Gehälter: Das Wunder ist fern

4. September 2015
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PhiPs wünschen sich höhere Ausbildungsvergütungen und Großhändler geben Tarifsteigerungen eins zu eins an Apotheken weiter. Ohne höhere Honorare soll es auch keinen Tarifabschluss geben, stellt der Arbeitgeberverband klar. Jetzt ist die ABDA gefordert – und duckt sich weg.

Löhne und Gehälter sind zum zentralen Thema in öffentlichen Apotheken geworden. Alles begann mit dem gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Schätzungen zufolge kamen auf Grossisten Mehrkosten in Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro zu. Alliance Healthcare, Gehe oder Phoenix sehen Liefergebühren als einzigen Ausweg – und bitten Kollegen zur Kasse. Der zusätzliche Obolus bewegt sich zwischen 1,35 und 1,38 Euro pro Fahrt.

PhiPs in Fahrt

Das Thema Mindestlohn ist auch bei Pharmazeuten im Praktikum (PhiPs) aufgeschlagen. Sie müssen mindestens sechs Monate in öffentlichen Apotheken malochen – bei einer Aufwandsentschädigung von 750 beziehungsweise 880 Euro brutto pro Monat. Franziska Möllers, Präsidentin des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD), sagte, zufrieden sei man damit nicht. Mediziner erhalten im praktischen Jahr noch weniger Geld, haben aber Vorteile durch ihren Status als immatrikulierte Studenten – vom BAföG-Anspruch bis zum verbilligten Ticket für öffentliche Verkehrsmittel. Im pharmazeutischen Bereich schläft die Konkurrenz jedenfalls nicht. Auch ohne praktisches Jahr und ohne drittes Staatsexamen können Absolventen promovieren beziehungsweise zur Industrie wechseln – ihr Abschluss entspricht de facto einem Master. Wer über Nachwuchsmangel klagt, muss hier ansetzen.

Tarifpartner im Clinch

ADEXA – Die Apothekengewerkschaft hat dieses Thema in laufende Tarifverhandlungen eingebracht. Partner ist der Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA). Er vertritt Inhaber bundesweit mit Ausnahme Nordrheins und Sachsens. ADEXA geht es auch um steigende Beiträge für die tarifliche Altersvorsorge und um Qualifikationszulagen für Angestellte, die sich weitergebildet haben. Die Gewerkschaft fordert höhere Urlaubsansprüche beziehungsweise niedrigere Wochenarbeitszeiten. Das würde Arbeitgebern weniger „Schmerzen“ bereiten als eine lineare Gehaltserhöhung, erklärte die zweite ADEXA-Vorsitzende Tanja Kratt. „Selbstverständlich liegen dem ADA auch bereits Forderungen zur linearen Erhöhung der Gehälter vor.“ Prompt stellte sich der ADA quer. „Wir brauchen mehr Planungssicherheit, und unsere Mitarbeiter brauchen sie auch“, schrieb ADA-Chef Theo Hasse in einer Mitteilung. Zwar hatte der Gesundheitsdienstleister IMS Health bei Arzneimitteln und Diagnostika ein Plus von 6,3 Prozent im ersten Halbjahr errechnet. Umsatzzuwächse seien keinesfalls mit Gewinnzuwächsen gleichzusetzen, so Hasse weiter. Mit höheren Fixhonoraren rechnet der ADA-Chef nicht; von einer Vergütungsgerechtigkeit sei man weit entfernt. Bleiben noch Gebühren für Rezepturen und Dokumentationen als Möglichkeit, die Misere etwas zu verbessern. Zuletzt waren Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter sogar gemeinsam im Bundesministerium für Gesundheit – ein berufspolitisches Novum.

Die ABDA streicht die Segel

Eigentlich wäre dies nicht ihre Aufgabe – hier sollte der Deutsche Apothekerverband mit Rückendeckung der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände aktiv werden. Aus der Berliner Jägerstraße kommen einmal mehr überraschende Nachrichten. Nachdem Kassenabschläge per Gesetz bei 1,77 Euro festgesetzt worden waren, galten Fixhonorare als entscheidende Stellschraube. Schließlich sitzt man nur mit Politikern am Tisch, und nicht mit renitenten Kassenvertretern. Damit ist jetzt Schluss: Laut ABDA-Informationsblatt „Einblicke“ gäbe es Gründe, momentan kein höheres Fixum zu verlangen. Stein des Anstoßes ist Paragraph 78 Arzneimittelgesetz (AMG). Das Bundeswirtschafts- und Bundesgesundheitsministerium werden ermächtigt, Festzuschläge „entsprechend der Kostenentwicklung der Apotheken bei wirtschaftlicher Betriebsführung anzupassen“. Das funktioniert auch ohne Zustimmung von Ländervertretern – obwohl die ABDA in ihrer Veröffentlichung anderer Meinung ist. Ein weiterer Stolperstein: Ministerien und Apotheker diskutieren kontrovers über Rechenmethoden. Wie sich dieser gordische Knoten durchtrennen lässt, ist eine andere Frage. „Die ABDA lässt trotzdem nicht locker“, heißt es im Pamphlet. Bleiben noch höhere Pauschalen für Nacht- und Notdienst sowie gerechtere Gebühren für BtM beziehungsweise Rezepturen. Genau hier muss der Bundesrat aber – entgegen der ABDA-Argumentation – zustimmen.

Halbherziges Dementi

Fritz Becker versuchte umgehend, Land zu gewinnen, distanzierte sich vom Infodienst „Einblicke“ aber nicht. Der DAV-Chef bewertet ein höheres Fixum nach wie vor als zentrale Aufgabe seines Verbands: „Wir haben unsere Position nicht geändert, nur die taktische Abfolge unserer Schritte.“ Er kritisiert die derzeitige Rechenmethodik als „überholt und leistungsfeindlich“. Seine Hoffnungen richten sich jetzt auf weitere Gespräche mit dem Wirtschaftsministerium. Bei Rezepturen und BtM-Gebühren seien die Gespräche schon „ziemlich weit“ – außer der Bundesrat zieht die Notbremse. Angestellten und Apothekenleitern bleibt einmal mehr, abzuwarten.

35 Wertungen (4.06 ø)

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9 Kommentare:

Ketzer – PTA
Ketzer – PTA

Die Apotheker werden es erst lernen, wenn es keine PTAs mehr gibt, die ihnen den Rücken frei halten.
Sie werden es erst verstehen, wenn der letzte PTA abgewandert und gekündigt hat.
Wenn sie alleine in ihrer Apotheke stehen und keinen Plan von gar nichts haben:
Wie Chefs eben sind.
Ich bin schon so lange PTA und es ist überall das gleiche.
Überarbeitung, Überforderung, Unterbezahlung und eine unterirdische menschliche und fachliche Herabwürdigung.

Apotheke?
Nie wieder!

Der Beruf, den ich gelernt habe, ist schon lange tot.
Eine schöne Arbeit mit Verantwortung.
Es ist defintiv kein Beruf mehr mit Zukunft.
Unser Berufsverband erhebt regelmässig das dünne Stimmchen und versucht, uns Gehör zu verschaffen.
Doch wer soll auf uns hören?
Die Apotheker, die in ihren erlauchten Sphären schweben?
Die Gesellschaft, die uns nicht kennt?
Nein, das Denken des Berufsverbandes ist Unsinn und Stückwerk.
Ein bundesweiter Streik über mindestens drei Wochen würde zum Ziel führen.
Bin ja mal gespannt, was die Apotheker dann machen.

Genau, in die Röhre schauen.

#9 |
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Gast
Gast

@ Marion Krause-Jach: In sich wandelnden Umweltgegebenheiten liegt es auch an Ihnen, durch neue, individuelle Geschäftsmodelle wieder einen Mehrwert für den Kunden zu generieren. Das günstigere Anbieten von Waren übers Internet alleine trägt zwar zu einer günstigen Marktsituation bei, die Marktführerschaft ist dadurch aber nicht gewährleistet. Da Sie als Dienstleister interagieren, sollte die Qualitätsführerschaft eines der obersten Gebote sein. So könnten adäquate und gerechte Renditen zu erwirtschaften und diese folglich auch an die Mitarbeiter weitergeben werden.

#8 |
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Karin Meyn
Karin Meyn

Gast

Ich bin als PTA seit 1975 im Beruf. Die Arbeit macht mir Spaß. die Beratung und die
manchmal sehr liebevollen Rückmeldungen über erfolgreiche Beratungs-Gespräche sowieso. Am Anfang meines Berufslebens bin ich immer mal gefragt worden :”Was macht so eine PTA eigentlich?” Die nicht ganz ernst gemeinte Antwort lautete dann: “Die PTA macht die Arbeit und der Apotheker trägt die Verantwortung!”.In Sachen Bezahlung gilt das leider immer noch.

#7 |
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Marion Krause-Jach
Marion Krause-Jach

Solange die meisten Patienten und Käufer sich übers Internet alles besorgen können und in der Apotheke lediglich beraten lassen (kostenlos!!!), wird der Mißstand mit den Bezahlungen auch nicht abebben. Wieso erheben wir nicht eine Gebühr für fachgerechte, gute und richtige Beratung, die wir selber teuer mit unserem Studium erarbeiteten?

#6 |
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Margarete Heidl
Margarete Heidl

Ich bin seit 33 Jahren selbstständig und plädiere seitdem für eine leistungsgerechte Bezahlung für alle Arbeitenden. Allerdings muss man mir als Selbständiger auch das leistungsgerechte Gehalt zugestehen: Arbeitgeberanteile für die Sozialversicherungen, Aufwand für “Lohnfortzahlung” im Krankheitsfall, Eigenkapitalrendite, etc. pp., alles Kosten, die der Angestellte nicht sieht. Ich habe schon einige Jahre erlebt, wo ich diese Einkünfte nicht erreicht habe, u.a. weil ich in den Betrieb investierte und damit Arbeitsplätze sicherte.
Ich will mich nicht beklagen, aber man muss einem Selbständigen auch einen Verdienst lassen, der es ermöglicht, anständige Gehälter zahlen zu können und zu investieren. Das ist in unserem Staat in allen sozialen – und damit oft extrem geregelten – Arbeitsbereichen nicht mehr der Fall. Es gibt genügend Zahlen über die Entwicklung des Bruttoinlandproduktes, der Steuereinnahmen und der Wertschöpfung z.B. in Apotheken, die belegen, dass die Entwiklung zu Ungunsten der Apotheken und damit auch ihrer Beschäftigten geht. Dass sich dann keine Mitarbeiter/-innen mehr finden lassen, ist durchaus verständlich.
Leider muss wohl erst aufgrund von Personalmangel und Unwirtschaftlickeit eine flächendeckende Versorgung nicht mehr sichergestellt werden können, bis die Politik diese Regulierungs- und Deckelungswut beenden wird.

#5 |
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Hans Hackland
Hans Hackland

Unsere Mitarbeiter( innen ) benötigen selbstverständlich eine gute , leistungsgerechte Bezahlung .Dafür sollen sich Arbeitgeber und Adexa gerne gemeinsam in der Politik stark machen . Das der Großhandel jetzt seine Mitarbeiter wenigstens mit Mindestlohn bezahlt ist das Mindeste an sozialer
Verantwortung . Dort soll man allerdings endlich Millionenabfindungen und
kostspielige Kettenexperimente in Verbindung mit dem Abbau überflüssiger , teurer ” Beratungsangebote ” endlich einstampfen.
Auf Seiten der Apotheken muss endlich Schluß sein mit dem Anbiedern an Kunden mit Ramschverkäufen z.B. 20 Paracetamol 39 cent !!! kostenlosem Verteilen von Zeitungen , usw. Was spricht gegen eine faire Berechnung der
Kosten einer Arzneimittellieferung gegenüber den Kunden im Botendienst ?!
Es gibt noch viele andere Möglichkeiten . So ergeben sich auch Spielräume für
Lohnanpassungen.

#4 |
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Gast
Gast

Habe den Beruf der PTA erlernt und nach 10 Jahren die Segel gestrichen. MIt Abitur und einer superteuren Ausbildung, ständigen Launen von Chefs ausgesetzt und das Gehalt reicht nicht zum Leben, wenn man alleine eine Wohnung bezahlt und ein Auto braucht.

Eine damalige Kollegin hatte mal ausgerechnet, dass die Putzfrau auf 40 Stunden mehr bekommen hätte als wir. Da war mir klar, warum diese in vielen Apotheken lediglich über den Boden “pfuscht” und das Personal den “Rest” erledigt.

PTA? NIE WIEDER!

#3 |
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Petra Kühl
Petra Kühl

Ergänzung dazu:

Hallo,

als angestellte Apothekerin kann ich nur traurig auf die Gehaltsentwicklung der letzten Jahre zurückblicken. Noch nicht einmal ein Inflationsausgleich wurde errreicht. Wenn sich die Arbeitgeber jetzt hinter der ABDA verstecken wollen, kann ich nur sagen, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Studenten wollen nicht mehr in die Apotheke und fordern eine Trennung von Pharmazie und Apotheke und unsere PtA sind nach und nach in die Industrie abgewandert. Aber wenn die Apothekeninhaber ihre Apotheken ganz alleine führen wollen, dann können sie sich gerne gegen eine spürbare Gehaltserhöhung wehren.
P.K.

#2 |
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Sabrina Boese
Sabrina Boese

So ist das eben! In der PTA-Ausbildung bekommt man wesentlich weniger und macht die selbe Arbeit! Man sollte sich lieber Gedanken um den Berufstand machen und über mehr Geld diskutieren, die den ganzen Tag wirklich “malochen”!

#1 |
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