Die krieg ich, die mach ich.

MS-Therapie: Eine ganz halbe Sache

22. September 2011

Fast die Hälfte der MS-Patienten mit Immuntherapie brechen ihre Behandlung innerhalb der ersten zwei Jahre ab, ergab eine kanadische Studie an knapp 700 Patienten. Was ist die Ursache, wie kann man Patienten bei der Stange halten? Psychologen und Neurologen suchen Antworten.

Krankheitsmodifizierende Medikamente und Immunmodulatoren sollen den Verlauf von Multiple Sklerose positiv beeinflussen. Sie können etwa bei schubförmig-remittierender Verlaufsform Exazerbationen, die Bildung neuer ZNS-Läsionen sowie die Progression der Krankheit reduzieren. Der Erfolg dieser Behandlungen wird als moderat eingestuft. Eines der Hauptprobleme der Behandlung: Die Patienten langfristig bei Therapielaune zu halten, denn die Therapieadhärenz ist schlecht und viele Patienten brechen die Behandlung komplett ab, zeigte sich wiederholt und ergab auch eine aktuelle Untersuchung in Ontario an 682 kanadischen Patienten mit schubförmiger remittierender MS. Etwa die Hälfte der Patienten brach die Behandlung mit β-Interferon oder Glatirameracetat innerhalb der ersten zwei Jahre nach Therapiebeginn ab. In nur 3,4 bis 6,5 Prozent handelte es sich dabei um einen Behandlungswechsel.

Auch für Deutschland ließen sich hohe Therapieabbruchraten belegen. Das von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) 2001 initiierte MS-Register liefert Ergebnisse aus 2009. Dafür waren die Daten von fast 8.700 Patienten analysiert worden. Therapieunterbrechungen aufgrund eines Behandlungsstopps oder –wechsels wurden je nach MS-Typ für fast 40 bis über 60 Prozent nachgewiesen. Über 60 Prozent der Patienten mit sekundär progredienter Verlaufsform (SPMS) unterbrachen zu irgendeinem Zeitpunkt die Behandlung.

Mangelnde Therapietreue bei MS – wenige Studien zu den Ursachen

Nun sind hohe Therapieabbruchraten nicht für MS-Patienten spezifisch, auch andere chronisch Erkrankte sind häufig betroffen. Dennoch haben MS-Patienten ein besonders hohes Risiko, so Jared Bruce und Sharon Lynch der Universität von Missouri-Kansas City und der Universität Kansas. Der Psychologe und die Neurologin erörtern in einem Reviewartikel die möglichen Ursachen für die besonders häufige geringe Therapieadhärenz bei MS-Patienten. Bei Zahlen zur Therapietreue zu berücksichtigen wären natürlich auch verzögerter Therapiebeginn, irreguläre Dosierungen und Verabreichungen der verschriebenen Medikamente. Fehler bei Erhebungen sind zu erwarten, denn Selbstberichte sind nicht zuverlässig und bestimmte Personen werden an Untersuchungen zur Erfassung der Therapieadhärenz erst gar nicht teilnehmen.

In der kanadischen Studie von Wong et al. waren alle Klassen von zu spritzenden krankheitsmodifizierenden Medikamenten mit einer vergleichbar geringen Therapieadhärenz verbunden. Eine der Ursachen laut Reviewbericht: Angst vor Injektionen und damit verbundene Beschwerden. Orale Medikamente könnten hier eine Lösung sein, würden das Problem aber nicht vollständig lösen. Eine telefonische Betreuung und Beratung erwiesen sich als hilfreich. Auch die Behandlung von Depressionen verbesserte nach den Ergebnissen einer Studie die Therapieadhärenz. Weitere Faktoren, die zu Verbesserungen beitragen, sind Aufklärung, eine offene Patienten-Arzt-Kommunikation und die Reduktion von Versorgungsbarrieren. Deutlicher Forschungsbedarf besteht hinsichtlich sozialer, klinischer und emotionaler Faktoren, die die Therapieadhärenz beeinflussen.

Kosten-Nutzen-Analyse stellt Therapie in Frage

Die Kosten der Therapie waren an den kanadischen Patienten offenbar nicht die Ursache der mangelnden Therapietreue und sind auch in Deutschland nicht so hoch wie etwa in den USA. Eine US-Untersuchung zur Kosteneffektivität von Epidemiologen der Universität Rochester in New York unter Zugrundelegung von Langzeitdaten ergab unlängst, dass die Behandlung dort unwahrscheinlich teuer ist, der Profit hinsichtlich der Lebensqualität im Verhältnis eher bescheiden ausfällt. Der zehnjährige Einsatz krankheitsmodifizierender Medikamente war nur mit einem moderaten gesundheitlichen Gewinn verbunden. Ein qualitätskorrigiertes Lebensjahr (quality adjusted life year, QALY), eine Kennziffer zur Bewertung der Therapiekosten innerhalb eines Jahres im Verhältnis zum Gesundheitsnutzen, ergab jährliche Kosten von 800.000 US-Dollar.

Patienten mit Interferon-β 1a-Behandlung gewannen im Vergleich zu Patienten ohne diese Behandlung in zehn Jahren durch die krankheitsmodifizierende Therapie nur zwei Monate QUALY. Patienten mit Interferon-β-1b waren durchschnittlich sechs von zehn Jahres schubfrei, fünf Jahre waren es aber auch bei Patienten ohne krankheitsmodifizierende Behandlung. Diese Daten sagen natürlich nichts über den möglichen individuellen gesundheitlichen Gewinn der Behandlung aus, der durchaus beträchtlich sein kann. Die Kosten-Nutzen-Effektivität der Behandlung ließe sich in den USA am ehesten durch eine Kostensenkung der sehr teuren Medikamente senken.

Der individuell mangelnde erkennbare Nutzen der MS-Behandlung mag auch hierzulande eine der Ursachen für fehlende Therapietreue sein. Zugrundeliegende Faktoren der Therapielustlosigkeit zu ergründen wäre wichtig, denn die Möglichkeiten der Beeinflussung der Krankheit sind begrenzt, aber vorhanden. Denn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermutet, dass eine verbesserte Behandlungstreue einen größeren Nutzen für die Gesellschaft und Gesundheit hätte als die Entwicklung neuer Medikamente.

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15 Kommentare:

Liebe Frau Dr. Wollensak,
bitte nehmen Sie mir die Schärfe nicht übel.
Die MS ist mit Pharmaka nicht aus der Welt zu schaffen. Warum das so ist scheint mir auf http://www.ms-info.net klar begründet.
Leider setzt das Verständnis der Webseite nicht nur Englisch sondern auch einiges an breitem medizinischen Wissen voraus.

Mitarbeiterin Industrie

Lieber Herr Dr. Schelling,
warum so giftig? Die EAE als Modell für die MS hat ihre Vor- und Nachteile. Bespiele für Zusammenfassungen:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16315280
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2703151/(Volltext)

Teure Frau Dr. Wollensak
Wer soll verstehen, dass wir mit Immun-Suppressiva (und Immun-”Modulatoren”) bei ‘ner AUTOIMMUNERKRANKUNG WIE MS nicht wirklich und bei der Modell-MS EAE so blendend therapeutisch weiter kommen?
Höre Ihnen gern zu, wenn Sie das jemand mit anscheinend normalem Urteilsvermögen verständlich machen können.

Mitarbeiterin Industrie

@ Dr. Schelling
Erst zuhören, dann (vielleicht) verstehen, dann kommentieren. Niemand hat “gepredigt”, nur Alternativen aufgezeigt. Manch einer nimmt lieber die bequeme Pille, das ist jedermanns persönliche Entscheidung. Wer aber die Ursachen der Erkrankung behandeln möchte, wird mit einem Immunsuppressivum nicht sehr weit kommen…

Schau, schau .. eine Pharma-Mitarbeiterin predigt in Kommentar 11 das Autoimmun-Dogma der MS-Entstehung.
Bei keiner einzigen MS-Erkrankung wurde jemals tatsächlich nachgewiesen, daß hier irgendeine der zahllose postulierten immunologischen Autoaggressionen gegeben ist.
Wo findet man nicht überall oligoklonale Banden und all die Immunreaktionen, welche die MS als Autoimmunerkrankung kennzeichnen sollen!

Tatjana Schuh
Tatjana Schuh

Ich für meinen Teil habe meine MS wahrscheinlich seit mindestens 37 Jahren. Diese kindliche MS wurde jedoch nicht diagnostiziert. Ich spritze seit nunmehr 12 Jahren Rebif 22µg und hatte in der gesamten Zeit nur 3 schwache Schübe. Allerdings stört mich nicht das Spritzen, sondern die nach wie vor auftretenden Nebenwirkungen mit nächtlichen Parästhesien, so dass ich anderen Morgens kaum aus dem Bett komme. Dies tritt zum Glück dank Ibuprofeneinnahme an Spritztagen selten auf. Störend sind auch die Hautrötungen an der Einstichstelle, aber dafür kann ich nach wie vor gehen und laufen und Sport treiben, sowie 100% arbeiten. Ich freue mich jedoch auch schon auf die orale Medikation.

Alles hängt von der engmaschigen Betreuung und der Aufklärung der Patienten ab. Der Glaube des Patienten an die Hilfe über die jeweiligen Präparate ist sehr wichtig.
wir warten ja alle auf ein wirklich dauerhaft heilendes Präparat, solange es das nicht gibt ist es schwer die Patienten bei der Stange zu halten. Ich habe eine Tochter mit MS und muß da immer wieder ermahnend eingreifen und sie ermuntern mit der Behandlung weiterzumachen, auch wenn es auch unter Behandlung zum Schub kommt.

Mitarbeiterin Industrie

Es gibt sehr wohl Hinweise, daß Ernährung eine Rolle bei Autoimmunerkrankungen wie MS spielen kann. Dies wird
“Schulmedizin-tauglich” von der Gruppe um Prof. Loren Cordain erforscht. Jedem Betroffenen sei geraten, sich über die interessanten Ergebnisse zumindest zu informieren. Erster Teil eines Vortrages von Prof. Cordain zu diesem Thema unter: http://www.youtube.com/watch?v=_3RvWGx0AJE&NR=1
Der Vortrag hat insgesamt 7 Teile.

Dr. Wolfgang-G. Elias
Dr. Wolfgang-G. Elias

Die Tatsache, dass bis zu 50 % der Patienten unter Basistherapie bei MS nach zwei Jahren die Therapie abgebrochen haben, ist schon lange bekannt und ärgerlich. Ärgerlich und unnütz sind aber auch Äußerungen, die kaum von eigenen therapeutischen Erfahrungen bei MS künden und wenig informiert scheinen. Empirische, aber auch datenmäßig nachweisbare Erfahrungen an Schwerpunktpraxen weisen eine Abbruchquote von unter 5 % nach zwei Jahren aus, was eben auf ausreichende Kenntnisse über das Management der Basis-und Eskalationstherapie der MS beruhen, auf einer eingehenden und langfristigen Betreuung durch die MS-Nurse und auch auf ein belastbares, vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Betroffenen (shares decision making nach Prof.Heesen). Und wer behauptet, dass durch die Einführung der Basistherapie es zu keiner nachhaltigen und eindrucksvollen Verbesserung der jetzigen Krankheitsverläufe seit 16 Jahren gekommen ist, kennt einfach die Realität nicht.

Die pseudowissenschaftlichen Ansätze von Dr. Kluge locken inzwischen auch keinen ausreichend informierten Patienten mehr hinter dem Ofen hervor, das gilt auch für die Diät nach Dr. Fratze/Hebener. Bei seinem Versuch, seine theoretischen Ansätze klinisch umzusetzen, ist Dr. Kluge ja grandios gescheitert. Und bislang konnten sogar italienische Kollegen von Zamboni die Messungen bei der CCSVI in keinster Weise reproduzieren. Es gibt keine einfache Lösung bei multipler Sklerose, aber Therapieansätze der Schulmedizin, die sich in deutlich besserer Lebensqualität und fehlender Behinderungsprogression bei den Betroffenen auswirken.

Dr. med. Uwe  Kaßler
Dr. med. Uwe Kaßler

Ich bin Arzt, 52 Jahre alt, habe MS seit dem 46. Lebensjahr. Unter Interferon 1a (Avonex)hatte ich in einem Jahr 5 Schübe, dann Wechsel auf Glatiracemat. Unter Copaxone hatte ich nach 15 Monaten einen Megaschub, seitdem unter Tysabri bis jetzt keinen Schub mehr.
Ich glaube, daß die Enttäuschung bei geringer Wirksamkeit der Immunmodulatoren Grund ist für die Therapieabrüche.
Das Risiko der PML unter Tysabri ist natürlich auch nicht schön, nehme ich aber in kauf

dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

die Funktionsfähigkeit der Mitochondrien ist der springende Punkt ; aber vielleicht mal eine webseite ansehen-auch für Herrn Cornelius.
wie können entstehen MS u. ALS .unter Aktuelles
http://www.oldenburk.de

Ich kann in diesem Zusammenhang die Eiweißbilanzierte Diät nach Dr.Kluge hervorheben.
Dr.Kluge fand , dass die MS durch mitochondriale stoffwechselstörungen ausgelöst wird. Eine akribische Bilanzierung der Protein und Aminosäurenzufuhr kann diese Störung neutralisieren und die Zerstörung der Mylinscheiden durch Ammoniak verhindern. Der sogenannte Autoimmunprozess , der im herkömmlichen Sinn angeblich Schuld an der MS ist, ist ein ganz normaler Prozess zum Abbau von zerstörtem Zellmaterial. Deswegen funktioniert der Ansatz der teuren Mainstream-Therapien nicht wirklich.

Mangelnden/nicht erkennbaren Nutzen pharmakologischer MS-Behandlungen können neuro-psychologische Seelenmassagen niemals wettmachen.
Grund genug die ganze MS-Forschung ebenso gründlich wie kritisch zu hinterfragen.
Vielleicht noch lohnender: die Venenbezüge von MS-Läsionen und das Thema CCSVI sachlich zu recherchieren.

Sonstige

Ich habe bis 2008 mit vielen MS Schwestern ein Patientenbetreuungsnetzwerk aufgebaut.Zu dieser zeit wurden die Patienten sehr engmaschig besucht und beraten.intensive Injektionsschulungen und dauerhafte Aufklärung über Nebenwirkungen habe die Dropoutrate signifikant gesenkt.
Ich glaube, dass das betaferon in Verbindung mit der Betreuung sehr positive Wirkung gezeigt hat

VKG B.Schoch

Joachim Göbel
Joachim Göbel

Bislang habe ich erstaunlicherweise noch von keinem Arzt eine belastbare und belegbare Aussage darüber erhalten, in welchem Prozentsatz die immunmodulatorische Behandlung der MS eine positive und erwünschte Wirkung erzielt. Allenfalls Prof. Heesen, UKE Hamburg, benennt eine (m. E. dürftige) Wirksamkeit von ca. 15%. Auch das Fehlen von Aussagen zur Wirksamkeit (oder das Verschweigen der unbefriedigenden Erfolgsaussichten?) der o.g. Therapien kann sehr gut zu der beklagten Abbruchrate führen.
Hier fehlt es eindeutig an Information und/oder Wirksamkeit.

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....wenn jemand mit Leib und Seele Arzt und Therapeut ist, wird er für sich entscheiden ob dieses Tool wie und wann für ihn und seinen mehr...
Interessanter Artikel. Ich habe mich einmal ansatzweise durch die Originalpublikation gearbeitet. Mir erschließt sich nur nicht ganz, dass mehr...
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