Zahnreport: Lücken im System

24. Mai 2013
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Neben regionalen Besonderheiten beim Zahnersatz befassen sich Versorgungsforscher in einer aktuellen Untersuchung mit den jüngsten Patienten. Ihr Bericht zeigt Defizite bei der Prävention frühkindlicher Karies – und kritisiert steigende Eigenanteile beim Zahnersatz.

Alle Jahre wieder stellt die Barmer GEK ihren Zahnreport vor – und hält etliche Überraschungen parat. Ein Schwerpunkt der aktuellen Veröffentlichung sind Kinder. Zahngesundheit beginnt schon bei den Jüngsten, schließlich kann Karies zu Schäden der permanenten Dentition führen. Beispielsweise haben Extraktionen von Milchzähnen Platzmangel im bleibenden Gebiss zur Folge. Mitunter berichten Forscher auch von einer höheren Infektanfälligkeit der kleinen Karies-Patienten. Zahnärzte raten dringend zur Sanierung – was teilweise nur unter Allgemeinanästhesie gelingt.

Gesunde Kinderzähne

In ihrer Studie „Frühkindliche Karies bei Kleinkindern im Land Brandenburg“ hatten Kollegen die Zahngesundheit bei 661 Kindern zwischen 13 und 36 Monaten untersucht. Dr. Gudrun Rojas von der Stadt Brandenburg an der Havel, Martin Deichsel und Dr. Roswitha Heinrich-Weltzien von der Poliklinik für Präventive Zahnheilkunde und Kinderzahnheilkunde des Universitätsklinikums Jena sowie Karin Lüdecke vom Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg sahen sich in ihrer Forderung bestätigt, Präventionsprogramme möglichst früh zu beginnen. Bei 7,4 Prozent aller kleinen Probanden stellten sie eine beginnende Karies fest, und 5,3 Prozent hatten bereits zahnmedizinisch behandlungsbedürftige Formen. Insgesamt waren lediglich 19,9 Prozent der betroffenen Zähne saniert. Jenseits entsprechender Durchschnittswerte weisen die Autoren darauf hin, dass jeder zweite Kariesfall bei zwei Prozent der Kinder zu finden war. Über mögliche Gründe lässt sich nur spekulieren: Eltern waren häufig jünger als 20 Jahre und hatten einen deutlich niedrigeren Sozialstatus als die Vergleichsgruppe. Kleine Kariespatienten wurden zudem länger über Flaschensauger ernährt, auch nachts. Und Kontakte zum Zahnarzt fanden erst nach dem zweiten Lebensjahr statt.

Schlechter Start in das Leben

Bundesweit sind die Zahlen kein Einzelfall: Zahnärzte sehen bei Vorsorgeuntersuchungen nur jedes dritte Kleinkind zwischen zwei und fünf Jahren. An der Spitze der Frühvorsorge stehen Bayern (38,8 Prozent), Thüringen (36,7 Prozent) und Sachsen (36,1 Prozent). Das Saarland liegt weit abgeschlagen auf dem letzten Platz (23,3 Prozent). Weitere 29 Prozent des Nachwuchses profitieren von der Gruppenprophylaxe im Kindergarten. „Am Ende dürften Frühuntersuchungen und Maßnahmen der Gruppenprophylaxe zusammen genommen kaum jedes zweite Kind in diesem Alter erreichen“, kritisiert Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK hofft, künftig mehr kleine Patienten auf den Behandlungsstuhl zu bekommen, indem sich Kinderärzte und Zahnärzte vertraglich vernetzen.

Sein Zahn – ihr Zahn

In späteren Jahren bleibt als ungelöstes Problem, dass Zahnärzte mit ihren Vorsorgeangeboten nicht alle Zielgruppen erreichen. Während in 2011 gerade einmal 66 Prozent alle Männer einen zahnärztlichen Kontakt hatten, waren es 73 Prozent aller Frauen. Dazu ein paar Details: Zwischen 20 und 24 gingen 67 Prozent aller Frauen, aber nur 54 Prozent aller Männer mindestens einmal pro Jahr in die Praxis. Vom 30. bis zum 34. Lebensjahr lag der Unterschied bei 71 versus 57 Prozent, und zwischen 40 und 44 bei 78 versus 65 Prozent. Schlenker kritisiert die männliche Zahnarztscheu: „Trotz der Bonusregelungen verzichtet fast ein Drittel auf den jährlichen Zahnarztbesuch.“ Auch kontaktieren Frauen ihren Zahnarzt häufiger als Männer. Über alle Altersklassen liegt der Unterschied bei 2,30 versus 1,99 Besuchen. Hier wurden allerdings nur Personen aufgenommen, die mindestens einen Termin pro Jahr in Anspruch nahmen.

Ein teures Vergnügen

Ansonsten ist klar, wohin die Reise geht, früher oder später brauchen Erwachsene Zahnersatz. Aus Versichertendaten haben Wissenschaftler des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) errechnet, dass Eigenleistungen zwischen 2005 und 2009 inflationsbereinigt um 18 Prozent gestiegen sind. Diese Entwicklung habe sich laut ISEG-Forscher Professor Dr. Thomas Schäfer in den nächsten Jahren weiter fortgesetzt. Beispielsweise wurde für jeden zehnten Versicherten im Jahr 2009 mindestens einen Heil- und Kostenplan abgerechnet.

Von der Küste an die Alpen

Besonders auffällig ist das regionale Gefälle bei Patienten, die Zahnzusatzleistungen in Anspruch nahmen: An der Spitze stehen Hamburg (13,8 Prozent), Schleswig-Holstein (13,3 Prozent), Bremen (12,8 Prozent) und Niedersachsen (12,4 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Baden-Württemberg liegt der Anteil nur bei 10,9 Prozent. Noch weniger Leistungen sind in Sachsen (10,3 Prozent) und im Saarland (8,8 Prozent) erforderlich. Eine Erklärung liegt in der unterschiedlichen Bereitschaft, Prophylaxetermine wahrzunehmen. Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gelten traditionell als besonders vorbildlich, während Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und das Saarland unrühmliche Schlusslichter sind. Das betrifft mit Ausnahme von Bayern auch Zahnsteinentfernungen.

Gut beraten – gut verdient

Als weiteres Thema befasst sich der Barmer GEK-Zahnreport mit Zahnersatz unter ökonomischen Aspekten. Von 2005 bis 2009 stiegen private Anteile inflationsbereinigt von 614 auf 725 Euro (plus 18 Prozent), die Gesamtkosten erhöhten sich von 1.114 Euro auf 1.291 Euro (plus 16 Prozent). Bundesweit liegt der Eigenanteil für Zahnzusatzleistungen bei 55 Prozent. Einige Länder tendieren stark nach oben: Baden-Württemberg (63,5 Prozent), Bayern (61,4 Prozent) oder Hessen (57,1 Prozent). Auf dem unteren Ende der Skala liegen Mecklenburg-Vorpommern (43,2 Prozent), Brandenburg (43,1 Prozent) und Sachsen-Anhalt (40,0 Prozent). Rolf-Ulrich Schlenker sieht neben Unterschieden beim Vorsorgeverhalten der Patienten die private Finanzkraft des Südens sowie das Angebotsverhalten von Kollegen als Gründe. „Kann sich ein Schwabe mehr privaten Zahnersatz leisten als ein Brandenburger, weil er reicher ist oder weil die schwäbischen Zahnärzte geschickter beraten?“, fragt Schlenker. „Müßig darüber zu spekulieren – an einem objektiv höheren medizinischen Bedarf wird es jedenfalls weniger liegen.“

Zielgruppen besser ansprechen

Die Ergebnisse zeigen, dass Zahnärzte mit ihren Leistungen bundesweit viele Menschen erreichen. Eine Herausforderung wird sein, spezielle Zielgruppen künftig besser anzusprechen. Dazu gehören ungefragt Männer. Auch sollten Präventionsprogramme gegen frühkindliche Karies in möglichst jungen Jahren starten und Kollegen aus Pädiatrie beziehungsweise Geburtshilfe mit einbeziehen. Bei Erwachsenen sieht Dr. Rolf-Ulrich Schlenker einen „schleichenden Trend hin zu höheren Privatkosten“ und moniert, nirgendwo sonst sei die „Aufspaltung in eine solidarisch finanzierte Sockelversorgung und privat getragene Premiumbehandlung weiter fortgeschritten“. Er fordert, das Modell der Festzuschüsse zu überarbeiten, indem man „den Anstieg der über die private Gebührenordnung der Zahnärzte abgerechneten Leistungen bremst“. Gleichwohl ist ihm das Spannungsfeld bewusst: „Wo hört die Medizin auf, wo beginnt die Ästhetik?“

68 Wertungen (3.79 ø)

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6 Kommentare:

Liebe Kollegen,
Hacken Sie nicht auf der BEK herum, nur weil der aktuelle Bericht dort erstellt wurde.
Die BEK als eine der großen Kassen ist auch nur ein Bestandteil dieses perfiden Zahngesundheitssystems der Bundesrepublik, dem eine wissenschaftliche Datenlage von bestenfalls Anfang der 1980er zugrunde liegt.
Moderne Zahnmedizin könnte ja sonst die Kassen etwas mehr kosten und deren Speckring würde kleiner, zumindest vorübergehend.
Denn moderne, präventive Zahmedizin ist nicht im Angebot – Nachhaltigkeit und allgemeine Zahngesundheit, mit den positivsten Folgen, politisch nicht gewünscht.

#6 |
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Zahnarzt

zum Vergleich und als andere Meinung empfehle ich die Stellungnahme der KZBV. Übersicht in den ZM Nr 10 v 16.05. 2013, zm-online.de.
Vielleicht ist diese, gerade auch als Information für die ärztlichen Kollegen, einen Artikel wert.

#5 |
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Ärztin

Liebe Frau Thiermann, was sie beschreiben gilt nicht nur für Zahnärzte. Alle anderen Mediziner sitzen mit im Boot.

#4 |
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Doktor Eva Thiermann
Doktor Eva Thiermann

Ich kann mich meinen beiden Kollegen nur voll und ganz anschließen,man ist die ewige Zahnarzthetze einfach leid,sowas gibt es in keinem anderen Berufsstand:Leistung wird bestraft und diffamiert,anstatt honoriert!!

#3 |
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Werner Lingner
Werner Lingner

Also, der Zahnreport der BarmerKK ist nichts als ein weiterer Baustein der sog. Neidkampanie gegen Zahnärzte!
Als Zahnarzt im ländlichen Bayern kann ich nicht bestätigen, dass Karies bei Kindern wieder steigt. Im Gegenteil, der Anteil von Karies bei unseren jungen Patienten geht kontinuierlich zurück. Auch die Lücken im frühkindlichen Gebiss werden nach meiner Erfahrung definitiv überbewertet. Wir haben in meinen ersten Jahren Lückenhalter (fest und herausnehmbar) angefertigt. Nach spätestens 6 Monaten mussten diese wieder entfernt werden. Entweder waren sie gebrochen, ins Zahnfleisch eingewachsen, rausgefallen oder schlicht um einfach zu klein für den wachsenden Kiefer geworden. Nach der Dritten Neuanfertigung waren entweder Eltern oder Kinder oder beide so entnervt, dass wir beschlossen es sein zu lassen. Unter Kindern dieser Gruppe und unter denjenigen,welche ihre Milchzähne regulär verloren, gab es keinen signifikanten Unterschied, bezüglich einer später notwendigen kieferorthopädischen Korrektur. Vielmehr ausschlaggebend sind hier die genetischen Vorbelastungen in der Familie. Und dass Kinder aus sozial schwächeren Familien schlechtere Zähne haben, ist ebenso wahr, wie auch ein alter Hut. Die Barmer ist sich nicht zu schade, solche Banalitäten als Erkenntnisse auszugeben. Auch ist es eine Binsenweisheit, dass Patienten sich in einer reicheren Region eher für einen hochwertigen Zahnersatz entscheiden. Der Bedarf an Zahnersatz ist in ärmeren Bundesländern eher höher, da wie bereits gezeigt Einkommen und Zahngesundheit direkt voneinander abhängen. Das Problem ist also eher, welchen Zahnersatz kann ich mir leisten, und: ist der Zahnarzt/Zahntechniker zu teuer, oder bin ich trotz 50 Stundenwoche zu arm?! Und hier sollte die Poltik ansetzen, und bitte keine Sündenböcke suchen und Feindbilder reaktivieren! Aber, vergessen wir nicht, warum der “Zahnreport” jetzt erscheint: Es wird wieder gewählt, ein Prügelknabe muss her!

#2 |
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Zahnarzt

Zahnersatz wird von den kranken Kassen nur in einer Basisversorgung bezuschußt. Gerade in den letzten Jahren sind aber insbesondere im Bereich der Ästhetik, aber auch im Bereich Komfort und der Annäherung an die restitutio ad integrum Dinge möglich geworden, die es früher noch nicht so gab. Wie in vielen Fällen, so ist es auch hier: der Fortschritt kostet Geld. Die kranken Kassen bleiben aber bei ihrer Basisversorgung stehen, da müssen die Patienten schon selbst für die aufwendigere Versorgung zahlen – die Mehrkosten halt zu 100%, das ist von den kranken Kassen und der Politik so gewollt (RATIONIERUNG AUF SCHLEICHWEGEN)

#1 |
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