Eingeklagt und ausgestoßen

28. September 2011
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Es gibt verschiedene Arten an einen Medizinstudienplatz zu kommen, aber nicht alle sind unter den Studenten und Dozenten gut angesehen. Eine eingeklagte Studentin berichtet aus ihrer Vorklinik.

Hallo Catharina*, wann hast Du Dich eingeklagt und mit welcher Begründung?

Catharina: Ich habe mich vor fünf Jahren, also zum Wintersemester 2006, ins Medizinstudium eingeklagt. Zuerst habe ich mich ganz normal über die damalige ZVS, heute Stiftung für Hochschuzulassung, beworben, aber aufgrund meiner Abiturnote keinen Studienplatz bekommen. Danach habe ich dann Klage gegen den Ablehnungsbescheid erhoben mit der Begründung, dass die Universitäten ihre Kapazitäten nicht voll ausnutzen und deshalb die Bewerber auch ablehnen. An welche Universität ich komme, war mir damals eigentlich egal. Die Hauptsache war, dass ich anfangen konnte zu studieren.

Wann kam letztendlich der Bescheid und wie ging das Ganze danach weiter?

Catharina: Der Zulassungsbescheid kam vor dem Sommersemester 2007. Ich bekam damals aber trotz Klage keinen Vollstudienplatz, sondern nur einen Teilstudienplatz. Ich habe mich aber trotzdem sehr darüber gefreut, dass die Klage geklappt hat und ich nun endlich studieren kann. Ich bin dann sofort in meine neue Unistadt gefahren und habe mich eingeschrieben und mir eine Wohnung gesucht. Ich konnte den Studienbeginn kaum erwarten.

Wie haben Deine neuen Kommilitonen darauf reagiert, dass Du Dich eingeklagt hast?

Catharina: Meine Kommilitonen waren wohl die schwierigste Hürde, die ich zu nehmen hatte. Sogar noch schwieriger als das Studium selbst.
Nach dem ersten Semester brechen sehr viele Studenten das Studium wieder ab. Zu meiner Zeit waren das so an die 100 Leute pro Semester. Diese Plätze waren dann wohl wieder frei für uns Kläger und wurden uns dann auch zugesprochen. Die anderen Studenten haben dadurch sofort gewusst, wer Kläger ist und wer nicht. Ich habe damals den Fehler gemacht und habe dazu gestanden, dass ich mich eingeklagt habe, denn lügen wollte ich nicht. Ich fand auch immer, dass daran nichts Schlimmes ist, denn wer sich einklagt und solche Hürden und Kosten auf sich nimmt, der will das Studium auch wirklich und daran ist absolut nichts Verwerfliches.

Aber die anderen waren da wohl nicht so ganz meiner Meinung. Ich wurde schief angeguckt, belächelt und es war natürlich meine Schuld, wenn kein Platz im Histologiesaal war und man sich zu zweit an ein Mikroskop setzen musste. Oder es war meine Schuld, wenn der Hörsaal plötzlich so voll war und manche Leute sich in die Gänge setzen mussten. Das war natürlich Quatsch, denn zum ersten Semester fangen über 400 Leute an, da war der Hörsaal natürlich vorher schon voll.

Und wie haben Deine Dozenten darauf reagiert, dass Du Dich eingeklagt hast?

Catharina: Viele Dozenten haben glücklicherweise gar nicht darauf reagiert. In Anatomie war das vor allem so. Da wurde jeder Student gleich behandelt und es wurde nach Leistungen beurteilt. In anderen Fächern war es aber leider anders. Als ich mich für das Praktikum in der Physik angemeldet habe, wunderte sich ein Dozent, warum plötzlich so viele neue Studenten da sind und da hieß es nur, das wären ja die „Gerichtsmediziner“. Seitdem hatten wir den Spitznamen „Gerichtsmediziner“ weg und das war alles andere als angenehm. Zum Glück war das aber ein Einzelfall und kam in anderen Fachbereichen nicht vor.

Wie hast Du diese Zeit „überlebt“?

Catharina: Dadurch, dass ja jeder wusste, wer Kläger ist und wer nicht, konnte ich mich vor allem an die Studenten wenden, welche sich auch eingeklagt haben und ich habe unter ihnen meine besten Freunde getroffen. Zu ihnen habe ich heute immer noch Kontakt, weil uns die Zeit zusammengeschweißt hat. Viele von ihnen haben im Gegensatz zu mir weitestgehend verheimlicht, dass sie sich eingeklagt haben und ich glaube, das ist auch die beste Lösung, um dummen Sprüchen und komischen Blicken zu entgehen.

Zudem hatten von viele andere Studenten einen Teilstudienplatz wie ich. Auch hier waren die anderen Studenten natürlich nicht begeistert und behaupteten, das wäre doch total unnötig und diese Leute nähmen den anderen natürlich auch die Plätze in den Kursen und Vorlesungen weg. Ich war ja eingeklagt UND hatte einen Teilstudienplatz. So habe ich auch noch viele Freunde mit Teilstudienplätzen gefunden. Irgendwie waren wir in der gleichen Situation und haben uns auch zusammen getan. Dank vieler guter Freunde waren Spötteleien und blöde Sprüche nur noch Nebensache.

Du hast nach dem Physikum die Uni gewechselt. Lag das an den Hänseleien, die du erfahren hast?

Catharina: Ja und Nein. Zum einen hatte ich ja nur den Teilstudienplatz und musste sowieso nach dem Physikum die Universität wechseln. Zum anderen hätte ich aber einen Tauschpartner gehabt, damit ich an der selben Uni hätte weiterstudieren können. Das wollte ich dann aber doch nicht. Viele meiner besten Freunde sind mittlerweile auch an anderen Unis und ich wollte nicht mehr an eine Uni zurück, an der jeder wieder Bescheid weiß. Hier an meinem neuen Studienort weiß niemand darüber Bescheid, dass ich eingeklagt bin. Jedem, der fragt, erzähle ich nur, dass ich nach dem Physikum die Uni gewechselt habe. Mehr müssen meine neuen Kommilitonen auch nicht wissen.

Würdest Du rückblickend alles nochmal genauso machen?

Catharina: Da muss ich auch wieder mit Ja und Nein antworten. Ja, ich würde mich wieder einklagen. Nein, ich würde diesmal nicht jedem erzählen und dazu stehen, dass ich eingeklagt bin.

Ich finde es schade und irgendwie traurig, dass der Konkurrenzkampf in diesem Studiengang so hoch ist, dass niemand dem anderen etwas gönnt. Da gibt es sogar zum Teil Neid und Missgunst unter guten Freunden, nur weil der eine in einer Klausur mal besser war als der andere. Und so ist es auch, nur weil man sich eingeklagt hat.

Anscheinend ist es nur etwas wert, wenn man aufgrund eines sehr guten Abiturs ins Medizinstudium kommt. Versucht man es aber auf anderem Wege, sei es als Quereinsteiger, Teilstudienplatz oder eben durch Einklagen, so wird man schief angeguckt und muss einiges über sich ergehen lassen. Ich denke auch mal, dass es daher kommt, weil es so erscheint, als hätten wir uns den Weg ins Medizinstudium „vereinfacht“. So ist das aber nicht. Und so eine Klage muss auch nicht immer so positiv ausfallen wie bei mir. Einige bekommen trotz Klage keinen Studienplatz und sitzen auf den Kosten.

Viele Studenten vergessen in ihrem Eifer leider, dass man unabhängig von der Abiturnote oder wie man an das Medizinstudium gekommen ist, im Endeffekt im gleichen Boot sitzt. Jeder muss sehr viel lernen und jeder hat die gleichen Klausuren und irgendwann ein Physikum und noch viele andere Hürden im Studium. Da wäre ein bißchen mehr Zusammenhalt unter den Studenten einfach mal angebracht.

Danke für das Gespräch und alles Gute!

*Name geändert

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3 Kommentare:

Studentin

September: Wenn das Kind es schafft zu bekommen was es will hat es deinen Respekt verdient? Wirklich? Du denkst dass dein Kind lieber auf ein Gameboy sparen sollte und dann geht es zu Oma, erbettelt ihn sich und du respektiert es dafür? Wirklich? Und wenn es ihn im Laden stielt? Oder ihn einem anderen Kind wegnimmt? Dann respektiert du es auch noch dafür? Solange es darauf Level 100 schafft, ist dir egal, wie es daran gekommen ist?

Dass eingeklagte Ärzte am ende genauso kompetent sind wie die anderen bezweifle ich nicht. Dass sie sogar zielstrebiger sind, mag sein.
Aber es geht doch bei der Debatte um die Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Gleichbehandlung ja oder nein?
(Dass Abinoten je nach Schule unterschiedlich sein können, ist übrigens auch kein Argument. Schließlich kann von den besten vier Schülern eines Jahrgangs, die vielleicht alle “nur” 1,5 haben, sich nur der mit dem Geld einklagen).
Daher finde ich es sehr gut, dass meine Uni, die eine der beliebtesten unter Neuanfängern ist, die Möglichkeiten des Einklagens bis zur Unmöglichkeit beschränkt hat, gut. Gleichzeitig müssen natürlich auch bessere Verfahren der Hochschulzulassung entwickelt werden, mit Medizinertest, objektivierten Auswahlgesprächen und gewichteter Abinote ist man da schon auf dem richtigen Weg. Am Ende sollte eine Situation da sein, in der wirklich alle gleich behandelt werden, unabhängig von finanziellen Mitteln.

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich kann es gut nachvollziehen, wenn man “schief angeguckt” wird, wenn man sich eingeklagt hat. Klar ist das für den Betreffenden nicht sehr angenehm, jedoch muss man die Sicht der “regulären” Studierenden auch einbeziehen. Diese haben schon vor dem Bangen um einen Studienplatz einen Haufen Arbeit auf sich genommen, um ein ordentliches Abitur hinzulegen. Sicherlich gibt es einige Schulen, an denen es einfacher ist, sehr gute Noten zu bekommen. Leider scheint es auch ein Trend zu werden, dass man als Schüler mit Einsen beworfen wird, weil man ja schon weiß, dass man für den Studienplatz ein super Abitur braucht. Das ist wirklich sehr bedauerlich, denn das ist dann quasi ein Selbstläufer: Viele Bewerber mit sehr guten Noten–> Nc steigt–> Schüler brauchen noch bessere Noten. Trotz allem bedeutet dies keineswegs, dass man nichts für sein Abitur getan hat. Es ist auch Fakt, dass sich wirklich viele diese Klage nicht Leisten können und deswegen warten müssen. Manche warten bis zu 5 Jahre… Das bedeutet ja quasi, mit genug Beharrlichkeit und genug Geld kann man sich genügender Unachtsamkeit der Uni bis zu 5 Jahre erkaufen/erklagen. Ich bezweifle wirklich, dass das fair sein soll.
Mal davon abgesehen könnten sich die universitäten viel Geld und Mühe sparen, wenn die Prozesse nicht stattfänden.
Wie wäre es zur Abwechslung also mal mit hinten anstellen wie alle anderen und sich an die Regeln halten, anstatt es auf die total strenge Schule zu schieben oder die gemeine Uni, keinen Studienplatz erhalten zu haben? Denn wenn man es wirklich will, dann studiert man auch nach 5 Jahren Wartezeit Medizin.

#2 |
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Ärztin

Ich bin mittlerweile Ärztin, begonnen habe ich als Einklägerin. Das wussten auch alle. Ich habe mich ohne Anwalt durch den Papierkram gekämpft und bin so ohne große Kosten an meinen Studienplatz durch Klage gekommen. Glück bei der Verlosung der Restplätze unter den vielen Klägern gehörte natürlich auch dazu. Meine Mutti ist alleinerziehend gewesen und wir hatten nie viel Geld. Also so viel zu dem Thema “Schnösel, die zu viel Geld haben”. Ein so gutes Abitur wie man braucht, ist gar nicht so leicht zu schaffen, besonders jetzt nicht mehr. An meinem alten Gymnasium kommt es vielleicht alle 10 Jahre dazu, dass mal ein Schüler mit 1,0 abschließt; der beste Schnitt ist in der Regel 1,2-1,5. Das schafft dann einer. An meinem Studienort habe ich mehrere Kommilitonen kennen gelernt, bei denen jedes Jahr in jedem Jahrgang mehrere 1,0-Schüler sind. Das sollte man auch mal bedenken, wenn man über Noten lästert. Bildung ist Ländersache, Zentralabitur teilweise noch jung, die Schulen unterschiedlich in ihren Ansprüchen.
Zum Thema Leben als Einkläger: Es wurde von Seiten der Lehrenden vorher mächtig Stimmung gegen die Einkläger gemacht. Natürlich wurde argumentiert, dass die Praktikumsplätze von den Einklägern belegt werden usw. Die Uni legte mir zu Beginn das ein oder andere Steinchen in den Weg, die Kommilitonen waren anfangs skeptisch aber ich habe alle Scheine bekommen, nach 4 Semestern mein Physikum geschafft, mich mit meinen Nicht-Einkläger-Kommilitonen angefreundet und bin an meiner Uni 1. glücklich geworden und 2. Ärztin. Das auch noch sehr gut. Der Abi-Schnitt sagt meiner Meinung nacht sehr, sehr wenig über die Leistungsfähigkeit im Studium aus. Auch kann man von beidem schwerlich Rückschlüsse auf die spätere Befähigung zur ärztlichen Tätigkeit ziehen aber das ist nun wieder ein ganz anderes Thema.

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