Adipositas: Eine dicke Diskriminierung?

10. September 2015
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Über ein Drittel der adipösen Menschen leidet unter Diskriminierung im Alltag. Doch während nur ein kleiner Teil der Männer mit Adipositas über Diskriminierung berichtet, liegt der Anteil bei Frauen ungleich höher. Müssen gesetzliche Regelungen für adipöse Menschen her?

Menschen mit starkem Übergewicht werden auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert. Das zeigen Studien aus den USA und Großbritannien. Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen der Universität Leipzig untersuchte dieses Phänomen erstmals für Deutschland.

Frauen werden mehr diskriminiert als Männer

Je größer das Übergewicht ist, umso stärker erfahren die Betroffenen Diskriminierung. Während bei Übergewicht nur 5,6 Prozent der 3.000 Befragten von Diskriminierung berichten, sind es bei leichter bis mittlerer Adipositas 10 bis 18 Prozent, bei schwerer Adipositas fast 40 Prozent. Die Zahlen beruhen auf den Selbstauskünften der Erhebungsteilnehmer auf die Frage, ob sie schon einmal Benachteiligung aufgrund ihres Körpergewichts erlebt haben. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Leiterin der IFB-Forschungsgruppe „Stigmatisierung bei Adipositas“, unterstreicht, „dass in dieser Studie zum ersten Mal das Ausmaß gewichtsbedingter Diskriminierung in Deutschland deutlich wurde. Es handelt sich also nicht nur um ein Einzelphänomen, sondern betrifft vor allem Frauen mit höherem Gewicht. Während 7,6 Prozent der Männer mit Adipositas über gewichtsbedingte Diskriminierung berichten, ist dieser Wert bei Frauen mit 20,6 Prozent ungleich höher.“

Diese Zahlen zeigen zum einen, wie wichtig Maßnahmen zur Prävention und Behandlung von Adipositas sind, und zum anderen, dass rechtlicher Handlungsbedarf besteht. Voraussetzung dafür wäre, Adipositas als ernstzunehmende Erkrankung zu definieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erkennt sie seit dem Jahr 2000 als chronische Erkrankung an; in den USA ist dies seit 2013 der Fall, in Deutschland definiert die Bundesärztekammer Adipositas lediglich als Risikofaktor für weitere Erkrankungen. Die dänische Rechtswissenschaftlerin Prof. Mette Hartlev erläutert: „Diskriminierung ist die Benachteiligung einer Gruppe von Menschen mit bestimmten Merkmalen. Dazu zählen zum Beispiel Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter oder Behinderung. Die aktuelle Untersuchung zeigte nun für Deutschland, dass auch Adipositas dazu gehört. Ähnlich wie in den Bestrebungen zur rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, Behinderten und Nicht-Behinderten, müssten wir heute über gesetzliche Regelungen für adipöse Menschen nachdenken“.

Gesetzgeber sollen handeln

In Dänemark ist die Diskussion dazu bereits angestoßen durch den Fall eines adipösen Tagesvaters, der Kleinkinder betreute und dem nach 15-jähriger Tätigkeit gekündigt wurde. Er klagte dagegen, da er dies als Diskriminierung aufgrund seines Übergewichts empfand. Das dänische Gericht wendete sich an den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Da es im EU-Recht kein Diskriminierungsverbot aufgrund von schwerer Adipositas gibt, müsse im Einzelfall geprüft werden, ob die Berufsausübung beeinträchtigt ist. Starke Adipositas könne im Einzelfall als Behinderung anerkannt werden, so der EuGH. Dann greift die EU-Richtlinie über die Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf.

„Solche Fälle wie in Dänemark kommen auch in Deutschland vor. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs“, betont Luck-Sikorski. „Das zugrundeliegende Problem ist die negative Meinung und ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Adipositas. Diese Stigmatisierung führt letztlich zu Diskriminierung. Ziel unserer Forschung ist, diese Phänomene besser zu verstehen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Wir sehen aber auch den Gesetzgeber in der Pflicht.“

Originalpublikation:

Weight-based discrimination: An ubiquitary phenomenon?
Claudia Luck Sikorski et al.; International Journal of Obesity, doi:10.1038/ijo.2015.165; 2015

15 Wertungen (4.27 ø)

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16 Kommentare:

Gast
Gast

@Marion Tehler Sie haben völlig recht, dass die Behauptung, nur Frauen würden diskriminiert, sexistisch ist.
Ich stimme daher auch #14 zu.
Objektiv muss man auch dem Frauenfreund#2 zustimmen,
dass die Gesellschaft etwas gegen die Übersterblichkeit der Männer tun sollte.

#16 |
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Sonstige

bei dummen Ärzten (was ja vorkommen soll, wie ein Kommentar bereits bewiesen hat) wäre mir es dagegen recht, wenn sie dafür Rente bekämen. Ich habe selte eine sexistischere und flachere Meinungsäußerung vernommen.

#15 |
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Arzt
Arzt

Hört sich so an als wollte dicke Frauen auch noch eine Rente dafür, dass sie zu viel essen. Dann könnten ja auch häßliche Frauen das gleiche fordern.
Da das ja irgendjemand bezahlen muss, könnte man ja auch eine Steuer für Schlanke und hübsche Menschen einführen.
Könnte allerdings die Folge haben, dass am Ende alle dick und häßlich werden :-)
So ähnlich ist ja auch der strenge Kommunismus gescheitert.

#14 |
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Diätassistent

Aufklärung ist unser täglich Brot, aber man trifft in der Beratung überwiegend Einzelpersonen, man fühlt sich immer mehr als Don Quichotte;-)

#13 |
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kora
kora

Keiner muss doch den Industriefraß zu sich nehmen, gut bei Kindern ist es auch manchmal nicht zu vermeiden. Und nur politischen Druck ausüben heißt doch, die Eigenverantwortung abzugeben. Und die Lobby ist in der Regel stärker.
Wichtig ist Aufklärung, damit keiner sagen kann, ich hab nicht gewusst, das da soviel Zucker drin ist!
Und wenn das Zeug nimmer gekauft wird, regelt es sich von selbst.
Politischer Druck auch, warum gibt es bei uns keine “Ampel” auf den Produkten?

#12 |
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Diätassistent

Hallo Herr Doktor Heiner Heiner Bargel vielen Dank für Beitrag # 8.

Dieser ständige Diskriminierungsvorwurf wenns um übergewichtige Personen geht nervt und ist mittlerweile ein Teil dieser Problematik.

Wenn nur mehr (Ärzte und Heilberufler im allgemeinen) den Mut hätten offen darüber zu reden, wäre auch den Patienten letztlich damit gedient.

Man könnte dann auch politischen Druck ausüben um endlich diese Werbelügen Schlupflöcher zu schließen und und ebenso diese unsinnigen Kinderprodukte endlich zu verbieten.

#11 |
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Gast2
Gast2

Sehr geehrter Herr Bargel,
ich bin sehr froh, in Ihrer Praxis nicht Patientin zu sein.
Glücklicherweise habe ich einen Arzt, der die Probleme zwar sachlich konkret anspricht, aber nicht wertet.

Von Gast möchte ich mich hier distanzieren und Frau Holland die Hand reichen.
So gesehen könnte ich den Stühlen Kabinen etc noch etliche diskriminierende Dinge hinzufügen, lasse das aber hier an dieser Stelle.

WEr außer Politik/Gesetzgebung kann bitteschön vorgehen gegen von Lebensmittelkonzernen beauftragten Fooddesigner, die alle möglichen Stoffe in Lebensmittel mengen, abgesehen von viel Fett, Salz und Zucker. Die Aufklärung, ja! Wird ja auch in Don Quichotte-Manier betrieben. Viele tolle Leute kämpfen an dieser Front einen harten Kampf gegen Billig-Lebensmittel, Gewinnsucht und Kommerz, ausgetragen über die irregeleiteten Geschmacksnerven, den Hang nach Bequemlichkeit, Zeitmangel (oftmals ebenfalls durch allzu gewinnbestrebte ARbeitgeber verursacht) der Menschen.

Ich sage nicht, dass Menschen – egal in welcher Lebenssituation sie sich befinden – nicht selbst für sich verantwortlich sind. Es gibt allerdings noch andere Faktioren – die oben beschriebenen – die man durchaus auch anführen sollte. Im Übrigen hat es noch nie eine Gesamtsituation verbessern können, wenn auf einzelne “gezeigt” wurde. Das kann nur ein Miteinander und Füreinander ohne Ausgrenzung und Schuldzuweisung erreichen. Egal ob dick, dünn, groß klein, behindert, nicht behindert, hellhäutig, rothaarig, dunkelhäutig, Muslim, Christ, Hindu oder sonstwas.

#10 |
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kora
kora

Die Frage ist doch, ist starkes Übergewicht eine Krankheit hinter welcher eine Sucht, nennen wir es Fresssucht, dahintersteckt?

Und ab einem “point of no return”: Süchtigkeit und Schuld schließen sich dann aus, ich denke auch an Rauchen, Alkoholsucht etc.

Und aus so einem Suchtgefängnis auszubrechen ist sicher nicht leicht. Erst muss der Wille dazu da sein (wie bei Frau Holland) und dann bedarf es aber auch professioneller Hilfe, womöglich ist sogar der Chirurg gefragt. Hoffentlich nimmt Frau Holland diese Hilfe in Anspruch!

#9 |
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Wie immer sind die Anderen schuld und der Staat soll es richten, prima! Schon die Fragestellung dieser “Studie ” zeigt die fehlende Wissenschaftlichkeit: ” Haben Sie schon einmal Benachteiligung aufgrund ihres Körpergewichts erlebt?” Das Beispiel von Frau Holland zeigt den Unsinn dieser Fragestellung auf. Nur weil jemand aufgrund seines starken Übergewichts nicht mehr in eine Umkleidekabine passt, ist dies keine Diskriminierung. Der Kommentator Gast hat recht, wenn er schreibt, das die meisten Übergewichtigen für ihre Situation selbst verantwortlich sind. Aber viele Betroffene sie nicht ihre eigene Verantwortung, sondern suchen die Ursachen außerhalb. Ist ja auch einfacher. Dies gilt im übrigen nicht nur für Übergewichtige.

#8 |
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Gast
Gast

Liebe Frau Holland, es lag mir fern, Ihnen zu nahe zu treten! An psychische Krankheiten habe ich nicht gedacht! Aber es freut mich für Sie, dass Sie dabei sind, an Ihrem Zustand etwas zu ändern.
Dabei denke ich nicht an Ihr Äußeres, was andere darüber denken, das kann Ihnen ja eigentlich egal sein, ich denke eher daran, dass Sie auch ziemlich gelitten haben müssen bei der Hitzeperiode, die jetzt hinter uns ist.
Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass Sie Erfolg haben werden!
Und wenn es “nur”psychische Probleme sind, und Sie diese erkannt haben, dann werden Sie es schaffen! Schöne Grüße

#7 |
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Andrea Holland
Andrea Holland

Lieber Gast, ich bitte darum, die psychische Krankheit nicht zu vergessen. Ich leide seit Jahren an Depressionen und kriege daher mein Übergewicht (auch, wenn es sich in Grenzen hält), nicht in den Griff.

Und ich glaube nicht unbedingt, daß Übergewicht selbstgewählt ist. Es hat immer nen Grund. Wer steht morgens schon auf und sagt sich: “Ach, ich hab Bock 200 Kilo zu wiegen, da nehm ich jetzt mal ordentlich zu!”
Bis auf einige sehr seltene Fälle kenne ich niemanden, der das mit Absicht gemacht hat.

Ich glaube, daß es immer entweder nen psychischen oder nen physischen Grund hat und das man diesem Grund auf die Schliche kommen muß, um das Problem lösen zu können. Mein Problem kenne ich zwar inzwischen, aber bis ich das im Griff habe, wird es noch ne Weile dauern. Also habe ich auch noch ne Weile Übergewicht.

Mit zunehmendem Gewicht fielen mir übrigens immer mehr Dinge auf, durch die man sich diskrimiert fühlen könnte: Schmale Stühle in Cafe´s, schmale Durchgänge in Schwimmbädern o.ä. (durch die man schon früher mit großer Tasche auch nicht durchkam), winzige Umkleidekabinen und vieles mehr.

Klar, wir könnten einfach alle abnehmen, dann bräuchten wir keine Sondergrößen. Aber solange wir das nicht geschafft haben, würden wir uns freuen, in einem Café sitzen zu können, ohne uns Sorgen machen zu müssen, ob wir aus dem winzigen Stühlchen überhaupt wieder raus kommen (sofern wir uns getraut haben, Platz zu nehmen).
Oder uns in einer Umkleidekabine so bewegen zu können, daß wir die Klamotten auch anprobieren können.
Oder im Schwimmbad nicht den Sondereingang (die Tür) nehmen zu müssen. Die kriegt man ja nicht einfach so geöffnet. In den meisten Schwimmbädern muß man erst jemanden erklingeln, der einem die Tür öffnet. Bei uns ist es besonders nett. Da muß ich erst laut in ein Mikro reinrufen, damit die mich überhaupt verstehen. Und dann habe ich noch Glück, wenn einer kommt…

Also falls das jetzt jemand liest, der wirklich gerne schwer ist und das mit Absicht gemacht hat: Herzlichen Glückwunsch! Du bist selbst schuld!

An all die anderen: Drüber stehen, nicht unterkriegen lassen! Ihr seid nicht alleine!!!
Und denkt immer dran: Die dünnen Idioten, die sich lustig machen, könnten wir jederzeit einfach plattwalzen!!! ;-) :-P

#6 |
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Gast
Gast

Was ist eigentlich unter “gewichtsbedingter Diskriminierung” alles zu verstehen? Adipositas ist doch, abgesehen von körperlicher Krankheit (Schilddrüse etc.), selbstgewählte Behinderung?
Gesetzliche Regelung gefordert: soll es jetzt konsequenterweise auch noch eine Adipösenquote geben?
Kopfschüttel!

#5 |
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Frau im Gesundheitswesen
Frau im Gesundheitswesen

Alles, was außerhalb der Norm ist, wird angestarrt und schlimmstenfalls diskriminiert, neuerdings auch gleich gefilmt und ins Netz gestellt. Adipös ist nicht gleich adipös. Es gibt gesunde und kranke Dicke, und wenn die Qualität der Arbeit nicht unter dem Gewicht leidet, sehe ich keinen Grund in z. B. einer Kündigung. Sicher gibt es Fälle von extremer Fettleibigkeit, in denen eine adäquate Körperpflege nicht mehr möglich ist, das Gros der “Moppelchen” ist aber sauber, sehr gepflegt und attraktiv. Frauen fühlen sich mehr diskriminiert, weil sie mehr über das Äußerliche definiert werden (auch von den Männern). Männer neigen eher zur Selbstüberschätzung und sehen sich als “tolle Hechte”, selbst dann, wenn zu viel Bier und Bratwurst schon sehr sichtbar sind.
Die Politik ist gefragt. Sie müsste Gesetze schaffen, die dicke Menschen nicht diskriminieren (ohne Berechnungslisten, ab wann eine Person als adipös gilt). Und vor allem muss der Industrie ein Riegel vorgeschoben werden. Zuckersteuer wäre eine gute Idee, aber Süßigkeiten werden ja von Kindern gekauft, und welches Kind möchte für einen Schokoriegel 3 Euro bezahlen?

#4 |
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franz laudenbach
franz laudenbach

Das eigentliche Problem für den mit Adipositas lebenden beginnt ab dem Alter um 40 Mann; ab dem Alter 55 Frau (nach der Menopause):
Die Natur des Schlafes ist es, die diese Menschen krank macht.
Die Sterblichkeitsrate auf +-62 setzt!
Sie können sich nicht vor der Grunderkrankung;
Schlafapnoe Syndrom (OSAS, ZSA) schützen.
Es bedeutet: Essentielle Hypertonie in der Zeit des Schlafes.
Es bedeutet: Gefährliche Fehlbehandlung mit Blutdruck senkenden
Medikamenten.
Resultat: Infarkt; Schlaganfall; Diabetes Typ 2; Demenz-Alzheimer, Schlaganfall……………
Franz Laudenbach

#3 |
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Frauenfreund
Frauenfreund

Frauen klagen mehr, nicht neues, sie möchten auch geliebt werden, nichts neues;
nur selbst lieben ist out, deshalb der Kindermangel.
Das allarmierende Problem ist aber die erschreckende Übersterblichkeit der Männer!
Hiergegen müsste gesellschaftlich dringend etwas unternommen werden.

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Weitere medizinische Berufe

Ja, gesetzliche Mittel für den Irrsinn Zucker überall in der Nahrung
und mehr Fett in der Wurst als Fleich
Warnung auf alle Zuckerreichen Getränke und Nahrungsmittel
Achtung Dickmacher
Dazu eine TZuckersteuer von 500 %

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