Vorsicht, Krankenhausvampire

28. September 2011
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Blutabnahmen zu diagnostischen Zwecken sind nach einem Herzinfarkt üblich. Ein zu hoher Blutverlust jedoch ist mit der Entwicklung einer Anämie assoziiert – die den Gesundheitszustand der Patienten nicht unbedingt verbessert.

Blutabnahmen sind Bestandteil der täglichen klinischen Routine und sind sie erst mal angesetzt, wird ihr Sinn oft nicht mehr hinterfragt. Und bei Blutabnahmen zu diagnostischen Zwecken wird um Milliliter meist auch nicht gefeilscht. Wegen der paar Blutuntersuchungen wird ein Patient ja nicht gleich sterben, denken sich sicher viele, also warum mit dem Blut geizen?

Gib mir dein Blut!

Tatsächlich jedoch ist Blut für den Patienten oft kostbar und häufige Blutabnahmen können besonders bei Intensiv- bzw. Hochrisikopatienten zu einem nennenswerten Blutverlust führen, sodass auch Bluttransfusionen notwendig werden können. Anämien, ob bereits vor der Krankenhausaufnahme entstanden oder im Krankenhaus erworben, und der große Bedarf an Transfusionen sind Ursache einer erhöhten Morbidität und Mortalität besonders bei Patienten mit Herzkreislauferkrankungen. Dass diagnostische Blutabnahmen Patienten mit akutem Herzinfarkt gefährden können, ist das Ergebnis einer aktuellen Studie von Kardiologen vom Saint Luke’s Mid America Heart and Vascular Institute in Kansas City.

Paul Salisbury und Mitarbeiter untersuchten die Beziehung zwischen dem Blutverlust durch Blutabnahmen und krankenhauserworbenen Anämien anhand einer Datenanalyse von Patienten aus 57 medizinischen Zentren. Über 17.600 Patienten, die wegen eines akuten Myokardinfarkts ins Krankenhaus kamen und keine Anämie aufwiesen, wurden erfasst. Anhand der Aufzeichnungen rekonstruierten die Forscher Blutabnahmen und diagnostische Tests und konnten so Rückschlüsse auf die verwendeten Teströhrchen ziehen. Für jeden Patienten ließ sich auf diese Art der Blutverlust während des gesamten Krankenhausaufenthalts, der Blutverlust pro 24 Stunden und der ersten zehn Tage des Krankenhausaufenthalts bestimmen.

Die Definition der Anämie beruhte auf den Kriterien nach Beutler und Waalen, deren Klassifikation anhand großer Kohorten erarbeitet wurde und die die Forscher genauer bewerten als die Definition der Weltgesundheitsorganisation. Demnach handelte es sich um eine leichte Anämie, wenn der Hämoglobinwert bei 11,0 g/dl oder darüber lag und um eine moderate bis schwere Anämie, wenn sich der Wert unter 11,0 g/dl befand.

Weniger ist mehr

3.551 Patienten, das entspricht etwa 20 Prozent der Untersuchten, entwickelten eine moderate bis schwere Krankenhaus-assoziierte Anämie. Der durchschnittliche Blutverlust dieser Patienten während der Zeit im Krankenhaus belief sich auf 173,8 ml und war damit um fast 100 ml höher als die verlorene Blutmenge von Patienten, die keine Anämie entwickelten (83,5 ml). Besonders Patienten mit einer Entnahme von viel Blut entwickelten eine schwere Anämie. Manchmal waren über 500 ml Blut entnommen worden. Das während der Krankenhausaufenthaltsdauer entnommene Blutvolumen war mit dem Auftreten einer Anämie assoziiert. Das relative Risiko für eine Anämie stieg pro 50 ml Blutentnahme um 18 Prozent und dies unabhängig von möglichen anderen beeinflussenden Faktoren. Die entnommene Blutmenge war in den ersten beiden Tagen im Krankenhaus am höchsten.

Zwischen einzelnen Krankenhäusern variierte allerdings die Menge des entnommenen Blutes beträchtlich. Dies lässt hoffen, dass eine Prävention möglich ist, wenn einige Routineblutuntersuchungen gestrichen würden und auch die Blutmenge für wichtige Bestimmungen oder Tests reduziert werden könnte. Hier neue Strategien zu entwickeln hat für Myokardpatienten große Bedeutung. Denn frühere Studien wie die von Dorin Aronson und Mitarbeitern des Rambam Medical Center in Haifa, Israel, belegen, dass bei Herzinfarktpatienten Krankenhaus-assoziierte Anämien häufig vorkommen und eine erhöhte Langzeitsterblichkeit wie auch ein schlechteren Gesundheitszustand nach dem Infarkt verursachen. In der aktuellen Studie entwickelte immerhin einer von fünf Patienten, der bei Krankenhausaufnahme weder eine Anämie noch einen chirurgischen Eingriff an den Koronararterien hatte, eine mäßige bis schwere Anämie.

67 Wertungen (4.03 ø)
Medizin

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11 Kommentare:

Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

Über Zahlen lässt sich vortrefflich streiten. Das aber die Menge des entnommenen Blutes eine Anämie auslösen bzw. verschlimmern kann, leuchtet jedem gesunden Menschenverstand ein.
In Zeiten des zunehmenden Wirtschaftsdruckes in den Kliniken sollten 12 Blutröhrchen “Aufnahmelabor” ebenso wie die tägliche “Routineblutabnahme” der finstersten Vergangenheit angehören. Nach allen Erfahrungen in der Klinik ist die Menge udn Häufigkeit der Blutabnahmen auf einer Station klar negativ korreliert mit der Erfahrung und den fachlichen Kenntnissen des Stationsarztes.
Aber das die Ausbildung der Assistenzärzte zu oft vernachlässigt wird, ist hier nur eine Randnotiz und allen bekannt.

Spannender sind dagegen die Sätze:
“Tatsächlich jedoch ist Blut für den Patienten oft kostbar und häufige Blutabnahmen können besonders bei Intensiv- bzw. Hochrisikopatienten zu einem nennenswerten Blutverlust führen, sodass auch Bluttransfusionen notwendig werden können. Anämien, ob bereits vor der Krankenhausaufnahme entstanden oder im Krankenhaus erworben, und der große Bedarf an Transfusionen sind Ursache einer erhöhten Morbidität und Mortalität besonders bei Patienten mit Herzkreislauferkrankungen.”

Wenn die Menge der Blutabnahmen bei schwerkranken Patienten, gerade auf der Intensivstation steigt, ist das nicht verwunderlich. Ist die erhöhte Mortalität dieser Patienten tatsächlich ausschließlich auf die Blutentnahmen als unabhängiger Risikofaktor zurückzuführen? Wie ist da die Datenlage?

#11 |
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Ich war längere Zeit an einer Uniklinik als Assistenzärztin tätig. Dort wurden immer bei stationären Aufnahmen routinemäßig und meiner Meinung nach ungerechtfertigt bis zu 12 Blutröhrchen abgenommen, oft noch bevor ein Oberarzt die genaue Diagnostik festgelegt hatte. Es nannte sich dann “Aufnahmelabor”, egal ob schon frische, vom Patienten mitgebrachte externe Laborwerte schriftlich vorlagen oder nicht. Gerade bei Privatpatienten habe ich auch den Eindruck “lohnt” sich die Blutabnahme, ganauso wie die weitere oft überzogene Diagnostik für die Klinik sehr. Bei schwachen, kachektischen, multimorbiden Patienten kann eine übermäßige Blutabnhame, so wie sie gerne auch in der Inneren Medizin praktiziert wird (wohl aus Angst bei verspäteter Diagnostik gleich vom Patienten oder Angehörigen verklagt zu werden), den Gesamtzustand verschlechtern. Daher stimme ich diesem Artikel zu.

#10 |
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ziemlich bescheuert

#9 |
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nana, bin eher skeptisch !

#8 |
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@ Herrn Schätzler: Dass eine Anämie bei Blutentnahme eintritt, ist nicht unbedingt zwangsläufig. Die Autoren korrelieren die Menge des abgenommenen Blutes mit dem Ausmaß der Anämie. Man kann auch nicht gesunde Menschen mit schwer kranken Patienten vergleichen. Letztere haben oft eine geringere Blutneubildungsrate. Auf der anderen Seite haben Blutspender oft ein potenteres Knochenmark. Diese Aspekte werden im Klinikalltag zugegeben ein wenig vernachlässigt. Wenn es dazu einer Veröffentlichung bedarf, um uns darauf aufmerksam zu machen, dann soll es wohl so sein

#7 |
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Stefan Schneider
Stefan Schneider

Der klagefreudige Patient kann es drehen und wenden wie er will. Entweder werden zu viele Überflüssige Untersuchungen gemacht um Geld zu verdienen, oder die Blutuntersuchung, die die Ursache einer Komplikation hätte zeigen können wurde vergessen oder aus Kostengründen ausgelassen. Das Anwaltsbüro an der Klinikpforte wartet schon auf Ihren Besuch.
Man sollte nicht vergessen: Auf den Intensivstationen liegen schwer kranke Patienten, die eine Vielzahl von Komplikationen allein wegen der Grunderkrankung entwickeln können. Es wird von uns erwartet diese frühzeitig zu erkennen. Was für ein Skandal wenn etwas der gesparten Blutuntersuchung wegen unentdeckt bleibt!

#6 |
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Carsten Kraft
Carsten Kraft

Blutuntersuchungen bringen gerade im Krankenhaus bei Privatpatienten mit Chefarztwahlleistung viel Geld für wenig Arbeit. Die Blutuntersuchungen erfolgen in einem externen Labor. Traurig wenn z.b. das Klinikum Minden in seinem eigenen Labor noch nicht einmal eine Blutsenkung bestimmen kann.

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Das ist mal wieder ein Beitrag für ängstliche Patienten. Wann kommt denn der Artikel mit Luftembolien ? Hausarzt als Experte ? Naja gut das es dann doch in der Klinik ab und zu Spezialisten gibt die einen Mittelweg finden Blutentnahmen notwendiger Weise durchzuführen. Alles andere scheint in diesem Artikel woll sehr weit hergeholt. Mann sollte sich nicht immer auf sogenannte Studien und Statistiken verlassen. Ein “guter Arzt”, weiß, wann welche Blutentnahme notwendig und welche es nicht ist.

#4 |
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Die Ergebnisse der aktuellen Studie aus dem Saint Luke¿s Mid America Heart and Vascular Institute in Kansas City von Paul Salisbury und Mitarbeitern sind keineswegs so intelligent wie hier berichtet: Archives of Internal Medicine
doi:10.1001/archinternmed.2011.361

Im guten ‘Alten Europa’ bleibe ich skeptisch. Denn allen Ernstes verkaufen die Autoren der ‘Archives of Internal Medicine’ ihre Erkenntnis: “Hospital-acquired anemia (HAA) during acute myocardial infarction (AMI) is associated with … diagnostic phlebotomy” als völlig neu und unerwartet.

Studien-erfahrene Leser/-innen staunen: “The mean phlebotomy volume was higher in patients with HAA vs those without HAA”. Was bedeutet: Je höher Blutverluste durch Blutabnahmen, desto ausgeprägter krankenhausassoziierte Anämien.

In dem die Autoren/-innen banale Venenpunktionen und Blutentnahmen durch liegende Katheter bei Herzinfarktpatienten dramatisch zur “Phlebotomy” hochstilisieren (griech. ‘phlebos’=Vene, ‘tomein’=schneiden), ein Begriff, der eher venae sectio oder Aderlass suggeriert, werden ihre Ergebnisse auf sensationell getrimmt.

Mit der Logik hapert es bei dieser Publikation auch: “For every 50 mL of blood drawn, the risk of moderate to severe HAA increased by 18%”. Das heißt doch nichts anderes, dass bei 278 ml diagnostischer Blutentnahme zu 100 Prozent eine HAA auftritt. Und bei 500 ml Blutspende tritt demnach in 180 % aller Fälle eine Anämie auf?

#3 |
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Dieser Unsinn der unreflektierten Überdiagnostik ist uns Hausärzten allen sattsam bekannt. In unserer Praxis würden die Patienten diew nicht tolerieren. Daß selbst nach einer unkomplizierten Blinddarm-OP mehrere Tage lang täglich 5-6 Röhrchen Blut entnommen werden, grenzt schon fast an Körperverletzung. So wenig wie möglich, so viel wie nötig, sollte hier immer noch die Devise sein. Und bei den heutigen Mikromethoden können für gezielte Untersuchungen wenige Milliliter vollkommen ausreichen. Unser Labor macht mir aus 10 ml Vollblut – 2 ml EDTA und 8 ml Vollblut bzw. 2-3 ml Serum – ein vernünftiges Basislabor. Dafür sind wir den MTAs sehr dankbar :-))

#2 |
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Das kann ich nur aus fast eigener Erfahrung bestätigen. Meine Mutter hatte jüngst einen schweren Myocardinfarkt und nach einer Woche Intensivmedizin sank der Hb minimal. Das war Anlaß für eine Gastroskopie der schwerkranken 81jährigen. Es wurde z.T. stündlich Blut für Laborwerte entnommen.

#1 |
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