„Pink Viagra“: Sahneschnittchen für Konzerne

4. September 2015
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In den USA tritt Flibanserin seinen Siegeszug als Lustpille für Frauen an – zumindest ökonomisch. Die FDA hat ihren Segen erteilt, und Analysten erwarten Milliardengewinne. Der Fall zeigt, wie „Big Pharma“ arbeitet: Fehlen Innovationen, kaufen Konzerne neue Moleküle einfach zu.

Ein beachtlicher Etappensieg: Am 18. August hat die US Food and Drug Administration Flibanserin (Addyi™) zugelassen – als erster Arzneistoff, um hypoaktive Sexualfunktionsstörungen bei Frauen zu behandeln. Ursprünglich wollten Chemiker des deutschen Konzerns Boehringer Ingelheim ein neues Mittel gegen Depressionen entwickeln, entdeckten aber später luststeigernde Effekte. In sieben klinischen Studien der Phase III versuchten sie, die Überlegenheit gegenüber Placebo nachzuweisen – ohne durchschlagenden Erfolg. FDA-Experten forderten schlussendlich neue Belege zur Wirksamkeit und zur Sicherheit. Grund genug für Boehringer Ingelheim, auszusteigen.

Schnell geschluckt

Sprout Pharmaceuticals übernahm das ungeliebte Molekül und führte es nach einigen Anstrengungen doch noch zum Erfolg. Der Kontern aus Raleigh, North Carolina, beschäftigt gerade einmal 34 Mitarbeiter. Unmittelbar nach Marktzulassung von Addyi™ erwarb Valeant Pharmaceuticals International aus Kanada das begehrte Unternehmen – für eine Milliarde US-Dollar in bar, wie es heißt. Erreichen Forscher weitere Meilensteine, fließen noch größere Summen. Valeant sichert sich ein Präparat, das in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Euro einbringen könnte, vermuten Analysten. Aus dem eigenen Labor kommt nichts Vergleichbares.

Auf nach Europa

Nach dem positiven FDA-Votum ist es nur eine Frage der Zeit, wann Flibanserin europäische Märkte erobern wird. In den USA will Valeant Ende des Jahres mit der Vermarktung beginnen. Einer Zulassung bei der europäischen Arzneimittelagentur EMA steht nicht mehr viel im Wege. Experten warnen bereits jetzt, Addyi™ sei kein Lifestyle-Präparat, sondern ein bestimmungsgemäß anzuwendendes Arzneimittel. Bei Apothekern werden unliebsame Erinnerungen an Viagra® wach – von ärztlichen Privatrezepten trotz medizinischer Bedenken über den florierenden Schwarzmarkt bis hin zu Fälschungen aus dubiosen Labors. Wiederholt sich die Geschichte jetzt?

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Pharmakologie, Pharmazie

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