Update: Eine kurze Geschichte der ALS

18. September 2015
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Die häufigste degenerative Erkrankung der Motoneurone gibt noch so manches Rätsel auf und spornt den Entdeckergeist der Wissenschaft an. Aktuelle Untersuchungen liefern neue Erkenntnisse zur Pathophysiologie der ALS. Zudem rückt die Stammzelltherapie verstärkt in den Fokus.

Laut einer kürzlich in JAMA Neurology veröffentlichten Studie fällt die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) bereits vor der Diagnose durch einen erhöhten Ruheenergiebedarf auf. Wie das niederländische Forscherteam um den ALS-Experten Prof. Jan Veldink anhand eines 199 unterschiedliche Nahrungsmittel umfassenden Fragebogens zu den Ernährungsgewohnheiten ermittelte, wiesen die 674 neu an der ALS erkrankten Patienten bereits vor der Diagnose einen im Vergleich zur Kontrolle niedrigeren Body-Mass-Index (BMI) auf. Die durchschnittliche Kalorienzufuhr der Betroffenen lag zu diesem Zeitpunkt jedoch deutlich höher als bei den 2.093 gesunden Probanden.

Das tägliche Energieplus kam insbesondere durch fettige Speisen, genauer gesättigte Fettsäuren, Trans-Fettsäuren und Cholesterin zu Stande. Veldink betrachtet dies als möglichen Ausdruck einer häufig diskutierten mitochondrialen Funktionsstörung. Schon länger wird versucht, dem hypermetabolen Charakter der ALS auf die Spur zu kommen. Doch die Autoren betonen: „Es bleibt unklar, ob dieser Umstand ein Teil der Ereigniskette während der Krankheitsentstehung oder ein sekundäres Phänomen ist.“ Davon abgesehen untermauere die Studie in Anbetracht ähnlicher Ergebnisse im Mausmodell aber die Hypothese, dass der Energiehaushalt bereits in der präsymptomatischen Phase der ALS Veränderungen zeigt.

Mit Zucker und Fett gegen den Tod

Insbesondere in fortgeschrittenen Stadien der ALS kommt es häufig zu Gewichtsverlust, der mit einer Steigerung des Grundumsatzes in Verbindung stehen könnte. Eine Arbeitsgruppe des Massachusetts General Hospitals in Boston ging diesem Zusammenhang vergangenes Jahr mit einer kleinen Phase-II-Studie [Paywall] auf den Grund. Dafür untersuchten sie 20 Betroffene, die bereits unter einem starken Gewichtsverlust litten. Während die Kontrollgruppe die übliche Sondennahrung erhielt, wurde bei den beiden anderen Gruppen der Tageskalorienbedarf durch einen zusätzlichen Fett- bzw. Kohlenhydratanteil auf 125 % erhöht. „Diese Strategie wurde noch nie zuvor bei der ALS getestet“, sagt Erstautorin Dr. Anne-Marie Wills.

Nach vier Monaten bot die kohlenhydratreiche Ernährung die besten Resultate: Keiner der Probanden war aufgrund unerwünschter Ereignisse ausgestiegen, zudem zeigte sich eine leichte Gewichtszunahme. Die Teilnehmer mit erhöhtem Fettanteil in der Sondennahrung hatten jedoch weiter Gewicht verloren. Trotzdem ereignete sich während der fünfmonatigen Nachbeobachtung insgesamt nur ein Todesfall bei den hochkalorischen Varianten, in der Kontrollgruppe waren es hingegen drei. „Wir glauben, dass es sich dabei um eine neue, effektive und kostengünstige Therapieoption für diese verheerende Erkrankung handeln kann“, verkündet Wills und drängt nun auf eine größere Phase-III-Studie.

Riluzol macht Hoffnung auf mehr

In Ansätzen haben derlei Erkenntnisse ihren Weg auch schon in die Empfehlungen der Fachgesellschaften gefunden. Die aktuellen Leitlinien identifizieren den Ernährungszustand längst als unabhängigen Risikofaktor für das Überleben. Katabole Situationen seien daher zu vermeiden, zum Beispiel mit Hilfe einer Ernährungsberatung. In fortgeschrittenen Stadien verhindere die Anlage einer perkutanen Gastrostomie (PEG) das Auftreten des prognostisch negativen Katabolismus und sei mit einer besseren Lebensqualität und längerem Überleben verbunden – insbesondere bei Beachtung spezifischer Ernährungsstrategien. Ersten Hinweisen zufolge könne eine hochkalorische Ernährung dabei von Vorteil sein, heißt es dort.

Trotz alledem handelt es sich hierbei lediglich um symptomatische Behandlungsoptionen, wie sie die Therapie der ALS ohnehin seit jeher beherrschen – krankheitsmodifizierende Ansätze schaffen es kaum zur Empfehlungsreife. Einzig der Natriumkanalblocker Riluzol konnte seine neuroprotektive Wirkung in randomisierten, kontrollierten Studien gleich mehrfach unter Beweis stellen. Je nach Studie und gewählter Dosis – aktuell liegen die Empfehlungen bei zweimal 50 mg täglich – erhöhte Riluzol die Überlebenswahrscheinlichkeit für das erste Therapiejahr um 6,5 % bis 12,1 %. Auf der Grundlage retrospektiver Analysen großer Datenbanken liege der lebensverlängernde Effekt somit zwischen 6–20 Monaten.

Die Genetik bringt neue Erkenntnisse

Der Schlüssel zu weiteren und wirksameren Behandlungsmethoden liegt nach wie vor in der bisher kaum verstandenen Pathophysiologie der ALS. Die jüngste Vergangenheit [Paywall] hat gezeigt, dass sich hinter der ALS eine heterogene Gruppe von molekularen Pathomechanismen verbirgt, die Verbindungen zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen aufweisen. Dafür spricht die wachsende Zahl ursächlich in Frage kommender Genmutationen, die sich sowohl für sporadische (sALS) als auch familiäre Fälle (fALS) verantwortlich machen und die Grenzen dieser Klassifikation dadurch zunehmend verschwimmen lassen. Die bisherige Einteilung der ALS wird der tatsächlichen Komplexität also kaum gerecht.

Lange Zeit drehte sich dabei vieles um Genmutationen der Cu/Zn-Superoxiddismutase-1, die weiterhin für rund 20 % der fALS und 5 % der sALS verantwortlich gemacht werden. Weitaus häufiger ist mit einem Anteil von 40 % der fALS und 20 % der sALS jedoch die neu entdeckte C9ORF72-Mutation, bei der es sich um einen Hexanukleotid-Repeat handelt, der laut neuesten Erkenntnissen eine Konformationsänderung der DNA [Paywall] sowie axonale Ionenkanaldysfunktionen [Paywall] zur Folge hat. Von diagnostischem und therapeutischem Interesse ist diese Mutation insbesondere deshalb, weil ihre Häufung bei der frontotemporalen Demenz die ALS eher als Multisystem- denn als rein neuromuskuläre Erkrankung entlarvt.

Die Zukunft bleibt ungewiss

Wo die Zukunft der Therapie neurodegenerativer Erkrankungen wie der ALS liegt, bleibt vorerst ungewiss. Zuletzt erwiesen sich jedoch gleich mehrere Konzepte in Phase-I-Studien [Paywall] als durchaus vielversprechend. Dazu gehört beispielsweise die Förderung des axonalen Wachstums mit gegen das wachstumsinhibierende Nogo-Protein gerichteten Antikörpern, deren Wirksamkeit nun in einer internationalen Studie untersucht wird. Darüber hinaus scheint auch eine Modulation der Genexpression potenziell möglich zu sein. Dafür kommen intrathekal applizierte Antisense-Oligonukleotide zum Einsatz, die an die mRNA-Transkripte der mutierten Gene binden und deren Abbau durch intranukleäre RNasen bewirken.

Für viele beherbergt jedoch die Stammzellforschung die einzig wahre Lösung auf der Suche nach wirksamen Therapien für die ALS. Im Gegensatz zu den anfänglichen Traumvorstellungen von der Zucht brandneuer Motoneurone favorisieren präklinische Modelle [Paywall] aktuell die sogenannte Nachbarschafts-Theorie, bei der die Stammzellen (SZ) die erkrankten Motoneurone durch lokale Prozesse unterstützen, beispielsweise Entzündungshemmung oder Wachstumsfaktorausschüttung. Für diese Zwecke werden vor allem induzierte pluripotente SZ ins Auge gefasst, da sie sich aus Zellen des Patienten gewinnen lassen und auf diese Weise keine ethischen Fragen aufwerfen.

Doch bis heute ließ sich nur bei einer Handvoll klinischer Studien eine Kontrollgruppe implementieren, denn die einzigen verlässlichen Methoden zur Applikation der SZ sind die direkte intrakortikale oder intraspinale Injektion. Da auch noch keine klinisch verwendbaren Biomarker verfügbar sind, lässt sich bisher kaum eine Aussage zur Wirksamkeit der SZ-Therapie machen. Der ALS-Forscher Dr. Stephen Goutman [Paywall] von der University of Michigan ist jedoch davon überzeugt, dass sich das Blatt schon bald wenden könnte: „Jetzt ist die Zeit, in der wissenschaftliche Innovation, Biotechnologie und medizinische Expertise eine Schwelle erreicht haben, die es uns erlaubt, die SZ-Therapie für die ALS zu verwirklichen.“

71 Wertungen (4.63 ø)
Forschung, Medizin, Neurologie

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14 Kommentare:

Nadine Will
Nadine Will

Was wurde denn aus dem Ansatz, dass ALS-Erkrankung möglicherweise mit vorangegangenen Schädigungen der Halswirbelsäule / des Rückens / des Rückenmarks usw. in Verbindung stehen? Es gab doch einmal eine Theorie, die der Tatsache nachging, dass besonders viele Fußballer an ALS erkrankt (und verstorben) sind, und dies scheinbar im Zusammenhang damit stand, dass sie berufsbedingt viele Kopfbälle machten in ihrer Karriere, Gehirnerschütterungen hatten etc.
Untersucht man dort weiter oder hat sich der Untersuchungsstrang als negativ herausgestellt?

#14 |
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Gast
Gast

Siehe auch
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/stammzelltherapie-privatklinik-behandelt-weiter-a-851887.html

” Stammzelltherapie: Das Geschäft mit der Hoffnung”
Von Nicola Kuhrt

#13 |
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Gast
Gast

Und warum reagieren besagte Patienten nicht auf Schokolade?

#12 |
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Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin
Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin

Lieber Herr Asmussen,
dieser Studie von Shaw und Petrick zufolge kann Al-Hydroxid, ein gängiges Adjuvans in Impfstoffen, zur Degeneration von Motoneuronen führen:

Shaw CA, Petrik MS. Aluminum hydroxide injections lead to motor deficits and motor neuron degeneration. J Inorg Biochem. 2009 Nov;103(11):1555-62.

Dass nicht alle geimpften Patienten betroffen sind, ist klar. Aber vielleicht gibt es Risikogruppen unter den Patienten, oder nur bestimmte Impfstoffe, die bei bestimmten Risikogruppen zum Untergang der Motoneuronen führen? Das darf doch diskutiert werden. Deshalb wird doch noch lange keine “Sau durchs Dorf getrieben” wie Sie es ausgedrückt haben.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Jennrich

#11 |
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Lieber Herr Jennrich,
ich hoffe nicht, dass Sie meinen Beitrag als polemisch empfunden haben. Ich wollte lediglich auf meiner Meinung nach bestehende Logikücken im Gedankengebäude Aluminium im Impfstoff und ALS hinweisen. Eine Antwort darauf sind sie mir leider schuldig geblieben.
Mit freundlichen Grüßen
Jens Asmussen

#10 |
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Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin
Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin

Ich bin kein Impfgegner, aber ich finde es schon sehr erstaunlich, wie unsachlich um nicht zu sagen polemisch die “Diskussionskultur” der “Impfbefürworter” ist.

#9 |
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Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie Krankheiten, deren Pathophysiologie wir noch nicht einmal richtig kennen, sofort vor den Karren der Impfgegner gespannt werden, so wie es seinerzeit für das Fatigue Syndrom der Fall war. Nun wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Gerne übersieht man dabei die um ein vielfaches größere Belastung des Körpers durch Aluminium allein durch die Nahrungsaufnahme. Und wie steht es um die alten Diabetiker? Die haben sich lange Jahre grammweise Aluminium mittels der damaligen Depotinsuline in den Pelz gejagt. Sollte die Aluminium Theorie stimmen, müssten wir doch eigentlich auch hier einen Anstieg erwarten, oder? Insgesamt sollte ALS dann ja eine neue Volkskrankheit werden, denn der überwiegende Anteil unserer Bevölkerung ist ja nun mal geimpft. Übrigens ein Umstand der es uns erlaubt überhaupt über die Sinnhaftigkeit von Impfungen zu diskutieren. Für die Generation meiner Eltern und Großeltern, die die Schrecken u.a. der Diphtherie miterleben mussten, stellte sich diese Frage nie.

#8 |
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Eva Kurzweil
Eva Kurzweil

Herr Jennrich, DANKE DANKE DANKE fürs “über den Tellerrand gucken”! Es geht immerhin um Menschen=Patienten und eine sehr schwere Erkrankung. Da sollte es legitim sein in sämtliche Richtungen zu schauen, denken, forschen etc..

Sobald ein Hauch von Skepsis bzgl. Impfungen zur Sprache kommt drehen bestimmte “Gruppen” gleich durch. Da stimmt doch auch was nicht!

Sogar auf wissenschaftlicher Ebene wird die drastische Zunahme von MS bei jungen Menschen deutlichst mit der gängigen Impfpraxis in Zusammenhang gebracht.
Die Studie hab ich jetzt leider nicht parat.
Alle Denkrichtungen sind legitim um Menschen zu helfen.

#7 |
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Gast
Gast

Dr.med.? Stefan Margraf:
Was war DAS denn??? Nicht unbedingt ein sachlicher Beitrag…
Dank an FA Peter Jennrich.

#6 |
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Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin
Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin

Dieser Studie von Shaw und Petrick zufolge kann Al-Hydroxid, ein gängiges Adjuvans in Impfstoffen zur Degeneration von Motoneuronen führen.

J Inorg Biochem. 2009 Nov;103(11):1555-62.
Aluminum hydroxide injections lead to motor deficits and motor neuron degeneration.
Shaw CA, Petrik MS.

#5 |
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Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin
Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin

Dr Markgraf: 2 ALS Cases May Be Linked to Gardasil Vaccine
Researchers Believe Cervical Cancer Vaccine Could Be Linked to Cases of Lou Gehrig’s Disease.
http://www.webmd.com/sexual-conditions/hpv-genital-warts/news/20091016/rare-disease-may-be-linked-vaccine?page=2

#4 |
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Dr. med. Stefan Margraf
Dr. med. Stefan Margraf

Dr. med. Stefan Margraf
Peter Jennrich: Ja, is klar! Haben die Patienten kurz vor Ausbruch auch ein bestimmtes Getränk oder Speisen zu sich genommen? Etwa Brot? Mit Butter? Nicht Bio? Da haben wir es! Die Forscher sind nur alle dämlich! Keine Biobutter und Impfung: Ganz klarer Auslöser für ALS!

#3 |
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Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin
Peter Jennrich, FA Allgemeinmedizin

Auffällig finde ich, dass zumindest bei den ALS Patienten, die in meiner Praxis behandelt werden und wurden, häufig in der Anamnese über eine stattgehabte Impfung kurz vor dem ersten Ausbruch der Krankheit berichtet wird.

#2 |
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Als Umweltärztin bin ich überzeugt, dass bei diesem komplexen Krankheitsbild Umweltbelastungen eine große Rolle spielen können. In solchen Fällen lohnt es sich, mit der Mitochondrienmedizin zu arbeiten. [Kommentar wegen werblichen Inhalts von der Redaktion gekürzt.]

#1 |
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