Schwangerschaft: In anderen Umtrünken

2. Oktober 2015
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Kleine Moleküle mit großer Wirkung: Alkohol, Nikotin, Cannabis oder Kokain schaden ungeborenen Kindern. Untergrenzen gibt es nicht. Ärzten und Apothekern bleibt nur, Frauen schon möglichst vor einer geplanten Schwangerschaft Wege aus der Sucht zu zeigen.

Wenn Anziehen und Zähneputzen zum unüberwindlichen Hindernis werden: Bundesweit kommen pro Jahr 10.000 Kinder mit fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) auf die Welt. Bei mehr als 2.000 diagnostizieren Pädiater ein voll ausgeprägtes fetales Alkoholsyndrom (FAS). Kein Wunder: Verschiedenen Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge konsumieren mehr als ein Viertel aller Schwangeren zumindest gelegentlich Alkohol.

Kleines Molekül – große Wirkung

Ethanol passiert die Blut-Plazenta-Schranke und führt – abhängig von der Dosis und der Schwangerschaftswoche – zu unterschiedlichen Schäden. Dazu gehören körperliche, aber auch kognitive und soziale Defizite. Im Mittelpunkt der Gehirnforschung stehen Folgen für Purkinje-Zellen im embryonalen Kleinhirn. Heute herrscht die gängige Meinung, dass keine Untergrenze für den Konsum existiert. Selbst geringe Mengen beeinträchtigen die kognitive Leistung von Babys. Vor zwei Jahren sorgten Langzeitstudien der britischen Epidemiologin Rachel Humphriss für Schlagzeilen. Sie wertete Daten von 6.915 Zehnjährigen aus. Hatten Mütter bis zu sieben Portionen alkoholischer Getränke pro Woche konsumiert, sprich je 0,1 Liter Wein oder 0,2 Liter Bier, fand Humphriss keine neurologischen Defizite. Bei Kollegen stößt ihr vergleichsweise einfacher Test auf Kritik – die Forscherin ließ Kinder auf einem Bein stehen und über Schwebebalken balancieren. Zu langfristigen Folgen brachte Rachel Humphriss auch nichts in Erfahrung. Deshalb bleibt die Null-Promille-Grenze als Empfehlung für Schwangere bestehen.

Muttermilch mit Schuss

Weiter geht es mit der Stillzeit: Alkohol diffundiert vom Blut in die Muttermilch – es sind in etwa gleiche Konzentrationen zu erwarten. Bei Säuglingen kommt es zu kürzeren Schlafphasen mit leichterem Schlaf, berichtet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Übersichtsarbeit. „Darüber hinaus lassen sich aber auf der Basis der vorhandenen wissenschaftlichen Daten keine zuverlässigen Aussagen darüber treffen, wie sich mütterlicher Alkoholkonsum in der Stillzeit kurz- und langfristig auf die kindliche Gesundheit und Entwicklung auswirkt. Hinweise gibt es dennoch. Aktuellstes Beispiel: Mexikanische Forscher haben im Tierexperiment gezeigt, dass während der Entzugsphasen zwischen einzelnen Stillvorgängen vermehrt proinflammatorische Zytokine ausgeschüttet werden.

Rauchen zu zweit

Vom Alkohol zum Nikotin: Rauchen Frauen während ihrer Schwangerschaft, tritt beim Kind das fetale Tabaksyndrom auf. Werdende Mütter riskieren mehr Totgeburten oder Frühgeburten. Britische Forscher vermuten aufgrund von 4-D-Ultraschalluntersuchungen, dass der blaue Dunst beim Ungeborenen zu Schäden am zentralen Nervensystem führt. Kinder haben ein niedrigeres Geburtsgewicht. Bei ihnen ist das Risiko, am frühen Kindstod zu versterben, erhöht. Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS und mit frühkindlichem Asthma. Damit nicht genug: Mädchen, deren Mütter viel gequalmt haben, kommen früher in die Pubertät.

Effekte aus der Tüte

Mehrere Arbeitsgruppen haben sich über Jahre hinweg mit dem Hanfkonsum von Schwangeren befasst. Wayne Hall aus Herston, Australien, veröffentlichte im Jahr 2014 eine Metaanalyse. Entgegen älteren Studien sieht der Forscher zwar keine Gefahr von Missbildungen oder Entwicklungsstörungen beim ungeborenen Kind. Er weist aber auf das niedrigere Geburtsgewicht von Babys hin. Kinder von Müttern mit ausgeprägtem Cannabiskonsum hatten jedoch später Verhaltensauffälligkeiten, eine verminderte Gedächtnisleistung und Schwierigkeiten beim Erlernen der Sprache. Wayne hält Probleme in der Schule ebenfalls für möglich.

Harter Stoff

Opioide zeigen deutlich drastischere Effekte als Cannabis. Kokain gelangt durch die Plazenta in den fetalen Organismus. Aufgrund seiner gefäßverengenden Wirkung kann es bei Ungeborenen Organe schädigen. Vorgeburtliche Schlaganfälle wurden ebenfalls beschrieben. Sie erklären neurologische Defizite. Ein Zusammenhang mit frühzeitigen Plazentaablösungen und Frühgeburten gilt als wahrscheinlich. Kokain beeinflusst die fetale Entwicklung durch Effekte auf das monoaminerge System im Gehirn. In späteren Lebensphasen zeigen sich körperliche und geistige Defizite. Methamphetamin führt zu ähnlichen Defiziten, zeigt aber eine stärkere Wirkung – möglicherweise aufgrund seiner strukturellen Ähnlichkeit mit Neurotransmittern, vermuten Forscher. Methadon stellt keine Alternative dar. Unter der Substitution treten verschiedene neurologische Störungen auf, die sich durch Beikonsum noch verschlimmern.

Praxismodule für die Beratung

Trotz aller Studien mit Opioiden oder Cannabis bleibt Alkohol während der Schwangerschaft die größte Herausforderung. Deshalb hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für Health Professionals spezielle Pakete für die Beratung geschnürt. Ein Leitfaden unterstützt bei schwierigen Gesprächen. Wie lässt sich beispielsweise das heikle Thema erstmalig offen und ohne Stigmatisierung ansprechen? Immerhin haben Verantwortliche erkannt, Ärzte und Apotheker stärker einzubinden.

42 Wertungen (4.74 ø)

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12 Kommentare:

Kinderlos
Kinderlos

Oh mann, so viele Dinge könne dem Ungeborenem schaden. Ich verstehe nicht wieso es nicht selbstverständlich, dass man mit allem schädlichen wie Rauchen, Trinken und Drogen nehmen aufhört, sobald man schwanger ist, jedenfalls in der Schwangerschaft. Wenn man das Kind nicht will dann soll man es gefälligst zur Adoption freigeben. Dann kann man wieder saufen, rauchen und Drogen in sich reinschmeißen wie man will. Andere wünschen sich ein Kind und können keins bekommen, liest man immer wieder: https://www.private-krankenversicherungen-testsieger.de/2015/09/30/unerfuellter-kinderwunsch-das-zahlt-die-pkv/

#12 |
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Jana Schwiek
Jana Schwiek

Rauchen in der Schwangerschaft führt durchaus auch zu sichtbaren Mißbildungen, z.B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (https://de.wikipedia.org/wiki/Tabakrauchen)

#11 |
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Arzt
Arzt

Hallo, Herr Dr. Klein, mit der häufigen Alkoholembryopathie haben Sie Recht,
aber die Orientierung an sichbaren “Missbildungen” verharmlost die schwer sichtbaren und messbaren cerebralen Schäden. Schließlich ist der Mensch so etwas wie ein “geistiges Wesen” mit der Konsequenz, dass auch ein Querschnittsgelähmter eine erfülltes Leben führen kann bis zum Nobelpreis, wie jeder weis.
Nikotin z.B. ist ein Nervengift und wenn einer mit ner 5 aus der Schule kommt, zählt das weder als Missbildung noch als Krankheit.
Bei Cannabis ist die Verblödung als Nebenwirkung zweifelsfrei in der jugendlichen Wachtumsphase erwiesen, inzwischen auch bei Erwachsenen, die das regelmäßig machen.
Die menschliche Hirnentwicklung gerade bei Embryos und Neugeborenen ist daher einerseits extrem wichtig und andererseits in ihrer sehr unterschiedlichen Leistungsfähigkeit extrem schwer messbar. Grundsätzlich hat alles, was “süchtig” macht, Einfluss aufs Gehirn, je unreifer, desto heftiger.
Bei Medikamenten ist das ganz einfach:
alles was nicht als harmlos in der Schwangerschaft NACHGEWIESEN ist, ist verboten.

#10 |
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Gast
Gast

Weder Kokain noch Methamphetamin ist ein Opioid.

#9 |
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Dr. Jochen Klein
Dr. Jochen Klein

Liebe Leute, bitte kritisch bleiben. Alkohol ist in höheren Dosen eindeutig teratogen. Nikotin wirkt sich ungünstig auf den Schwangerschaftsverlauf aus (mehr Aborte, geringeres Geburtsgewicht), aber führt nicht zu Missbildungen – bitte unterscheiden. Für Cannabis ist die Datenlage dünn, eine echter Zwang zur absoluten Vermeidung besteht medizinisch nicht. Opiate sind NICHT teratogen. Kokain ist KEIN Opiat und außerdem auch nicht teratogen. Während keiner dieser Stoffe vor, während oder nach der Schwangerschaft zu empfehlen ist, ist in Deutschland der Alkohol mit Abstand das größte Problem.

#8 |
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Gast
Gast

der nicht existierende Grund für eine “medizinische Indikation” ist nichts anderes als superscheinheilige Drogenreklame für Canabis, ekelhaft.

#7 |
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@Dagmar Boecke #2: Genau aus diesem Grunde muss VOR jedem Kinderwunsch die Bereitschaft zur und Bewältigung der Entgiftung stehen. Erst dann zeugt Geschlechtsverkehr ohne Kontrazeption von Verantwortungsbewusstsein.

#6 |
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Auch vor einer Schwangerschaft betriebener Tabak-, Alkohol- und anderer Drogenkonsum verändert nachhaltig Genom und EPIGENOM von Ei- und Spermienzellen. Jede(r) Raucher(in) setzt seinen Nachwuchs – auch wenn er/sie während der Schwangerschaft auf Suchtmittel verzichtet – erhöhten Gesundheits-/Entwicklungsstörungsrisisken aus. Wem seine eigene Gesundheit egal ist, der sollte wenigstens genug Verantwortungsbewusstsein haben, rechtzeitig vor einer Kindszeugung den Entzug anzugehen. Wer dazu nicht bereit ist, sollte auf eigenen Nachwuchs verzichten.
Leider liefert die Realität ein anderes Bild: Kinderwagen schiebende “Jungmütter”, die ihrem Neugeborenen den Zigarettenrauch förmlich ins Gesicht pusten, prägen das tägliche Bild. Aufklärungsversuche werden fast immer mit “kehr dich um deinen eigenen Sch..” quittiert. In solchen Momenten wünsche ich eine gesetzliche vorgeschriebene Lizenz zum Kindermachen.
Nebenbei: Angesichts dieser Probleme, die wir mit den “legalen” Drogen haben und nicht zu lösen in der Lage sind, halte ich die Cannabisfreigabe (sofern nicht ärztlich, aus medizinischen Gründen verordnet) für ein völlig falsches Signal.

#5 |
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Gast
Gast

nicht trinken (Alkohol)
kann man selbstverständlich von einem auf den anderen Tag,
ist auch mit Abstand das beste.
Wer sein eigenes Koind auch noch schädigen will, sollte lieber gleich abtreiben.

#4 |
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Gast
Gast

[Kommentar wurde von der Redaktion entfernt.]

#3 |
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Dagmar Boecker
Dagmar Boecker

Entgiften ist ne feine Sache. Aber das dauert. Das sind lange Prozesse, bei denen es einem oft auch ziemlich schlecht geht. Und wenn jemand schwanger ist, ist das VIEL zu gefährlich.

#2 |
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Höchst bedauerlich, dass sich die Riege der “Ganzheitlichen” hierzu garnicht äußert. Die sind ja sonst immer ganz schnell dabei, zu “entgiften”. Geht wohl nicht, wenn wirklich Gifte aufgenommen wurden?

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