Nebenwirkungen: Diabetes auf Rezept

8. September 2015
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Viele Arzneistoffe haben ein hohes diabetogenes Potenzial. Darauf sollten Ärzte und Apotheker vor allem bei Risikopatienten achten und die Laborwerte engmaschig überwachen, falls möglich auch die Medikation anpassen. Lebensstiländerungen wirken sich zudem positiv aus.

Therapie mit Folgen: Eine Patientin, Mitte 50, erhielt aufgrund ihrer Rückenschmerzen Glukokortikoide – und fiel nach mehreren Gaben ins Koma. Ihr Blutzuckerspiegel war auf 585 mg/dl in die Höhe geschnellt. Des Rätsels Lösung: Viele Arzneistoffe können unseren Glukosehaushalt aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Überblick:

Glukose trifft Glukokortikoid

Glukokortikoide stören in der Leber Effekte von Insulin. Die Folgen: eine stärkere Gluconeogenese und eine vermehrte Freisetzung von Glukose. Gleichzeitig nehmen periphere Gewebe wie unsere Muskulatur Glukose schlechter auf. Entsprechende Zusammenhänge sind nicht neu. Forscher entdeckten in Nebennierenadenomen oft Mutationen, die zur vermehrten Synthese von Cortisol führen – dem bekannten Cushing-Syndrom. Zurück zur Pharmakotherapie: Orale Darreichungsformen gelten als besonders kritisch. Der Effekt von Prednison oder Prednisolon hält bis zu zehn Stunden an; Dexamethason wirkt sogar 24 Stunden. Selbst vergleichsweise niedrige Gaben von 7,5 Milligramm Prednisolonäquivalent bringen unseren Stoffwechsel langfristig außer Takt. Inhalieren Patienten Glukokortikoide, ist die Gefahr neueren Studien zufolge gering. Älteren Arbeiten zufolge lassen sich unerwünschte Wirkungen bei langfristiger, hochdosierter Gabe nicht vermeiden. Selbst topisches Dexamethason führte bei der Anwendung im Bereich der Mundschleimhaut zu Stoffwechselentgleisungen. Bleibt als Empfehlung, im Zweifelsfall regelmäßig das Blutbild zu kontrollieren. Setzen Patienten ihr Pharmakon wieder ab, verbessern sich in vielen Fällen – wenn auch nicht in allen – die Stoffwechsellage.

Statine bekommen ihr Fett ab

Kein Einzelfall: HMG-CoA-Reduktasehemmer (Statine) und Nicotinsäure zeigen ebenfalls diabetogene Effekte. Obwohl Wissenschaftler entsprechende Hinweise bei Statinen in der JUPITER– oder in der PROVE-IT TIMI 22-Studie gefunden hatten, reagierten Zulassungsbehörden relativ spät mit Warnungen in der Fachinformation. Sie argumentierten gegen Befunde aus prospektiven Beobachtungsstudien, Patienten würden sich unter Statinen schlecht ernähren. Daten aus placebokontrollierten Studien lassen sich aber nicht entkräften. Mittlerweile ist es Forschern sogar gelingen, ein Modell für den biochemischen Mechanismus zu finden. In der Nähe des HMG-CoA-Reduktase-Gens befinden sich bei manchen Patienten die Genvarianten rs17238484-G und rs12916. Sie sind – wie Statine – mit einer verminderten Aktivität der HMG-CoA-Reduktase assoziiert, aber auch mit einem höheren Körpergewicht und mit größeren Diabetes-Risiken. Wissenschaftler vermuten, positive und negative Effekte gingen Hand in Hand. Hochrisikopatienten profitieren trotzdem von Statinen, das steht außer Frage. Atorvastatin und Simvastatin gelten substanzabhängig im Vergleich zu Pravastatin als potenziell gefährlicher, fanden Wissenschaftler heraus.

Herzliche Grüße an den Stoffwechsel

Mit Glukokortikoiden oder Statinen ist es nicht getan. Erhalten Patienten Beta-Blocker, blockieren die Arzneistoffe je nach Selektivität β1– und β2-Adrenozeptoren in unterschiedlichem Maße. Peripheres Gewebe wird geringer durchblutet, und Glukose schlechter verwertet. Die Gefahr ist bei unselektiven Arzneistoffen deutlich größer. Thiaziddiuretika in höherer Dosierung beeinflussen den Blutzucker ebenfalls, wenn auch erst Wochen oder Monate nach Therapiebeginn. Sie verstärken die Insulinresistenz in Leberzellen. Gleichzeitig setzt das Organ vermehrt Glukose frei. Kaliumverluste verschlechtern wiederum die Sekretion von Insulin. Grund genug für Ärzte, patientenindividuelle Risiken bei der Pharmakotherapie zu berücksichtigen.

Depressiv, dick, Diabetes

Arzneimittel zur Behandlung psychischer Erkrankungen haben – abhängig von der jeweiligen Substanz – ebenfalls mehr oder minder starke Effekte auf den Stoffwechsel. Erhalten Patienten Clozapin oder Olanzapin, nehmen sie im Schnitt fünf Kilogramm zu. Wissenschaftler vermutet, dass der Leptin-Stoffwechsel beeinflusst und damit auch das Sättigungsgefühl vermindert wird. Die Gewichtszunahme kann letztlich zur Insulinresistenz führen – vor allem bei Patienten, die zu Therapiebeginn bereits etwas Übergewicht hatten. Mehrere amerikanische Fachgesellschaften raten deshalb in einem Konsensuspapier, regelmäßig den BMI, den Bauchumfang, die Nüchternglukose sowie das Lipidprofil zu erfassen.

Betazellen unter Beschuss

Während der Effekt von Beta-Blockern, Statinen oder Glukokortikoiden in vielen Fällen reversibel ist, zerstören manche Pharmaka Betazellen unwiederbringlich. Die Beispiele: Patienten mit chronischer Hepatitis C erhalten pegylierte Interferone in Kombination mit Ribavirin und Sofosbuvir. Interferone triggern Autoimmunreaktionen triggern, was zum Verlust von Betazellen führt. Der genaue Mechanismus ist unbekannt. Didanosin, ein Nukleosid-Analogon, führt über eine Pankreatitis in manchen Fällen auch zum Diabetes mellitus. Und Pentamidin, ein Antiprotozoikum mit zusätzlicher Wirksamkeit gegen den HIV-assoziierten Schlauchpilz Pneumocystis jirovecii, schädigt Beta-Zellen direkt. Apropos HIV: Proteinase-Inhibitoren wie Lopinavir oder Ritonavir zerstören zwar keine Betazellen. Sie hemmen aber den Glukosetransporter GLUT-4. Unter der antiretroviralen Therapie kommt es generell zu Lipodytsrophien und damit auch zum metabolischen Syndrom.

Risiken minimieren

Bleibt als Fazit: Ob sich Stoffwechselstörungen in klinisch relevantem Maße zeigen, hängt nicht nur vom Medikament allein ab. Liegen klassischen Risikofaktoren vor, entfalten diabetogene Wirkstoffe häufig ihre unerwünschte Wirkung. Zur Abschätzung eignet sich der FINDRISK-Fragebogen. Ärzten bleibt nur, nach Möglichkeit ihre Medikation zu ändern. Gleichzeitig sollten sie Patienten ermuntern, ihren Lebensstil zu ändern: mehr Bewegung, weniger Gewicht und kein Nikotinkonsum.

141 Wertungen (4.4 ø)

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21 Kommentare:

Maike Arft-Jacobi
Maike Arft-Jacobi

Uuups. Quellenangaben gefunden! Danke!!!

#21 |
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Maike Arft-Jacobi
Maike Arft-Jacobi

Quellenangaben wären gut. So kann man sich leider schlecht drauf beziehen.

Zu einem der Kommentare: Antipsychotika werden Leuten mit Depressionen gerne mit reingehauen.

#20 |
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Gast
Gast

Vielen Dank Herr Bischoff für den Link der FAZ!
Ein Umdenken im psychologischen/psychiatrischen Bereich wäre für die Patienten eine große Entlastung und Entstigmatisierung.

#19 |
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Gast
Gast

@Dr. Martin Lorenz: Kennen Sie den Spruch mit dem Glashaus? O.o

#18 |
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Ärztin

#5 Jürg Hurter: da trotz der Absatzüberschrift “Depressiv, dick, Diabetes” nur Antipsychotika, aber keine Antidepressiva genannt werden, ist die ergänzende Erwähnung eines häufig zu Gewichtszunahme führenden Antidepressivums nicht abwegig. Daraus zu schließen, dass die NW nicht geläufig sei und mit den Patienten nicht besprochen werde, ist schlicht unhöflich.

#17 |
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Medizinphysiker

Gewichtszunahme: da fällt mir Insulin ein!

#16 |
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@Dr. med. Martin Lorenz
mag sein das mein Deutsch nicht das beste ist, bin Arbeiterkind und auf dem Dorf aufgewachsen. Dafür war ich in Mathe, Statistik und Methodenlehre, Evaluation und Testtheorie um so besser. Ich bin schon in der Lage ein Punktwolke zu interpretieren. Im Haupstudium habe ich mich hauptsächlich mit Biopsychologie beschäftigt, leider hat das, zu dem was man mir in klinischer Psychologie erzählen wollte überhaupt nicht gepasst.
Zur Einfühlsamkeit empfehle ich Ihnen Niels Birbaumer.
Des Anderen habe ich mehrere Jahre für einen Betroffenenverband gearbeitet, und so den ganzen Müll den die Psychiatrie angerichtet hat, hautnah erlebt. Vielleicht hält sich auch deswegen meine Einfühlsamkeit auf dieser Seite in Grenzen.

#15 |
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Heilpraktikerin

Gabriele Serwas
Heilpraktikerin

Sehr guter Artikel – bitte mehr davon.

#14 |
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Heilpraktikerin

ehemalige Pharmaziereferentin

Es wäre wünschenswert, dass Ärzte die häufigen Nebenwirkungen der von Ihnen verwendeten Substanzklassen auswendig kennen. Wenn Pharmaziereferenten so freundlich wären und auch die Nebenwirkungen besprechen würden, dann wüssten die Ärzte spontan mehr darüber.

#13 |
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Frage mich gerade, ob Herr Bischoff auch so einfühlsam mit seinen Patienten spricht wie mit uns…
Wäre nicht besser Gerichtsmedizin ein besseres Fach gewesen?
Ich finde den Artikel sinnvoll, weil er nochmal die wichtigsten Medikamente zusammenfasst, die diabetogen sein können, auch wenn es Helden gibt, die das von den drei bis vier von ihnen verwendeten Substanzen wissen.
Helden enden oft tragisch. Irgendwann oder öfter haben sie sich nämlich überschätzt, wenn auch nur orthographisch. In einem Deutschdiktat hätten Sie jetzt 7 Fehler.

#12 |
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Das man von atypischen Neuroleptika fett wird und Diabetes bekommt, hat jetzt nicht den großen Neuigkeitswert, das war schon Thema meine Prüfungleistung vor sechs Jahren.
Viel interessanter ist die Bestrebung die dazugehörige Krankheit Schizophrenie als Diagnose abzuschaffen.
siehe:
http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin/psychiatrie/schizophrenie-die-unverstandene-krankheit-13775766.html

Dass das keine Dopaminstörung sein konnte, darauf konnte man schon kommen wenn man sein Hirn eingeschaltet hat. Die ganzen Schizophren Diagnostizierten, die den Psychiatern seit Jahren ihre Diagnose und den Unsinn der Dopaminstörung geglaubt haben sind jetzt doppelt blöd dran

#11 |
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Dr. med. Angelika Hauswald
Dr. med. Angelika Hauswald

Ob Hypertonie, Hypercholesterinaemie, Depression – wer schaut schon nach Mikronährstoffen (intrazellulär)?! Die Kassen zahlen’s nicht… Statine z. B. brauchen Coenzym Q10 als Zusatzmedikation. Aber wer erzählt das schon? Die Kassen zahlen’s nicht…

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

ich kann die Erfahrung von Dr. Unckel nur bestätigen.
Selbst bei einer Gewichtszunahme von ü50 kg in vier Monaten durch Neuroleptika ( und ich kann nicht glauben, dass da wirklich nur weniger Sättigungsgefühl die Ursache sein kann) und Prä- Diabetes, war der Kommentar des damaligen behandelnden Psychiaters: “Was wollen Sie? Gewichtszunahme oder Psychose?” Erst der ambulante Psychiater hat dann Olanzipin wieder ausgeschlichen . Die Mentalität ist: “Wen kümmert es, wenn ein paar Schizos adipös oder Diabetiker werden?”

#9 |
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Nicht nur Clozapin und Olanzapin, sondern auch Quetiapin ( sowohl Astra Seneca als auch Pfizer sind in Amerika zu Schmerzensgeldzahlungen wegen Diabetes mellitus Typ 2 nach Gabe von Zyprexa und Seroquel verurteilt worden). Patienten in der Psychiatrie werden häufig selbst bei familiärer Disposition zu DM2 und offensichtlicher Gewichtszunahme ( da braucht man kein Maßband) nicht auf die Gefahr, einen Diabetes zu entwickeln, hingewiesen, selbst wenn es so dokumentiert wurde. Auch HbA1c Werte werden nicht routinemäßig erhoben in Ambulanz oder auf Station der Psychiatrie

#8 |
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Nicht nur Clozapin und Olanzapin, sondern auch Quetiapin ( sowohl Astra Seneca als auch Pfizer sind in Amerika zu Schmerzensgeldzahlungen wegen Diabetes mellitus Typ 2 nach Gabe von Zyprexa und Seroquel verurteilt worden). Patienten in der Psychiatrie werden häufig selbst bei familiärer Disposition zu DM2 und offensichtlicher Gewichtszunahme ( da braucht man kein Maßband) nicht auf die Gefahr, einen Diabetes zu entwickeln, hingewiesen, selbst wenn es so dokumentiert wurde. Auch HbA1c Werte werden nicht routinemäßig erhoben in Ambulanz oder auf Station der Psychiatrie.
Christine Unckel, Psychologische Psychotherapeutin, christine_unckel@web.de

#7 |
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Alex Baird-Winter
Alex Baird-Winter

Ja! Bitte mehr davon! Ich hatte selbst in 2006 während einer PEg-alfa-Interferon-Therapie massive Diabetes entwickelt und wurde von einer am Nürnberger Klinikum angesiedelten Schwerpunktpraxis (!!) als typischer Diabetes-mellitus-Typ2-Patient angesehen und behandelt. Wenigstens eine Schwerpunktpraxis sollte doch auch schon 2006 gewusst haben, dass es mehrere Genesen für DM gibt…
Es blieb nur die Eigenrecherche, und das Experimentieren. Niemand kam auf Zusammenhänge. 2 Monate nach Beendigung des Interferons habe ich schließlich auch die tgl. 4 Spritzen Insulin weggelassen – hätte ich das nicht auf eigene Faust ausprobiert (da ich nur eine nebulöse Ahnung hatte), wäre ich wahrscheinlich heute noch ein stupider pharmaka-kaufender Patient in den falschen Händen. Wer weiß denn schon, wieviele der DM-2-Patienten heilbar wären, wenn die Hintergrund-Erkrankungen oder/und Medikamente mal richtig durchgecheckt würden? 10% oder gar 20% – oder gar mehr? Die Antwort traue ich mir nicht zu – aber da sollte sehr genau hingesehen werden.

#6 |
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Jürg Hurter
Jürg Hurter

Frau Dr. Robinson, Sie haben “häufig erhebliche Gewichtszunahmen” unter Mirtazapin gesehen. Darf ich Sie mit allem Respekt und höflich darauf aufmerksam machen, dass “Gewichtszunahme” und “gesteigerter Appetit” bei den am häufigsten berichteten unerwünschten Wirkungen (mehr als 5 %) aufgeführt sind und deshalb nichts Erstaunliches sind? – Ich schlage grundsätzlich vor, dass der Arzt seinen Patienten darauf aufmerksam macht, dass sich der Stoffwechsel unter bestimmten Medikamenten unter Umständen verändert und dass damit auch die Energiebilanz neu berechnet werden muss. Erst recht sollte der Arzt diesen Hinweis machen, wenn im Beipackzettel auf die oben erwähnten unerwünschten Nebenwirkungen hingewiesen wird.

#5 |
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Hochrelevantes Thema, Danke für den Beitrag!

#4 |
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Ärztin

Ich habe auch schon häufig erhebliche Gewichtszunahmen unter dem dämpfenden Antidepressivum Mirtazapin gesehen.

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Heilpraktiker

Schließe mich Frau Li an.

#2 |
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Heilpraktikerin

Lieber Herr van den Heuvel,
so kritisch ich sonst mit Ihnen bin: Lob für den Artikel. Bitte mehr davon und bitte wie hier auch mit biochemischer Begründung.
Es könnte ein Anfang für eine gute Serie sein.

#1 |
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