennen halt das Verhalten eines Tieres mit Schmerzen und können danach die Schmerztherapie besser steuern .
Wenn die Kassenärztliche Bundesvereinigung dieses Gesetz in 2005 verabschiedet hat muss man unmittelbar Fragen stellen welche Funktion diese Vereinigungen in der Gesellschaft haben soll .

#2 |
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Medizinphysiker

Ich schlage vor, dass an deutschen universitären Medizin-Fakultäten die studentische Ausbildung zum Schmerz überall obligatorisch gemacht wird. Dann erst werden die notwendigen Fähigkeiten vermittelt und geprüft. Das wäre ein großer und längst überfälliger Schritt. Wir schreiben das Jahr 2015!
Dr. Werner Ullrich

#1 |
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