Krebs-Industrie: Karl haut auf den Putz

3. September 2015
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Deutschlands Bevölkerung altert – und maligne Erkrankungen werden zur Geißel der Babyboomer. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor Scheininnovationen und übertriebenen Preisvorstellungen. Er sieht öffentliche Gelder versickern – guter Rat ist teuer.

Krebs – die neue Seuche? Das behauptet zumindest Professor Dr. Karl Lauterbach (SPD). Einige Thesen aus seinem neuen Buch, die er vorab im „Spiegel“ veröffentlicht hat, sorgen für reichlich Gesprächsstoff. Lauterbachs Ausgangspunkt: Nach Herz-Kreislauf-Leiden steht Krebs an zweiter Stelle der Todesursachenstatistik. Doch die Industrie schläft nicht. In den letzten Jahren haben Konzerne neben altbekannten, wenig selektiven Zytostatika hochspezifische Arzneistoffe auf den Markt gebracht, etwa monoklonale Antikörper oder Tyrosinkinase-Inhibitoren. Karl Lauterbach macht Herstellern gleich mehrere Vorwürfe. Unser Faktencheck:

Die Bombe tickt

Der erste Vorwurf bezieht sich auf die hohen Kosten für moderne onkologische Therapien. Der Wirkstoff Rituximab zur Behandlung von Non-Hodgkin-Lymphomen sowie bei chronisch lymphatischer Leukämie ist hier nur ein Beispiel. Laut roter Liste kosten 1.400 mg Lösung zur subkutanen Injektion 2.844,34 Euro – für eine Behandlung. Moderne Präparate schlagen nicht selten mit 50.000 bis 150.000 Euro pro Jahr zu Buche. Lauterbach spricht von „Financial Toxicity“ neuer Therapien und vermutet Mehrkosten von bis zu 45 Milliarden Euro. Birgit Fischer, der Hauptgeschäftsführerin des vfa zufolge, gäbe es aktuell „keine Kostenexplosion bei Krebsmedikamenten“. Zwischen 2011 und 2014 haben gesetzliche Krankenkassen 3,5 bis 3,9 Milliarden Euro für Onkologika im ambulanten Bereich ausgegeben. Die mittlere jährliche Steigerungsrate liegt derzeit bei 4,3 Prozent. Das klingt zunächst nach nicht viel – sind jedoch in absoluten Zahlen mehr als 100 Millionen Euro zusätzliche Kosten pro Jahr für die Versichertengemeinschaft. Gegen den Vorwurf Lauterbachs, die innovativen Krebsmedikamente seien überteuert und überlasteten das Gesundheitssystem, wehrt sich Norbert Gerbsch vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI): „Dies sind Investitionen in die weitere Verlängerung der Lebenserwartung und die Verbesserung der Lebensqualität.“

Viel Licht, viel Schatten

Lauterbach widerspricht dieser These. Er schreibt, moderne Wirkstoffe verlängerten das Leben um nur wenige Wochen oder Monate. Außerdem würden unrealistische Hoffnungen geweckt. In der Praxis zeigen sich unterschiedliche Tendenzen. Unabhängig vom Wirkstoff profitieren Menschen mit unheilbarer Krebserkrankung nicht von der maximal möglichen Therapie – das zeigen mehrere Arbeiten. Der „Coping with Cancer“-Studie zufolge kam es in palliativen Behandlungsgruppen häufiger zu Klinikeinweisungen, und Menschen starben seltener zu Hause. Selbst bei Krebspatienten mit gutem Allgemeinzustand verschlechtert sich die Lebensqualität [Paywall]. Häufig ist Betroffenen auch nicht bewusst, was es mit palliativen Therapiekonzepten auf sich hat. Sie kämpfen, anstatt letzte Dinge des Lebens zu ordnen. Der andere Teil der Wahrheit: Statistischen Angaben zufolge erkranken heute etwa doppelt so viele Menschen an Krebs wie noch im Jahr 1980; die Zahl an Todesfällen ist aber zahlenmäßig gleich geblieben. Häufig gelingt es Onkologen, Patienten mit einer Leukämie, einem Mammakarzinom, einem Prostatakarzinom oder einem Kolonkarzinom zu heilen. Impfungen gegen Hepatitis B oder gegen das humane Papillomvirus gelten als wirksame Prophylaxe. Entsprechende Therapien seien nur mit hohen Investitionen möglich, argumentieren Industrievertreter.

Innovation einfach zukaufen

Dazu einige Details auf internationaler Ebene: Wie Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA), ein Verband forschender Hersteller, berichtet, steckten Mitgliedsunternehmen letztes Jahr 51,2 Milliarden Euro in F&E. Alle Top-25-Unternehmen der Biotechnologie gaben im gleichen Zeitraum mehr als 100 Milliarden Euro aus. Die Angaben stammen einzig und allein von Interessenvertretungen – und lassen sich en détail kaum nachprüfen. Im gleichen Atemzug ersetzen Konzerne wissenschaftliche Misserfolge oder fehlende Investitionen durch Zukäufe. Einige der umsatzstärksten Präparate kommen aus der Harvard Medical School sowie der University of California in Berkeley. Beispiele gibt es auch hier zu Lande: Die Entwicklung von HPV-Impfstoffen geht letztlich auf Arbeiten Harald zur Hausens zurück – finanziert aus öffentlichen Mitteln. „Häufig liefert die Grundlagenforschung neue Ansatzpunkte zur Behandlung, aber erst die Pharmaindustrie macht daraus einsatzfähige Medikamente und trägt dabei den weitaus größten Teil der Kosten“, sagt Dr. Norbert Gerbsch. Eine unumstößliche Maxime? Start-ups oder Hochschulen haben weder Budgets noch Kompetenzen, um selbst klinische Studien durchzuführen. Eine Alternative: Das klinische Forschungszentrum Hannover unterstützt Forschungseinrichtungen bei entsprechenden Tests – ein wichtiger Schritt, aber kein Durchbruch.

Die Koalition ratlos

Jetzt sind Alternativen gefragt. Von der Regierung erwartet niemand großartige Impulse. Lauterbach selbst spricht vom „eher zähen“ Pharma-Dialog. Neue Krebsmedikamente kommen kaum zur Sprache. Am Ende geht es eben nicht nur darum, „was ist der Gesellschaft medizinischer Fortschritt wert?“ (Fischer). Innovationen müssen bezahlbar bleiben und vor allem den richtigen Patienten zugutekommen. Das spricht für bessere Daten, auch nach Markteinführung neuer Wirkstoffe. Als Idee steht im Raum, nicht nur Zulassungen über die europäische Arzneimittelagentur EMA abzuwickeln. Eine zentrale Behörde könnte auch für alle Länder Europas individuelle Erstattungspreise aushandeln und großen Konzernen besser Paroli bieten – so zumindest die Theorie.

81 Wertungen (4 ø)

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31 Kommentare:

Gast
Gast

“Mode” ist nur das Jammern über Stress und Überforderung, besonders bei Frauen,
was von keiner Sozialstatistik unterstützt wird.
Natürlich ist Krebs auch eine “Alterskrankheit”. Das war immer so.

#31 |
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Gast
Gast

@27 mea culpa, meinte, dass auf einen 15 jährigen Menschen mit Krebs ca. 200 (-300, da schwanken die Zahlenangaben) 80 jährige Menschen mit Krebs kommen.
Dieses war meine Zustimmung zu “Alter als Risikofaktor”.

Wenn es so wäre wie ich ursprünglich schrieb, müsste man ja Spalier stehen und mit Blumen werfen, wenn man eines 15 jährigen ansichtig würde! ;-)

Dass es noch jemanden gibt, der nicht plakativ betonen muss, dass er “mit nur 5 Stunden Schlaf hinkommt” wie es heute fast schon Mode (Unsitte) geworden ist, freut mich.
Bekanntermaßen brüstete sich schon Napoleon mit seinen 4 Stunden Nachtschlaf, vergaß aber dabei zu erwähnen, dass er untertags ruhte…

#30 |
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Gast
Gast

Das Problem der zunehmenden Arzneimittelkosten ist nicht nur in der Krebstherapie bekannt, es gilt auch für andere chronische Krankheiten, für die es neue Medikamente mit sehr hohen Preisen gibt. Andererseits ist es gut, dass es noch forschende Arzneimttelhersteller gibt und es ist wohl selbstverständlich, dass sie auch gut verdienen müssen. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund, warum die Preise In Griechenland oder Spanien nur ein Bruchteil der Preise in Deutschland sind. Ebensoweng ist einzusehen, dass Pharmaunternehmen die Produktion von gut eingeführten Arzneimitteln einstellen, weil “es sich nicht mehr rechnet” oder gar die Zulassuung ändern können, um dasselbe Arzneimittel für eine andere Indikation mit einem höheren Preis anbieten. Ich denke, die Pharmaunternehmen haben auch eine Verantwortung dem Patienten gegenüber wie der Arzt. Wenn der zu Bereitschaftsdiensten verpflichtet werden kann, muss die Industrie auch zur Aufrechterhaltung einer Produktion verpflichtet werden können. Die große Pharmaindustrie hat in Brüssel hohe Auflagen für die klinische Prüfung von Therapieverfahren und Medikamenten durchgesetzt, die klinisch forschende Ärzte vor offensichtlich unüberwindbare Schwierigkeiten stellt. Von Ärzten geplante Untersuchungen, sog. investigator initiated trials (IIT), werden kaum mehr durchgeführt, die meisten klinischen Studien sind von der Industrie gesponsort. Verständlicherweise werden die Untersuchungen mit Hinblick auf den zu erwartenden Markt bewertet, der Vorteil für den einzelnen Patienten gegenüber bereits etablierten Behandlungen muss sich nicht in dem erhöhten Preis widerspiegeln. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Vermutlich wäre eine zentrale Institution in Europa notwendig, um einheitliche Preise und Indikationen festzulegen. Darüber hinaus sollten Finanzierungsmöglichkeiten für medizinisch indizierte Therapieverfahren/ -studien angeboten werden, von denen Patienten und Krankenkassen gleichermaßen profitieren.

#29 |
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@20: Issels hat nicht mit Graviola therapiert. Es kommt auch nicht auf eine Einzelsubstanz an, sondern auf das Gesamtkonzept. Da liegt die Schwierigkeit der Nachahmung.

#28 |
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Arzt
Arzt

Hallo Gast#23 die Wette mit dem Schlaf haben Sie verloren,
in unserer so jammerorientierten Gesellschaft, wird immer unterschlagen, dass es auch zu viel Schlaf gibt. Hierzu gibt es eine größere US-Studie mit über eine Million Probanden über mehrere Jahrzehnte.
Es geht um gesunde Erwachsene; der optimal Mittelwert beträgt dabei 7 Stunden, oder besser 6-8 Stunden. Über 8 Stunden ergibt sich zunehmend eine höhere Morbidität und damit eine geringere Lebenserwartung.
zu#26 nur keine Panik, alte Menschen vermehren sich nicht, im Gegenteil, es werden immer weniger:
auf einen 80-84-Jährigen (überwiegend Frauen) kommen immer noch 3,5 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahre (mehr Jungen) und 5,8 Erwachsene zwischen 40 und 49 (noch leichter Männerüberschuss).
Das heist wir haben eindeutig zu wenig Kinder und ein ernsthaftes gesellschaftliches Gesundheitsproblem bei Männern.
Da müsste mehr gemacht werden.

#27 |
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Gast
Gast

Danke für den link, Dr. Grieß. Letztendlich keine/ keine aussagekräftige Studie, Nw. bei Langzeit-, bzw. hochdosiertem Gebrauch, auch nichts Neues, hmm. Hatte gelesen, dass eine Sudie vorläge, die nicht veröffentlicht wurde, aber das sind “Buschtrommeln”.

Das Alter als Risikofaktor (Auf einen 15j. kommen ca. 200 80jährige?) ist ja soweit bekannt, wäre ja irgendwann auch akzeptabel, nicht aber bei Mittfünfzigern. Was bleibt uns außer den bekannten Allgemeinplätzen, wie tierische Fette, Zucker, Alk., Industrienahrung mit Zusätzen i.w.S., Rauchen, Übergewicht, Stress, chem. Noxen u.ä. reduzieren, für ausreichend (wieviel das auch immer sein mag…) Antioxidantien, Omega3, frische Lebensmittel, Kräuter, Grüntee, Kakao, genug Schlaf (ich wette, davon haben wir hier alle zu wenig) , Stressreduktion, weitgehendes Meiden elektr. Geräte (ach, wie das denn?), Bewegung, mgl. an frischer Luft, erfreuliche Sozialkontakte,…
Viel, aber dennoch viel zu wenig!! Da wird ja schon die Prävention zu Stressfaktor.

#26 |
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Arzt
Arzt

Es gibt KEINE Bombe, die tickt, außer dass wir alle mal sterben müssen.
Ein bischen weniger einseitig zu Pharmakologie schielen, wäre schon ein Fortschritt in der realistischeren Sicht des Lebens.
Ein Beispiel:
Der häufigste solide Tumor bei Mann und Frau zusammen ist immer noch das Dickdarmkarzinom, eigentlicxh nicht so überraschend denn hier spielt sich flächenhaft der größte Kontakt zwischen Mensch und Umwelt ab.
Hier spielt Pharmakologie nur eine Untergeordnete Rolle. Die operative Tumorentfernung ist hier der Königsweg und die Inzidenz könnte noch erheblich sinken, wenn mehr coloskopiert und polypektomiert würde.
Aber da hat ja die Bertelsmanstiftung und die Krankenkassen was dagegen.
Es ist wie immer ein Kampf an mehreren Fronten, wie das Leben überhaupt
und das größte Risiko ist für mich der Trend zur menschenfeindlichen “Ökonomisierung” der Gesellschaft á la USA

#25 |
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Arzt
Arzt

Dass Krebs Nummer 2 nach der gesamten deutlich größeren Gruppe der kardiovaskulären Todesursachen ist, kann jeder in der amtlichen Todesursachenstatistik nachlesen und das ist wirklich weder neu noch sensationell.
Man kann die rel. Zunahme gegenüber vor etwa 100 Jahren eher als Erfolgsbilanz sehen, weil sich andere Erkrankungen besser behandeln lassen.
Der größte Fortschritt war sicher der Rückgang von Infektionskrankheiten durch die Medizin.
zu#23,
na klar ist “das Alter” zunehmen Nr.1 der Ursachen,
wobei man als ehrgeiziger Arzt “das Alter” ebenfalls zur Krankheit zählen kann, die man zu bekämpfen hat.
Das hören viele Nichtmediziner nur sehr ungern und man macht sich damit zunehmend unbeliebt. Aber selbstverständlich ist auch hier etwas möglich.

#24 |
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Gast
Gast

“Über Ursachen der steigenden Krebs Inzidenz und entsprechende Prävention zu forschen, wäre sicherlich sinnvoller und kosteneffektiver.”
Als einzelner Risikofaktor ist m.W. das Altern statstisch ein ganz wesentlicher Treiber der zunehmenden Zahl an Krebserkrankungen aller Arten, richtig?
Hat hier jemand eine Idee bezgl. Prävention?

#23 |
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Naturwissenschaftler

Was nicht so alles “Krebs heilen kann”. Gestern MMS. Morgen die Ananas-Diät. Ach, sorry, hatten wir ja schon vorgestern.
Zu Graviola: http://www.cancerresearchuk.org/about-cancer/cancers-in-general/cancer-questions/can-graviola-cure-cancer

#22 |
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Gast
Gast

Die Ausführungen dieses Herrn Lauterbach gehen doch in die Richtung Triage, d.h. für wen lohnt sich eine teure Krebsbehandlung noch und für wen nicht!
Lauterbach: Gesundheitsökonom, Mitglied der Rürup-Kommision, das sagt doch alles!

#21 |
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Gast
Gast

Apropos “mit dem arbeiten was da ist”, habe mal fleissig gegoogelt und bin auf auf etwas gestoßen, was angeblich bei südamerikanischen Völkern traditionell angewendet wird und größte Effekte haben soll. Pflanze, also nicht vermartungsfähig weil nicht-patentierbar…
Hat jemand Erfahrungen/Erfolge zu berichten mit

Graviola (soursop, Stachelannone)?

#20 |
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“Jetzt sind Alternativen gefragt. (…) Neue Krebsmedikamente kommen kaum zur Sprache.”
Mit Verlaub, ein kleine Frage: Ist das nicht eine Forderung, die schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist?
Hat nicht Issels schon gefordert, mit dem zu arbeiten, was an Methoden da ist statt mit unerforschten neuen Mittel den Krebs ausradieren zu versuchen und gezeigt, was bei angeblich Inkurablen Patienten möglich ist?

#19 |
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Roman Haack
Roman Haack

Ja, so kann es nicht weitergehen. Aber nicht nur die hohen Preise sind eine Drehschraube, vielleicht auch nur eine ganz kleine. Anknüpfend an #10: Genau! Und der Grund ist mit einem Grundkurs Betriebswirtschaft dargelegt. Teil A: Hohe Kosten nach vielen Jahren Forschung; bei z.B. 10 Jahren spielt auch das “Abzinsen” eine Rolle, also was hätte die gleiche Investition mit dem vergleichbaren Risiko (Pharma: sehr hoch!) am Kapitalmarkt gebracht. Vereinfachte Beispielrechnung: 400 Mio € * 1,15^10. Da staunt man nicht schlecht! Genug Investoren machen es sich einfacher, verdienen mehr und sind weniger im Fokus. Teil B: sehr kleiner Markt (wenige Patienten) bei sehr spezifisch wirkenden Medikamenten, zusätzlich evtl. kurze Vermarktungsdauer. Resultat: Hohe Preise. Dass Big Pharma nur abzockt, ist – mit Verlaub – an dieser Stelle mindestens ein Missverständnis. Selbst privaten Altruismus kann sich nur leisten, wer irgendwie soviel verdient, dass er davon leben kann und noch Zeit oder Geld für Andere übrig hat. Der arbeitet in Zeiten der Marktwirtschaft besser irgendwo, wo das Wirtschaften den Gesetzen des Marktes folgt. Sonst verdient er nicht mehr lange genug, um anderen etwas abgeben zu können. Vorschlag (etwas provokant, da #11 mit dem Absatz 2 Satz (i) natürlich absolut Recht hat): Genetik zu bestimmen wird, wo es Sinn macht, verpflichtend. Momentan besteht die Pflicht nur, wenn man schon den Einsatz “personalisierter Medizin” in Form zugelassener Medikamente, für die der Test die Vorstufe ist, ansteuert. Zytostatika dann nur noch bei guter Prognose. Sonst palliativ, biomarkerbasiert wenn zugelassen und mit guter Prognose, ansonsten Studien oder im Einzelfall compassionate use. Es wäre möglich (und sicher eine Studie wert), dass der Verzicht auf viele vollkommen sinnlose Anwendungen etablierter Medizin, in Unkenntnis, wegen des Umsatzes bzw. der Zielvereinbarung, oder um *irgendwas* zu tun, die Kosten insgesamt so dämpft, dass die teure Stratifizierung moderne Medizin in der Onkologie in Summe gar nicht teurer macht. Ein Nullsummenspiel bei 10% der Anwendungen zu jeweils 10-fachem Preis. Je mehr sich das durchsetzt, desto mehr fallen die Preise, weil der Absatz ansteigt. Nebenbei: gut gemeint die Dosis verdoppeln, die Fließgeschwindigkeit erhöhen etc. konterkariert das übliche Argument gegen moderne Wirkstoffe, man würde gut geprüfte Medikamente vorziehen. Für diesen Umgang sind diese gut geprüften Medikamente gar nicht zugelassen. Woher will der Gutmeinende wissen, wie lange und ob überhaupt ein Dosis-Wirkungsverhältnis linear ist und ob nicht UAWs bei weitem überwiegen? Also Schluss damit. Den Familien würde mehr Lebenszeit gewährt, nicht ein paar mehr Wochen Überlebenszeit mit Infusionen, Erbrechen, Infektionen, hilfloser Therapie der Therapiefolgen – antimykotisch, antimikrobiell, antiviral, den Carinii nicht zu vergessen und alles gleichzeitig, weil keine Zeit ist, einer PEI-Leitlinie zu folgen. Auch das kostet Geld. Das Pendeln der Angehörigen zwischen zuhause und Klinik, Hoffnung, die jäh zu Staub zerfällt, wenn die Zytostatika das geschafft haben, was sie am besten können. Der Dialog ist wichtig, aber genug Etablierte gefallen sich sehr in Ihren Warnungen vor mancher Forschung und denen, die sie betreiben, während man sich selbst kaum beteiligt, stattdessen Fortbildungspunkte dafür vergibt, auch andere davon abzuhalten. Da kann man nur hoffen, dass genügend Inspirierte sich nicht beirren lassen, dass die allermeisten Ärzte, Naturwissenschaftler, Pharmazeuten und Beteiligten anderer Gattungen hingebungsvoll das tun, was sie tun, weil sie es als ihre originäre Aufgabe betrachten, weil sie für sich und Andere etwas Gutes, Bleibendes, Sinnvolles tun wollen und nicht, weil es sie um den Schlaf bringt, nicht schwer Geld verdienen und andere abzocken zu können. Der letzte Teil bezieht sich übrigens nicht auf hier zu lesende Postings, oder den Artikel, sondern auf bestimmte Konferenzen. Hier geht es ja auch mehr um die Frage der Finanzierbarkeit.

#18 |
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Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Nur noch mal zur Erinnerung, um was es hier wirklich geht: es kommen mehr und mehr sündteure Medikamente zur Krebstherapie auf den deutschen Markt, die die Krankenkassen zahlen müssen, wenn sie verschrieben werden. Dies aber kann die gesetzlichen Krankenkassen in absehbarer Zeit (und zwar früher als später, nicht früher oder später) zum Kollabieren bringen, wenn nichts grundlegendes geschieht. Das wird eine ethische Debatte, bei der Polemik, Zynismus und Sarkasmus zu nichts führen werden. Wir werden vor der Situation stehen, PatientInnen grundsätzlich zur Verfügung stehende Therapieformen nicht mehr anbieten zu können, weil es niemand bezahlen kann, die PatientInnen selber nicht und die gesetzlichen Krankenkassen auch nicht. Und das in möglicherweise lebensbedrohenden Situationen. Unser Gesundheitssystem ist derzeit nicht auf diese Situation vorbereitet, und genau darauf hat Karl Lauterbach verwiesen.
In den USA hat übrigens dieselbe Diskussion begonnen.

#17 |
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Warum mein Post? Cox-Hemmer wie Vioxx und auch Diclofenac, Ibuprofen etc. machen oftmals Darmentzündungen, die zum Therapieende zwingen. Nicht nur Vioxx kann einen Schutz vor Darmkrebs bringen, von Leukotrienantagonisten ist dies im weitaus größeren Maße zu erwarten. Aber die gibt es bislang (außer Montelukast) nur in der Natur. Was machen dann die Coronarien? Womöglich sind die unter Leukotrien-Antagonisten geschützt, denn bislang hat nur Aspirin einen (indirekten und beschränkten Einfluß) auf Leukotriene und auch Schutzeffekte nachweisen können.

#16 |
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Nicht nur, was Geld bringt, kann helfen. Leukotrien-Antagonisten in der Chemie nur in der Form des tragisch ineffektiven Montelukast. Da wird geforscht, damit ein synthetischeses (und damit schützensfähiges) Molekül entsteht. Weder Weihrauch noch Braunelle sind patentierbar, die gibt es schon. Weihrauch ist eine gefährdete Pflanzenart, die Braunelle nicht. Effektiv dürften beide sein, aber niemand möchte es wissen. Da gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit eine wirksame, aber nicht schutzfähige Behandlungsoption gegen Alzheimer. Ohne Gewinn kein Interesse, ebenso bei den Leukotrienen. Gesundheitsministerium werde aktiv, auch GKV’s sollten aktiv werden. Es läßt sich ein extremer Gewinn einfahren: Bei den Behandlungskosten!

#15 |
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Arzt
Arzt

Falsche Überschrift
Richtig muss es heißen, der Nachwuchs fehlt.

#14 |
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Gast
Gast

Mit den Krankenkassen und vor allem der eingeführten Zwangsversicherung ist die ideale Voraussetzung für Größenwahn und Korruption im Umgang mit den Geldern und Mitteln geschaffen worden. Und dies veranlasst vom Gesetzgeber, der offensichtlich schon lange nicht mehr dem Volk, sondern den Großindustriellen ( hier Pharmaindustrie ) Rechenschafts-pflichtig ist. Damit wurde der Grundstein gelegt für die jetzt eskalierenden Vorgehensweisen, immer unter dem Deckmantel der Menschlichkeit. Wenn das System so gut wäre, hätte es keines Zwanges gebraucht. Aber das geschieht wohlweislich, um auch weiter immer offensichtlichere Verschwendung der Kassengelder zu ermöglichen. Ganz davon abgesehen, was den Menschen mit vielen Krebstherapien versprochen und angetan wird.

#13 |
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Gast
Gast

Die Frage von Prävention müßte allerdings auf viel breitere Füße gestellt werden und so manche Frage zulassen. Bei Thema rauchen etwa kann man, warum jemand raucht und nicht davon lassen kann, m. E. nur Gesamt-Lebenszusammenhang beurteilen, ebenso im Kontext von Suchtverschiebung.
Was aber geschieht, ist weitestgehnd Stigmatisierung und mehr, doch ist dies ja auch viel einfacher…

#12 |
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Prof. Dr. med. Christoph Schmitz
Prof. Dr. med. Christoph Schmitz

Das Problem, das in diesem Artikel beschrieben wird, wird unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren tatsächlich vor kaum lösbare Probleme stellen.

Hier kommen zwei Dinge zusammen: (i) Die Diagnose “Krebs” heisst sehr häufig “evtl. sterben”, und wer will an dieser Stelle schon Einschränkungen bei möglichen Therapien machen oder diese vorschlagen oder evtl. sogar durchsetzen? (ii) In Deutschland zugelassene Medikamente müssen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, und zumindest für eine gewisse Zeit dürfen die Firmen die Preise selber festsetzen.

Und genau dies ist die Falle, in die unser Gesundheitssystem (übrigens nicht nur unseres) läuft. Aber wenn so halt nun mal die Regeln sind und sich alle Beteiligten (Firmen, ÄrztInnen und PatientInnen) an die Regeln halten – wem soll man dann wirklich einen Vorwurf machen? Natürlich weiss die Industrie ganz genau um die o.g. Aspekte, und hat sich entsprechend darauf eingestellt.

Um was es hier wirklich geht, ist die wirklich dringende Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, wie wir unser Gesundheitssystem in Zukunft haben wollen – sonst wird es u.a. an der o.g. Situation zusammenbrechen.

Evtl. nützlich in dieser Diskussion wäre ein Blick in die folgende Publikation (ich habe an dieser Studie persönlich nicht mitgearbeitet):
US Burden of Disease Collaborators: The State of US Health, 1990-2010. Burden of Diseases, Injuries, and Risk Factors. J Am Med Assoc 2013;310(6):591-608.
Aus dieser Studie (insbesondere Fig. 3) lässt sich herauslesen, dass mit wirklich konsequenter Prävention/Prophylaxe von allem, was sich vermeiden liesse, in unserem Gesundheitssystem aller Wahrscheinlichkeit nach so viel Geld eingespart werden könnte, dass uns teure Krebsmedikamente kein grosses Kopfzerbrechen machen würde.

Konsequente Prävention ist in unserem deutschen Gesundheitssystem aber leider kein grosses Thema. Stattdessen leisten wir uns nach wie vor (oder besser: weiterhin) im Wesentlichen eine Art “Reparaturmedizin”. Und genau da liegt das Problem, und das wissen auch alle Beteiligten.

Nur ein kleines Beispiel: in der Schweiz zahlen Krankenkassen grundsätzlich keinen Zahnersatz. Gehen Sie mal in eine Schweizer Firma und schauen mittags, wie viele Leute sich auch mittags nach dem Essen in der Firma die Zähne putzen. Kein Vergleich zu Deutschland. Nur ein ganz kleines Beispiel… Aber es geht.

#11 |
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Helmut Heckele
Helmut Heckele

Herr Prof.Lauterbach hat im Ansatz sicher nicht unrecht. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung wie extrem aufwändig klinisch sinnvolle Studien sind. Dass ein forschendes Pharmaunternehmen Gewinn machen will und muss, sollte klar sein.
Natürlich geschieht die Grundlagenforschung oft in kleinen Labors oder Instituten. Der Weg vom Labormuster zum Medikament ist aber teuer und mit vielen Klippen gespickt. Ich denke man sollte endlich mal zu einem fairen Dialog zwischen allen Verantwortlichen kommen. Politisch ideologisierte Themen sollten dabei aber draußen bleiben. Die klugen Vorschläge zur Vorbeugung und alternative Methoden sind schön, gehen aber leider hier an der Thematik vorbei.
helmheck

#10 |
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Gast
Gast

# 8 : Letzteres ist auch unsere Erfahrung. Es setzt voraus, daß der behandelnde Facharzt ( zum. er/sie ) bei dieser Erkrankung – nicht nur bei dieser – auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand ist oder ihn abrufbar hat. Dies war nach Brustkrebs bei gleich mehreren Fachärzten nicht der Fall – incl. Bereitschaft zu Engagement – und hat Folgen für die Patientin hins. intensiver Eigenbefassung, während diese Zeit ganz anders zu nutzen wäre.
Doch auch für den Arzt müßte es eine zentrale Informationsstelle geben ( ” alles in/aus einer Hand ” ), die es trotz etlicher Gesellschaften und Organisationen SO offenbar nicht gibt, m. W. auch kein zentrales Studienregister.
Eine Frage der Gesundheitspolitik, um die sich dann gerade Hr. Lauterbach auch kümmern könnte.

#9 |
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Patient
Patient

Vielleicht sollte man einfach mal die zugegeben recht teuren neuen Medikamente wie z.B. Tyrosinkinaseinhibitoren nur durch nachweislich kompetente Zentren einsetzen lassen.
Das könnte dazu beitragen zum einen den richtigen Zeitpunkt zum Einsatz auszuwählen, denn gerade die TKI sind nicht ohne erhebliche Nebenwirkungen, die dann über längere Zeit ertragen werden müssen und zum anderen könnte der Einsatz auf Fälle beschränkt werden, wo sie einen wirklichen patientenrelevanten Nutzen bringen können(!), denn garantieren kann den Nutzen für einen konkreten Betroffenen niemand. Patienterelevanter Nutzen heißt aber auch, die Präferenzen der Betroffenen zu kennen. Nicht immer ist Lebenszeit das alleinige Ziel. Auch Reduzeirung der krankeitsspezifischen Symptome, auch bei gleichzeitiger Beeinträchtigung durch erheblich Nebenwirkungen kann für Betroffene ein Grund sein, die Therapie zu beginnen. Genausogut kann eine Abwägung aber auch in die entgegengestzte Richtung stattfinden. Die Reduktion auf auf Lebenszeit/EUR halte ich für gelinde gesagt unmoralisch.

Dazu gehört aber eben eine sachgemäße und umfangreiche Aufklärung der Patienten, die durchaus möglich ist, damit diese eine von rationalen Gesichtspunkten getragene Entscheidung für oder gegen den Einsatz und zum Zeitpunkt des Beginns zusammen mit ihren Ärzten treffen können. Daran mangelt es zum Teil noch.

#8 |
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Gast
Gast

#6 : Ihr Beitrag ist außergewöhnlich hilfreich, da betonkopfartig. Vergessen Sie ihn und zwar möglichst schnell und überlegen, was sie nun für sich selbst tun können.

#7 |
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Weitere medizinische Berufe

Teilstop:
1. Rauchen ganz verbieten, das ist eine Droge >hoch bestrafen
2. Feinstaub>Autos total aussperren bis der Feinstaub “weg” ist, da wacht
die PS -Orgel-Industrie aber auf und reduziert.
3. Wer mehr als 30 BMI hat zahlt mehr Krankenversicherung 3 Jahre Übergangszeit
4. Auf Alkoholgetränke aller Art je Liter = 1 € >Zuschuß zur Krebsbehandlung
5. Alle zahlen Krankenversicherung ohne Beitragsbemessungsgrenze
6 uund da gibt es sicher noch wirksame Ideen……

#6 |
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Cornelia Blume
Cornelia Blume

Wie wär’s denn, wenn wir uns mal mit Ernährung und Lebensstil usw. beschäftigen würden? Wir könnten z.B. lesen, was Colin T. Campbell (China-Study) oder John Robbins (Ernährung für ein neues Jahrtausend) schon vor mehr als 20 Jahren veröffentlicht haben, oder uns damit beschäftigen, was z.B. Rudolf Breuß (ja, der mit der Breuß-Massage) zu dem Thema uns hinterlassen hat. Aber das alles ist kein Geschäft für Big Pharma.
Cornelia Blume, HP in Tübingen

#5 |
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Rolf-Werner Kohn
Rolf-Werner Kohn

Lauterbach wird schon recht haben. Bislang jedenfalls nehmen die Krebserkrankungen trotz ungeheuer kostenaufwendiger Prävention ununterbrochen zu. Na klar ist das Alles ein ungeheurer Markt und selbst die ach so edlen Mediküsse
greifen recht unverfroren da auch gerne zu.

#4 |
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Gast
Gast

Über Ursachen der steigenden Krebs Inzidenz und entsprechende Prävention zu forschen, wäre sicherlich sinnvoller und kosteneffektiver.
Helmut Böhnke, Heilpraktiker in Wildau

#3 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Liebe Frau Laumanns,

vielen Dank für Ihren Hinweis

Wir haben die Textpassage entsprechend angepasst.

Ihre DocCheck News Redaktion

#2 |
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Astrid Laumanns
Astrid Laumanns

Humira ist zwar ein teueres Medikament, aber kein “Krebsmedikament”.

#1 |
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